Der Film hat das Gangster-Genre mitbegründet, die Hiphop-Szene geprägt, die Popkultur beeinflusst. Doch dem Spiel fehlt jeglicher Erfindungsgeist.
Tony Montana ist niemand, mit dem man gern ein Bierchen trinken würde. Es gibt Szenen im Film, da rückt ihm die Kamera ganz nah ans Gesicht. Bis die Augen, schwarze, brodelnde Löcher, alles ausfüllen. In solchen Momenten kriegt Tony Stahl in seinen Blick.
Pacino verkörpert das namensgebende Narbengesicht: Ein gieriger, skrupelloser, cholerischer Gangster mit Wut auf die Welt. Diese Wut haben die Entwickler ins Spiel hinübergerettet und zum tragenden Element gemacht. Dafür verdienen sie Beifall. Leider arbeitet unter der schillernden Hauptfigur ein Spiel, das es schon gibt. Es heißt GTA Vice City und macht vieles besser als Scarface.
Knapp überlebt
Im Film arbeitet sich Tony als kubanischer Immigrant vom Tellerwäscher zum Drogenbaron hoch. Am Ende zerbricht er daran. Die letzte Einstellung zeigt Tonys Leiche im prunkvollen Brunnen, den er sich aus seiner Maßlosigkeit heraus ins Zentrum seiner Villa hat bauen lassen. Das Wasser färbt sich rot, die Kamera fährt nach oben, vorbei an einer Statue, die die Aufschrift "The World is Yours" trägt. Mit dieser Schlüsselszene verkehrt Regisseur Brian De Palma die 160 Minuten lang betriebene Glorifizierung des Verbrechertums ins erschütternde Gegenteil - nicht so im Spiel, das kurz vor Tonys Ableben einsetzt.
Sosas Schergen haben gerade das Gebäude gestürmt und schießen alles kurz und klein, als Sie die Kontrolle über Tony bekommen. Statt im besagten Brunnen baden zu gehen, verhelfen Sie ihm zur Flucht, natürlich unter ausgiebigem Einsatz seines "kleinen Freundes", dem M16-Sturmgewehr mit aufmontiertem Granatwerfer. Trotzdem, sein Imperium ist hin. Es wieder aufzubauen und Rache zu üben ist Spiel des Ziels.
Krumme Geschäfte
Die Wiedereingliederung in das Milieu des organisierten Verbrechens beginnt mit dem Kauf von 100 Gramm Kokain - eine Menge, bei der die Ausrede "Eigenbedarf" nicht mehr zieht. Das Koks verticken Sie an weitere Dealer, die Ihnen die Minikarte anzeigt. Dealer sind überall in der Stadt verteilt. Das virtuelle Miami der Achtzigerjahre ist wenig mehr als eine schablonenhafte Aneinanderreihung von Häusern, Straßen und Bäumen. Die Spritztouren vermitteln daher kaum dieses Freiheitsgefühl, das die Rockstar-Konkurrenz auszeichnet.
Beim Drogenhandel entscheidet ihr Geschick darüber, wie viel Geld Tony einstreicht. Ein Balken wächst nach Tastendruck an, Sie müssen die Taste im letzten Moment loslassen, um das Optimale aus dem Verkauf herauszuholen. Dazu soviel: Das kleine Einmaleins ist anspruchsvoller. Schon bald hat man den Dreh raus, trotzdem zwingt einen das Spiel weiterhin zu solch banalen Tätigkeiten. Denn Tony braucht eine bestimmte Menge an Ruf, sonst bleiben Storymissionen verwehrt. Ruf lässt sich erneuern, indem man Geschäfte, Autos und Einrichtungsgegenstände für die Villa kauft. Ja, es steckt auch ein bisschen Sims in Scarface. Und nein, Frauen würden das Spiel nicht gut finden.
Weitere Möglichkeiten des Geldverdienens: Personen vor Gangs schützen, Lieferungen unter Zeitdruck ausführen, Rennen fahren. Spannend ist bloß das Letzte, weil die Zeitlimits so knapp gesetzt sind, dass man meist in letzter Sekunde das Ziel passiert. Stellen Sie einen Eimer vor den Monitor, um Ihre Sturzbäche an Schweiß abzufangen.
Typisch Konsole
Alle Nebenaufträge, abgesehen von den Wettkämpfen, aktivieren Sie über ein Menü, das sich mit einem Gamepad gut steuern ließe. Mit Tastatur ist es ein Krampf. Offenbar hatten die Entwickler weder Lust noch Zeit, am Interface herumzudoktern. Immerhin muss man ihnen zugutehalten, dass sie einen beim Speichern auffordern, den PC nicht auszuschalten - es hätte dort auch von Playstation 2 die Rede sein können.
Bei Schießereien kämpft man weniger gegen verfeindete Clans als gegen den Maus-Cursor. Das Fadenkreuz zuckelt selbst in der höchsten Sensibilitätseinstellung so widerwillig über den Bildschirm, dass die automatische Zielerfassung als Rettung in letzter Not kommt. Wenigstens die Fahrzeugsteuerung funktioniert anstandslos. Nach kurzer Zeit legt man Vollbremsungen hin und schlittert unter Verwendung der Handbremse in Kurven, als hätte man lange geübt - was tatsächlich stimmt, wenn man Vice City auswendig kennt. Das Fahrverhalten scheint diesem Spiel entliehen. Konsolencharakter hat auch die Grafik. Texturen sind typisch farblos, Objekte und Models kantig wie Klötzchen. Trotz der zurückhaltenden Technik läuft Scarface nie 100%ig flüssig, keine 500-Euro-Grafikkarte vermag das zu ändern.
Puls auf 180
Tonys hitziges Temperament ist ins Spiel eingeflossen. Am unteren Bildschirm befindet sich das Mumm-Metermaß. Diese Anzeige füllt sich, wenn Sie den Schweinehund rauslassen. "Trashtalk" ist der kürzeste Weg, um Mumm zu sammeln. Werfen Sie jedem erledigten Gegner eine Beleidigung an den Kopf und die Anzeige schnellt in die Höhe, bis sich der "Blinde Wut"-Modus per Tastendruck aktivieren lässt.
Das wäre eine feine Sache - hätte man sie gut umgesetzt. Aktuell gehen damit mehr Probleme als Spaß einher. Etwa die Tatsache, dass Missionen viel einfacher sind, sollte die blinde Wut zufällig schon zu Beginn aufgeladen sein. Außerdem drängt sich die Frage auf, warum Tony nicht automatisch flucht. Jedes Mal eine Taste drücken, das ist umständlich.
Die Leidenschaft, mit der Tony seine Tiraden vorträgt, kann über diese Unzulänglichkeiten hinwegtrösten. Sprecher André Sogliuzzo intoniert Pacinos kubanischen Akzent mit Inbrunst, er lallt wie ein Könner und lässt Silben abgehackt erklingen. Auf eine deutsche Sprachausgabe hat Publisher Vivendi verzichtet. Eine solche hätte dem Vergleich zum Original wohl ohnehin nicht standgehalten.
Später, wenn Tony einiges an Geld angehäuft hat, darf er Fahrer anwerben. Die bringen auf Befehl einen Wagen vorbei. Das ist fein, einerseits, weil es den Autoklau überflüssig macht. Und andererseits, weil Tony seine Befehle so authentisch ins Handy bellt, dass man Pacino vor dem Mikro und Oliver Stone als Drehbuchschreiber wähnt. Wenn Vivendi mit dem Slogan "Sei das Original, sei Tony Montana" wirbt, dann zu Recht. Tony ist so sehr Original, dass er sich weigert, auf Frauen und Kinder zu schießen. "I don't need this shit", sagt er in Anspielung auf eine wichtige Szene im Film.
Anderes, etwa die Gewaltdarstellung des Vorbilds, hat es nicht in die deutsche Fassung geschafft. Kettensägenmassaker, abgetrennte Körperteile und eimerweise Blut wären vor dem Gremium der BPjM schwierig zu erklären gewesen. Gegner verenden ohne die comichafte Überzeichnung der US-Fassung, dem Spielspaß tut das nichts - außer Sie quälen gern kleine Hasen.
Grand Theft Spiel
Es entbehrt nicht einer Ironie, dass der Film so einfluss- und erfindungsreich war. Denn die Umsetzung ist das genaue Gegenteil davon. Sie klaut alles ab GTA 3 aufwärts und bringt nur minimal eigene Ideen ein. Hier gibt es nichts, was man nicht schon gespielt hätte. Mit mehr Individualität wäre Scarface vielleicht ganz groß geworden. So ist es nur Tonys Ego.
F*** the motherf***ng f***! Hier können auch geübte Schimpfer noch was lernen.
207 Mal kommt jenes F-Wort vor im Film. Hochgerechnet auf die Laufzeit entspricht das 0,02 fps. Die Umsetzung zollt dem Tribut: Sie quetscht Schimpfwörter schneller aus den Boxen als man erröten kann. Ich find's klasse. Scarface atmet die Seele des rotzigen Kinovorbilds und hat mit Tony Montana einen der markantesten Charaktere aufgestellt. Doch die Zornesausbrüche des Hauptdarstellers stehlen der Spielmechanik die Show, zu generisch ist das von GTA geklaute Rasen und Ballern ausgefallen. Besonders unzufrieden war ich mit den Nebenmissionen. Die sind langweiliger als Zeitungen austragen, weil sie kaum Abwechslung bieten: Immer wieder Drogen verkaufen, Ware abliefern und Personen beschützen, das kenne ich doch schon aus dem richtigen Leben. Vice City und San Andreas sind im Vergleich vollgepackt mit originellen Einfällen. Ideenvielfalt ist zwar auch nicht die Stärke der Hauptaufträge, doch dort wirkt sich der solide Story-Unterbau motivationserhaltend aus. Scarface ist insgesamt weit weg von einer spielerischen Glanzleistung, wird aber von Tonys Charisma gestützt und hält sich wacker über dem Sumpf schlechter Spielumsetzungen.