Der Neuanfang im Film: Arten und Umsetzung
Der Neuanfang ist ein beliebtes Thema im Film, da so ein Konflikt geschaffen werden kann, der zugleich eine Charakterentwicklung der Figur generiert oder die Bemühungen der Figur während der Handlung ein erfolgreiches und veränderndes Ergebnis bekommen. Doch der Neuanfang kann ganz unterschiedlich sein und auch von verschiedensten Umständen beeinflusst werden. Deshalb haben wir uns mal angeschaut, wie solche Neuanfänge in Filmen eingesetzt werden, welcher Art sie sind und wovon sie beeinflusst wurden.
Silvester steht vor der Tür und es ist Tradition, sich gute Vorsätze fürs neue Jahr zu überlegen. Ob man sich am Ende daranhält oder nicht, ist meist gar nicht so wichtig, aber man ruft sich dadurch zumindest einmal im Jahr vor Augen, was man gerne verändern und was man gerne besser machen würde. Allerdings gibt es auch Menschen, die ihr Leben komplett umschmeißen und noch einmal ganz von vorne anfangen. Ein solcher Neuanfang oder Umsturz des kompletten Lebens eines Menschen ist im Film ein beliebtes Mittel, um einen Konflikt und daraus eine Handlung zu schaffen, die gleichzeitig eine Charakterentwicklung generiert.
Dabei kann es sich um einen freiwilligen Neuanfang handeln, weil die Figur mit ihrem bisherigen Leben unzufrieden ist, kann aber auch durch äußere Umstände erzwungen sein. Mit einem solchen Beginn eines komplett neuen Lebens geht häufig auch eine Veränderung des Charakters der Figur oder zumindest das Ablegen einer negativen Eigenschaft einher. Doch das ist nicht so leicht und kann auch einige Probleme mit sich bringen. Aber durch den Mut, ein neues Leben zu beginnen, kann die Figur ebenso ihr Glück finden.
Zur Umsetzung gibt es dafür mehrere Arten des Neuanfangs, Gründe für diesen und verschiedene Möglichkeiten, den Beginn eines neuen Lebens zu ermöglichen. Deshalb haben wir uns im Folgenden genau diese unterschiedlichen Umsetzungen genauer angeschaut.
Umzug
Der Umzug ist eine klassische Form des Neuanfangs, da hier häufig nicht nur der die Wohnung sondern gleich die Stadt oder sogar das Land gewechselt wird. Vor allem wenn das neue Zuhause weit von dem ehemaligem entfernt ist, fällt der soziale Faktor für die Umziehenden zumindest auf persönlicher Ebene fast vollständig weg. Außerdem muss die Figur dadurch in der neuen Umgebung wieder Freunde und Anschluss finden und sich auch - abgesehen vom sozialen Faktor - an den Ort gewöhnen. Das stellt automatisch einen großen Bruch im Leben der Figur dar, da sie sich im neuen Zuhause erst alles wieder neu aufbauen muss.
Schon für Erwachsene ist ein Umzug ein schwerer und großer Schritt, wie beispielsweise in "Lost in Translation" (2003) zu sehen ist, in dem die beiden Protagonisten mit der anderen Kultur und den fehlenden Bezugspersonen kämpfen. Auch in "Wir kaufen einen Zoo" (2011) zieht Benjamin ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau mit seinen beiden Kindern um, um nochmal neu anzufangen. Dabei kaufen sie gleich einen ganzen Zoo, müssen sich an die ungewohnten Umstände gewöhnen und außerdem dafür sorgen, dass sie nicht gleich pleitegehen. Für Kinder, die sich sowieso noch in ihrer Entwicklungsphase befinden, ist es allerdings ein besonders harter Bruch, weshalb diese Art des meist von den Eltern aufgezwungenen Neuanfangs oft in Filmen mit jungen Protagonisten eingesetzt wird. Das wird zum Beispiel an "Alles steht Kopf" (2015) deutlich, in dem die Hauptfigur Riley mit ihren Eltern in eine neue Stadt zieht und ihre Freunde, Schul- und Mannschaftskameraden zurücklassen muss. Der Umzug setzt ihr so zu, dass ihr dabei fast ihre Fröhlichkeit verloren geht.
Neue Schule
Diese Art des Neuanfangs hängt häufig mit einem Umzug zusammen, kann aber auch durch ein anderes Ereignis generiert werden. Dabei hat ein Schulwechsel ähnliche Auswirkungen auf die Figur wie ein Umzug, nur dass es sich nicht auf das komplette Leben, sondern vor allem auf die Zeit in der Schule auswirkt. Dennoch muss die Figur auch hier wieder Anschluss finden, neue Leute kennenlernen und sich an die neuen Umstände gewöhnen. Ein Neuanfang durch einen Schulwechsel wird oft in Teenie-Filmen verwendet, kann aber auch ernstere Formen annehmen. Häufig verändert sich die Figur durch die neuen Umstände und legt entweder negative Charaktereigenschaften ab oder findet nach einer schlechten Zeit an der alten Schule wieder Freude am Leben.
Es gibt neben dem Umzug also zwei weitere Gründe, warum eine Figur die Schule wechselt oder wechseln muss. In "Wild Child" (2008) beispielsweise wird die verzogene Poppy als Strafe für eine wilde Party im Haus ihres Vaters auf ein Internat nach England geschickt, wo sie sich erst an die strengen Regeln und spießigeren Mitschülerinnen gewöhnen muss. Doch nach einer Weile stellt sie fest, dass die Leute dort gar nicht so schlimm sind und sie legt ihre hochnäsigen und arroganten Charakterzüge nach und nach ab. Der andere Grund ist ein Ereignis in der Vergangenheit, das durch einen Start an einer neuen Schule hinter sich gelassen werden soll. Das sieht man zum Beispiel an "Vielleicht lieber morgen" (2012), wo Charlie sein erstes Highschool-Jahr an einer neuen Schule antritt und damit seine belastende Vergangenheit und seine psychischen Probleme zurücklassen und neu anfangen will.
Quelle: Universal
Szenenbild aus "Wild Child"
Aufbruch in ein neues Leben
Eine etwas drastischere Art und Weise, nochmal ganz von vorne zu beginnen, ist der Aufbruch in ein neues Leben. Dafür lässt die Figur alles hinter sich zurück und macht sich in eine neue Welt auf. Das scheint dem Umzug zu ähneln, ist aber meistens deutlich finaler als solcher. Die Figur bricht also auf, um ein komplett neues Leben zu beginnen, weil sie mit dem alten nicht zufrieden war oder auf mehr Glück oder eine besseres Leben hofft. Dabei birgt manchmal auch schon der Aufbruch und die Reise in diese neue Welt den Konflikt des Films, wie es in "Titanic" (1997) der Fall ist. Jack kommt nie in Amerika an und kann dort sein Leben neu beginnen, weshalb er die Reise angetreten hat, doch durch sein Zusammentreffen mit Rose hat sich sein Leben bereits auf der Reise stark verändert.
Diese Art des Neuanfangs wird häufig in Abenteuer- oder Science-Fiction-Filmen verwendet, da so nicht nur das neue Leben in der neuen Welt beleuchtet wird, sondern der Fokus auch auf das Zurücklassen des alten Lebens gelegt werden kann. In "Downsizing" (2017) entscheiden sich das Ehepaar Paul und Audrey dafür, sich durch eine neue Technologie schrumpfen zu lassen, um weniger Ressourcen zu verbrauchen und sich dadurch ein Leben in Reichtum leisten zu können. Seine Frau macht aber einen Rückzieher und Paul muss sich alleine in der neuen Welt und der neuen Art zu leben zurechtfinden, denn das Downsizing ist nicht rückgängig zu machen. Auch in "Avatar" (2009) lässt Jake sein Leben auf der Erde hinter sich und bricht nach Pandora auf, um dort ein neues Leben zu beginnen. Denn während er eigentlich im Rollstuhl sitzt, kann er in seinem Avatar laufen und die neue Welt erkunden.
Flucht
Bei einer Flucht versucht die Figur kein besseres Leben oder ihr Glück zu finden, sondern ist durch äußere Umstände gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und woanders ein neues Leben zu beginnen. Hier kann entweder die Flucht selbst, durch die sich die Figur einen Neuanfang erarbeitet, die Haupthandlung des Films sein oder aber das Einleben an dem neuen Ort, wobei die Figur von ihrer Vergangenheit verfolgt wird. Sie flieht dabei entweder vor einer Katastrophe (Natur oder anderer Art) beziehungsweise lebens- oder freiheitsbedrohenden Umständen oder vor einer oder mehrerer Personen, die ihr schaden wollen. Das Problem ist hier häufig, dass vor allem Personen nicht so einfach zurückgelassen werden können und die Figur in ihrem neuen Leben häufig von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.
In "Les Misérable" (2012) kann der Sträfling Jean seine Arbeit im Steinbruch hinter sich lassen und flieht vor seinem alten Leben und vor allem vor seinem Wärter Javert, mit dem er eine Art Fehde führt. Jean arbeitet sich nach oben, nimmt einen neuen Namen an und führt nach seiner Flucht vor Javert ein ganz neues Leben. Doch er kann diesem nicht dauerhaft aus dem Weg gehen und kämpft darum, seine neue Identität aufrechtzuerhalten, da seine Vergangenheit ihn nicht in Ruhe lässt. Auch in "Safe Haven" (2013) flieht Erin vor ihrem Ehemann Kevin, der sie mehrfach misshandelt hat. Erin kommt in ein kleines Städtchen, lebt sich dort ein und lernt den Witwer Alex kennen. Doch ihre Vergangenheit folgt ihr und Kevin findet ihren Aufenthaltsort heraus.
Quelle: Universal
Szenenbild aus "Les Misérable"
Diese vier Arten des Neuanfangs in Filmen sind natürlich nicht die einzigen und lassen sich auch nicht immer strikt voneinander trennen, doch handelt es sich dabei um die am häufigsten verwendeten. Weitere Möglichkeiten für einen Neuanfang sind ein neuer Job ("Ziemlich beste Freunde") oder Beginn eines neuen Lebensabschnitts ("Man lernt nie aus", "Into the Wild"), ein Makeover ("Plötzlich Prinzessin", "Girls Club"), das oft in Highschool-Filmen eingesetzt wird, oder ein Schicksalsschlag ("Demolition"), der die Figur zu einem Neuanfang zwingt.
Auch das Verlassen der Komfortzone ist eine Möglichkeit für einen Neuanfang, wenn auch in etwas abgeschwächter Form. Dies wird häufig in Disneyfilmen eingesetzt, indem die Hauptfigur ihre eingeschränkte Welt, in der sie bisher gelebt hat, verlässt und sich auf ein Abenteuer begibt. Gute Beispiele hierfür sind "Vaiana", da die Protagonistin mit der Sehnsucht nach der Weite des Meeres kämpft und schließlich von ihrer Insel aufbricht, um ihr Volk zu retten, und "Rapunzel neu verföhnt", in dem Rapunzel nach einem Treffen mit Flynn Rider beschließt, ihren Turm endlich zu verlassen, um die Welt zu erkunden.
Für einen Neustart haben die Figuren die unterschiedlichsten Gründe und auch Methoden, um ihn durchzuführen, sicher ist aber, dass er immer für einen Konflikt und damit eine Handlung mit einer gewissen Spannung im Film sorgt. Es ist also kein Wunder, dass er so häufig eingesetzt wird. Der Trope des Neuanfangs bietet aber unendlich viele verschiedene Möglichkeiten in der Umsetzung und Art und Weise, sodass er vermutlich erstmal nicht alt wird.

Scheiß egal was oben dransteht, da kann sich hinter "Leckerli" eine Umfirmierung mit Klosteinen und Abflussreiniger verstecken. :-B