Ultra-realistische Strategiespiele: Warum ich auf das Nischengenre stehe - Kolumne von Matti Sandqvist
Mit Steel Division: Normandy 44 ist wieder ein hervorragendes Strategiespiel erschienen. Doch die Echtzeitgefechte in Nordfrankreich dürften aufgrund ihrer Komplexität nicht jeden Spieler ansprechen. Unser Redakteur Matti Sandqvist erklärt in seiner Kolumne, was ihn seit Jahrzehnten an dem Nischengenre der realistischen Strategiespiele fasziniert.
Dass ich mich seit Jahrzehnten für Computerspiele interessiere, dürfte wohl kaum jemanden verwundern - schließlich habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht und schreibe fast seit einer Dekade tagtäglich Artikel über mein liebstes Medium. Wie bei so vielen, gab es auch bei mir das eine gewisse Spiel, das man als den Startschuss für meine Jahrzehnte währende Leidenschaft ansehen kann. Dass es sich dabei ausgerechnet um das ziemlich komplexe und sperrige (und heute kaum bekannte) J.R.R. Tolkien's War in the Middle Earth handelte, lässt sich im Anbetracht meines damaligen zarten Alters allerhöchstens durch eine riesige Begeisterung für die Herr der Ringe-Trilogie erklären. Jedenfalls konnte ich damals - zum Leidwesen
Quelle: PC Games
In J.R.R. Tolkien's War Middle Earth durfte der Spieler selbst entscheiden, wie der Ring zum Schicksalsberg gebracht wird.
meiner Eltern - meine Finger nicht von dem im Jahr 1989 erschienenen Strategiespiel lassen, weil ich darin meine ganz eigene Version der Ringkriege nachspielen konnte. So konnte ich zum Beispiel Frodo nicht nur mit den acht Gefährten zum Schicksalsberg schicken, sondern ihm noch Tausende Elfen und Reiter Rohans zur Seite stellen. Ebenso konnte man neue Allianzen - etwa mit den Zwergen und Ents - schmieden und sich gar gegen die geballte Macht Mordors behaupten. Genau diese Möglichkeit, dass man eben nicht eine lineare Geschichte vorerzählt bekommt, sondern selbst das Ende einer eigentlich festgeschriebenen Begebenheit gestaltet, hat mich damals unheimlich fasziniert - und ist meiner Meinung nach weiterhin eine der größten Stärken von Videospielen.
Von Tolkien zu Tacitus
Die schier endlose Leidenschaft für Computerspiele ging für mich auch nie verloren, auch wenn mein Interesse für Fantasy-Romane mit der Zeit ein wenig nachließ und heute stattdessen dicke Geschichtsbücher einen guten Teil meiner Freizeit einnehmen. Doch auch in puncto Geschichte konnte ich mich seit jeher in meinem Lieblingsmedium nach Herzenslust austoben und etwa meine alternative Geschichtsschreibung in Civilization gestalten, neue Burgkonstruktionen in Castles kreieren oder die Schlacht von Waterloo in Fields of Glory zugunsten Napoleons entscheiden. Mit der Zeit reichte mir aber der Anspruch der genannten eher einsteigerfreundlichen Strategiespiele schlicht und einfach nicht mehr aus. Das hatte auch damit zu tun, dass ich mich immer tiefer in die Materie einarbeitete und daher nicht nur die Namen von berühmten Schlachten kannte, sondern mich ebenso
Quelle: PC Games
In dem Rundenstrategiespiel History Line 1914-18 kämpft man mit echten Einheiten des Ersten Weltkrieges. Sonst ist der Realitätsanspruch aber eher gering.
mit den Heerführern, Truppentypen und der Technik beschäftigte. So waren in meinen Augen Spiele wie History Line 1914-1918 oder Panzer General zwar in Sachen Gameplay weiterhin astrein, aber ich vermisste dann doch an der einen oder anderen Stelle den Bezug zur Realität. Das Problem in den Neunzigern war jedoch, dass sich die Macher anspruchsvoller Titel kaum Gedanken über die grafische Gestaltung geschweige denn die Steuerung machten. So übten Spiele wie etwa Campaign, Steel Panthers oder die Great Naval Battles-Reihe zwar eine gewisse Faszination auf mich aus, aber so richtig anfreunden konnte ich mich, trotz langer Lektüre der dicken Handbücher, mit den Titeln leider nicht.
Es werde Licht!
Erst mit dem ersten Teil der Total War-Reihe kam im Jahr 2000 für mich das zusammen, was auch zusammengehört: Hoher historischer Anspruch, eine gute Bedienbarkeit und eine ansprechende Optik. Sowohl das Geschehen auf der Kampagnenkarte als auch in den Schlachten kam mir damals unglaublich realistisch vor. Wenn die langlebige Spieleserie von Creative Assembly überhaupt einen Makel hat, dann die Auswahl der Settings. Klar, die Briten haben mich mit der Antike in Total War: Rome, dem Mittelalter in Medieval: Total War und der Neuzeit in Empire: Total War an sich mehr als gut bedient. In Sachen Erster oder Zweiter Weltkrieg heißt es aber bis dato leider: Fehlanzeige; es sei denn, man greift zu Mods wie The Great War. Da ich mich schon seit vielen Jahren vor allem für das 20. Jahrhundert und seine bewegte Geschichte interessiere, kann die Total War-Reihe mich daher nicht vollends zufriedenstellen.
Quelle: PC Games
Grand-Strategy-Spiele wie Hearts of Iron sind zwar komplex und tiefgründig, aber die Schlachten werden lediglich ausgerechnet.
Natürlich gab und gibt es auch viele andere Strategiespieleserien, die sich ähnlich leicht wie die Total War-Reihe bedienen lassen und im Ersten oder Zweiten Weltkrieg angesiedelt sind, aber so richtig historisch akkurat waren sie wiederum nicht - etwa Codename Panzers, Blitzkrieg oder auch Company of Heroes. Die Europa Universalis-Serie und ihre Ableger wie Hearts of Iron oder Crusader Kings sind hingegen Titel, an denen ich als Geschichtsinteressierter kaum etwas auszusetzen habe. Hier kann ich durch Politik, Wirtschaft, Forschung und Militär in meinen Augen relativ genau eine alternative Geschichtsschreibung simulieren und so etwa Deutschland noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges demokratisch werden oder das kleine Finnland zu einer Großmacht gedeihen lassen.
Was den sogenannten Grand-Strategy-Titeln aber fehlt, ist die Möglichkeit, selbst die Schlachten zu schlagen. Mir gefällt es nun mal, wenn ich nicht nur Militärtechnologien erforschen kann, sondern sie auch in der Praxis ausprobieren darf. Insbesondere die Wargame-Echtzeitstrategiereihe von Eugen Systems ist hier für mich das beste Beispiel für einen Schlachtensimulator mit guter Bedienbarkeit in Kombination mit äußerst hohem Realismus. Während die ersten drei Teile der Reihe mich wiederum vom Setting nicht ganz angesprochen haben, ist der im Mai erschienene jüngste Ableger der Serie eine echte Offenbarung für mich - ähnlich wie die Close Combat- sowie Combat Mission-Reihe vor rund 15 Jahren.
Aus dem Spiel lernen
In Steel Division: Normandy 44 stehen über 400 unterschiedliche, historisch korrekte Einheiten zur Auswahl, mit denen ich großangelegte Schlachten in Nordfrankreich schlagen kann. Alleine das Betrachten der einzelnen Panzer, Flugzeuge und anderen Fahrzeuge bereitet mir hier große Freude. Ebenso spannend ist es, eigene Einheitenzusammenstellungen festzulegen. Möchte ich auf eine starke Luftwaffe setzen oder lieber schlagkräftige Panzer ins Feld schicken? Sollte meine Infanterie mechanisch oder doch lieber ohne Fahrzeuge auskommen, aber dafür kostengünstig sein? Schon vor einem Gefecht legt man in Steel Division etliche Parameter fest, die für die eigene Taktik auf dem Schlachtfeld entscheidend sind. In den Gefechten selbst kommen dann so gut wie alle wichtigen Elemente eines realistischen Strategiespiels zum Tragen. So gilt es etwa die Moral der Einheiten im Hinterkopf zu behalten, Aufklärer richtig einzusetzen und natürlich das Schere-Stein-Papier-Prinzip zu beachten. Auch wenn ich bislang mehr als 20 Stunden mit den Gefechten von Steel Division verbracht habe, überraschen mich die Computergegner immer wieder aufs Neue mit fiesen Flankenmanövern oder überraschenden Offensiven - gegen menschliche Kontrahenten im Mehrspielermodus wage ich aktuell gar nicht anzutreten.
Quelle: Paradox Interactive
Steel Division: Normandy 44 ist zwar ein sehr komplexes Strategiespiel und hat obendrein einen sehr hohen Schwierigkeitsgrad, aber sowohl die Grafik als auch die Bedienung sind einsteigerfreundlich.
Meine derzeitigen Schwächen stören mich bei Steel Division auch nicht einmal. Insgesamt gefällt mir hier am meisten, dass mir die Schlachten derart realistisch vorkommen und ich dadurch besser verstehen kann, warum die Alliierten bis zu den letzten Kriegstagen große Probleme hatten, die letzten Verbände der Wehrmacht zu schlagen. Wenn ich nun etwa in Anthony Beevors D-Day: Die Schlacht um Normandie oder Max Hastings Armageddon über die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges lese, kann ich deutlich besser die Herausforderungen der alliierten Generäle nachvollziehen. Genau das ist es auch, was für mich die Faszination von - sagen wir mal - ultra-realistischen Strategiespielen ausmacht. Durch Computerspiele entwickele ich ein besseres Verständnis für geschichtliche Begebenheiten und habe obendrein noch Spaß dabei - das dürfte sogar meinen ehemaligen Lehrern und Uni-Professoren ziemlich gut gefallen. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch vielen anderen Geschichtsbegeisterten ähnlich geht und Titel wie eben Steel Division: Normandy 44 nicht deshalb gespielt werden, weil man der allerbeste Hobby-General sein will, sondern das eigene Verständnis für die Vergangenheit aufbessern möchte.

=> Ich glaube das sollte Titten heissen.
=> Ich glaube das sollte Titten heissen.