Nur knapp ein Jahr nach dem Release von Most Wanted erscheint der Nachfolger. Ob das gut geht?
Fortsetzungen sind nicht nur in Hollywood ein beliebtes Mittel, die Kassen klingeln zu lassen. Blockbuster wie Fluch der Karibik, Matrix oder Der Herr der Ringe stehen da ganz oben auf der Liste. EA Sports kann, was PC-Spiele anbelangt, ein Lied davon singen. Jahr für Jahr kommt ein neuer FIFA-, NHL-, NBA- oder NFL-Teil auf den Markt und findet reißenden Absatz.
Auch mit der Need for Speed-Reihe bewegt sich Electronic Arts nun wieder auf den alljährlichen Aufguss zu. Kleine Neuerungen sollen die Spieler locken und vor den PC bannen. Aber geht die Strategie des Sportspielbereichs auch im Rennspielgenre auf? Mit dem letzten Need for Speed setzten die Entwickler Maßstäbe, die Polizei war wieder dabei und endlich heizte man bei Tageslicht durch die Straßen. Mit Carbon orientiert sich EA jedoch an den Vorgängern, den Underground-Titeln. So sind Sie in diesem Jahr ausschließlich nachts unterwegs.
Alte Bekannte
Need for Speed Carbon setzt da ein, wo Most Wanted aufhört. Sie fahren in Ihrem BMW M3 gemütlich auf einer der engen Canyon-Straßen, sind auf dem Weg nach Palmont City - bekannt aus Underground 2. Plötzlich tauchen hinter Ihnen zwei Lichtkegel auf, die sich schnell nähern. Eine Chevrolet Corvette verfolgt Sie! Sie treten aufs Gaspedal und versuchen, Ihrem Verfolger zu entkommen, krachen jedoch mit Vollgas in eine Baustelle. Ihr BMW ist schrottreif. Und welches bekannte Gesicht lacht Ihnen wenige Sekunden später entgegen? Na klar! Es ist Cross, der Polizist aus dem Vorgänger. Er will das Kopfgeld von 150.000 Dollar einsacken, das Sie sich in Rockport City erfahren haben.
Sie sehen sich schon im Gefängnis, käme da nicht auf einmal ein edler Spender namens Darius vorbei, der Ihnen gerne die 150.000 Dollar leiht. Nun bekommt auch Nikki, gespielt von Emmanuelle Vaugier, ihren ersten Auftritt und sie wirkt verärgert. Hat das etwa mit dem Verrat am Ende der Handlung von Underground 2 zu tun? Das müssen Sie selbst he-rausfinden. Dank des sich durch die Hintergrundgeschichten der Need for Speed-Reihe ziehenden roten Fadens bekommt die Serie langsam atmosphärische Tiefe. Dazu tragen auch die realen Schauspieler bei, die in der diesjährigen Ausgabe wesentlich überzeugender wirken. Jeder Charakter ist unterschiedlich. Einer ist cool und abgeklärt, der andere scheu und unsicher. Dadurch erscheint die gesamte Szenerie sehr glaubwürdig. Kleine Lacher vor dem Monitor sind garantiert.
Muskelprotz
Da Ihr BMW nun Schrott ist, fangen Sie - wie in jedem Need for Speed-Titel - klein an. Diesmal wählen Sie aus drei Schlitten. Entweder Sie entscheiden sich für den Alfa Romeo Brera, den Mazda RX-8 oder für den Chevrolet Camaro SS, ein Muscle- Car. Damit bekommen Sie auch schon die erste Neuerung zu Gesicht. Endlich haben die Entwickler das verwirklicht, worauf viele Fans lange warten mussten. Die vor PS strotzenden Boliden bilden eine angenehme Abwechslung von den japanischen Rennflundern oder den Nobelkarossen à la Mercedes oder Lamborghini.
Ihre anfängliche Wahl stellt Sie allerdings direkt vor ein Problem. Wählen Sie das Muscle Car aus, so bleiben Ihnen einige Wagen zuerst vorenthalten. Wählen Sie den Mazda, haben Sie relativ schnell Zugriff auf den Porsche Cayman S oder ähnliche Boliden. Das bedeutet indes nicht, dass Sie bei der Wahl des amerikanischen Boliden kein entsprechendes Gegenstück zum Porsche erhalten - ein Dodge Charger R/T wartet bei den Händlern auf Sie, der dem Porsche die Stirn bietet. Außerdem legen Sie durch diese Wahl auch Ihr Startgebiet fest. Wählen Sie den Alfa Romeo, starten Sie in der rechten Ecke der Karte, also in Downtown. Nun geht es darum, den vorherrschenden Gangs die Gebiete, die sie besitzen, streitig zu machen.
Bandenkriege
Im neuesten Need for Speed treten Sie gegen Straßengangs an, die bestimmte Gebiete in Palmont City beherrschen. Erfreut sind diese über Ihre Übernahmebemühungen freilich nicht und versuchen mit allen Mitteln, die Hoheit über ihr Gebiet zu behalten. Nehmen Sie eine Zone ein, kann es vorkommen, dass die gegnerische Partei das Gebiet zurückerobern will. Zur Hilfe eilen Ihnen alsdann einige Kollegen, die sich nach und nach in Ihre Dienste stellen.
Sie fahren also nicht mehr allein. Diese Helfer teilen sich in drei Kategorien auf: die Drafter, Scouts und Blocker. Letztere sind rüde Zeitgenossen, die auf Ihr Geheiß hin Gegner aus dem Weg räumen. Liegen Sie vorne, kümmert sich Ihr Blocker darum, dass die hinter Ihnen fahrenden Rivalen nicht näher an Sie he-rangelangen. Drafter hingegen rasen voraus und lassen Sie im Windschatten fahren. Dadurch erreichen Sie beim Verlassen desselben eine weitaus höhere Endgeschwindigkeit.
Scouts fahren ebenfalls vor und suchen automatisch die günstigste und schnellste Strecke für Sie heraus. Alle Varianten gehen erstaunlich leicht von der Hand, weisen jedoch einige Mängel auf. Hin und wieder kommt es vor, dass ein Teamkamerad Sie bei einem Überholmanöver rammt und aus der Bahn schleudert. Außerdem stellten wir im Test immer wieder fest, dass besonders die Drafter zu Ausbremsversuchen neigen. Wie beim Nitro lädt sich ein Balken allmählich auf und ermöglicht es Ihnen, an strategisch wichtigen Punkten den Teamkollegen lospreschen zu lassen. Ist dieser Balken jedoch leer, bremst Ihr Kamerad stark ab.
Die Folge: Sie rasen mit hoher Geschwindigkeit ins Heck des Partners und verlieren wichtige Sekunden. Wirklich neu ist das Feature obendrein nicht, denn bereits Juiced kannte Teamkameraden, die zeitweise sogar von Gegnern angeheuert wurden, um Sie aus dem Weg zu räumen. Profis werden es außerdem kaum beanspruchen, denn ein wirklich harter Brocken ist Need for Speed Carbon nicht. Dazu trägt auch die Steuerung bei, die wie immer sehr arcadelastig ausfällt, aber im Drift-Modus wesentlich besser hätte ausfallen können. Ein kleiner Richtungswechsel reicht dort aus und Ihr Wagen bricht unkontrollierbar aus. In den normalen Rennen kommen aber selbst -Einsteiger mit allen Autos spielend zurecht.
Probleme mit der Balance
Gegen Ende des Spiels kommen neben den KI-Defiziten auch arge Balancing-Probleme zum Tragen. Der Schwierigkeits-grad steigt rapide und ohne Vorwarnung auf ein Maximum an. Selbst versierte Raser erleben hier einige Frustmomente, denn die Gegner fangen an zu cheaten, kleben am Asphalt und machen kaum noch schwerwiegende Fahrfehler.
Wenn Sie alle nötigen Wettbewerbe in einem Bezirk abgeschlossen haben, fordert Sie schließlich der gegnerische Boss heraus. Diesen bezwingen Sie -zuerst in einem Duell auf den Straßen der Innenstadt, dann geht es in die Berge, genauer gesagt ins spannende Canyon-Rennen. Das ist unterteilt in zwei Abschnitte. Zuerst versuchen Sie, möglichst nah am Gegner zu bleiben oder ihn gar zu überholen. Je näher Sie dranbleiben, desto mehr Punkte hageln auf Ihr Konto. Danach sind Sie am Zug, fahren vorweg und holen einen möglichst großen Vorsprung zum Gegner heraus. Haben Sie genügend Punkte eingefahren, übernehmen Sie den Bezirk der Gang.
Triste Dunkelheit
In Need for Speed sind Sie - wie eingangs erwähnt - ausschließlich nachts unterwegs. Dieser Fakt ist eine zweischneidige Angelegenheit. Auf der einen Seite ist es authentisch, denn illegale Rennen finden in der -Realität meist nachts statt. Auf der anderen Seite bleibt dadurch die Abwechslung auf der Strecke. Dieses Manko kann auch der umfangreiche Tuningshop nicht wieder wettmachen.
Neben vorgefertigten Teilen legen Sie nun selbst Hand an und verändern Tuningteile manuell. So bestimmen Sie die Größe des Heckspoilers, verlängern die Frontschürze, verändern die Motorhaube oder lassen gar den Big-Block eines Muscle Cars aus der Motorhaube lugen. Die obligatorischen Vinyls wurden erweitert, die Vielfalt maximiert. So ist es fast unmöglich, einen Wagen zweimal gleich aussehen zu lassen.
Das ist auch gut so, denn auf den Straßen geht es wie schon im Vorgänger heiß her. Die Gesetzeshüter warten überall auf Sie und erinnern sich an Ihren fahrbaren Untersatz. Je mehr Sie am Wagen verändern, desto weniger wird er der Polizei auffallen und desto weniger Kopfgeld müssen Sie fürchten. Leider fehlt den Cops abermals das nötge Gehirnschmalz, um vernünftige Straßensperren aufzustellen. Letztere sind noch immer löchrig wie ein Schweizer Käse.
Auch die Verhaltensweisen der Männer in Grün wirken unausgereift und fordern dem Spieler zu wenig ab. Apropos Vorgänger, die Grafik hat sich gegenüber Most Wanted in einigen Punkten stark zurückentwickelt. Der Geschwindigkeitsrausch - erzeugt durch den Tunnelblick - wirkt nicht mehr realistisch, sondern aufgesetzt und fast schon wie gemalt. Zwar sind die einzelnen Bezirke von Palmont City mit unterschiedlichen Charakteristika ausgezeichnet, von großem Abwechslungsreichtum kann man jedoch nicht sprechen. Außerdem sind die spaßigen Drag-Rennen nicht mehr dabei. Am Sound gibt es hingegen nichts auszusetzen. Wie immer trumpft EA mit bekannten Bands auf und peitscht Sie musikalisch an. Insgesamt bleibt Most Wanted aber die Nummer 1 der Serie.
Ein Auge lacht, das andere weint. Carbon macht Fehler auf der Zielgeraden.
Ich habe mich so sehr auf den neuesten Teil der Need for Speed-Reihe gefreut. Als die Testversion ankam, bekam ich weiche Knie und schwang mich direkt hinters Gamepad. Doch schon nach den ersten Minuten stellte ich fest, dass trotz der vielen Neuerungen auch etliche Ärgernisse warteten. Doofe KI-Kollegen, die mich während des Rennens rammen und ausbremsen, starke Schwächen im Balancing und Polizisten, die ihren Verstand zu Hause gelassen haben. Gegen Ende wurden einzelne Rennen gar so schwer, dass selbst mehrere PC-Games-Kollegen daran scheiterten. Der Endgegner wirkt dagegen fast wie ein Schonwaschgang. Der Drift-Modus ist nicht mehr der alte. Die Steuerung ist schwammig, der Wagen kaum noch kontrollierbar. Schade! Was mir hingegen überaus gut gefällt, ist die Autosculpt Funktion, mit der ich meinen Wagen individuell gestalte. Auch die Canyon-Rennen bergen Spannung und Unterhaltung - vor allem gegen menschliche Gegner. Dennoch müssen Most Wanted-Besitzer nicht umsatteln, das alte Pferd reitet sich besser.