Wenn die bevorzugte Ketchupmarke die Rezeptur umstellt oder die Lieblings-Schauspielerin eine neue Frisur ausprobiert, dann stehen die Zeichen auf Veränderung. Die fünfte Siedler-Generation ist so eine Veränderung - und was für eine: Früher ein 2D-Aufbau-Spiel mit Höchstwerten auf der nach oben offenen Wuselfaktor-Skala, leicht untersetzten Siedlern und dem Gewimmel eines Ameisenhaufens, heute ein 3D-Echtzeit-Strategiespiel mit realistisch anmutenden Figuren. Bringen wir es daher schnell hinter uns: Mit den bisherigen Folgen 1 bis 4 hat Das Erbe der Könige im Grunde nur den berühmten Seriennamen und das Entwicklungsstudio Blue Byte gemeinsam. Der jüngste Sprössling der Siedler-Familie ist zwar immer noch "blaubytig", aber etwas aus der Art geschlagen. Gleiches gilt für Prinz Dario aus Thalgrund, den Sie in 15 linear zu bewältigenden Missionen zurück auf den Thron seiner Vorfahren hieven. Dazu erobern Sie Stück für Stück des Königreichs zurück, verteidigen Stellungen und attackieren die Festungen des finsteren Schwarzen Ritters.
Von wegen "typisch Siedler"
Ausgangspunkt ist Ihr Haupthaus: Für 50 Taler pro Exemplar erwerben Sie zunächst Leibeigene in Ihrer Burg. Leibeigene können Häuser zusammenklopfen und reparieren, Wälder roden und - wenn's sein muss - auch Rohstoffe abbauen. Weitaus zügiger beherrschen das Bergleute; sobald Sie einen Steinbruch entdeckt oder ein Schwefelvorkommen freigelegt haben, lassen Sie dort einfach eine Mine hochziehen. Kumpel und Handwerker wollen ein Dach über dem Kopf und regelmäßig was zu beißen - Bauernhof und Wohnhaus sind gleichermaßen wichtig und gehören deshalb neben jede Mine und in jede Siedlung. Für solche Gebäude, für Forschung sowie Upgrades brauchen Sie Lehm, Steine und Holz, fürs Militär sind im weiteren Verlauf Eisen und Schwefel wichtig. Das früher Siedler-typische "Jedem Landwirt seine eigene Sense" entfällt - wo einst Heerscharen von Figuren Schweinehälften, Schwerter und Hämmer durch die Gegend wuchteten, erscheint ein gefällter Baum sofort als "Holz" im Bestand. Steinmetze, Schmiede, Alchimisten, Sägewerker und Ziegelbrenner holen diese Rohstoffe im Haupthaus oder Lager ab und vermehren auf diese Weise Ihre Vorräte.
Was für die Bildung tun
Wie fast jedes Strategiespiel verlässt sich auch Das Erbe der Könige auf einen Age of Empires-kompatiblen Technologiebaum mit rund 40 Errungenschaften - wer in der Hochschule die "Wehrpflicht" erforscht, darf fortan Kasernen bauen. Fast alle Gebäude lassen sich mehrfach ausbauen und schalten so noch mehr Updates frei. Dann veredelt die zum Sägewerk beförderte Sägemühle beispielsweise Pfeilspitzen, die Schmiede verstärkt Rüstungen, in die Eisenmine passen fünf statt vier Bergleute. Die Obergrenze aller Siedler ergibt sich durch Anzahl und Ausbaustufe Ihrer Dorfzentren; je mehr Sie kontrollieren, desto höher das Limit. Allzu forsche Angriffslust wird so wirksam ausgebremst - wer angreifen will, muss nicht nur erkunden und besetzen, sondern eben auch clever bauen.
Steuern durch Steuern
"Es ist Zahltag" - diese frohe Kunde erschallt alle zwei Minuten und spült Steuergelder Ihrer Arbeiter in die Kasse. Ohne Steuern keine Forschung, ohne Arbeiter keine Steuern - auch das motiviert zum Siedeln und Expandieren. In Notzeiten erhöhen Sie kurzfristig den Tarif, allerdings auf die Gefahr hin, dass die Motivation der Bevölkerung sinkt. Doch das Justieren der Steuerschraube ist allenfalls im Mehrspielermodus von Belang, wenn man sich auf Kosten des geschröpften Volkes einen Vorsprung heraussiedelt. Denn an zwei Dingen mangelt es zumindest in der Kampagne so gut wie nie: an Geld und glücklichen Siedlern. Nach 20 Missionen werden Sie daher feststellen, dass Sie etwa die Bank (vermehrt das Guthaben an Talern), Gute-Laune-Macher wie Statuen und Blumenrabatte oder die Kathedrale samt Moral-förderlichen Mönchen kaum benötigt haben. Mangel an Stein oder Eisen beheben Sie durch "Handel": Auf dem Marktplatz wählen Sie die gewünschte Menge und klicken dann auf den Rohstoff, den Sie eintauschen möchten. Doch Vorsicht: Wer beispielsweise regelmäßig große Mengen Schwefel zukauft, muss zunehmend mehr bieten.
Wehrt euch!
Während der Aufbauphase schützen Sie Ballisten- und Kanonentürme vor Feinden. Sobald Sie sich stark genug fühlen, ziehen Sie in Richtung feindlicher Stellungen. Bis es so weit ist, sollten Sie Ihre Siedlung bis zum Maximum ausgebaut und erforscht haben. Schwertkämpfer, Speerträger, Fernkämpfer, Reiter und Kanonen gibt es in jeweils vier Ausbaustufen; kommandiert wird jeweils der Anführer einer Soldatengruppe - das erleichtert die Kontrolle größerer Armeen erheblich. In Gefechten können die Einheiten maximal fünf Erfahrungspunkte erkämpfen; die Auswirkungen (etwa ein schnellerer Heilungsprozess) merkt man in der Praxis leider kaum. Die Kräfteverhältnisse sind indes ordentlich ausbalanciert: Lanzenträger heben die starken Reiter schnell aus dem Sattel, und die auf Distanz sehr effektiven Bogenschützen haben im Nahkampf keine guten Karten. Gleich mehrere Soldaten auf einmal erledigen die empfindlichen Kanonen-Modelle, die dank super Reichweite jeden Verteidigungsturm knacken. Keine Panik, wenn Kugeln mitten ins Getümmel donnern: Statt frustrierendem "friendly fire" trifft's stets nur die Gegner. Kleiner optischer Schönheitsfehler: Die Kanonen fahren in- und übereinander.
Das sind mir ja schöne Helden
Eine adrette Bogenschützin, ein säbelrasselnder Araber, ein Sprengstoff-kundiger Kampfzwerg, ein adeliger Ritter und der greise Helias bilden das Helden-Quintett, das Dario im Verlauf der Story um sich schart. Die Helden sind insbesondere dazu gut, die Landschaft zu erkunden und launige Quest-Dialoge mit Schurken, Dorfältesten und Einsiedlern zu führen. Obendrein sind sie natürlich besonders widerstandsfähig und schlagkräftig. Viele Quests können Sie ohne die beiden Spezialfähigkeiten pro Held gar nicht lösen: Ari etwa verschafft sich unentdeckt Zugang in feindliches Gebiet, Pilgrim sprengt versperrte Felsengänge frei und Dario schickt einen Falken zur Erkundung los. In entlegenen Ecken findet man Schatzkisten und ausräucherbare Räuberhöhlen. Das Sondieren der Karte lohnt sich - Steinbrüche und Schwefelvorkommen findet man häufig dort, wo man sie am wenigsten vermutet. Wenn ein Held das Zeitliche segnet, kann er reaktiviert werden, indem Sie einfach andere Einheiten an seinen Grabsteins bugsieren.
Im Auftrag Ihrer Majestät
Ein Ausrufezeichen über einem Mönch, Statthalter oder Bergmann signalisiert: Ich habe eine Quest für dich! Die ist in der Regel Pflicht, zuweilen aber auch Kür, mit der man sich die Lösung der Mission deutlich erleichtert (etwa, weil man zusätzliche Truppen an die Seite gestellt bekommt). In den Quests befreien Sie entführte Wissenschaftler, bauen Kathedralen, Universitäten, Wohnhäuser und Türme an vorgesehenen Stellen, begeben sich zwecks geschmeidigen Smalltalks in entlegene Dörfer, kommen Intrigen auf die Schliche, belagern Festungen, lauern Gegnern vor Höhlen auf, beseitigen eine Räuberplage greifen befreundeten Städten mit Geld- und Sachspenden unter die Arme und lassen es regnen und schneien. Das Anwerfen der Wettermaschine gehört zu den letzten Tiefausläufern des Technologiebaums - zu diesem Zeitpunkt haben Sie stets eine beachtliche und funktionierende Siedlung aufgebaut. Der Wetterturm funktioniert nur mit entsprechenden Kraftwerken, in denen der jederzeit auslösbare Wetterumschwung vorbereitet wird. Schneeflocken verwandeln die Karte dann in eine winterliche Grüße-aus-Schladming-Idylle - mit weit reichenden Konsequenzen: Flüsse und Seen gefrieren und werden anschließend passierbar - gut für Sie, wenn Ihre Leibeigenen auf Inseln gelangen wollen, schlecht für Sie, wenn das gegnerische Heer geradewegs über das gefrorene Eis marschiert und Ihre Basis an Stellen unter Beschuss nimmt, wo Sie es am allerwenigsten erwartet haben. Auf geschlossener Schneedecke kommen alle Siedler zudem deutlich langsamer voran - auch das ein taktisches Element. Wenn die Konkurrenz mit Kanonen vor Ihren Burgmauern steht, lohnt sich womöglich ein zünftiger Wolkenbruch - die Bindfäden reduzieren nämlich die Sicht-weite und damit auch den entscheidenden Vorteil von Bo--gen- und Armbrustschützen. Die Kampagne macht weidlich Gebrauch von diesem Wetter-Feature - verdörrte Bäume gieren nach Wasser, überflutete Regionen flehen hingegen um den Stopp sintflutartiger Regenfälle.
Qualität made in Germany
Musik, Synchronisation, Effekte, Story, Zwischensequenzen, Charaktere, Animationen, Menü-Design - all das ist handwerklich sehr solide gemacht. Die Grafik gehört mit zu den schönsten im Strategie-Sektor: Erkennbar viel Hingabe steckt in jeder einzelnen Figur, jedem einzelnen Bauwerk mit allerlei rotierendem mechanischem Gerät. Wer ranzoomt, macht Bekanntschaft mit dem - wie es Blue Byte nennt - "Aquariumeffekt". Kanonen werden hier tatsächlich Schritt für Schritt gegossen und per Lastkran aufs Fahrwerk gehievt, in der Schießanlage zielen Bogenschützen mit Inbrunst auf vorbeiflitzende Zielscheiben, Gelehrte krakeln an der Universität Formeln an die Schultafeln. Erst recht die Figuren sind ausgesprochen fein ausgearbeitet und schlagen in ihrem Detailgrad fast alles auf dem Markt - inklusive Schlacht um Mittelerde. Die meisten Ereignisse werden daher nicht zu Unrecht in Form von Spiel-Grafik erzählt. Die lebendige Spielwelt besteht zudem aus hoppelnden Karnickeln, he-rumstreunenden Wölfen und sich sanft im Wind wiegenden Wäldern. Geschmackssache: Diplomzyniker Oliver Kalkofe als "Mentor" kommentiert technologische Durchbrüche und strauchelnde Helden mit süffisantem Unterton.
Ein ganz neues Siedler-Gefühl
Für wen ist das neue Siedler geeignet? Anders als das mächtige und ausgesprochen anspruchsvolle Spellforce mit seinem ausgeprägten Heldentum ist Erbe der Könige ein Echtzeit-Strategiespiel klassischer Bauart, das Sie in Ruhe aufbauen und erforschen lässt, ehe es zu größeren Schlachten kommt. Im Vergleich zu Spellforce ist das Siedler-Universum wesentlich überschaubarer und kommt über die Komplexität eines Shrek-Leinwandabenteuers nicht hinaus. Entwaffnend lo--gische Quests, berechenbare Geg-ner und ein nicht übermäßig verschachtelter Technologiebaum sorgen dafür, dass Einsteiger Spaß haben und Strategie-Profis mit Karacho durch die Kampagne donnern. In den Disziplinen "Aufbau" und "Produktion" - einst typische Siedler-Stärken - bleibt Anno 1503 König; Wirtschaftskreisläufe sind so gut wie nicht vorhanden. Dass Das Erbe der Könige bis zum Abspann motiviert, liegt an den abwechslungsreichen Missionen, an der wunderschönen Grafik, der einfachen Bedienung, der erheblich verbesserten Zugänglichkeit und originellen Missionen - diese Versprechen wurden also eingehalten. Wenn Sie in Siedler-Folge 3 oder 4 wegen der un-glaublich umständlichen Steuerung aus-gestiegen sind, werden Sie hier Die Siedler bestimmt wieder für sich entdecken. Für Multiplayer-Fans wird das wohl nur bedingt gelten, denn trotz schöner Netzwerk-Karten für zwei bis sechs Spieler, klassischen Modi wie "Eroberung" (also Deathmatch), "Technologierennen" (Wettsiedeln), einem Zeitspiel nach Punkten, Blitzpartien (mit üppigerem Startkapital) und einstellbarer Waffenstillstands-Zeit sind die Partien wegen der gemächlichen Aufbauphase weit weniger packend als etwa in Warcraft 3.
Tolles Strategiespiel, doch das Erbe der Aufbau-Könige müssen andere antreten.
Bildhübsche Grafik, herausfordernde Karten und die durchdachte Steuerung motivieren zum Durchspielen - allerdings eher den Age of Empires-Spieler als den Anno-Fan. Denn statt Siedlungen und Produktionsketten zu tunen, upgraden Sie hier Ihre Schmiede und bringen Kanonen in Stellung - den einzigartigen Optimierungsspaß früherer Siedler-Folgen findet man inzwischen eher in Anno 1503. Im Vergleich zur Adrenalin-Pumpe Mittelerde ist das neue Siedler hingegen der reinste Balsam - hier darf ich in Ruhe vor mich hin siedeln, ohne ständig um meine Leibeigenen fürchten zu müssen. Starkes Comeback!
Zitat: (Original von davidian2000 am 26.12.2004 20:50)
Zitat: (Original von BM_W am 26.12.2004 20:38)
Ich finde aber auch, dass das SPiel mit "Die Siedler" so ziemlich garnichts mehr gemein hat... Es ist ein gänzlcih anderes SPiel, nicht ein bisschen ist aus S1-4 übernommen, aber das ist doch egal...
nö, das ist nicht egal.
meiner meinung nach hätte das spiel 20 % abzug erhalten müssen, da der produktname "siedler" vorsätzlich irreführend vom studio weiterverwendet wird.
wäre das spiel unter einem anderen namen erschienen - ok, geschmackssache. aber mit siedler verbindet der gelegenheitsspieler knuddelgrafik und mit typischem siedler-flair. und diesen käufern (die eher selten spiele-zeitschriften kaufen) wird ohne vorwarnung die kohle aus den taschen gezogen.
mal im ernst - würde nich groß und breit siedler auf der packung stehen, wäre das spiel nicht auf platz 2 der verkaufscharts gelandet - und das wusste der publisher auch!
gerade in hinblick auf die für diesen teil anvisierte internationale vermarktung hätte ein anderer spiele-name nicht geschadet, denn dort kennt eh keine die reihe...
ich mein - wenn metallica plötzlich eine schlager-cd unter dem namen metallica veröffentlichen, würde sich doch auch jeder vearscht vorkommen...
Kennst du "Die Siedler: von Catan" ? *augenzwinker*
Btw: Wer die Serie kennt und nur deshalb kauft, müsste eigentlcih wisen, dass vorher nie Könige drin vorgekommen sind, also "Das Erbe der Könige" stutzig machen müsste...
Ich finde aber auch, dass das SPiel mit "Die Siedler" so ziemlich garnichts mehr gemein hat... Es ist ein gänzlcih anderes SPiel, nicht ein bisschen ist aus S1-4 übernommen, aber das ist doch egal...
nö, das ist nicht egal.
meiner meinung nach hätte das spiel 20 % abzug erhalten müssen, da der produktname "siedler" vorsätzlich irreführend vom studio weiterverwendet wird.
wäre das spiel unter einem anderen namen erschienen - ok, geschmackssache. aber mit siedler verbindet der gelegenheitsspieler knuddelgrafik und mit typischem siedler-flair. und diesen käufern (die eher selten spiele-zeitschriften kaufen) wird ohne vorwarnung die kohle aus den taschen gezogen.
mal im ernst - würde nich groß und breit siedler auf der packung stehen, wäre das spiel nicht auf platz 2 der verkaufscharts gelandet - und das wusste der publisher auch!
gerade in hinblick auf die für diesen teil anvisierte internationale vermarktung hätte ein anderer spiele-name nicht geschadet, denn dort kennt eh keine die reihe...
ich mein - wenn metallica plötzlich eine schlager-cd unter dem namen metallica veröffentlichen, würde sich doch auch jeder vearscht vorkommen...
Zitat: (Original von dirkie71 am 26.12.2004 20:13)
Ich finde das Spiel einfach genial. Ob es noch ein Siedler ist, darüber lässt dich streiten. ich persönlich finde es schon. Andere wieder nicht. Die Grafik ist überragend, die Stimme des Mentors ist Geschmacksache. Die Kampagnen sind gut zu schaffen,d.h. nicht zu schwer und nicht zu leicht. Die 85% sind gerechtfertigt.
Ich finde auch dass es ein klasse Spiel ist. Über Kalkofe als Mentor kann man wirklich streiten. Ich finde aber auch, dass das SPiel mit "Die Siedler" so ziemlich garnichts mehr gemein hat... Es ist ein gänzlcih anderes SPiel, nicht ein bisschen ist aus S1-4 übernommen, aber das ist doch egal... Außerdem: Wer kauft denn heute noch ein Spiel, ohne zumindest nen Test, ein Preview oder sonstwas darüber gelesen zu haben?
Ich finde das Spiel einfach genial. Ob es noch ein Siedler ist, darüber lässt dich streiten. ich persönlich finde es schon. Andere wieder nicht. Die Grafik ist überragend, die Stimme des Mentors ist Geschmacksache. Die Kampagnen sind gut zu schaffen,d.h. nicht zu schwer und nicht zu leicht. Die 85% sind gerechtfertigt.