Panorama - Football Manager: Importware Fußball
In deutschen Händlerregalen glänzt der beste Fußballmanager der Welt schon seit Jahren mit Abwesenheit. Wir erklären im großen Report anlässlich der Veröffentlichung des Football Manager 2015 von Sports Interactive, warum das eine Schande ist.
Ein Spiel, so besagt es eine alte Fußballerweisheit, dauert 90 Minuten. Da reicht die Laufzeit des Films An Alternative Reality nicht ganz heran, sie beträgt lediglich 72 Minuten. Die britische Doku hat ein Spiel zum Thema, das in der ganzen Welt bekannt ist. Es handelt sich um eine Serie, die seit ihrem ersten Erscheinen 1992 (damals noch unter dem Namen Championship Manager) über 20 Millionen Exemplare verkauft hat.
Bizarr: Nur ein Bruchteil davon entfällt auf den fußballverrückten und PC-affinen deutschen Markt. Denn hierzulande erscheint der Football Manager aus lizenzrechtlichen Gründen seit 2006 nicht mehr. Wer bislang noch nicht auf das exzellente Importprodukt umgestiegen ist, für den ist 2014 der perfekte Zeitpunkt: Nach dem Aus von Electronic Arts' Fussball Manager-Serie gibt es dieses Jahr erstmals keine deutsche Alternative zum englischen Spitzenreiter. Und damit auch keine Ausreden mehr, lediglich einige (leicht zu bewältigende) Hürden.
Entscheidend is aufm Platz
Im Land der Weltmeister gibt es eine lange Manager-Tradition: Ascaron, Software 2000, Ikarion, Heart-Line und Bright Future bestimmten mit Anstoss, Bundesliga Manager, Hattrick!, Kicker Fussballmanager und natürlich EAs Fussball Manager jahrelang die Schlagzeilen der deutschen Presse. Bei so viel Lokalpatriotismus ging das Konkurrenzprodukt aus England – vertrieben erst von Eidos, später von Sega – naturgemäß unter. Zu Unrecht, wie sich im Rückblick zeigt.
Quelle: PC Games
Das 3D-Spiel ist zwar nicht so schick inszeniert wie bei EAs Fussball Manager, wirkt dafür aber deutlich authentischer. Taktikänderungen haben sichtbare Auswirkungen, Ergebnisse wirken glaubwürdig.
Der oftmals spöttisch mit Excel-Tabellen verglichene spröde Look der Football Manager-Reihe mag auf den ersten Blick abschreckend wirken, dahinter schlummert jedoch die bis dato realistischste Simulation des Sports. Wie das möglich ist? Entwickler Sports Interactive rückt seit jeher das Geschehen auf dem Rasen in den Mittelpunkt. Während die deutschen Genre-Vertreter schon immer stark in Richtung Wirtschaftssimulation tendierten und vom Stadionausbau bis zu den Verhandlungen mit Sponsoren alle möglichen Nichtigkeiten jenseits des Grüns abdeckten, konzentriert sich der Football Manager ganz auf die 22 Männer auf dem Platz.
Die Match-Engine ist das Herz der Serie, sie berechnet jede Partie über die vollen 90 Minuten, statt einfach nur Highlights auszuwürfeln, selbst wenn ihr euch lediglich die Torraumszenen anzeigen lasst. Für jede Darstellungsform (Text, 2D, 3D) wird darüber hinaus die gleiche Programmroutine verwendet. Dadurch werden zufällige und damit willkürliche Ergebnisse vermieden – eine alte, bis ins 21. Jahrhundert verschleppte Schwäche aller deutschen Fußballmanager, insbesondere der Spiele von Bright Future, der Firma von Anstoss-Miterfinder Gerald Köhler. Der Spieler hat im Football Manager tatsächlich Einfluss auf das Verhalten seiner Mannschaft: Anweisungen werden nachvollziehbar auf dem Platz umgesetzt und taktische Änderungen haben erkennbare Konsequenzen.
Toll: Wer immer die gleiche Taktik anwendet, dessen Vorgehensweise antizipieren die KI-Gegner. Wie im echten Sport gilt es, die Mannschaft in jeder Partie neu einzustellen. Raum für Verbesserungen gibt es immer: Der Linksaußen zieht bei seinen Flankenläufen zu früh nach innen, weshalb die kopfballstarken Stürmer im Zentrum keine Bälle bekommen? Kein Problem, einfach seine Anweisungen ändern und das Training anpassen und schon segeln mehr Bälle in den Strafraum. Die Möglichkeiten sind immens, der Detailgrad unerreicht.
Quelle: PC Games
Ohne Fan-Grafiken sieht der Football Manager etwas karg aus, zudem gibt es in der deutschen Nationalmannschaft von Haus aus keine originalen Spieler.
Es ist das dadurch entstehende Gefühl der Kontrolle, das den Football Manager auszeichnet und selbst bei Fußballprofis zum beliebten Zeitvertreib macht. So melden sich im Film An Alternative Reality: The Football Manager Documentary etliche Trainer, Manager und Spieler zu Wort, die den hohen Realismus der Serie schätzen. Zu derartiger Realitätsnähe gehört aber natürlich auch der ein oder andere Fehlschlag: Es reicht nicht, wie bei der Fussball Manager-Serie die besten Spieler einzukaufen und alles auf Offensive zu stellen. Nur wer sich wirklich Gedanken um Aufstellung, Taktik und Kaderkomposition macht (Passt der Neuzugang ins Team?), hat eine Chance auf virtuellen Ruhm. Das Schöne: Schlappen schmerzen zwar, wer sich aber durch die umfangreichen Statistiken wühlt und Wiederholungen analysiert, kann eigene Fehler jederzeit nachvollziehen und mit etwas Glück in Zukunft vermeiden.
Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien
Eure Ziele setzt ihr euch dabei selbst. Ob ihr nun mit Lazio Rom die Serie A gewinnen möchtet oder den Millwall FC vor dem Abstieg aus der zweiten englischen Liga retten wollt: Die große Auswahl an Ligen aus allen Winkeln der Erde inklusive akkurat umgesetzter Regeln erlaubt einem völlige Freiheit bei der Vereinswahl. Es hängt einzig an euch, ob ihr eure Karriere in Peru startet und später nach Australien abwandert oder mit einem bekannten Club der Premier League oder Bundesliga auf Titeljagd geht. Ein Spielende gibt es dabei nicht; jeder neu angefangene Spielstand erschafft einen eigenen Fußballmikrokosmos, in dem Spieler regelmäßig Dutzende Saisons verbringen.
Das Besondere im Gegensatz zu vielen anderen Spielen: Nicht alles dreht sich um den Spieler, die KI-Vereine agieren völlig unabhängig, Trainer tauschen Nettigkeiten über die Presse aus, der FC Bayern holt die Meisterschale und etliche Spielerkarrieren werden im Hintergrund simuliert, während euer Avatar vielleicht gerade sechs Monate auf Jobsuche ist.
Die Datenbank, die dabei zum Einsatz kommt, ist ein wahres Biest. Sie umfasst über 300.000 Spieler, dazu etliche originale Coaches, Manager und Talentsucher. Selbst die Namen der Assistenztrainer bei französischen Drittligisten entsprechen der Realität. Näher am Fußball kann ein Spiel kaum sein. Jedes Jahr liefern mehr als 1.300 sogenannte Researcher aus 51 Ländern entsprechende Fußballerdaten aus der ganzen Welt an Sports Interactive.
Spielerstärken werden so mit einem unfassbaren Aufwand durch einen Wert von 1-20 in 38 Attributen erfasst. Es spricht Bände über die Detailtreue dieser Datenbank, dass sie im echten Leben von Profi-Clubs zum Scouting junger Talente (Stichwort: Wunderkind) genutzt wird. Die Daten sind so akkurat, dass Sports Interactive zuletzt einen Deal mit einer professionellen Scouting-Agentur abschloss, welche die Erkenntnisse an Vereine aus aller Welt weiterleitet.

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Dazu kommt:
- Der Football Manager ist die letzte (und größte) übrig gebliebene kommerzielle Marke
- seit einigen Jahren an Steam gebunden, das heißt, alle (regulären) Kopien sind dort angemeldet, normalerweise
- UK ist mit Abstand der größte Einzelmarkt, aber ca. 60% aller Einheiten, immerhin mehrere hunderttausend Spiele pro Jahr, werden im Rest der Welt verkauft (ein Minimalanteil geht dabei an Deutschland, dem zweitgrößten Markt, wo von Fußballmanagern bis zuletzt jährlich zwischen 100.000-200.000 Einheiten weggingen, der Markt liegt also brach für einen Neuling -- oder eben SI)
Der Spiegel hatte vor ein paar Tagen einen Artikel zur Lage in Deutschland, allgemein: Fußballmanager: Was wurde*aus den Spielen*und Gerald Köhler? - SPIEGEL ONLINE
Mit der Engine kann man Herrn Köhler nur zustimmen, das belegt die Geschichte des Genres. Dazu gibt es die Lizenzgeschichten und natürlich die Startup-Problematik gegen ein extrem etabliertes Produkt, zumindest außerhalb Deutschlands. Trotzdem würde mich mal ein Roundtable interessieren mit alten Hasen genau wie mit aktuellen Lizenzinhabern wie Kalypso (Anstoss) bzw. EA (DFL-Lizenzen) und der DFL selbst. Am Interesse von EA habe ich so meine Zweifel -- als sie damals anfingen, war die Championship-Manager-Marke international bereits harte Konkurrenz, die nie gebrochen werden konnte (ditto Nachfolger Football Manager), und obwohl es eine sehr geräumige Nische ist, wenn man sie besetzt (siehe die Zahlen oben), ist es für ihr Portfolio eine Nische. Wobei die beiden letztgenannten Parteien, ja keine Auskunft zu geben scheinen. Ein Markt von mehreren hunderttausend, der zweitgrößte weltweit, einfach wech bzw. vorwiegend an ältere Titel gebunden. Und eines der traditionellsten PC-Spiele-Genres dazu.
Apropos in Deutschland nicht spielbare Demo, oben erwähnt: Wenn man das hier im Browserfenster eingibt, kann man sie laden. steam://install/295330# Steam muss natürlich installiert sein. Die wird auch immer mit geupdatet und ist auf aktuellstem Stand, was ich bezeugen kann. Bundesligavereine sind aber nicht spielbar, da nicht die komplette Datenbank enthalten ist. Ansonsten geht für eine halbe Saison alles, außer Mehrspielerfunktionen ("Hotseat" sowie Online). Interessant auch zu lesen, dass sich alle Parteien wegen der Lizenzgeschichte so bedeckt halten, auch auf Anfrage. Effektiv hat sie gerade einen Markt mitgetötet, einen, den es über zwanzig Jahre gab -- ich kann mir nicht vorstellen, dass auch andere Hersteller, die infrage kämen (Kalypso als Inhaber der Anstoss-Rechte) ohne Möglichkeit auf Lizenzen richtig groß investieren würden. Einen Extrareport wirds dafür wohl nicht geben, auch wenn es gar nicht unangemessen wäre. Ansonsten wie schon woanders gesagt echt schöner Artikel, einzig das hätte man vielleicht noch erwähnen können, auch weil Deutschland Migrationsland ist und noch andere Sprachen an Schulen gelehrt werden. %-)
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Football Manager 2015 (PC/Mac): Amazon.co.uk: PC & Video Games