In der Zukunft heißt die Erde Scrapland. Roboter haben die Menschen vertrieben und eine neue Stadt errichtet: kilometerlange Türme in der Erdatmosphäre, außen herum ein Straßennetz aus Leuchtspuren, über die Raumschiffe wie Vogelschwärme gleiten. Sie sind D-Tritus, ein Roboter, und Ihr größtes Problem wird sein, sich mit dem Hauptcharakter zu identifizieren. Nicht, weil er eine Maschine ist, sondern weil er redet, als hätte jemand mit dem Vorschlaghammer auf seine Schaltkreise geschlagen.
Das ist im Hinblick auf die gute Story schade: Auf Scrapland gibt es eine Datenbank, in der alle Persönlichkeiten gespeichert sind. Stirbt ein Roboter, entsteht - schwupps - ein Replikat und alles ist wieder gut. Doch dann wird der Bischof ermordet und beim Versuch der Wiederbelebung fehlt sein Eintrag - jemand hat "format c:" eingegeben! Ihre Mission: den Hacker aufspüren.
Die Geschichte ist eine Vorlage für Charaktere, die sich an ihre Roboterhaftigkeit, ans ewige Leben gewöhnt haben und plötzlich mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert werden. Aber Scrapland ignoriert die sich bietenden Möglichkeiten und schickt D-Tritus in ein Abenteuer, das sich höchstens fürs Nachmittagsprogramm im Kinderkanal qualifizieren könnte.
Raumschiffraserei
Scrapland kopiert vieles von Grand Theft Auto, nur nicht dessen Qualität. Der Spieler verbringt seine Zeit damit, mit dem Raumschiff durch die Stadt zu fliegen, den nächsten Zielpunkt anzusteuern, ein Innenareal zu betreten und dort dem gelben Pfeil zur Kontaktperson zu folgen. Eine Minikarte links unten zeigt die Beschaffenheit der Wege an, was in den verzwickten und teilweise großen Gebäuden ein Segen ist. Draußen erschwert die Dreidimensionalität die Orientierung: Um von A nach B zu gelangen, fliegen Sie nicht nur nach rechts und links, sondern auch von oben nach unten.
Die Außenareale erfinden mit ihren surrenden Raumschiffen, die an supermodernen Häuserschluchten vorbeiwirbeln, die Zukunftsvision nicht neu. Filme wie Das fünfte Element bewegen sich schon lange in diesem Terrain. Aber die Umsetzung des Bekannten ist in Scrapland außerordentlich gut gelungen; so gut, dass die Flugsequenzen zum Besten im Spiel gehören. Die linke Maustaste lässt die Laserkanone schießen, mit der rechten zünden Sie die Düsen, was zu einem kurzen Geschwindigkeitsschub führt.
Je weiter Sie im Spiel fortschreiten, desto mehr Raumschiffe sind steuerbar. In der Werkstatt eines Verbündeten können Sie eingesammelte Baupläne verarbeiten, neue Antriebssysteme einbauen, bessere Waffen montieren und die Rüstung erneuern. Das kostet Geld. Wenn Sie knapp bei Kasse sind, empfiehlt sich ein Besuch beim irren Spieler (der heißt wirklich so), um irre Wetten (die heißen wirklich so) anzunehmen. Irre Wetten umfassen Straßenrennen oder Duelle gegen andere Piloten. Sie machen Spaß - etwa eine halbe Stunde lang, dann wiederholt sich alles. Die zusammengebauten Flitzer importieren Sie auf Wunsch in den Mehrspieler-Modus, wo Sie nach Deathmatch- oder Capture-the-Flag-Regeln gegen menschliche Kontrahenten antreten.
Sprachfehler
Wenn Sie sich einer Figur nähern, startet auf Knopfdruck der Dialog. Dann wären Sie wieder beim Kinderkanal. D-Tritus beginnt jede Unterhaltung mit einem "Hallo", das er krächzt wie ein 80-jähriger Kettenraucher. Warum wurde die Begrüßung nicht noch einmal aufgenommen, damit sie vernünftig klingt? Ein spannendes Geheimnis. Dann streiten sich Sprecher über -Betonungen: Der eine spricht den Namen Ficus englisch aus, der andere deutsch. Ein dramaturgisches Mittel scheint zu sein, dass Punkte überlesen werden, also ohne Unterlass gesprochen wird - und das in einer gelangweilten, nicht aber monotonen Stimme, wie sie für Roboter vorstellbar gewesen wäre.
Es gibt aber noch mehr Seltsamkeiten: An jeder Ecke des Spiels steht ein Charakter, mit dem man reden kann, doch beinahe alle sagen dasselbe - und zwar exakt dasselbe. Ein Rätsel ist auch, warum man stets perfekt verständliche Funksprüche bekommt, die besagen, dass man bitte zum nächsten Kommunikator fliegen soll, um den Absender des Funkspruchs zu kontaktieren. Das ist, als würden Sie jemanden übers Festnetz anrufen und ankündigen, gleich auf dem Handy anzurufen.
Verwandlungskünstler
D-Tritus verfügt über Fähigkeiten, um die ihn jeder Schauspieler beneiden würde: Er verwandelt sich in 15 Roboter, indem er sich in die große Datenbank hackt. Dann nimmt er beispielsweise die Form des Bürgermeisters an, einer polierten Blechbüchse, die gemächlich durch die Gänge rollt. Oder die von Betty, einer rosa Sekretärin mit ausgeprägten Hüften. Jeder Roboter beherrscht eine Fähigkeit, die Ihnen beim Kämpfen hilft: Der Bürgermeister schwingt, mit den Zangenarmen gestikulierend, politische Reden und versetzt seine Verfolger damit in tiefen Schlaf. Betty rammt ihre Hand wie eine Superheldin in den Boden, während die Perspektive um sie herumkreist: Energiewellen entstehen, die alle Maschinen im Umkreis pulverisieren.
Das hört sich nach Action an, aber Scrapland ist - zumindest in den Innenräumen wie dem Rathaus, der Polizeistation oder dem Tempel - ein gemächliches Spiel. Man muss kaum mehr machen als dem gelben Pfeil zu folgen, um die Zielperson zu erreichen. Weil es patrouillierende Polizisten nicht gerne sehen, wenn jemand die Identität eines anderen Roboters annimmt, kommt es ständig zu Verfolgungsjagden, die ein Ende nehmen, sobald Sie außer Reichweite gelangen. Hüpfeinlagen gibt es nicht, Schusswechsel sind selten. Wenn Sie geschnappt werden, landen Sie im Gefängnis, wo Sie ein Miniroboter begrüßt. Auch dessen Form können Sie annehmen und als winzige Maschine kommen Sie problemlos durch die engsten Lüftungsschächte. Für jedes Problem gibt es die richtige Verwandlung, nur für eines nicht: das der rasch aufkommenden Langeweile.