Martin Holan hätte sich kaum größere Fußstapfen aussuchen können: Als Protagonist von Nibiru tritt der junge Archäologe in direkte Konkurrenz zu Lucas Arts ersten Indiana Jones-Adventures, die viele Fans zu Recht zu den besten Abenteuern aller Zeiten zählen.
Nazis, Tempel, Schieberätsel
Ein Telefonanruf schreckt Martin aus seinen Studien auf: Forscher haben in einem Tunnelkomplex in Westböhmen Hinweise auf ein mysteriöses Forschungsprojekt der Nazis entdeckt, eine mögliche Superwaffe, mit der das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg für sich entscheiden wollte. Neugierig beginnt der Student seine Spurensuche - und findet sich bald im Visier skrupelloser Gangster wieder, die ihn durch Tschechien, Frankreich und den mexikanischen Urwald hetzen. Insgesamt rätselt sich der Spieler durch 80 verschiedene Schauplätze auf der ganzen Welt. Nibiru spielt sich wie ein klassisches Point&Click-Adventure. Jede Örtlichkeit birgt eine Hand voll Gegenstände, die Sie per Linksklick benutzen oder einsammeln können; gelegentlich verrät ein Rechtsklick weitere Einzelheiten zum Objekt. In einem dämmrigen Tunnelabschnitt versucht Martin, den Zugang zu einem alten Archiv mit einem vorher gefundenen Schlüssel zu öffnen, doch das rostige Stück Metall bleibt stecken und bricht ab. Im nächsten Raum finden sich eine alte Autobatterie und einige Reagenzgläser. Kombiniere: Mit einem Reagenzglas zapfen Sie einige Tropfen Säure aus der Batterie ab und träufeln die stark ätzende Substanz in das Schloss. Und siehe da: Die Tür öffnet sich. Als störend dürften viele die zu oft eingefügten Zahlen- und Schiebeaufgaben empfinden. Um ein Geheimfach in einem Mayatempel zu öffnen, verschieben Sie farbige Murmeln wie bei einem Zauberwürfel in die korrekte Position; den Zahlencode eines Safes brechen Sie, indem Sie das Wort "Tikal" auf eine Telefontastatur (drei Buchstaben pro Ziffer) übertragen; Magneten verschiedener Form ergeben in der richtigen Anordnung ein Dreieck, das einen versteckten Aufzug aktiviert. Für sich genommen sind das nette Puzzles - wenn sie aber in solch einer Häufigkeit auftreten, ist das eher nervig. Unangenehm fiel auch die starre Reihenfolge auf, in der Dialoge und Rätsel ablaufen. Erst beim dritten Versuch bietet Martin einem Fischer an, Kisten zu schleppen, um sein Boot benutzen zu dürfen. Wer nach dem zweiten Ansprechen eine alternative Lösung sucht, irrt einige langweilige Minuten umher, ohne etwas zu finden. Noch ein Beispiel: In der Lobby eines Hotels lauert ein Schurke, dem Martin keinesfalls in die Arme laufen möchte. Martin weigert sich also standhaft, das Hotel durch den Haupteingang zu betreten. Um die Feuerleiter an der Rückseite des Gebäudes zu erreichen, braucht er den Spazierstock einer Bettlerin. Für einen Hotdog mit Ketchup würde sie den Stab rausrücken. Dass unser Held nun ohne ersichtliche Veränderung der Situation in die Hotelhalle stapfen kann, um sich von dort Ketchup zu besorgen, muss man erst einmal herausfinden. Die meisten Rätsel sind jedoch fair und lassen sich durch die logische Verknüpfung von Fundstücken knacken. Leider sieht man nicht allzu viel von den neuen 3D-Charakteren, die die platten Figuren des Quasivorgängers Black Mirror ersetzen: Die Personen bewegen sich oft im Hintergrund, während unbewegte Bereiche den Großteil des Bildes ausfüllen. Tolerante Adventure-Fans belohnt Nibiru mit einer interessanten Abenteuergeschichte und überwiegend angenehm knackigen Rätseln. Runaway & Co. sind jedoch bessere Alternativen.
Komfortabel und spannend: Nibiru schrammt nur knapp an der Indy-Klasse vorbei.
Hätte irgendwann noch das berühmte Titelthema aus meinen Boxen geschallt, ich hätte ge-glaubt, ein neues Indiana Jones-Adventure zu spielen. Über weite Strecken fesselte Nibiru mich wie der thematisch ähnliche Klassiker. Wären da nicht diese eklatanten Mängel: Sucht man minu-tenlang ohne Ergebnis nach einer Lösung, nur um herauszufinden, dass eine vorher unmögliche Aktion jetzt funktioniert, ist die Stimmung futsch. Ein großes Lob verdient der Bedienungskomfort: Verknüpfbare Objekte blinken und nur einmal benutzbare Gegenstände sind nach dem ersten Anklicken nicht mehr wählbar - das wiederum spart Versuch-macht-klug-Arien.