Wo es Dreamfall an Rätseln fehlt, setzt es mit fantastischer Optik und dramatischer Handlung neue Zeichen am Adventure-Himmel.
Kennen Sie das? Sie sehen einen Film, an den Sie null Erwartungen knüpften - und wischen sich noch lange nach dem Abspann die Tränen der Rührung aus dem Gesicht. Erstaunlich, wie sehr manche Geschichten einen bewegen, besonders, wenn sie derart überdreht sind wie die von Dreamfall: The Longest Journey. Oder hätten Sie vielleicht geglaubt, dass die Handlung um eine gelangweilte Studentin aus der Zukunft, ein Geistermädchen im Fernseher, eine Freiheitskämpferin im Mittelalter, eine raffgierige Firma mit einem schrecklichen Geheimnis, einen Dimensionsreisenden im tibetanischen Kloster und einen radikalen Missionar mit Gewissensbissen irgendwie mitreißen könnte?
Solch haarsträubende Themen zelebriert Dreamfall im Minutentakt - und zieht in seinen Bann, sorgt für beklemmende Momente bis hin zum - ganz ohne Spoiler geht es nicht - depressiv stimmenden Schluss. Es ist ein Spiel, über das sich Adventure-Fans vermutlich ewig streiten, eines, das polarisiert und für Glücks- wie auch Enttäuschungsmomente sorgt. Ein bemerkenswertes Spiel - aber auch eines, dem es an solidem Gameplay mangelt.
Verwirrende Story
Dreamfall handelt von drei Menschen auf zwei verschiedenen Welten. Wer den Vorgänger The Longest Journey (74% in PC Games 04/2000) kennt, freut sich über ein Wiedersehen mit alten Bekannten - und blickt deutlich besser durch. Denn auch in Dreamfall spielen das von Technologie dominierte Stark, eine der zwei Welten, und Arcadia, das esoterische Gegenstück, wieder wichtige Rollen - entsprechende Vorkenntnisse sind also durchaus hilfreich.
Die Geschichte beginnt per Rückblende in Tibet, hüpft dann aber gleich ins Casablanca des Jahres 2219. Gewöhnen Sie sich besser schnell an solche Zeit- und Dimensionssprünge, sie geschehen oft. Man lernt die erste Hauptfigur kennen, Zoë Castillo, eine hübsche Studentin von 20 Jahren. Sie sieht fern, ist lustlos und lethargisch, hat sogar ihr Studium abgebrochen.
Plötzlich wird ihr TV-Bild von einem Rauschen gestört, ein Mädchen ist zu erkennen. "Finde April, rette April", wiederholt das Kind in beängstigender Tonlosigkeit. Die Szene dauert nur wenige Sekunden, lässt jedoch wohlige Schauer aufkommen. Zoë beginnt ihr eigentliches Abenteuer zwar erst, als sie sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Ex-Freund Reza macht, doch das Geheimnis um das rätselhafte Mädchen entpuppt sich schon bald als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.
Zauberhafte Welt
Szenenwechsel. Man sieht die Welt Arcadia, einen mittelalterlichen Ort in einer anderen Dimension, voller Mystik und Magie. Die Untergrundkämpferin April Ryan bereitet dort mit ihren Gefährten den Überfall auf einen Konvoi vor. Freunden klassischer Adventures lässt es das Blut in den Adern gefrieren: Der Kampf ist voll spielbar. Doch keine Sorge: Im gesamten Spiel kommen lediglich eine Hand voll Prügelszenen vor, jede davon kürzer und belangloser als die andere. Einfach ein paar Tasten hämmern, schon ist es wieder vorbei. Schleichpassagen gibt es ebenfalls, auch diese sind sehr simpel, aber durchaus spannend.
Als dritten spielbaren Hauptcharakter lernt man Kian kennen, eine Art kämpfenden Missionar. Seine Lebensaufgabe: Ungläubige im Auftrag seiner Herren zu Gott führen, notfalls mit Gewalt. Er bekommt die Anweisung, April auszuschalten, sieht sich jedoch früh mit moralischen Grundsatzentscheidungen konfrontiert - die temperamentvolle April weckt in dem Glaubensritter eine ihm unbekannte menschliche Seite. Er ist ein interessanter Charakter, der allerdings ein wenig zu kurz kommt und mehr Szenen verdient hätte.
Dreamfall jongliert mit Schauplätzen, ineinander verflochtenen Themen und Mysterien, dass es einem ganz schwindelig wird. Der Vorteil gegenüber Fahrenheit ist jedoch das stetige Niveau: Die Handlung beginnt überdreht und endet auch so, nimmt sich aber viel Zeit für seine Figuren und driftet nie ins Absurde ab. Ein erzählerisches Kunststück, dessen Ende eine Menge Fragen offen lässt - auch deshalb, weil es das Mittelstück einer Trilogie darstellt: Dreamfall 2 ist laut Schöpfer Ragnar Tornquist bereits fest eingeplant.
Spiel oder Film?
Auch wenn noch so viel Story und Charaktere auf einen niederprasseln, Funcom hat beim Gameplay geknausert. Ähnlich wie in Tomb Raider steuert man die Charaktere durch die traumhaft schönen 3D-Kulissen, sackt manchmal einen Gegenstand ein und führt lange Gespräche - schön und gut. Nur die Rätsel, das Salz in der Abenteuersuppe, kommen viel zu kurz. Bis auf eine Ausnahme waren wir beim Test zu keinem Zeitpunkt gefordert, jede Aufgabe löst man in Sekundenschnelle.
Kurz gesagt: Spielerisch ist zu wenig Fleisch an dem streng linearen Titel, zu oft genügt es, von A nach B zu laufen. Warum hat man hier nicht stärker den Vorgänger bedacht, der mit guten, kniffligen Rätseln punktete? So vergehen die geschätzten zwölf Stunden bis zum Ende des Spiels ohne jede Mühe, erfahrene Adventure-Spieler fühlen sich eher wie in einem Film als in einem Spiel, so häufig ist man zum Zusehen vedonnert.
Die technische Seite
Ein Blick auf die Screenshots genügt: Kein anderes Adventure sieht derzeit besser aus als Dreamfall: The Longest Journey. Besonders in Arcadia gibt es fantastische Texturen zu betrachten, angebracht etwa auf wunderschöner Architektur einer liebevoll modellierten Stadt. Bedauerlicherweise - und das ist die Kehrseite der Medaille -, sind die Areale sehr klein, Übergänge werden mit sekundenlangen Ladezeiten abgestraft.
Dafür entschädigt die schier grenzenlose Fantasie der Entwickler: Wenn man von einem exotischen Schauplatz zum nächsten wandert, muss man schlichtweg staunen. Ähnlich grandios ist die Musik, so orchestral und edel, wie es einem Abenteuer dieser Größenordnung zusteht. Bei der Steuerung war uns die Maus-Tastatur-Lösung nicht präzise genug, wer jedoch ein paar Minuten Einarbeitung nicht scheut, kommt damit klar - alle anderen benutzen besser ein Gamepad.
Bei der deutschen Version hat Publisher Dtp einen guten Job gemacht, die meisten Sprecher legen sich mächtig ins Zeug. Die englische Sprachausgabe ist allerdings immer noch einen Tick besser: Klasse, dass man jederzeit zwischen den Sprachen wechseln kann!
Modern und bizarr, faszinierend und packend - wenn man nicht alles verstehen muss.
Ich gebe freimütig zu, dass ich nicht so wirklich durchblicke in diesem herrlichen Chaos aus Charakteren und Orten. Wie sehr das frustrieren kann, zeigen die Funcom-Foren, wo Fans des Vorgängers ihrem Ärger über die vielen losen Enden der Handlung Luft machen. Aber: Dort gibt es ebenso viele Begeisterte, die eifrig über Erklärungsansätze und Interpretationen diskutieren. Ich habe Dreamfall genossen wie einen Film von David Lynch - manchmal muss man eben nicht alles verstehen, um eine gute Zeit zu haben. Es ging sogar so weit, dass mich der radikal verwirrende Schluss zu Tränen rührte - weil ich mich auf die Handlung einließ. Wer das nicht tut, und hier kommt die Warnung, dürfte es schwer haben mit Dreamfall, denn abseits der Geschichte gibt es wenig zu tun. Die Rätsel und Kämpfe fordern nicht im Geringsten, sie sind es, die dem wunderbaren Spiel eine höhere Wertung verweigern.