Schwerer als Bayern Münchens Vertragsverlängerung mit Michael Ballack, schöner als ein beckhamscher Freistoß in den Winkel: PES 5 zelebriert Fußball brillanter als zuvor!
Shingo Takatsuka heißt der Mann, der die virtuelle Fußballwelt veränderte und mit seiner einst als Geheimtipp geltenden Fußball-Simulation Pro Evolution Soccer Millionen Computer- und Videospieler begeistert. Nachdem der Japaner und sein Team bereits seit Jahren den Konsolenmarkt dominierten, stibitzte Pro Evolution Soccer 3 2003 auch dem bis dato konkurrenzlos guten FIFA Football die PC-Spielspaß-Meisterschaft.
Zwar konnte Konamis Referenz-Kick in puncto Umfang (Mannschaften, Ligen, Originaldaten) und Präsentation nicht mithalten, überzeugte dafür aber mit einer unglaublich realistischen Spielbarkeit sowie einer beinahe perfekten Ballphysik. Nachdem das arcadelastigere FIFA 06 vor zwei Ausgaben an PES 4 scheiterte, kann der fünfte Teil eigentlich entspannter als Oliver Kahn beim Freundschaftsspiel gegen einen Kreisligisten auflaufen. Tut er aber nicht - denn zum WM-Jahr 2006 haben die Entwickler das bekannte Gameplay über Bord geworfen und gegen ein noch realistischeres Spielerlebnis ausgetauscht. "Geht nicht!", denken Sie? Geht doch!
Ganz schön schwer
Nachdem der Ärger über das eins zu eins von der Playstation-2-Version kopierte und immer noch umständlich zu bedienende Menüdesign verflogen ist, folgt mit dem Anstoß zur ersten Partie ein mittelschwerer Kulturschock. Denn Pro Evolution Soccer 5 spielt sich anders als sein Vorgänger. Die Kicker reagieren einen Tick langsamer, der Ball rollt nicht mehr punktgenau in den Fuß des Mitspielers, Grätschen sind schwerer zu timen, die Abwehrreihen agieren sehr viel stärker und Torschüsse lassen sich nicht mehr so einfach platzieren.
Da sich der Schussbalken schneller rot färbt als Matthias Sammers Birne, verfehlen viele Versuche das Ziel. Wobei "viele Versuche" relativ ist - denn die Anzahl der Torchancen und Strafraumszenen ist geringer, was sich anfangs auch in Form vieler torarmer Partien widerspiegelt. Kein Grund zur Sorge, denn mithilfe einiger Testspiele sowie den erweiterten und vielfältigen Trainingsoptionen werden Sie mit Pro Evolution Soccer 5 langsam aber sicher warm. Installieren, losspielen und von Sieg zu Sieg eilen ist jedoch nicht mehr.
Wie im echten (Fußballer-) Leben wollen Erfolge hart erarbeitet werden. Das Schöne daran: Es funktioniert wunderbar. Wer den Dreh erst einmal raus hat und weiß, wie Torschüsse am wirkungsvollsten sind, welches Timing Pässe, Flanken und Grätschen erfordern und mit welchen Tricks sich die gegnerischen Abwehrreihen aushebeln lassen, wird mit einem weltmeisterlichen Spielerlebnis belohnt. Traumkombinationen und fantastische Tore sind noch immer an der Tagesordnung - allerdings erst, sobald man den Bogen raus hat.
Fummler und Trickser gesucht
Klasse: Auch nach 50 Partien entdeckt man immer wieder neue Sachen oder Tricks, wie beispielsweise Ronaldinhos legendären Übersteiger oder Wayne Rooneys gewaltigen Dropkick. Da die gegnerischen Verteidiger enger am Mann stehen und einem den Ball bei der kleinsten Chance vom Fuß spitzeln, hat Konami das Dribblingsystem variantenreicher gestaltet. Wie beim Vorgänger ist ein Gamepad mit zwei Analogsticks und vier Schultertasten Pflicht, wenn man alle Moves nutzen möchte.
Und davon gibt es noch mehr als zuvor. Während Sie beispielsweise mit dem linken Stick auf den gegnerischen Abwehrspieler zulaufen, können Sie entweder mit dem rechten Analogstick zum Dribbling ansetzen, mit einem Druck auf eine der Schultertasten einen Übersteiger versuchen, eine Ballpirouette drehen oder dem verdutzten Verteidiger das Leder rotzfrech durch die Beine spielen.
Klingt kompliziert - und das ist es anfangs auch. "Warum also nicht öfter mal aus der Distanz abziehen?", dachten sich bereits viele Spieler nach dem ersten Probekick mit der Demoversion und wunderten sich über auffallend viele Treffer, die von außerhalb des Strafraums erzielt wurden. Hier können wir Entwarnung geben: In der uns vorliegenden Testversion landen Distanzschüsse wieder seltener als bei der Demo, aber etwas häufiger als beim Vorgänger im Tor.
Was kein Beinbruch ist und auch nur dann funktioniert, wenn man im richtigen Moment abzieht und die noch stärkeren Torhüter es nicht verhindern. Erfreulich auch, dass die Schlussmänner Bälle seltener nach vorn abprallen lassen und im Herauslaufen sogar stärker als Arsenals Jens Lehmann sind. Auch neu: Spieler ermüden schneller und können sich ohne Gegnereinwirkung verletzen.
Optik auf FIFA-Augenhöhe
Grafisch hat Pro Evolution Soccer 5 nochmals zugelegt und den einst gravierenden Rückstand auf FIFA Football fast komplett wettgemacht. Die puddingweichen Animationen machen einen fantastischen Eindruck und die Spieler sehen ihren realen Vorbildern täuschend ähnlich. Egal ob Ronaldinhos Rastafrisur, David Beckhams metrosexuelle Haar- und Bartfärbung, der angestrengte Gesichtsausdruck bei Sprints oder Grätschen, modische Armbänder, heraushängende, knittrige Trikots oder Atemwölkchen im Schneetreiben - hier stimmt alles.
Schneetreiben? Richtig gelesen! Dank des dynamischen Wettersystems ist es erstmals möglich, auf halbwegs schneebedecktem und garantiert rutschigem Boden dem Leder hinterherzujagen. Weniger hübsch fanden wir die nach wie vor platten Zuschauertexturen und die Tatsache, dass die Ränge nur bei Unterbrechungen von Fans gesäumt sind, während des Spiels aber leer bleiben. Diese Maßnahme war auf der Playstation 2 nötig, um den knappen Speicher von Sonys Konsole zu entlasten. Warum dies bei der PC-Version nicht geändert wurde, bleibt ein Rätsel.
Enttäuschende Lizenzen
Was den Spielumfang angeht, zieht Pro Evolution Soccer 5 trotz mehr als 3.000 lienzierten Fußballern gegenüber FIFA 06 klar den Kürzeren. Von 57 National- und 130 Clubmannschaften bietet nur ein Teil Originaldaten, der Rest setzt sich aus Fantasie-Kickern und -Trikots zusammen. Schade, dass ausgerechnet Klinsis Truppe ohne authentische Daten auskommen muss und in der deutschen Liga Teams wie "Fohlen", "Autostadt" oder "Alm" kicken. Immerhin größtenteils mit korrekten Spielernamen. Komplett lizenziert wurden wie im Vorjahr lediglich die spanische, italienische und holländische Liga sowie einige wenige Bonus-Teams. Darunter Chelsea und Arsenal London sowie Galatasaray Istanbul.
Und sonst?
Die Schiedsrichter sind stärker als in den Vorjahren und handhaben die Vorteilsregel noch besser. So zeigen die Pfeifenmänner neuerdings für Fouls auch nachträglich gelbe Karten. Den gelben Karton müssen wir dem Kommentatorenduo unter das Mikro halten. Die fast unveränderten und wenig abwechslungsreichen Phrasen der Vorjahre nerven nach spätestens fünf Spielen.
Ein dickes Lob verdient sich dafür der erweiterte Meister-Liga-Modus. Unmengen an Statistiken, realistischere Transfers und ein knackigerer Schwierigkeitsgrad versprechen wochenlangen Spielspaß im Solospiel. Zum Mehrspielermodus übers Netzwerk oder Internet können wir noch nichts sagen - diese Funktion war in unserer Testversion nämlich noch nicht verfügbar, wird im fertigen Spiel aber definitiv enthalten sein. An unserem Fazit ändert das freilich nichts: Wer auf der Suche nach dem bis dato realistischsten Fußballspiel ist, kommt am fulminanten PES 5 noch weniger als an Reiner Calmund vorbei.