Testbericht

07.03.2001 15:51 Uhr

Schon wieder Pole Position

Die letzte Simulation dieser Formel-1-Saison erblickt gerade noch rechtzeitig vor dem Saisonende das Licht der Welt. Und besetzt trotz aller vorherigen Unkenrufe knapp die Pole Position.

PC Games-
Spielspaß-Wertung
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Vergessen Sie langweilige Formel-1-Übertragungen, verzichten Sie auf die Werbepausen. Mit Grand Prix 3 können Sie zeigen, wie man mehr Formel-1-Rennen gewinnt als Michael Schumacher und dass selbst an einem PC das Rennenfahren harte Arbeit ist.
Die Motoren heulen. Die Fahrer starren gebannt auf die Lichtanlage. Nichts bewegt sich. Plötzlich kreischen die Reifen, 22 Rennwagen machen einen Satz nach vorne. In der allgemeinen Hektik versuchen die Fahrer, aneinander vorbeizudrängeln, den Gegnern auszuweichen und gleichzeitig den Weg zu versperren. Erst am Ende der ersten Kurve hat sich das Feld etwas geordnet und jeder Teilnehmer konzentriert sich auf sein eigenes Rennen.
Formel 1 bedeutet Lärm, Hektik und vor allem jede Menge Adrenalin. Genau diese Stimmung ist es, die Spieldesigner Geoff Crammond einfangen wollte. Der Weg dazu ist seiner Meinung nach Realismus pur - und über eine Million verkaufter Grand-Prix-Simulationen beweisen, dass er damit richtig liegt. Mit nur zwei wirklich erfolgreichen Spielen und ganz ohne selbst ins Rampenlicht zu treten, hat es Crammond geschafft, zu einem der weltweit bekanntesten Entwickler zu werden. Vier Jahre lang arbeitete er zusammen mit zwei kleinen Programmierteams an dem, was er die derzeit perfekteste Formel-1-Simulation nennt.
Grand Prix 3 bietet alles, was man sich von einem solchen Programm erwünscht. Alle Strecken, Teams und Fahrer (außer Jaques Villeneuve) der 1998er-Saison sind in der Simulation enthalten, selbst winzigste Sponsorenaufkleber finden sich an den richtigen Stellen. Ins Spiel gelangen all die Features durch vier beliebig wählbare Rennmodi, die im Großen und Ganzen Gewohntes bieten. Das Schnelle Rennen ist für denjenigen Spieler gedacht, der ohne Training, Strategie und sonstigen Luxus über eine der insgesamt 16 Strecken rasen will. Die Rennlänge ist in diesem wie in allen anderen Modi auf das Minimum von drei Runden begrenzbar, womit selbst in kurzen Mittagspausen mehrere Spiele möglich sind.
Wer bei den Schnellen Rennen eine Aussicht auf halbwegs vernünftige Ergebnisse haben möchte, sollte sich vorher im "Testfahrt" genannten Modus an die Fahreigenschaften seines Rennwagens gewöhnt haben. Der Schwierigkeitsgrad von Grand Prix 3 ist nämlich derart hoch, dass Einsteiger selbst mit den leichtesten Spieleinstellungen keinerlei Chancen auf eine Platzierung unter den ersten 20 Fahrern haben. Die Testfahrt bietet Gelegenheit, die Strecken und vor allem sein Fahrzeug kennen zu lernen. Man hat den Kurs für sich alleine, solange man will, und kann sich nach Herzenslust austoben. Wer hier sinnvoll "arbeiten" möchte, sollte mit Höchstgeschwindigkeit eine fliegende Runde fahren und anschließend in der Boxengasse die Telemetriedaten auswerten. Durch eine genaue Analyse der insgesamt 20 Graphen lässt sich feststellen, wie sich die vom Programm vorgegebene Fahrzeugeinstellung an den eigenen Fahrstil anpassen lässt. Das Setup ist ebenfalls in der Boxengasse anwählbar, hier lassen sich auf relativ bequeme Art und Weise weit über 40 verschiedene Einstellungen am Wagen vornehmen. Leider erfährt man nicht sofort, welche Auswirkungen die Veränderungen auf das Fahrverhalten haben werden. Somit bleibt dem eifrigen Rennfahrer nichts anderes übrig, als immer und immer wieder auf die Strecke hinauszufahren und die Performance seines Wagens zu überprüfen.
Sobald man nach einem langen Testwochenende endlich mit seinem Wagen zufrieden ist, darf man sich an das Rennen ohne Wertung wagen. So nennt sich in Grand Prix 3 das Rennwochenende, das außerhalb einer Meisterschaftssaison gefahren wird. Hier wird nahezu alles geboten, was einen Grand Prix ausmacht: zwei freie Trainings, eine Qualifikation, das Warm-Up und natürlich das Rennen selbst. Die Zeit- und Rundenlimits des FIA-Reglements gelten auch in Grand Prix 3, was deutlich dem Nervenkitzel zugute kommt. Die computergesteuerten Fahrer machen nämlich wirklich den Eindruck, als würden sie sich und den Spieler belauern und sich nur im Falle eines Rückstands auf die Strecke bemühen. Auch die meisten anderen Regeln des FIA Sporting Code fanden den Weg in die Simulation, es gibt also kaum etwas, was ein Formel-1-Fan vermissen könnte. Die 107%-Regel blieb allerdings außen vor, da nach Aussage von MicroProse zu viele Spieler keine ausreichende Geduld für die Qualifikation haben und zu langsam gewesen wären, um sich für ein Rennen zu qualifizieren.
Mit einem Regelverstoß von Crammond beginnt das eigentliche Rennen: Anstatt mit einer Aufwärmrunde wird der Meisterschaftslauf gleich mit der ersten Rennrunde eröffnet. Doch direkt nach dem Erlöschen der Startleuchten erfüllt Grand Prix 3 sämtliche Erwartungen. Harte Positionskämpfe während des Starts, verbissene und dennoch faire Platzierungsraufereien während des Rennens und erfreulich viele Überholvorgänge sorgen für spannende und abwechslungsreiche Meisterschaftsläufe. Um dies zu erreichen, musste Geoff Crammond allerdings von seiner Realismus-Maxime Abstand nehmen: In echten Rennen dominiert die Boxenstrategie, Überholen ist eine seltene Ausnahme. Indem das Verhalten der einzelnen simulierten Fahrer (die übrigens individuelle Werte für Aggressivität, Fahrvermögen etc. besitzen) etwas draufgängerischer gewählt wurde, als es in Wirklichkeit der Fall ist, wird auch der eine oder andere aussichtslose Überholversuch gestartet, die Kiesbetten werden häufig beansprucht und Karambolagen sind unvermeidbar. Dies betrifft auch den Spieler, der selbst bei einer fehlerfreien Fahrt leicht Opfer eines allzu kämpferischen Konkurrenten werden kann.
Das Fahrmodell von Grand Prix 3 ist über jeden Zweifel erhaben. Selbst wenn alle Fahrhilfen eingeschaltet sind, bekommt man schnell ein Gefühl für den Wagen und hat die Illusion des wirklichen Fahrens. Nach wenigen Stunden besitzt der Spieler ein untrügliches Gefühl dafür, wie sich der Wagen beim Bremsen verhält, wie schnell man - ohne ins Schleudern zu kommen - eine Kurve durchfahren kann und wie man ein außer Kontrolle geratenes Fahrzeug wieder in den Griff kriegt. Das gilt für einen Ferrari genauso wie für einen Sauber oder einen Minardi: Für sämtliche Wagen, die der Spieler fährt, existiert leider nur ein einziges physikalisches Modell - auch hier wird Crammond seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Während die PC-gesteuerten Boliden ein halbwegs realistisches Fahrverhalten an den Tag legen und somit auch glaubwürdige Rennergebnisse einfahren, besteht der einzige Unterschied zwischen den vom Spieler gefahrenen Wagen nur in der Lackierung. Angeblich um auch den Sauber-Fans eine Chance auf einen Grand-Prix-Sieg zu geben, hat MicroProse beschlossen, dem Spieler nur ein einziges Fahrmodell zuzumuten. Die Herausforderung, in eben diesem Sauber ein Rennen zu gewinnen, ist damit allerdings nicht größer als die in einem Ferrari. Außer, Sie aktivieren die Leistungsdaten der Fahrer von 1998, dann sind zumindest die anderen Piloten so stark oder schwach wie damals. Nutzen Sie die Optionen "Alle gleich" oder "Zufällig" und stellen Sie die Fahrerstärke auf 100%, merken Sie die unglaubliche Stärke der Computergegner. Trotzdem: Auf das Fahrverhalten hat das null Einfluss.
Das Innovations-Highlight des Programms ist das Wettersystem. Vor jedem Rennen informiert eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, wann mit Regen zu rechnen ist - ob er aber auch tatsächlich eintritt, ist nicht garantiert. Wenn es denn einmal regnet, wird die Strecke zunächst schmierig und anschließend nass, um nach dem Ende des Unwetters langsam abzutrocknen. Das passiert sehr ungleichmäßig: Während ein Teil der Strecke bereits völlig trocken ist, können sich auf anderen Teilen noch tiefe Pfützen befinden. Auf solchen Flächen zu fahren, bedarf der Umgewöhnung. Die Bodenhaftung lässt deutlich nach, selbst weite Kurven werden zur Gefahr und auch plötzliche Ausweichmanöver enden schnell im Kiesbett. Das wirklich Verheerende am Regen ist aber die Tatsache, dass vorausfahrende Fahrzeuge das Wasser aufwirbeln und eine dichte Gischtwand hinter sich herziehen. Diese nahezu undurchsichtige Wolke wird von Grand Prix 3 eindrucksvoll in Szene gesetzt und verhindert zuverlässig, dass man gefahrlos in die Nähe eines Konkurrenten kommt oder gar überholen kann.
Die Meisterschaftssaison ist das eigentliche Herzstück von Grand Prix 3. Hier wählt man zunächst sein Team aus, um direkt im Anschluss alle 16 Rennwochenenden der Saison 1998 nacheinander abzuarbeiten. Ein Karrieremodus, bei dem man beispielsweise das Team wechseln und mehrere Meisterschaften nacheinander fahren kann, ist nicht vorhanden. Während die Simulation fahrerisch all ihren Konkurrenten überlegen ist, ist sie dagegen in puncto Variantenreichtum reiner Durchschnitt.
Auch technisch kann Grand Prix 3 nicht restlos überzeugen. Beispielsweise wurden sämtliche Geräusche unverändert aus der Vorgängerversion übernommen und das angebliche 3D-Soundsystem ermöglicht es nicht einmal, auf akustischem Weg überholende Gegner zu orten. Noch enttäuschender ist die Grafik. Zwar ist sie schnell oder detailliert (auf flotten Rechnern sogar beides), bei genauerem Hinsehen liegt aber einiges im Argen. So existiert nur ein einziges Fahrzeugmodell, das lediglich mit 22 verschiedenen Texturen überzogen wird. Der Effekt ist leider nicht sehr überzeugend, zumal es 1998 dank der mittlerweile verbotenen Seitenflügel große Designunterschiede zwischen den einzelnen Wagentypen gab. Zudem scheint die 3D-Engine für die Darstellung eine Mischung aus dreidimensionalen Polygonen und flachen Einzelbildern zu verwenden - anders lassen sich die unschönen Treppeneffekte an den Objekträndern, die Verzerrungen und die bis zu einem Meter über der Fahrbahn schwebenden Fahrzeuge nicht erklären. Etliche Programmteile scheinen aus Grand Prix 2 zu stammen. Beispielsweise finden sich die gleichen Grafikfehler wieder, die Menüstruktur wurde nahezu unverändert übernommen und sogar das DOS-Relikt Joystick-Kalibrierung existiert nach wie vor. Letzteres ist in einem Windows-9x-Spiel völlig überflüssig und sorgt auch für massivste Probleme mit Lenkrädern.
(Harald Wagner)
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Florian Stangl

Das kommt davon, wenn ein einzelner Programmierer alles an sich reißt. Die vielen Probleme und Fehler hätten nicht sein müssen!

Das kommt davon, wenn ein einzelner Programmierer alles an sich reißt und einfach nicht fertig wird. Geoff Crammond ist sicher eine Koryphäe auf seinem Gebiet, aber die vielen Kleinigkeiten, die uns bei Grand Prix 3 genervt haben, hätte ein größeres Team von gleichberechtigten Designern wohl frühzeitig ausgemerzt. Die Probleme mit den Lenkrädern, der dumme Designfehler im Mehrspielermodus und das antiquierte Menüsystem dürfen bei vier Jahren Entwicklungszeit nicht passieren. Dass Grand Prix 3 trotzdem begeistert, liegt natürlich am fast perfekten Fahrgefühl und den vielschichtigen Möglichkeiten, mit Auto und Strecken zu arbeiten und sich jedes Mal um ein paar Zehntel nach vorne zu kämpfen. In keinem anderen Spiel merkt der Fahrer so differenziert, wann der Bolide auszubrechen droht. Sogar mit der Tastatursteuerung läßt sich der Wagen meist noch abfangen. Die alten Saisondaten kann ich verschmerzen, die offensichtlichen Grafikfehler auch. Viel wichtiger ist, dass der Blickwinkel aus dem Cockpit nicht nur realistisch wirkt, sondern auch das richtige Einschätzen von Kurven und Gegnerposition ermöglicht. Trotzdem: Wer Grand Prix 2 stundenlang gespielt hat, wird sich schnell fragen, was Herr Crammond eigentlich all die Jahre gemacht hat.
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Harald Wagner

Ich will den Eindruck haben, dass ich mich wirklich auf einer Formel-1-Piste befinde.

Jahrelang habe ich auf Grand Prix 3 gewartet und in dieser Zeit die perfekte Simulation erwartet. Nun, die perfekte Simulation ist Grand Prix 3 definitiv nicht geworden. An allen Ecken und Enden finden sich Designmängel, kleine und auch größere Programmfehler, unerfüllte Wünsche und spaßbremsende Mankos der Benutzeroberfläche. Aber egal, darauf kommt es ja nicht an. Letztendlich will ich fahren. Ich will den Eindruck haben, dass ich einen 600-PS-Boliden beherrschen kann, dass ich gegen harte Konkurrenz bestehe und vor allem, dass ich mich wirklich auf einer Formel-1-Piste befinde. Und all dies kann mir Grand Prix 3 bieten: Ich verliere in jeder Runde eine Zehntelsekunde? Die Telemetrie wird mir verraten, wie ich schneller sein kann. Häkkinen versucht, mich von der Piste zu drängen? Den kaufe ich mir in der nächsten Runde! Ich will einen echten Geschwindigkeitsrausch? Nach ein paar Minuten Grand Prix 3 rinnt mir garantiert der Schweiß von der Stirn, das Adrenalin kocht in den Adern und ich habe einfach Lust, zu Fahren, zu Kämpfen und zu Siegen! Was kann man von einer Formel-1-Simulation mehr verlangen?
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Allgemeine Infos

Name Grand Prix 3
Genre Rennspiel
Webseite http://www.grandprixgames...
Hersteller Microprose
Anbieter Hasbro Interactive
VÖ-Termin 01.10.2000 - zu diesem Produkt einen Lesertest schreiben!
Preis nicht bekannt
Plattformen: pc.gif
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