Hat Ihnen Blood Diamond gefallen? Mochten Sie Michael Manns The Insider? Dann dürfte Sie Der Mann, der niemals lebte ebenso begeistern. Ridley Scott verfilmte diesen Geheimdienst-Thriller, der so authentisch wirkt, dass man glatt meinen könnte, er schildere eine wahre Geschichte. Tatsächlich beruht aber das von Oscar-Preisträger William Monahan verfasste Drehbuch auf einem Roman des Spionage-Experten David Ignatius.
Quelle: Warner
In der Hauptrolle knüpft Leonardo DiCaprio an seine großartigen Leistungen aus Blood Diamond und Departed - Unter Feinden an: Mit atemloser Intensität spielt er den Undercover-Agenten Roger Ferris. Dieser soll eine neue Leitfigur der Terrorszene ausfindig machen: den Jordanier Al-Saleem, der auf der ganzen Welt Bombenanschläge anzettelt. Um den Massenmörder aus der Reserve zu locken, tüftelt Ferris ein Täuschungsmanöver aus. Er kreiert eine Scheinorganisation, die - angeblich - Al-Saleem den Rang ablaufen will. Der kühne Plan funktioniert, jedoch mit fatalen Folgen. Ferris rückt plötzlich nicht nur in die Schusslinie der Terroristen, sondern erweckt auch das Misstrauen des jordanischen Geheimdienstes. Zwei tödliche Komponenten, deren Brisanz sich dadurch potenziert, dass nur ein einziger Menschen von Ferris‘ wahrer Existenz weiß: der CIA-Agent Ed Hoffman (Russell Crowe), ein zwielichtiger, vierschrötiger Typ, der - als Biedermann getarnt in seinem Einfamilienhaus sitzend - Ferris‘ Leben per Laptop dirigiert.
Bei einem Film, der sich um Tarnung und Betrug dreht, ist es beinahe selbstredend, dass die Handlung ein gewisses Maß an Konzentration erfordert. Der Plot schlägt Haken; die Figuren täuschen und taktieren, dass man mitunter den Überblick verliert. Selbigen will Ridley Scott aber auch gar nicht bieten. Seine Bilder wollen keine großflächige Aufklärung vermitteln. Scott vermeidet Kameraeinstellungen aus der Totalen; er verwehrt eine Beobachtung aus sicherer Distanz und zwingt den Zuschauer zum Blick auf das Detail. Die Kamera ist immer ganz nah dran an den Akteuren. Auf diese Weise hat man nicht nur das packende Gefühl, selber mittendrin im Geschehen zu sein. Scott drückt dadurch auch aus, dass man hier zwar einen intimen Einblick in die Welt der Spionage und der Post-9/11-Terrorbekämpfung erhält, zugleich aber auch nur einen Ausschnitt zu sehen bekommt, der ebenso beliebig ist wie seine beiläufig gefilmt wirkenden Bilder. Die Schicksale der Figuren stellen nur eine kurze Momentaufnahme dar in einem Krieg, bei dem man längst den Überblick verloren hat - und bei dem die Welt größtenteils aus weiter Ferne zuschaut.
Gewöhnungsbedürftig sind in diesem Zusammenhang die anstrengend hektischen Schnitte. Doch als Stilmittel erfüllen sie ihren Zweck, das Gezeigte unverfälscht und "uninszeniert" erscheinen zu lassen - als sei der Zuschauer ein zufälliger Zeuge. Doch was hier so scheinbar wahllos herbeigezoomt wirkt, schockiert, berührt, geht unter die Haut. Ein genialer Inszenierungsstil, der vom Oscar-verdächtigen Schauspiel der Darsteller intensiviert wird. Der Mann, der niemals lebte ist ein Film, dem man sich schwer entziehen kann - der aber deshalb auch keine leichte Feierabendkost ist!
