An der Veröffentlichung von Halo 2 für den PC kleben allerlei Seltsamkeiten. Zuerst irritiert, dass der Ego-Shooter nur unter Windows Vista funktioniert. Man legt die DVD ins Laufwerk und kann, ganz Konsole, sofort losspielen. Derweil kopiert das Programm die restlichen Dateien im Hintergrund. Das klappt mit Dual-Core-Rechnern reibungslos, auf schwächerer Hardware sei die traditionelle Installation empfohlen.
Sobald das Menü vom Bildschirm verschwindet und Platz macht für die 3D-Grafik, geht das Wundern weiter. Die hässliche Optik lässt einen darüber grübeln, wer Halo 2 durch die Qualitätssicherung gewunken hat. Offenbar jemand mit einem Sehfehler. Den Texturen scheinen die Farben entzogen, die Figuren wirken blass wie Kranke einer Seuchenstation. Effekte muss man suchen und, sobald gefunden, verzweifelt ertragen. Silvester-Raketen vom Supermarkt um die Ecke machen schönere Blitze.
Und die Steuerung erst. Unter normaler Maus-Sensibilität verschiebt sich das Fadenkreuz in einem Tempo, in dem Pflanzen wachsen. Es bleibt einem nichts übrig, als die Geschwindigkeit aufs Maximum zu stellen. Das ist dann, gemessen an anderen Shootern, zwar immer noch langsam, aber wenigstens schafft man nun Drehungen um die eigene Achse unterhalb von fünf Sekunden. Übrigens wird auch der Xbox-Controller unterstützt.
Man kann sagen, es herrschen nicht die besten Voraussetzungen für ordentlich Spielspaß. Doch sobald der erste Schock überwunden ist, legt Halo 2 einen angenehmen Atmosphäre-Teppich. Bis zum Schluss wird man bestens unterhalten, was hinsichtlich der Grafik und der anderen Wehwehchen als großes Kompliment erscheint.
Dafür, dass es sich um ein "Killerspiel" handelt, ist die Geschichte erstaunlich intelligent und von erzählerischer Raffinesse. Sie enthält fantasievolle Wendungen und starke Charaktere mit zitierungswürdigen Dialogen. Hier waren talentierte Drehbuchschreiber am Werk. Die Sprachausgabe ist nur auf Englisch. Zum Ausgleich gibt es Untertitel, ordentliche immerhin, aber die Nuancen des Gesprochenen gehen verloren.
Halo 2 hat die Scheinwerfer nicht mehr ausschließlich auf den Master Chief gerichtet. Die Levels bestreiten Sie auch in Figur eines Alien der Allianz. Abwechselnd steuern Sie die verfeindeten Helden aufs Finale zu; spielerische Unterschiede finden sich höchstens beim Erbsenzählen. So fuchtelt der Master Chief im Dunkeln mit einer Taschenlampe herum, und der Alien kann sich kurz unsichtbar machen. Heimliches Vorgehen ist Option, nie Zwang - Kudos dafür.
Das Spiel ist meilenweit vom Shooter-Trott weg: Feinde abschießen, Munition und Health-Packs aufsammeln, nächster Raum. Zum einen gibt es keine Health-Anzeige, nur Schilde, die sich aufladen, wenn man eine Zeit lang keinen Schaden abbekommt. Zum anderen ist die KI zu intelligent, als dass sie dröge Schießereien zuließe. Jedes Monster hat einen eigenen Kopf, eine eigene Vorgehensweise. Manche stürmen, die Schulter voraus, auf den Spieler zu; manche suchen hinter Säulen Deckung und hechten hervor, wenn man eine Granate wirft. Zwei Waffen lassen sich gleichzeitig führen, und da sie ausgeprägte Vor- und Nachteile aufweisen, gehört vor jedem Angriff die Überlegung angestellt, ob man besser den Raketenwerfer mitführt oder das Sturmgewehr.
Die Grunts möchte man knuddeln, müsste man sie nicht abschießen. Sie sind kleine Aliens, die mit jämmerlichen Plasma-Waffen ausgerüstet ins Getümmel stolpern und lustige Sprüche klopfen. Lebt ihr Anführer, üben sie sich in heilloser Selbstüberschätzung. Ohne Befehlshaber geht den Rackern schnell die Muffe. Es lohnt sich, das Ballern einfach mal hinauszuzögern, sonst blieben zu viele hübsche Dialogzeilen ungehört. Auch die Musik reißt mit. Sie scheint sich stets wie das fehlende Puzzlestück in die zu transportierende Stimmung einzufügen, ist zum richtigen Zeitpunkt heftig, sanft, treibend, melancholisch. Den Komponisten gebührt innigstes Lob für einen Soundtrack mit Seele.
Dass sich die Gefechte anfühlen, als führte man sie gegen menschliche Teilnehmer, ist die größte Stärke von Halo 2. Nur die Steuerung von Vehikeln scheint die KI zu überfordern. Ein Jeep fährt schon mal über den Abhang und stürzt die Klippe hinunter. Gut, dass man sämtliche Fortbewegungsmittel auch selbst lenken kann, darunter Rennschlitten, Panzer und Abfangjäger. In der Beziehung ist also Abwechslung geboten. Das Level-Design animiert zum gelegentlichen Naserümpfen: Besteht mit dem nüchtern-kalten Look schon kein stabiles Grafikfundament, wiegen scheinbar ewig gleich gebaute Räume mit ihren einheitlich geformten Ecken und Kanten noch schlimmer. Selbst die Außenlandschaften, die theoretisch viele Freiheiten bei der Gestaltung lassen - selbst die bringen es fertig, zu langweilen.
Was bleibt, ist ein intelligenter, witziger und unansehnlicher Shooter. Einer, der seinen Spielern Arbeit abverlangt. Man muss über die Optik hinwegschauen, die hartnäckige Steuerung verschmerzen können; beides Dinge, die im Genre als treibende Kraft gelten.
Warum hat Microsoft der Präsentation nicht größere Wichtigkeit zukommen lassen? Warum steigt die Premiere ausgerechnet auf Windows Vista, von dem seine Entwickler vollmundig sagen, es bringe die Entertainment-Branche dank Direct X 10 voran? Man weiß es nicht. Halo 2 darf sich damit zu den Merkwürdigkeiten der Spielewelt zählen.
Als ich Halo 2 zum ersten Mal gesehen habe, wollte ich den Stecker ziehen. Die Grafik geht für einen Ego-Shooter einfach nicht in Ordnung. Alles ist so farblos und stumpf, dass man Gefahr läuft, in eine Depression zu verfallen. Und die Level-Architektur wirkt, als hätte sie jemand in Zeiten größter Lustlosigkeit mit Lineal und Winkelmaß gezogen. Trotzdem habe ich bis zum Ende durchgehalten. Es war mir unmöglich, dem Charme von Halo 2 zu widerstehen. Die Story ist abwechselnd witzig, spannend und anrührend; die Gefechte fordern durch Gegner mit Grips; die Vehikel- Einlagen sind sorgfältig dosiert; die fairen Speicherpunkte ersetzen paranoides Quicksave-Gefummel. Das reicht mir trotz ästhetischer und steuerungstechnischer Unzulänglichkeiten für eine Kaufempfehlung.
Zitat: (Original von Nali_WarCow am 24.05.2007 08:18)
Zitat: (Original von Magickatrin am 24.05.2007 08:01)
HL2 habe ich nicht gespielt, man könnte sagen ich boykottiere so was wie Zwangsregistrierung über Steam.
Wobei es mich ein wenig wundert. Laut anderen Seiten muss man Halo 2 nämlich aktivieren (I-Net / Telefon), bevor man es vollständig spielen kann.
Ja, hab ich auch gelesen. Aber das hat doch nix mit der Xbox-Fassung des Spiels zu tun. Aber abgesehen von einer eventuellen Zwangsregestierung, ich hätte mir Halo 2 für den PC ohnehin nicht gekauft, habe kein Vista und werde es in absehbarer Zeit auch nicht haben. Und eigentlich spricht doch inzwischen alles gegen Halo 2 auf dem PC, langsam könnte man zu der Schlussfolgerung kommen Microsoft will auch noch die letzten Kaufwilligen abschrecken...
Zitat: (Original von markenprodukt am 23.05.2007 17:59)
Und das soll Vista/Dx10 only sein?
Nö, Halo 2 ist definitiv nicht DX10 only. Wurde auch nirgends erwähnt bzw. von offizieller Seite behauptet. Selbstverständlich kannst du Halo 2 auch mit einer DX9 Karte spielen.
Das Spiel ist Vista only, richtig. Über den Sinn bzw. Unsinn dieser Limitierung wurde hier im Forum schon mehr als einmal gesprochen. Ich persönlich finde es nicht schlimm. Wenn Microsoft damit leben kann, aus diesem Grund weniger Einheiten zu verkaufen, dann ist doch die Welt in Ordnung.