Virtueller Zweiter Weltkrieg aus drei Perspektiven - oder: Wie gut die geniale Serie der Pyro Studios den Sprung vom Strategie- ins Action-Genre schaffte.
Frauen kennen das: Männer, die zu Selbstüberschätzung neigen, loben sich in bestimmten Situationen gern mit Sprüchen wie "Oh ja! Ich bin gut!" Im Fall des Scharfschützen William Hawkins passt es allerdings, wenn er derlei vor sich hin murmelt. Beispielsweise, weil er mal wieder mit List und Tücke mehrere deutsche Soldaten ausgeschaltet hat. Hawkins gehört einer perfekt ausgebildeten, dreiköpfigen Spezialeinheit an, die in Commandos: Strike Force während des Zweiten Weltkriegs 1942 hinter feindlichen Linien operiert. Der Spieler verkörpert bei dem taktischen Ego-Shooter wechselnd einen Scharfschützen, Green Beret und Spion.
Fliegender Charakterwechsel
Strike Force ist erfrischend, weil es sich einen Tick anders "anfühlt" als etwa Genrevertreter à la Call of Duty 2. Jeder der drei Charaktere spielt sich einzigartig, da sie unterschiedliche Fähigkeiten haben. Gut erklären lässt sich das anhand des Levels "Ein kühler Empfang". Denn hier kommen alle drei Commandos zum Einsatz und Sie wechseln mehrfach, um die Mission zu bestehen.
Ihr Auftrag lautet, Sprengsätze nach Norwegen zu liefern. Damit sollen Widerstandskämpfer die Atomwaffen-Produktionsanlagen der Deutschen zerstören. Als Ihr Trupp mit dem Schiff bei den Docks ankommt, wird das Boot gefilzt und es kommt zu einem dramatischen Schusswechsel. Während Sie nun als Scharfschütze MG-Nester in den Fenstern der weiter entfernten Häuser aufs Korn nehmen, kümmert sich der Green Beret um die Soldaten in der Nähe.
Ein Tastendruck genügt für die hektischen, aber packenden fliegenden Wechsel. Kugeln, die Ihnen um die Ohren pfeifen, das Rattern der Maschinengewehre, die Schreie Getroffener und dramatische Musik sorgen für ordentlich Atmosphäre. Glücklicherweise besitzen Ihre Spielfiguren Erste-Hilfe-Kästen, mit denen sie sich und verbündete Soldaten heilen können.
Das ist nicht unwichtig, denn wenn zu viele Ihrer computergesteuerten Kumpels sterben, kann's schon mal "Game Over" heißen. Zwischenzeitlich bietet das Spiel ein Sekundärziel: Sie sollen einen Offizier ausknipsen, der mit einem Boot flüchten will. Derlei Bonus-aufträge müssen Sie aber nicht schaffen, um weiterzukommen. Haben Sie alle Feinde am Hafen erledigt, ist der nächste Schritt viel wichtiger:
Die Sprengsätze sollen auf dem Landweg weitertransportiert werden, allein es fehlt an passenden LKWs! Jetzt kommt der Spion zum Einsatz, der mit dem Scharfschützen per Schlauchboot zu einer Farm am anderen Ufer schippern und die Gegend erkunden soll. Dabei hilft ein Radar am unteren linken Bildrand. Das zeigt die nächsten Wegpunkte, Feinde und deren Blick- oder Laufrichtung sowie in den Farben Grün, Gelb und Rot, ob die Typen ahnungslos, angespannt oder alarmiert sind.
Damit das zuletzt Genannte nicht geschieht, schaltet unser Spion eine erste Wache lautlos und ungesehen aus und schnappt sich die Uniform des Opfers. Das bringt wertvolle Sekunden, wenn er auf weitere Deutsche trifft. Denn: Gleichrangige Soldaten erkennen immerhin nicht so schnell, dass da ein Wolf im Schafspelz an ihnen vorübertappt. In anderen Abschnitten steigt der Spion durch seine Verkleidungskünste übrigens bis zum Offizier oder Gestapo-Mann auf. So kann er sich sogar völlig ungeschoren zwischen Unteroffizieren bewegen.
Tja, Kleider machen Leute und Tarn-, Täusch- und Schleich-Manöver in Strike Force erleichtern einem das virtuelle Leben oft ungemein! Vorsichtig durch Schlüssellöcher gucken zu können, gehört deshalb ebenso zum Repertoire Ihrer Pixelhelden. Doch zurück nach Norwegen: Es ist selbstverständlich möglich, dass Sie zusätzlich den Scharfschützen einsetzen, um letztendlich die Farm und damit auch die dort stehenden Laster zu erobern. Beinahe jeder Auftrag ermöglicht mehrere Lösungswege. Prima!
Nicht alles hui
Es gibt auch Anlass zu Kritik. Die Grafik ist nicht ganz auf dem modernsten Stand, was sich zum Beispiel in der kantigen Umgebungsoptik, wenig detaillierten Figuren und bei Büschen zeigt, welche wie IKEA-Möbel aus Platten zusammengesteckt scheinen. Mit der Lippensynchronizität der Protagonisten hapert es zeitweise stark. In wenigen Fällen ist die Orientierung trotz Karte haarig, was zu Frustpotenzial führt.
Ein paar künstliche oder gar unsichtbare Levelbegrenzungen zehren in diesem Zusammenhang auch etwas an der Glaubwürdigkeit der Spielwelt. Ferner präsentiert sich das Spiel zwar schön, aber eben nicht als so bahnbrechend inszeniert wie Call of Duty 2. Doch genug gemosert! Commandos: Strike Force bietet eine dreiteilige Kampagne (Frankreich, Norwegen und Russland), 15 authentische Waffen und 14 Levels.
Drei Schwierigkeitsgrade und die einwandfreie Speicherfunktion lassen sowohl Einsteiger als auch Fortgeschrittene auf ihre Kosten kommen. Zwischensequenzen spinnen die Story fort, in deren Mittelpunkt das Schicksal der drei Kommandos steht. Das Abenteuer dauert durchschnittlich zwar maximal acht Stunden, dafür ist es aber abwechslungsreich. Womit sich der Kreis schließt: Könnte dieses Spiel sprechen und "Oh ja! Ich bin gut!", von sich geben - nicht mal frustrierte Frauen würden es ihm übel nehmen.