Testbericht

08.02.2005 16:36 Uhr

Vampire: The Masquerade: Bloodlines

Dracula hat ausgedient: Als Jungvampir beißen, schlagen und schleichen Sie sich durch Gänsehaut-Missionen und eine dramatische Intrigen-Story.

PC Games-
Spielspaß-Wertung
(Ausgabe 02/2005)
88%
Durchschnittliche
Lesertestwertung:
        
93 %

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Mitreißende Story Ladezeiten und Bugs stören Spielfluss
Vielfältige Lösungswege  
Lebensechte Gesichtsanimationen  

Wenn sich die Nacht wie ein finsterer Schleier über die Erde senkt, verändern die Menschenstädte ihr Antlitz: Düstere Kreaturen kriechen aus Abwasserkanälen hervor; kaum sichtbar huschen unheimliche Schatten durch die Dunkelheit; einsame Spaziergänger verschwinden im Nichts. Verabschieden Sie sich vom Sonnenlicht: Vampire: Bloodlines verwandelt Sie für circa 60 Spielstunden in einen nachtaktiven Blutsauger. Freuen Sie sich auf eines der besten Rollenspiele 2004!

Überleben lernen

"Ich habe entschieden, dieses Kind leben zu lassen", so schließt Vampirprinz LaCroix, Herrscher über den Bereich Los Angeles, eine geheime Gerichtsverhandlung. Der in Spielgrafik gehaltene Vorspann zeigt, wie ein älterer Vampir, der unseren Protagonisten ohne Erlaubnis des Prinzen transformiert hat, zur Strafe exekutiert wird. Allein durch eine glückliche Fügung lässt LaCroix unseren Helden am Leben - das Spiel beginnt. Zu Anfang tappen Sie buchstäblich im Dunkeln: Dass in Los Angeles ein blutiger Krieg zwischen vier Vampirfraktionen wütet und Sie unvermittelt zum Spielball der Mächtigen werden, erfahren Sie erst in späteren Gesprächen mit anderen Vampiren und Menschen. Ihren ersten Auftrag erhalten Sie, sofern Sie sich für das ausführliche Tutorial entscheiden, direkt nach dem Intro vom kumpelhaften Altvampir Jack, der mit seiner graubraunen Mähne und seinem wettergegerbten Gesicht aussieht, als wäre er Vorsitzender eines Harley-Davidson-Klubs. Die halbe Stunde für das Tutorial sollten auch Rollenspiel-Experten unbedingt investieren: In der brillant arrangierten und informativen Einführungsquest lernen Sie in der Praxis, wie man kämpft, schleicht, Schlösser knackt, Computer hackt und Blut von Menschen abzapft, ohne gesehen zu werden. Einziger Wermutstropfen beim Einstieg: Die wertvollen Erfahrungspunkte dieses Abschnitts erhält auch beim zweiten oder dritten Durchspielen von Blood-lines nur, wer die komplette Einführung durchexerziert.

Feuchte Hände für Vampire

Besonders stark: Ähnlich wie in Gothic 2 nimmt einen die detailreich gestaltete Spielewelt so gefangen, dass man alles um sich herum vergisst. In dunklen Gassen zwischen den Parkhäusern, Hotels und Wolkenkratzern von Downtown treiben sich Schlägerbanden herum, die Zivilisten überfallen; im Rotlichtbezirk von Hollywood reihen sich die Schaufenster mit schlüpfrigen Inhalten; in Chinatown bieten alte Wahrsager ihre zweifelhaften Prophezeiungen feil. Eine beispielhafte Szene mit Gänsehaut-Garantie: In einem verfallenen Krankenhaus stürmt Ihnen ein panischer Filmemacher entgegen - ein unvorstellbares Monster habe sein Team in den Keller gelockt ... schmerzvoll verzerrt dringt ein Schrei von der Treppe herüber. Auf einem Monitor ist gerade noch zu sehen, wie eine zappelnde Frau nach unten gezerrt wird, und eine verwischte Blutspur weist den Weg bis ins tiefste Gewölbe. Durch die engen Gänge des Krankenhauses zu staksen, im Bewusstsein, dass hinter jedem Winkel und jeder Tür ein schreckliches Ungeheuer hervorpreschen könnte, führt sogar bei hartgesottenen Spieleprofis zu feuchten Händen.

Linearität ade

Obwohl sich der Haupthandlungsstrang wie ein blutroter Faden durch das gesamte Spiel zieht, fühlt man sich kaum eingeschränkt. Jederzeit offerieren computergesteuerte Personen in Dialogen zusätzliche Aufträge, die in beliebiger Reihenfolge absolviert werden dürfen. Insgesamt gibt es rund 30 Hauptmissionen und 40 Nebenquests. Selbst Letztere bestechen durch Variantenreichtum: Für eine Vampirin, die im früheren Leben Model war, sollen Sie Webcams in der Wohnung einer ehemaligen Konkurrentin anbringen; der Technikfreak M1tn1ck schickt Sie in alle vier Stadteile, um Terminals für sein "Schrecknet" zu aktivieren; in Diensten einer Privatdetektei forschen Sie nach einem vermissten Mörder. An die herrlich verschachtelten Quests von The Fall kommt Bloodlines jedoch nur gelegentlich heran.

Gewalt oder Cleverness?

Um auf einem stark bewachten Frachter an einen antiken Sarkophag zu gelangen, können Sie selbstverständlich als meuchelndes Monster sämtliche Wachen umnieten - zum Unmut des auf Unauffälligkeit bedachten Auftraggebers. Effektiver: Wer sich an allen Posten vorbeipirscht und niemanden verletzt, bekommt zusätzliche Erfahrungspunkte als Bonus. In solchen Szenen wirkt sich spürbar aus, welchem der sieben Vampir-Clans Sie sich zu Spielbeginn angeschlossen haben. Angehörige der Ventrue können Gegner mit der Disziplin (so heißen die Spezialfähigkeiten im Universum von Vampire: The Masquerade) "Beherrschen" zum Massenselbstmord zwingen. Nosferatu machen sich unsichtbar und huschen unbemerkt an Wächtern vorbei. Gangrel verwandeln sich in tierähnliche Kampfkreaturen mit gewaltigen Klauen, denen kaum ein Feind gewachsen ist. Zusätzliche Möglichkeiten ergeben sich durch die Fähigkeiten, die man seinem Schützling mit der Zeit antrainiert. Sozial gewandte Vampire überreden etwa in der Frachter-Mission einen Polizisten dazu, die Kollegen über Funk abzulenken. Charakteren mit blendendem Aussehen (auch das kann durch die Verteilung von Erfahrungspunkten gesteigert werden) fällt es leicht, Menschen und sogar andere Vampire zu verführen, um entweder unbemerkt Blut zu saugen, oder ihren Willen durchzusetzen. Natürlich gibt es auch Kampfeinsätze, in denen Sie beispielsweise eine Vampirjägerin mit Gewalt aus dem Weg räumen. Die Actionpassagen steuern sich Max Payne 2-kompatibel: In der Verfolgeransicht prügelt der Held mit Samurai-Schwert, Vorschlaghammer, Knüppel und vergleichbarem Nahkampfgerät; Schusswaffen - darunter Maschinenpistolen, Schrotflinten und Gewehre - sind sowohl in der 3rd-Person- als auch in der Ego-Perspektive nutzbar.

Freiheit kontra Spielfluss

Im Anschluss an das Tutorial führt der erste Weg nach Santa Monica, einem von vier Knotenpunkten im Spiel. Weitere "Hubs" - so werden die zentralen Abschnitte genannt - sind Chi-natown, Hollywood und Downtown. Diese Bereiche mit einer zentralen Straße und abzweigenden Seitengassen dürfen nahezu völlig frei erkundet werden. Attacken oder die Nutzung von übernatürlichen Fähigkeiten in der Öffentlichkeit sind allerdings verboten, wenn man sich nicht mit Polizisten oder gar Vampirjägern anlegen möchte. Jedoch dienen diese Areale vor allem als Zwischenstation - ansprechbare Charaktere, von denen man zusätzliche Aufträge erhält, befinden sich fast ausschließlich in den benachbarten Gebäuden. Der Preis für die Bewegungsfreiheit: Jedes einzelne Haus bildet einen separaten Level, der beim Betreten erst einmal geladen wird; bei der Rückkehr in den Hub folgt eine weitere Ladezeit - nervig! Mit weniger als ein GByte RAM dauert bei kurzen Missionen das Laden der Levels länger als das Lösen der Aufgabe.

Fünffaches Ende

Mit fortschreitender Handlung offenbaren die rivalisierenden Splittergruppen ihre Motive - scheinbar jedenfalls. Denn gegen Ende überrascht die packende Geschichte mehrfach mit interessanten Wendungen. Besonders spannend: Im Finale entscheiden Sie sich für eine der drei Gruppierungen (die vierte gibt es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr). Aufseiten von Prinz LaCroix und seiner "Camarilla" erleben Sie ein völlig anderes Ende, als wenn Sie sich den Anarchen verschreiben. Besonders Verwegene schlagen sich sogar ganz allein durch und werden zur Legende. Zusammengenommen gibt es fünf verschiedene Endsequenzen, die alle viel Spielraum für Spekulationen lassen. Schade ist nur, dass die letzten zwei bis drei Stunden des Spiels vor allem aus aufreibenden Kämpfen bestehen; die vorher so lobenswerte Handlungsfreiheit fehlt am Ende.

Prachtgrafik?

Bloodlines schöpft die optischen Möglichkeiten der Half-Life 2-Engine leider nicht vollständig aus. Viele Texturen wirken bei näherem Hinsehen verwaschener als in Valves optisch überragendem Shooter. Positiv fallen dahingegen die Animationen der Charaktere und Gegner auf, die sehr natürlich und geschmeidig wirken. In Gesprächen erkennt man sogar an der Mimik exakt, in welcher Verfassung sich das Gegenüber befindet.
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Justin Stolzenberg

Zum Anbeißen gut: Thriller-Story und freie Handlung laden zum wiederholten Durchspielen ein.

Das neue Vampire ist alles andere als fehlerfrei. Technische Probleme, kleinere Übersetzungsfehler, elendig lange Ladezeiten und die unsaubere Kollisionsabfrage stören den Spielfluss. Trotzdem ist Bloodlines mein neuer Rollenspiel-Favorit - nicht mal Gothic 2 konnte mich dermaßen in die Spielewelt hineinziehen. Die ergreifende Story um Intrigen, Macht und Gewalt in einer korrumpierten Gesellschaft von Untoten spricht mich eher an als eine Fantasiewelt von Drachen und Rittern. Dank vielfältiger Clans und weitreichender Entscheidungsfreiheit lohnt sogar mehrfaches Durchspielen.
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Allgemeine Infos

Name Vampire: Die Maskerade - Redemption
Genre Rollenspiel
Webseite http://www.activision.de
Hersteller Nihilistic Software
Anbieter Activision Deutschland GmbH (DE)
VÖ-Termin 01.07.2000 - zu diesem Produkt einen Lesertest schreiben!
Preis nicht bekannt
Plattformen: pc.gif
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