Vor 17 Jahren eroberte Sid Meier mit seiner Freibeutersimulation Pirates! die Herzen von Millionen Computerspielern. Jetzt steht die Neuauflage in den Läden.
Vor 17 Jahren eroberte Sid Meier mit seiner Freibeutersimulation Pirates! die Herzen von Millionen Computerspielern. Jetzt steht die Neuauflage in den Läden.
Und das war eine ganz schön schwere Geburt. Denn trotz zahlreicher Online-Petitionen, E-Mails, Unterschriftenlisten und Wäschekörben von Bettel-Briefen sträubte sich Sid Meier (unter anderem Civilization 1-3, Railroad Tycoon, Colonization) jahrelang erfolgreich gegen einen Nachfolger. Bis es 2002 dann doch so weit war. Gemeinsam mit seinem langjährigen Weggefährten Jeff Briggs und dem erfahrenen Firaxis-Team begannen die Arbeiten an der Neuauflage des 17 Jahre alten Klassikers.
Unverwüstliches Spielprinzip
Das Wichtigste vorweg: Am Spielprinzip hat sich nur sehr wenig geändert. Auf Verschlimmbesserungen wurde verzichtet, bewährte Elemente wurden beibehalten und um ein paar witzige Neuerungen sowie eine moderne Optik ergänzt. Wie beim legendären Pirates! schippern Sie auch bei der Neuauflage auf der Suche nach Ruhm, Reichtum, konkurrierenden Piraten und verschollenen Familienmitgliedern kreuz und quer durch die Karibik des 17. Jahrhunderts. Zu Beginn Ihrer Freibeuter-Karriere entscheiden Sie sich für Ihr Heimatland (Spanien, Holland, England oder Frankreich) sowie einen der fünf Schwierigkeitsgrade. Außerdem verteilen Sie rollenspielähnlich noch Erfahrungspunkte auf Fechtkunst, Zielgenauigkeit oder Witz und Charme. Und schon flimmert der hübsche Vorspann im Comic-Look über den Bildschirm. Leider haben die Entwickler entgegen ursprünglichen Ankündigungen auf eine aufwendige Synchronisation verzichtet und das undefinierbare Gebrabbel sämtlicher Protagonisten mit Untertiteln versehen. Trotzdem erfährt der Spieler, dass seine riesige Familie verschleppt wurde und die Lebensaufgabe fortan darin besteht, unter schwarzer Flagge segelnd seine zwischen Gibraltar und Grand Bahama über die ganze Karibik verteilten 16 Schwestern, Brüder, Tanten, Onkels, Omas, Opas und Eltern wieder aufzugabeln. Kurze Zeit später finden Sie sich auch schon mit ein paar Goldmünzen in der Tasche und einer bescheidenen Schaluppe in Ihrem Heimathafen wieder. Mit dem Kaperschein des Gouverneurs und einem Haufen strammer Jungs aus der Seemannsspelunke hissen Sie alsbald die Segel zu Ihrer Korsaren-Jungfernfahrt. Dazu wechselt die Kamera in eine frei dreh- und zoombare 3D-Ansicht. Die 3D-Engine, die mit sichtbar viel Liebe zum Detail selbst im tiefsten Winter Karibik-Feeling auf den Monitor zaubert, ist die auffälligste Neuerung von Pirates!. Schick animierte und physikalisch glaubwürdige ans Ufer schwappende Wellen, aufziehende und dunkle Gewitterwolken inklusive Blitz und Donner, korrekt nachgebildete und den Wetterbedingungen entsprechend realistisch über die See schippernde Schiffe, Inselgruppen und Kolonien mit traumhaft weißen Stränden oder im Kielwasser mit schwimmende Delfine lassen PC-Piraten mit der Zunge schnalzen.
Fette Beute!
Im Gegensatz zu Fluch der Karibik bereitet die Navigation Ihres Kutters selbst Landratten keinerlei Probleme. Im leichtesten Schwierigkeitsgrad gibt es praktisch keine Strömung und der Wind kommt stets aus der gleichen Richtung, während erfahrene Freibeuter die nautilen Gesetzmäßigkeiten berücksichtigen und um Unwetter einen großen Bogen machen sollten, um sicher und schnell von A nach B zu gelangen oder ein anderes Schiff anzugreifen. Beim Kampf wechselt die Kamera automatisch in die Nah-Ansicht. Per Mausklick feuern Sie einzelne Kanonenkugeln, Ketten- oder Hagelgeschosse (je nach Ausrüstung) auf den Gegner. Sind beide Schiffe dicht genug beieinander, folgt das Entern - falls der Feind nicht bereits vorher die Segel streicht und kampflos mit Mann und Maus aufgibt. Gewinnen Sie dann auch noch das actionreiche und per Tastatur ausgefochtene 3D-Säbelduell gegen den anderen Kapitän, gehört das Schiff mitsamt seiner womöglich wertvollen Ladung Ihnen. Den eroberten Seelenverkäufer können Sie versenken, reparieren lassen und behalten oder im nächsten Hafen für ein paar Goldmünzen verscherbeln. Dieses einträgliche Geschäft ist jedoch nicht völlig risikolos: Bei jeder Kaperfahrt ziehen Sie sich den Zorn der angegriffenen Nation zu und müssen damit rechnen, bald deren gesamte Flotte gegen sich aufgebracht zu haben. Zum Dank schenken Ihnen die Gouverneure der drei anderen Kolonialmächte Ländereien und befördern Sie nach und nach vom einfachen Kapitän bis zum Herzog. Natürlich können Sie auch unter mehreren Flaggen segeln und die einzelnen Nationen geschickt gegeneinander ausspielen.
Vielseitiger Genre-Mix
Säbelrasseln ist nicht Ihr Ding? Kein Problem - dank des nichtlinearen Spielverlaufs sowie der unglaublichen Vielseitigkeit von Pirates! gibt es auch für friedlichere Seebären mehr als genug zu tun. Verdingen Sie sich doch als gewiefter Händler, kaufen Sie beispielsweise Gewürze billig bei Nassau ein und verkaufen sie die Geschmacksverstärker anschließend mit sattem Gewinn in Guadeloupe. Oder eskortieren Sie neue Gouverneure oder Einwanderer von Jesuiten-Missionen in diverse Häfen und bestimmen somit selbst, wie rasant einzelne Kolonien wachsen. Alternativ können Sie sogar ganze Städte angreifen und im Stil eines Runden-Strategiespiels auf die Stadttore drängen. Auch nicht Ihr Ding? Dann machen Sie doch gesuchte Verbrecher gegen Kopfgeld dingfest. Romantischere Seebären hingegen bandeln getreu dem Motto "In jedem Hafen eine andere Braut" mit Gouverneurstöchtern an. Wer im witzigen 3D-Tanz eine heiße Sohle aufs Parkett legt, wird von seiner Herzdame mit Bewunderung und nützlichen Extras wie einem Fernrohr zwecks besserer Sicht oder einer stichfesten Lederweste beglückt. Keine Zeit für Techtelmechtel? Dann machen Sie sich auf die Suche nach verschollenen Verwandten oder die Schätze besiegter Piraten - die Iso-Grafik bei Landgängen reißt zwar keinem Seeräuber das Holzbein aus, dafür ist die Suche mithilfe vergilbter Karten spannend und der zu erwartende Gewinn grandios. Und von dem will auch Ihre Besatzung einiges abhaben, andernfalls verlassen die Jungs nach und nach meuternd das Schiff. Nach jeder Beuteteilung steigen Sie einen Rang auf, wodurch die anfangs simplen Säbelduelle, Seekämpfe und Tanzeinlagen von Mal zu Mal kniffliger werden. Und eintöniger, denn nach einigen Spielstunden gehen einem die ewig gleichen Hintergründe und Sequenzen (Kapitän stolpert brennend über Bord, Bardame schlägt Gauner Bierflasche auf den Kopf) etwas auf den Zeiger. Zwar ist auch die Neuauflage von Pirates! ein Endlosspiel, doch wenn alle Missionen erfüllt sind und das Piratenleben bis auf Kaperfahrten nichts Neues mehr bietet, kommt schnell Langeweile auf - bis dahin sind allerdings 15 bis 20 spannende und spaßige Spielstunden garantiert.
Und ne Buddel voll Ruhm: Herrliche Piraten-Klamotte mit ungeheurem Suchtfaktor!
Kann man Sid Meier den Vorwurf der Innovationslosigkeit machen? Ich denke nicht. Denn das, was das Ur-Pirates! 1987 zu einem Meilenstein der Spielegeschichte machte, zeichnet auch die Neuauflage aus. Die unverwüstliche Kombination verschiedenster Spiel-Elemente über alle Genre-Grenzen hinaus ist der gleiche Zeitfresser wie vor 17 Jahren und bringt mindestens genauso viel Spaß. Die wunderschöne Karibik-Grafik und die actionreichen Minispiele wie der Tanz mit der Gouverneurstochter sind eine witzige Dreingabe. Eine Sprachausgabe und etwas abwechslungsreichere Zwischensequenzen wären die Krönung gewesen.
Frage: Kann Sid Meier's Pirates nicht auf einer Heft CD enthalten sein? Das wäre wirklich großartig, ich weiß nicht in wiefern das möglich ist, deswegen die Frage.