Cinéma - Sinema - Yeonghwa: 10 Highlights des fremdsprachigen Kinos ab 2010 - Teil 2
Mit den letzten kalten Tagen von 2019 neigte sich nicht nur ein Jahr, sondern ein ganzes Jahrzehnt dem Ende zu. Ein guter Zeitpunkt also, um einen Blick zurück zu werfen und zu überlegen, welche Filme uns seit 2010 besonders beeindruckt haben. Um ein paar neue Inspirationen zu bieten und den Cineasten-Horizont zu erweitern, haben wir das Mainstream-Kino außen vorgelassen und uns mit dem fremdsprachigen Film der vergangenen zehn Jahre beschäftigt.
Das heutige Kino wird von Franchises dominiert. Während zu Beginn des letzten Jahrzehnts Filmreihen wie "Harry Potter", die "Twilight"-Saga und anschließend "Der Hobbit" vorwiegend in den Top 10 der deutschen Kinocharts vertreten waren, folgten bald darauf die Kassenschlager der neuen "Star Wars"-Trilogie und weitere Produktionen aus dem Hause Disney oder des Marvel Comic-Universums. Abgesehen von deutschen Komödien wie "Fack Ju Göhte" und Co. prägen also überwiegend Filme aus dem US-amerikanischen Raum die Kinolandschaft Deutschlands.
Bei dieser Fülle an englischsprachigen Filmen, die sich beim breiten Massenpublikum großer Beliebtheit erfreuen, treten Produktionen aus anderen Ländern dieser Welt oft in den Hintergrund. Allerdings konnte man auf Filmplattformen wie IMDb, Rotten Tomatoes oder Letterboxd beobachten, wie sich seit dem Herbst 2019 ein fremdsprachiger Film auf die obersten Plätze der Bewertungslisten schob: "Parasite", eine südkoreanische Produktion von Regisseur Bong Joon Ho ("Snowpiercer", "Okja"). Diesen Erfolg nahmen wir zum Anlass, nach den besten Filmen seit 2010 aus dem fremdsprachigen Raum zu suchen. Nachdem wir euch im ersten Teil des Rückblicks eine Liste des British Film Institutes vorgestellt haben, folgen nun in Teil 2 die Lieblinge unserer Redaktion.
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Die Haut, in der ich wohne (2011)
Quelle: Tobis
Kinoplakat und Szenenbild zu "Die Haut, in der ich wohne"
Originaltitel: La Piel Que Habito
Produktionsland: Spanien
Regie: Pedro Almodóvar
Schönheitschirurg Roberto Ledgard (Antonio Banderas) ist besessen von seiner Arbeit: Seit Monaten forscht er in seiner Klinik an einem synthetischen Hautgewebe, das nicht verletzt werden kann. Als Testobjekt dient ihm Vera (Elene Anaya) - eine junge Frau, deren Körper immer mehr mit Ledgards künstlicher Haut bedeckt wird. Doch hinter den Forschungen des Chirurgen steckt mehr als bloße wissenschaftliche Ambition.
Pedro Almodóvar ist einer der einflussreichsten spanischen Regisseure der heutigen Zeit. Für seinen Film "Alles über meine Mutter" bekam er 2000 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film und machte somit sich und seine bunte, oftmals wilde Regiehandschrift weltberühmt. "Die Haut, in der ich wohne" weicht von seinem farbenfrohen Stil jedoch ab: Der Thriller mit Antonio Banderas ist stringent, klar konstruiert, aber trotzdem nicht schwarzweiß, sondern er eröffnet eine spannende Diskussion über die Grenzen von Gut und Böse.
Once Upon A Time In Anatolia (2011)
Quelle: Kinostar
Kinoplakat und Szenenbild zu "Once Upon A Time In Anatolia"
Originaltitel: Bir zamanlar Anadolu'da
Produktionsländer: Türkei, Bosnien/Herzegowina
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Ein Mann wird vermisst. Er soll in der Nähe seines Dorfes irgendwo in Anatolien begraben worden sein. Polizeikommissar Naci (Ylmaz Erdogan), Staatsanwalt Nusret (Taner Birel) und der Arzt Cemal (Muhammet Uzuner) begeben sich auf die Suche nach dem Tatort. Doch die Ermittlung wird erschwert, weil sich der Verdächtige Kenan (Firat Tanis) nicht an den genauen Ort des Verbrechens erinnern kann. Für die Männer beginnt so eine Nacht, die nicht zu enden scheint.
"Once Upon A Time In Anatolia" gehört zu den Filmen des sogenannten Slow Cinema - eine Stilrichtung, die sich vom klassischen Erzählstil Hollywoods durch ihren Umgang mit der Zeit unterscheidet. Diese wird nämlich in Nuri Bilge Ceylans Film dem Zuschauer spürbar gemacht, indem nicht Action oder Spannung, sondern das Alltägliche im Vordergrund steht. So kreiert Ceylan einen filmischen Kriminalfall, der nicht durch nervenaufreibende Szenen, sondern durch seine genau beobachteten Charaktere und ausdrucksstarken Bilder überzeugt.
A Touch of Sin (2013)
Quelle: Rapid Eye
Kinoplakat und Szenenbild zu "A Touch of Sin"
Originaltitel: Tian Zhu Ding
Produktionsland: China
Regie: Jia Zhangke
Der Minenarbeiter Dahai (Wu Jiang) greift zur Selbstjustiz, als ihm die versprochene Prämienauszahlung von seiner Firma verwehrt wird. Wanderarbeiter Zhou San (Wang Baoqiang) begibt sich auf einen Rachefeldzug gegen die Männer, die ihn auf offener Straße überfielen. Als Xiao Yu im Massagesalon von einem Kunden angegriffen wird, ist sie gezwungen sich zu verteidigen. Und der junge Xao Hui fasst einen drastischen Entschluss, nachdem seine Liebe zu einer der Tänzerinnen eines Nachtclubs unerwidert bleibt.
In seinem Film verknüpft Jia Zhangke vier verschiedene Personen, die Teil einer semi-urbanen, profitgierigen Gesellschaft Chinas sind und sich durch unterschiedlichste Akte der Gewalt einen Ausweg daraus suchen. Was in "A Touch of Sin" wunderbar funktioniert, ist, dass die Zusammenhänge zwischen den Figuren niemals plakativ gestaltet sind. Die Übergänge von Geschichte zu Geschichte überraschen somit immer wieder, und obwohl man einen Gewaltausbruch - in welcher Form auch immer - erwartet, berühren die Einzelschicksale stets von Neuem.
Mommy (2014)
Quelle: Weltkino
Kinoplakat und Szenenbild zu "Mommy"
Originaltitel: Mommy
Produktionsland: Kanada
Regie: Xavier Dolan
Steve (Antoine Oliver Pilon) bereitet seiner Mutter Diane (Anne Dorval) nur Schwierigkeiten: Der an ADHS erkrankte Teenager wird immer wieder gewalttätig und findet in keinem Heim einen Platz. Die alleinerziehende Mutter liebt ihren Sohn dennoch so sehr, dass sie das Sorgerecht nicht abgeben möchte und ihn wieder in ihrem Zuhause aufnimmt. Als die Lage jedoch erneut zu eskalieren droht, erhält die kleine Familie Hilfe von ihrer Nachbarin Kyla (Suzanne Clément), die aus unerklärlichen Gründen eine beruhigende Wirkung auf den aggressiven Jungen ausübt.
Xavier Dolan gilt als einer der vielversprechendsten Nachwuchsregisseure des letzten Jahrzehnts. Bereits im Alter von 21 Jahren lief sein erster Film "I Killed My Mother" im Jahre 2009 in den deutschen Kinos, bei den Filmfestspielen von Cannes wurde er in der Filmreihe junger Regisseure gezeigt. Mit "Mommy" lieferte Dolan einen durchweg runden Film ab: großartige DarstellerInnen, eine packende Story und ein mitreißender Soundtrack, zusammengehalten durch ein ungewöhnliches, beinahe quadratisches Bildformat. Eine Arbeit, die mit dem Jury-Preis von Cannes belohnt wurde.
The Salesman (2016)
Quelle: memento
Kinoplakat und Szenenbild zu "The Salesman"
Originaltitel: Forushande
Produktionsland: Iran, Frankreich
Regie: Asghar Farhadi
Ein Erdrutsch zwingt den Lehrer Emad (Shahab Hosseini) und seine Frau Rana (Taraneh Alidoosti) dazu, ihre Wohnung zu verlassen. Es scheint eine glückliche Fügung zu sein, als ein gemeinsamer Freund den beiden eine neue Bleibe verschaffen kann. Eines Abends wird Rana jedoch von einem Mann in der neuen Wohnung überfallen und verletzt. Emad will den Täter nicht ungestraft davonkommen lassen und begibt sich auf die Suche nach dem unbekannten Mann, während Rana mit ihrem Trauma allein zurechtkommen muss.
Ein Film, der Gewalt gegen Frauen thematisiert und dabei komplett ohne blutige oder körperlich gewaltvolle Szenen auskommt: In "The Salesman" legt Asghar Farhadi seinen Fokus auf die Nachwirkungen eines Verbrechens, die fast genauso grausam sind wie die Verletzungen selbst. Ähnlich wie "Nader und Simin - Eine Trennung" - diesen Film von Asghar Farhadi haben wir euch im ersten Teil dieses Specials vorgestellt - geht es auch hier um die Frage, ob Tradition und Ehre immer als höchster Wert der iranischen Gesellschaft gesehen werden kann. In "The Salesman" kommt noch die Problematik von Schuld und Unschuld hinzu, wodurch der Film ein globales moralisches Dilemma präsentiert, das auch nach Ende des Films noch lange im Gedächtnis bleibt.
The Square (2016)
Quelle: Alamode
Kinoplakat und Szenenbild zu "The Square"
Originaltitel: The Square
Produktionsland: Schweden, Dänemark, Frankreich, Deutschland
Regie: Ruben Östlund
Im X-Royal-Museum in Schweden soll eine neue Kunstinstallation namens "The Square" entstehen: Eine rechteckige Fläche, die einen Ort der Akzeptanz, Toleranz und Hilfsbereitschaft symbolisiert. Christian Nielsen (Claes Bang) ist als Chef des Museums mit der Betreuung der Ausstellungsorganisation beauftragt, doch nicht nur der berufliche Alltag bereitet ihm Schwierigkeiten. Schließlich gilt es sich nicht nur mit der Werbekampagne für The Square auseinanderzusetzen, sondern auch mit seinen familiären Verpflichtungen und flüchtigen Liebschaften.
In einem Film, in dem plötzlich ein Affe in einem Wohnzimmer sitzt, kann nach Regisseur Ruben Östlund alles passieren: "The Square" ist eine scharfe, oftmals absurde Satire, die den Blick auf die komischen Momente der Zwischenmenschlichkeit legt. Dennoch verweilt der Film nicht auf seiner Situationskomik, sondern er setzt sich neben künstlerisch-philosophischen Themen vor allem mit dem Menschsein an sich auseinander. Der Film wurde 2017 mit der Goldenen Palme der Cannes Filmfestspiele ausgezeichnet.
Zama (2017)
Quelle: Grandfilm
Kinoplakat und Szenenbild zu "Zama"
Originaltitel: Zama
Produktionsland: Argentinien, Brasilien, Spanien uvm.
Regie: Lucrecia Martel
Als Offizier der spanischen Krone wurde Don Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) in einem kleinen, trostlosen Küstenort Spaniens stationiert. Als gebürtiger Südamerikaner wartet er schon eine lange Zeit auf einen Brief des Königs, der ihm die Versetzung nach Buenos Aires gewährt. Doch trotz seiner Bemühungen, allen Befehlen der verschiedenen Gouverneure zu gehorchen und in ihrer Gunst zu steigen, trifft die erlösende Nachricht nicht ein. Nach mehreren Jahren beschließt Zama letztendlich, sein Leben selbst wieder in die Hand zu nehmen.
Ähnlich wie "Once Upon a Time in Anatolia" arbeitete Regisseurin Lucrecia Martel in "Zama" mit der Spürbarkeit der Zeit, indem man als Zuschauer durch klug gesetzte Schnitte und die dadurch entstehenden Lücken wie die immerzu wartende Hauptfigur Zama selbst den Bezug zur Zeitlichkeit verliert. Parallel dazu ist "Zama" als Kostümfilm ein melancholischer Abgesang auf die großen Eroberer der Kolonialzeit und weckt somit nicht nur ein filmtechnisches, sondern auch historisches Interesse.
Eine fantastische Frau (2017)
Quelle: Piffl
Kinoplakat und Szenenbild zu "Eine fantastische Frau"
Originaltitel: Una mujer fantástica
Produktionsland: Chile, Spanien, Deutschland, USA
Regie: Sebastián Lelio
Nach dem plötzlichen Tod ihres reichen Lebensgefährten Orlando (Francisco Reyes) stürzt die Kellnerin Marina (Daniela Vega) in eine Phase tiefer Trauer. Als wäre das nicht genug, muss sie den Abneigungen von Orlandos Familie standhalten, die ihre Transsexualität nicht akzeptieren und sogar behaupten, Marina hätte etwas mit dem Tod Orlandos zu tun. Während sie ihre Liebe betrauert, muss Marina die Kraft finden, für sich selbst einzustehen.
Hauptdarstellerin Daniela Vega, die offen zu ihrer Transidentität steht, hatte selbst keine Schauspielerfahrung und sollte zu Beginn nur am Drehbuch von "Eine fantastische Frau" mitwirken. Nach einer Weile der Zusammenarbeit bot ihr Regisseur Sebastián Lelio trotzdem die Rolle der Marina an. Bei den Oscarverleihungen 2018 gewann der Film den Oscar für den besten fremdsprachigen Film und schrieb als erster Academy-Award-Preisträger mit einer transsexuellen Hauptfigur Filmgeschichte.
Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019)
Quelle: Curzon
Kinoplakat und Szenenbild zu "Porträt einer jungen Frau in Flammen"
Originaltitel: Portrait de la jeune fille en feu
Produktionsland: Frankreich
Regie: Céline Sciamma
Nach dem Tod ihrer Schwester soll nun Héloïse (Adèle Haenel) den unbekannten Mann aus Mailand heiraten. Um die Verlobung zu vollziehen, wird die Malerin Marianne (Noémie Marchant) beauftragt, ein Hochzeitsporträt von Héloïse anzufertigen - allerdings weigert sich die junge Frau, der arrangierten Ehe zuzustimmen und Modell zu stehen. Marianne versucht also, unter einem Vorwand mit Héloïse Zeit zu verbringen und sie aus dem Gedächtnis heraus zu malen. Doch aus den künstlerischen Beobachtungen entwickelt sich bald eine tiefere Verbundenheit.
"Porträt einer jungen Frau in Flammen" ist ein Film, der zunächst ruhig und beinahe unscheinbar daherkommt und im weiteren Verlauf - dank der großartigen Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Haenel und Noémie Marchant - eine unwahrscheinliche Kraft entfaltet. Bemerkenswert ist außerdem die Kameraarbeit von Claire Mathon, die in ihren Filmbildern gekonnt den künstlerischen Blick von Marianne auf die Leinwand überträgt. Beinahe jede Einstellung wird somit selbst zu einem Gemälde, das man sich Ausdrucken und an die Wand hängen möchte.
Parasite (2019)
Quelle: Rapid Eye
Kinoplakat und Szenenbild zu "Parasite"
Originaltitel: Parasite
Produktionsland: Südkorea
Regie: Bong Joon-ho
Für den mittellosen Ki-woo (Woo-sik Choi) grenzt es an ein Wunder, als ihm ein Freund eine Stelle als Nachhilfelehrer für die Tochter der wohlhabenden Familie Park vermittelt. Nach kurzer Zeit lernt er, die Naivität der Mutter seiner Schülerin, Yeon-kyo (Yeo-Jeong Cho), zu seinen Gunsten zu nutzen: Durch eine List versucht er, seinen Eltern und seiner Schwester eine Anstellung im Haus der Parks zu verschaffen.
Mit "Parasite" ist dem Südkoreaner Bong Joon-ho ein Genremix gelungen, der in der Theorie gar nicht zu funktionieren vermag. Jedoch changiert der Film beinahe von Szene zu Szene so flüssig zwischen Komödie, Satire, Thriller, Horror und Drama, dass er nicht nur durch seine großartig geschriebene Story immer wieder überrascht und einen ab der ersten Minute bis zum Beginn des Abspanns auf den Kinositz fesselt. Eine filmische Leistung, die auch erst kürzlich ausgezeichnet wurde: Am 5. Januar 2020 gewann "Parasite" den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film.
Welche Filme aus dem fremdsprachigen Raum sind euch in Erinnerung geblieben, was steht noch auf eurer Watchlist? Schreibt es uns gerne in die Kommentare.
Hier geht's nochmal zu Teil 1 und der Liste des British Film Institutes.
