Aus aktuellem Anlass: Frust und Verzweiflung: Der "Killerspiele"-Report

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Ob "Killerspiele" Sebastian B. in einen Blutrausch versetzten, weiß keiner. Trotzdem verlangen Koalitionspolitiker nach einem Verbot brutaler Spiele.

Polizei und Feuerwehr riegeln das Gelände um die Geschwister-Scholl-Realschule ab, wo Sebastian B. am 20. November um sich schoss. Polizei und Feuerwehr riegeln das Gelände um die Geschwister-Scholl-Realschule ab, wo Sebastian B. am 20. November um sich schoss. Die Vehemenz, mit der einige Politiker auf ein Verbot von "Killerspielen" pochen, steht in einem bizarren Verhältnis zum Zeugnis, das Sebastian vor seinem Gewaltexzess abgelegt hat. Wer lauthals nach einer härteren Reglementierung verlangt, der macht es sich zu einfach, weil er Computerspiele über die persönlichen und sozialen Umstände des Täters stellt. Rufe nach solchen Verboten zeugen von allgemeiner Hilflosigkeit im Umgang mit dem Verbrechen. Andere, eventuell wichtigere Dinge verstummen im Nachhall der Hetzparolen: Wie kann es beispielsweise sein, dass sich ein Minderjähriger Waffen im Internet bestellt und sie auch bekommt? Wäre es nicht angebrachter zu prüfen, ob das Waffengesetz einer Überarbeitung bedarf? Gern wird zudem vergessen, dass Deutschlands Jugendschutz bereits zum härtesten aller Industrienationen zählt.

Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) arbeiten zwar nicht fehlerfrei. Ein potenziell verstörender Titel wie das Adventure Operation Undercover mit seinen blutverschmierten Leichen ist beispielsweise ab sechs Jahren freigegeben. Aber Spiele, die zum virtuellen Töten zwingen oder Gewalt verherrlichen, haben entweder keine Jugendfreigabe oder stehen auf dem Index. Der Medienexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Joachim Otto, hält dieses Prinzip für "weitgehend anerkannt und praktikabel". Laut Otto werde eine einseitige Verschärfung der Jugendschutzgesetze solche Einzeltaten nicht verhindern können, dafür aber zu mehr Bevormundung und weniger eigen- und elternverantwortlicher Auseinandersetzung mit modernen Medien führen.

Die Grünen sehen das ähnlich. Verbote seien "zwecklos und nicht zielführend". Stattdessen fordern sie einen "kompetenten Umgang mit Spielen". Die medienpolitische Sprecherin der Fraktion, Grietje Bettin, betont, dass Computerspiele Teil einer Jugendkultur seien, der vor allem ältere Menschen oft mit Unkenntnis und Unverständnis gegenüber stünden. Was Bettin anspricht, heißt im Fachjargon "digital gap". Damit ist die Kluft gemeint, die neue Medien zwischen Alt und Jung bilden. Kinder und Jugendliche haben ein geschicktes Händchen beim Gebrauch von Maus und Tastatur, sie verschicken eine E-Mail mit wenigen Griffen, weil sie in einer multimedialen Zeit groß werden.

Sie lernen den Umgang mit Computern meist so selbstverständlich wie ihre Muttersprache. So mancher Erwachsene reagiert darauf mit Angst - verständlicherweise. Unbekanntes und Unkontrollierbares verleitet automatisch zu einer Abwehrhaltung, die sich in diesem Fall als Verbotsreflex äußert: Hinfort mit den Spielen, weil uns die Handhabe damit fremd ist! Von der vielfach beworbenen Kultur des Hinsehens ist in der Regierungskoalition wenig zu spüren. Jedenfalls wenn es um elektronisches Entertainment geht. Stattdessen entsteht der Eindruck vom Gegenteil: Die möglichen Motive von Sebastian werden verschleiert, die Aufmerksamkeit auf Gewaltspiele gelenkt. Reihenweise verschwanden die Veröffentlichungen des Täters unter staatlich betriebenen Zensurmaßnahmen.

Der Beigeschmack erweist sich angesichts des politischen Populismus als umso fahler. Glücklicherweise leben wir in einer Zeit, die es nicht zulässt, dass jemand mundtot gemacht wird. Das Internet forciert die freie Meinungsäußerung. Diese umfasst auch das Recht, Informationen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu verbreiten. So steht es im Grundgesetz geschrieben. Sebastians Publikationen sind für alle einsehbar, die sich auf die Bedienung von Google verstehen. So reichen wenige Mausklicks, um zu Nachrichten vorzustoßen, die mehr zur Natur des Vorfalls im Emsdetten verraten als jeder Koalitionspolitiker.

Aus aktuellem Anlass: Frust und Verzweiflung: Der "Killerspiele"-Report Bereits vor zwei Jahren äußerte sich der Selbstmörder im Forum von www.das-beratungsnetz.de über seinen seelischen Zustand. Er klagt über Ängste in der Schule, darüber, dass ihn andere Schüler verprügeln wollten. "Ich habe mich versteckt, seitdem hatte ich Angst. Diese Angst schlägt so langsam in Wut um." Unmissverständlich einer der letzten Sätze der Botschaft: "Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!" Soll und kann man derlei Aussagen in einem Internet-Forum ernst nehmen?

Die Fülle an Sprücheklopfern, die sich online tummeln, erschwert die Filterung von wichtig und unwichtig. Hier lässt sich niemandem ein Vorwurf machen, auch nicht, obwohl Sebastian am Ende schreibt: "Ich weiss selber nicht woran ich bin, ich weiss nicht mehr weiter, bitte helft mir." Der Hilferuf blieb ungehört, aber er gibt ein Stück der Verzweiflung preis, die Sebastian mit 16 Jahren gefühlt haben muss. Der Brückenschlag zu "Killerspielen" kommt von weither. Zynischer Abschied In seinem Abschiedsvideo steht Sebastian im Wohnzimmer seiner Eltern und redet frontal in die Kamera.

Manchmal läuft er vor und zurück, fährt sich mit der Hand über den Oberkörper, kratzt sich hinter dem Kopf. Er macht einen rastlosen Eindruck, spricht mit jugendlicher Stimme auf Englisch über seinen Abscheu vor Markenklamotten, Konsumgeilheit und Lehrer, die ihm vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat. Gelegentlich, wenn er aus seiner Vergangenheit berichtet, ringt er nach Worten. Es hat ein Ereignis gegeben in seinem Leben, das er als prägend erachtet. Stotternd erzählt er von einer Zeit, damals, als ein Typ aus seiner Klasse an ihn herangetreten sei und einen Schlüssel mit einem Feuerzeug erhitzt habe.

Diesen glühenden Schlüssel habe man ihm auf die Hand gepresst. "What the fuck?", sagt Sebastian. Und schweigt lange. Die Stille dieser Pause liegt schwer im Raum. Dann folgt die zynische Ankündigung seiner Tat: "It would be better if you can run on Monday. Because I got a gun, I got bombs, I got molotov cocktails.” Er nähert sich der Kamera, fast so weit, bis er mit dem Gesicht ans Objektiv stößt. "This is war", sagt er, wobei er jedes Wort auszukosten scheint. Er sagt nicht: "It's going to be like fucking Doom!"

Die Spurensicherung, die dieser Tage auf dem Gelände der Geschwister-Scholl-Realschule Patronenhülsen einsammelt, wird ganze Arbeit leisten. Sie wird den Weg ermitteln, den Sebastian während seines Rachefeldzugs zurücklegte. Sie wird ermitteln, wie viele Schüsse abgefeuert wurden. Sie wird ermitteln, in welche Richtung sein Blick gewandt war, als er sich das Leben nahm. Die wahre Ursache des Todeslaufs festzustellen, das liegt an uns.

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    • Kommentare (23)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Antinazi Anfänger/in
        AW: Special - Killerspiele: Aus aktuellen Anlass: Frust und Verzweiflung: Der

        Die Bildunterschrift unter dem Bild von der Lan ist genau so einseitig wie Frontal 21 und BILD berichten... Is doch quatsch... Wer findet denn beispielsweise bei Max Payne (ja gut kein Multiplayer game aber darum gehts nicht) 1 oder 2 die Gewalt lästig? Wenn sie durch Ablenkung störte, wären da sicherlich auch schon einige Spieleentwickler drauf gekommen und hätten sie einfach weggelassen, oder nicht?
        Wettert nicht gegen BILD (auch wenns natürlich berechtigt ist) wenn ihr selber einseitig schreibt :| . (Ausserdem sinkt das Nivau der PCGames monatlich :( Ich hab 5 Jahre lang jede Ausgabe gelesen, aber es geht nicht mehr. Verglichen mit den Ausgaben von vor 2000 haben sich auch die Text-Bild Anteile gefährlich richtung Boulevardjournalismus entwickelt. echt schade..
      • Von Antinazi Anfänger/in
        AW: Special - Killerspiele: Aus aktuellen Anlass: Frust und Verzweiflung: Der

        Die Bildunterschrift unter dem Bild von der Lan ist genau so einseitig wie Frontal 21 und BILD berichten... Is doch quatsch... Wer findet denn beispielsweise bei Max Payne (ja gut kein Multiplayer game aber darum gehts nicht) 1 oder 2 die Gewalt lästig? Wenn sie durch Ablenkung störte, wären da sicherlich auch schon einige Spieleentwickler drauf gekommen und hätten sie einfach weggelassen, oder nicht?
        Wettert nicht gegen BILD (auch wenns natürlich berechtigt ist) wenn ihr selber einseitig schreibt :| . (Ausserdem sinkt das Nivau der PCGames monatlich :( Ich hab 5 Jahre lang jede Ausgabe gelesen, aber es geht nicht mehr. Verglichen mit den Ausgaben von vor 2000 haben sich auch die Text-Bild Anteile gefährlich richtung Boulevardjournalismus entwickelt. echt schade..
      • Von Seelenfresss Anfänger/in
        AW: Special - Killerspiele: Aus aktuellen Anlass: Frust und Verzweiflung: Der

        Zitat von Spassbremse am 18.03.2009 23:22
        [Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen]lol du kannst nicht lesen, oder?

        es ist einfacher ein computerspiel zu verbieten, als depressives verhalten zu verbieten wenn du den sinn darin nicht verstehst dann kann es dir niemand erklären lol confused rolleyes ect. .. omg

        oooder du nimmst mich zu wörtlich dann kann ich verstehen was du meinst. aber was ich sagen will ist:
        computerspiele kann man verbieten. depressives verhalten, oder depressionen nicht.
        man das wirft mein test total aus den fugen
      • Von MurPhYsSHeeP Spiele-Enthusiast/in
        AW: Special - Killerspiele: Aus aktuellen Anlass: Frust und Verzweiflung: Der

        Zitat von Paulgilbert am 18.03.2009 23:46
        [Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen]völliger schwachsinn. du kannst ja selbst entscheiden ob du ein "killerspiel" kaufen willst oder nicht. dazu gibt es 1. altersbeschränkungen die von seiten der händler eingehalten werden müssen und 2. die erziehungsberechtigten müssen ihren kindern auf die finger schauen was sie konsumieren.

        hauptpunkte die immer vergessen werden.

        viele erziehungsberechtigten haben kaum mehr zeit für die kinder lassen sie deshalb konsumieren was sie wollen und hinterfragen nichts. man ist nicht daran intressiert was da gespielt wird hauptsache mein kind ist still ! aussagen die ich selber von eltern gehört habe.

        killerspiele sind nicht das problem. sondern der umgang mit diesen.

        ich habe sogar das hier oft erwähnte manhunt gespielt und bisher in meinem leben noch nie eine waffe in der hand gehabt und mich auch nicht mit waffen auseinandergesetzt.

        killerspiele gehören nicht verboten sondern eltern die sich nicht um ihre kinder kümmern.
        eltern die nicht erkennen das ihre kinder wirklich psychische probleme haben
        eltern und freunde die anzeichen von problemen aus dme weg gehen anstatt sie zu lösen.

        die gesellschaft hat sich verändert und dem sollte man verdammt nochmal rechnung tragen.

        bis du das begriffen hast muss wohl noch viel wasser ins taal fliessen... indiesem sinne nen schönen nachmittag
      • Von Emandil Anwärter/in
        AW: Special - Killerspiele: Aus aktuellen Anlass: Frust und Verzweiflung: Der

        Zitat von Rookieone am 19.03.2009 11:39

        Kinder und Jugendliche lernen ja jeden Tag, wenn du gewalttätig bist und viel Krawall machst kommst du ins Fernsehen zu "Teenager außer Kontrolle" oder "Supernanny". Wenn du 16 Mitschüler tötest wirst du berühmter, als wenn du Jugend forschst gewinnst.
        Besser kann man es nicht ausdrücken.....leider sowas von wahr!!!
      • Von Rookieone Gelegenheitsspieler/in
        AW: Special - Killerspiele: Aus aktuellen Anlass: Frust und Verzweiflung: Der

        Zitat von Paulgilbert am 18.03.2009 23:46
        Das mag sein. Das Problem ist die Fremdbestimmung. Drogen, Suizid und auch Straßenverkehr sind mit einem gewissen kalkulierbaren Risiko verbunden. Du bestimmst es also selbst, ob du dich der Gefahr aussetzt.
        Geh mal zur Schule, zur Arbeit oder Einkaufen ohne öffentliche Wege zu benutzen.
        Es sterben jede Menge Schüler auf dem Weg zur Schule, die rechnen ja auch nicht jeden Tag damit von einem Auto tot gefahren zu werden.

        Es ging mir auch mehr um das Sterben an sich und die verursachte Aufmerksamkeit.
        Kinder und Jugendliche lernen ja jeden Tag, wenn du gewalttätig bist und viel Krawall machst kommst du ins Fernsehen zu "Teenager außer Kontrolle" oder "Supernanny". Wenn du 16 Mitschüler tötest wirst du berühmter, als wenn du Jugend forschst gewinnst.
        Dieser ganze Medienrummel ist jetzt wahrscheinlich die ultimative Bestätigung für zukünftige Amokläufer.
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