Spezial

18.03.2009 14:44 Uhr
Killerspiele

Aus aktuellem Anlass: Frust und Verzweiflung: Der "Killerspiele"-Report

Ob "Killerspiele" Sebastian B. in einen Blutrausch versetzten, weiß keiner. Trotzdem verlangen Koalitionspolitiker nach einem Verbot brutaler Spiele.

Bei dem folgenden Report handelt es sich um einen Artikel aus dem Jahr 2007, geschrieben von PC Games-Redaktuer Thomas Weiß anlässlich der "Killerspiel"-Diskussion, die nach dem tragischen Amoklauf des Sebastian B. an der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten, geführt wurde. Trotz seines Alters lässt sich das Geschriebene auf die umstrittenen Reaktionen von Politik und Wirtschaft nach dem Amoklauf von Tim K. in Winnenden übertragen.


"Frust und Verzweiflung"
Frust und Verzweifllung: Der "Killerspiel"-Report >>> Wenn die Spurensicherung fertig ist, dann wird sich die Tat rekonstruieren lassen: Wie Sebastian B. aus dem Pkw seiner Familie steigt. Wie er seine Waffen zusammenpackt, eine Pistole, zwei Gewehre, Rauchbomben und einen Sprengstoffgürtel mit drei Rohrbomben. Wie er im schwarzen Ledermantel und mit Gasmaske auf den Schulhof der Geschwister-Scholl-Realschule zugeht und das Feuer eröffnet. Wie er die ersten Rauchbomben zündet, dann das Gebäude betritt und dort um sich schießt. Wie er, 37 Verletzte später, sich seine 15- Millimeter-Vorderlader-Waffe an den Mund führt und abdrückt. Man wird den detaillierten Hergang der Tragödie, die sich am 20. November in Emsdetten abgespielt hat, erfahren können.

In Frontal21 zum Beispiel. Oder in RTL Explosiv. Bestimmt auf Wikipedia. Die Spurensicherung wird ganze Arbeit leisten. Eines werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erfahren: Wie dieser 18-jährige Attentäter wirklich getickt hat. Denn derzeit führen Politiker, Psychologen und Spieler eine Debatte, die vieles überschattet. Es geht um "Killerspiele" und darum, ob sie Sebastian zu seiner Tat angestiftet haben. Eigentlich geht es darum, ob man sie verbieten soll. Ein Berg an Forderungen Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber fordert ein Verbot von "Spielen, in denen Mord und Totschlag propagiert und dazu angeleitet wird".

Auch CDU-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach will, dass der Gesetzgeber "nun endlich" handelt. Bayerns Innenminister, Günther Beckstein, geht noch weiter und verlangt bis zu ein Jahr Haft für die Herstellung, den Vertrieb und den Kauf entsprechender Titel. Auch Niedersachsens Innenminister, Uwe Schünemann, poltert in einem Interview mit dem Magazin Stern: Die brutalen Spiele müssten verboten werden, da dürfe es keine Diskussion geben. Und da brauche es auch kein Gutachten. Auf die Frage, ob die Spieler dann mit Razzien zu Hause rechnen müssten, antwortet Schünemann lapidar: "Natürlich."

Als Höchststrafmaß für die Verbreitung von "Killerspielen" schlägt der Minister zwei Jahre vor. Einen Entwurf zur Ergänzung des Gewaltdarstellungsparagrafen hat er bereits vorgelegt. Sein Plan sieht vor, alle Spiele, die die aktive Teilnahme an der Tötung von Menschen oder menschenähnlichen (!) Wesen enthalten, zu kriminalisieren. Für eine Stellungnahme gegenüber PC Games war Schünemann, der laut eigener Homepage übrigens Mitglied im Sportschützen-Club Holzminden ist, nicht rechtzeitig zu erreichen.

Nach Erfurt hat sich die BPjS (heute: BPjM) entgegen allen Erwartungen gegen eine Indizierung von Counter-Strike entschlossen.
Fast zahm klingt dagegen die Meinung, die Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm vertritt: ",Killerspiele‘ leisten einen verhängnisvollen Beitrag zur leider wachsenden Gewaltbereitschaft und fördern aggressives Verhalten." Was Schönbohm da sagt, stimmt vielleicht, vielleicht stimmt es nicht. Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass brutale Computer- und Videospiele einen Menschen brutal werden lassen. Sicher ist nur, dass ein Action- Spiel kurzzeitig eine erhöhte physiologische Erregung bewirkt, vergleichbar mit derselben Erregung, die beim Anschauen eines Horrorfilms einsetzt.

Das wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen, bei denen man Probanden spielen ließ und anschließend Herzfrequenz, Hautwiderstand oder Blutdruck maß. Eine Studie führten die amerikanischen Professoren Craig Anderson und Karen Dill durch (General Affective Model by Anderson and Dill). Sogenannte Längsschnittstudien gibt es nicht. Hierzu müsste eine große Anzahl an Personen über mehrere Jahre beobachtet werden - ein teures und zeitraubendes Unterfangen. Es besteht offenbar Nachholbedarf in der Verhaltensforschung.

Bis der Einfluss von Spielen auf Spieler nicht in Langzeitstudien geklärt ist, sollten sich Befürworter und Ablehner Schönbohm'scher Thesen gleichermaßen zurückhalten. Denselben Zuruf verdienen jene Fernsehmedien, die mit einseitiger Berichterstattung dazu beitragen, wissenschaftlich zweifelhafte Botschaften unters Volk zu mischen. Es gibt Beiträge, da zeigt die Kamera immer wieder, wie Jugendliche mit versteinerten Mienen virtuell töten. Sie töten in Counter-Strike, sie töten in Doom 3, sie töten in Grand Theft Auto: San Andreas.

Eine Figur stirbt unter Beschuss - Schnitt. Derlei kontextlose Sterbeanimationen erwecken beim Publikum zwangsläufi g den Eindruck, als wären sie der einzige, sich ständig wiederholende Spielinhalt. Was ist mit der Hand-Augen- Koordination, die zu meistern viele zum Counter-Strike-Spielen antreibt? Was mit dem Nervenkitzel, den Doom 3 durch seine geschickt ausgeleuchteten Levels, seine Soundkulisse, seine moderne Grafik erzeugt? Was mit der spielerischen Freiheit von Grand Theft Auto: San Andreas, seiner parodistischen Gesellschaftskritik? All das: meist unter den Teppich gekehrt.

Von der Magie, die ein Spiel ausübt, vermitteln Boulevardsendungen nichts. Es geht ihnen ums Schüren von Abneigung, weil sie einen Personenkreis bedienen, der sich nach Sensationen sehnt. Sie bieten einfache Darstellungen für komplexe Sachverhalte. Da ist eine Szene in Splinter Cell: Double Agent, die, bildete man sie zusammenhanglos ab, Empörung verursachen würde. Der Spieler hält eine Pistole auf eine geknebelte Geisel gerichtet, in deren Augen die Angst glitzert, und betätigt den Abzug - Schnitt. Jeder mit gesundem Menschenverstand fände diese Aktion abstoßend. Weil er nicht weiß, was der Mord im Rahmen der Handlung bedeutet. Nämlich dass dadurch Tausende Unschuldige überleben.

Das Aufwiegen einzelner Leben gegen viele ist ein schwieriges Thema, mit dem sich der Spieler auseinander setzen muss, sobald er die Kontrolle über das Fadenkreuz erlangt. Der Fernsehkonsument bekäme davon nichts mit. Ihm stäche nur das Fatalistische ins Auge: Der Gamer als blutrünstiges Monster, vertieft ins Fließbandmorden. Wäre Splinter Cell: Double Agent ein "Killerspiel"? Als der Begriff zum ersten Mal im Koalitionsvertrag der Schwarz-Roten Regierung auftauchte, gingen die Definitionen auseinander.

Einige meinten damit Spiele wie Gotcha oder Airsoft, wo sich Teilnehmer mit harmlosen Gewehren auf freiem Gelände beschießen, andere bezogen das auf Computerspiele, Ego-Shooter wohl, weil die vorn herausragende Waffe symbolisiert, dass es hier ums Killen geht und um nichts sonst. Wirre Gedankenwelt Unabhängig der Kriterien, die ein "Killerspiel" braucht, um ein solches zu sein: Unter dem Verbotsaktionismus oben erwähnter Politiker bleibt eine Sache verborgen: die chaotische Gefühlswelt Sebastians.
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23 Kommentarezum Artikel

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Antinazi - 22.03.2009 14:42
Die Bildunterschrift unter dem Bild von der Lan ist genau so einseitig wie Frontal 21 und BILD berichten... Is doch quatsch... Wer findet denn beispielsweise bei Max Payne (ja gut kein Multiplayer game aber darum gehts nicht) 1 oder 2 die Gewalt lästig? Wenn sie durch Ablenkung störte, wären da sicherlich auch schon einige Spieleentwickler drauf gekommen und hätten sie einfach weggelassen, oder nicht?
Wettert nicht gegen BILD (auch wenns natürlich berechtigt ist) wenn ihr selber einseitig schreibt   . (Ausserdem sinkt das Nivau der PCGames monatlich   Ich hab 5 Jahre lang jede Ausgabe gelesen, aber es geht nicht mehr. Verglichen mit den Ausgaben von vor 2000 haben sich auch die Text-Bild Anteile gefährlich richtung Boulevardjournalismus entwickelt. echt schade..
Seelenfresss - 20.03.2009 00:07
Zitat: (Original von Spassbremse am 18.03.2009 23:22)
Zitat: (Original von Seelenfresss am 18.03.2009 23:15)

es ist halt einfacher ein computer spiel zu verbieten als depressives verhalten.


Häh?  

Versteh' ich richtig, Du glaubst, auch wenn es "nicht so einfach ist", "depressives Verhalten" ließe sich verbieten?

Klasse, dann verbieten wir in Zukunft auch gleich die Grippe, AIDS, und Krebs noch gleich dazu!

 



lol du kannst nicht lesen, oder?

es ist einfacher ein computerspiel zu verbieten, als depressives verhalten zu verbieten wenn du den sinn darin nicht verstehst dann kann es dir niemand erklären lol confused rolleyes ect. .. omg

oooder du nimmst mich zu wörtlich dann kann ich verstehen was du meinst. aber was ich sagen will ist:
computerspiele kann man verbieten. depressives verhalten, oder depressionen nicht.
man das wirft mein test total aus den fugen
MurPhYsSHeeP - 19.03.2009 14:07
Zitat: (Original von Paulgilbert am 18.03.2009 23:46)
Zitat: (Original von Rookieone am 18.03.2009 19:45)
Jeden Tag sterben in Deutschland 14 Menschen im Straßenverkehr, 32 begehen Suizid und weitere 4 sterben an Drogen.
Die Freunde und Angehörigen trauern allein.
[…]


Das mag sein. Das Problem ist die Fremdbestimmung. Drogen, Suizid und auch Straßenverkehr sind mit einem gewissen kalkulierbaren Risiko verbunden. Du bestimmst es also selbst, ob du dich der Gefahr aussetzt.



völliger schwachsinn. du kannst ja selbst entscheiden ob du ein "killerspiel" kaufen willst oder nicht. dazu gibt es 1. altersbeschränkungen die von seiten der händler eingehalten werden müssen und 2. die erziehungsberechtigten müssen ihren kindern auf die finger schauen was sie konsumieren.

hauptpunkte die immer vergessen werden.

viele erziehungsberechtigten haben kaum mehr zeit für die kinder lassen sie deshalb konsumieren was sie wollen und hinterfragen nichts. man ist nicht daran intressiert was da gespielt wird hauptsache mein kind ist still ! aussagen die ich selber von eltern gehört habe.

killerspiele sind nicht das problem. sondern der umgang mit diesen.

ich habe sogar das hier oft erwähnte manhunt gespielt und bisher in meinem leben noch nie eine waffe in der hand gehabt und mich auch nicht mit waffen auseinandergesetzt.

killerspiele gehören nicht verboten sondern eltern die sich nicht um ihre kinder kümmern.
eltern die nicht erkennen das ihre kinder wirklich psychische probleme haben
eltern und freunde die anzeichen von problemen aus dme weg gehen anstatt sie zu lösen.

die gesellschaft hat sich verändert und dem sollte man verdammt nochmal rechnung tragen.

bis du das begriffen hast muss wohl noch viel wasser ins taal fliessen... indiesem sinne nen schönen nachmittag
Emandil - 19.03.2009 13:41
Zitat: (Original von Rookieone am 19.03.2009 11:39)

Kinder und Jugendliche lernen ja jeden Tag, wenn du gewalttätig bist und viel Krawall machst kommst du ins Fernsehen zu "Teenager außer Kontrolle" oder "Supernanny". Wenn du 16 Mitschüler tötest wirst du berühmter, als wenn du Jugend forschst gewinnst.


Besser kann man es nicht ausdrücken.....leider sowas von wahr!!!
Rookieone - 19.03.2009 11:39
Zitat: (Original von Paulgilbert am 18.03.2009 23:46)
Das mag sein. Das Problem ist die Fremdbestimmung. Drogen, Suizid und auch Straßenverkehr sind mit einem gewissen kalkulierbaren Risiko verbunden. Du bestimmst es also selbst, ob du dich der Gefahr aussetzt.
Geh mal zur Schule, zur Arbeit oder Einkaufen ohne öffentliche Wege zu benutzen.
Es sterben jede Menge Schüler auf dem Weg zur Schule, die rechnen ja auch nicht jeden Tag damit von einem Auto tot gefahren zu werden.

Es ging mir auch mehr um das Sterben an sich und die verursachte Aufmerksamkeit.
Kinder und Jugendliche lernen ja jeden Tag, wenn du gewalttätig bist und viel Krawall machst kommst du ins Fernsehen zu "Teenager außer Kontrolle" oder "Supernanny". Wenn du 16 Mitschüler tötest wirst du berühmter, als wenn du Jugend forschst gewinnst.
Dieser ganze Medienrummel ist jetzt wahrscheinlich die ultimative Bestätigung für zukünftige Amokläufer.
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small button News - 02.22 Uhr - Freitag 18.12.2009

Potsdamer Forscher: "Kein Zusammenhang zwischen Gewalttaten und Computerspielen"

Infinity Wards Modern Warfare 2 sei "Dank", steht das leidige Thema "Killerspiele" momentan wieder ganz oben auf der Agenda diverser, nicht nur branchenfremder Publikationen. So auch bei der in Potsdam ansässigen Märkischen Allgemeinen (MAZ), [url=http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11684384/64289/In-der-digitalen-Welt-gelten-andere-Gesetze-als.html]die in einem aktuellen Artikel zum Thema[/url] allerdings nicht nur die altbekannten, klischeebehafteten Argumente der Computerspiele-Kritiker wiederkäut, sondern eine wirkliche Kompetenz auf dem Gebiet zu Wort kommen lässt: Dr. Stephan Günzel vom [url=http://www.digarec.org/]Potsdamer Zentrum für Computerspielforschung[/url] (Digarec).[IMG=1231944]Der studierte Philosoph vertritt dann auch eine eher differenzierte Sicht der Dinge und sieht keinen Zusammenhang zwischen der Begehung von Gewalttaten und dem Spielen gewalthaltiger Computerspiele. Viel eher sei es sogar so, dass vorhandene Gewaltphantasien im Spiel ausgelebt werden könnten. [br] [br]Auch den sorglosen Umgang mit dem populistischen Begriff des "Killerspiels" sieht Günzel kritisch, da sinnlose Anwendung von Gewalt fast nie Inhalt von Computerspielen sei. Die Rahmenhandlung eines Spiels liefere in fast allen Fällen eine, wie auch immer geartete Legitimation, für das Geschehen auf dem Bildschirm. [br] [br]Befragt zum Thema Suchtgefahr von Computerspielen (laut einer Studie des [url=http://www.kfn.de/home.htm]Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen[/url] sind 3% der männlichen Neuntklässler betroffen), antwortet er, dass insbesondere Online-Rollenspielen wie World of Warcraft, durchaus eine solche bergen würden. Es existierten durchaus Fälle, in denen Spieler die virtuellen Welten bereits dem -neudeutsch- "Real Life" vorziehen würden. Grund sei, dass im Spiel, im Gegensatz zur Wirklichkeit, meist nur das Treffen von äußerst simplen Entscheidungen gefragt sei ("Schiessen? - Ja./Nein."). [br] [br][ivwgallery]

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