Mit rasanter Action, spektakulären Stunts und riesiger Spielwelt tritt der amerikanische Agent gegen Carl den Großen (genau, der aus GTA) an - eine gewagte Aufgabe.
Avalanche Studios wagt sich mit Just Cause auf das Hoheitsgebiet der seit Jahren beliebten GTA-Serie. Deren Klasse konnte bisher noch kein Konkurrent erreichen. Just Cause versucht allerdings nicht, das Vorbild zu kopieren. Wo Carl die Hanteln stemmt, Graffiti sprüht, sich die Haare machen lässt und mit Engelsgeduld Frauen hinterherhechelt, verfolgt Agent Rico Rodriguez eine klare Linie: gepflegte Action bis zum Abwinken.
Rangfolge statt Geld
Als geheimer CIA-Mitarbeiter kommandiert man Sie auf die Tropeninsel San Esperito ab. In dem idyllischen Ländchen rumort es gewaltig: Der machthungrige Diktator hortet Massenvernichtungswaffen, Korruption, Drogen- und Waffenhandel florieren. Als Einzelkämpfer kommen Sie nicht weit. Deshalb unterstützen Sie zwei der Gruppierungen des Inselstaates: Zum einen greifen Sie Revoluzzern unter die Arme, zum anderen spielen Sie ein Drogenkartell gegen das andere aus.
Ein echter Agent bekommt zudem Unterstützung vom Arbeitgeber. Zwei Kollegen vor Ort fliegen den Held auf Wunsch zwischen den Verstecken hin und her oder werfen angeforderte Fahrzeuge ab, solange Sie nicht gerade in Schwierigkeiten stecken - was meist der Fall ist. In Nebenmissionen erobern Sie zusammen mit Kriegern der Gruppierungen Siedlungen oder Villen und erledigen einfach gestrickte Aufgaben.
So bringen Sie immer mehr Sektoren unter Ihre Kontrolle, in denen Sie sich sicher bewegen können, und steigen in der Gunst der jeweiligen Partei. Dafür gibt es wiederum bessere Waffen, Fahrzeuge und weitere Basen. Wie bei GTA bunkern Sie in den Verstecken geklaute Autos, holen sich Knarren und speichern Ihren Fortschritt. Davon abgesehen gibt es Kontrollpunkte lediglich in längeren Missionen. Ärgerlich nur, dass diese an den unmöglichsten Stellen speichern - auch wenn bereits fünf Raketen auf Ihren Heli zu fliegen.
Turnmeister
Rico hat richtig spektakuläre Stunts auf Lager. Mit einem Wurfhaken hängt er sich an vorbeizischende Helis, zieht sich kurzerhand ins Cockpit und holt damit eine flüchtende Zielperson ein. Flugs hechtet er vom Hubschrauber auf ein Autodach und übernimmt das Steuer des Wagens. Die Kunststücke sind an sich eine feine Sache und manchmal die einzige Wehrmöglichkeit, denn Sie können aus keinem Vehikel ohne eingebaute Geschütze feuern. Manchmal reagiert der Agent allerdings anders als geplant oder zerschellt beim Einsteigen samt Hubschrauber am nächstbesten Gebäude.
Schöner ableben
Das ist der Punkt, an dem Just Cause Nerven kostet: Rico lebt viel zu oft ohne eigenes Zutun ab. Dass Sie Autos zu Fuß kaum ausweichen können, sowie Explosionen mit gewaltigem Wirkungskreis und die beschränkte KI tragen einen großen Teil dazu bei. Die Bots bauen gerne Massenkarambolagen, schießen mit Raketen oder werfen Granaten - das macht selbst die eigenen Leute gefährlich.
Weitere Dämpfer erfährt der Spielspaß durch die schwammige Steuerung der Autos und ein paar Ungereimtheiten, die hoffentlich nur die Testversion betreffen: Unser Gamepad funktionierte nicht, trotz nicht vorhandenem Fahndungslevel wurden wir teils heftig attackiert. Nach Neustart des Spiels war der Spuk beim gleichen Spielstand dagegen vorbei. Immer wieder ertönten völlig deplatzierte Sounds und kurioserweise war Rico nach einer Zwischensequenz tot.
Trotz Schwächen: die derzeit beste GTA-Alternative.
Es auf Anhieb mit San Andreas aufnehmen zu wollen - das ist ein hehres Ziel. Dass der Abstand so groß ausfällt, hätte aber auch nicht sein müssen. Denn Just Cause bietet genug gute, eigenständige Ideen, Action ab der ersten Sekunde und eine reizvolle Spielwelt. Die Wertung vermiest sich Rico in erster Linie durch viele kleine, summa summarum recht nervige Schnitzer: nicht optimale Kontrollpunkte und Steuerung, nicht nachvollziehbarer Fahndungslevel, Autos, die direkt vor einem aufpoppen ... Die schlechte KI fällt gar nicht sonderlich ins Gewicht, die ist bei der Konkurrenz keinen Deut besser. Aber wer kam auf die Idee, den Computer-Dumpfbacken Granaten und Raketenwerfer in die Hand zu drücken? Wenigstens die Auswirkungen der häufigen Kollisionen als Fußgänger mit Autos sollten milder ausfallen. Es gibt wohl kein anderes Spiel, in dem ich in so kurzer Zeit so oft machtlos ins virtuelle Nirwana verfrachtet wurde.