Damit hätte Don Corleone nicht gerechnet: Gangland bringt Hektik in den geruhsamen Alltag der Familie. Eigentlich ist die Mafia das etwas derbere Sinnbild für den Begriff der Familie. Eine Hand wäscht die andere, Vetternwirtschaft, Loyalität bis ans Sterbebett und so weiter. In der Mangano-Familie jedoch scheint der Nachwuchs nach anderen Grundsätzen aufgezogen worden zu sein. So kommt es eines Abends zu handfesten Streitigkeiten zwischen den fünf sizilianischen Brüdern, die auch ein Machtwort des greisen Großvaters nicht mehr stoppen kann. Das Ende vom Lied: Frauenschwarm Chico liegt mit gebrochener Nase und einer unschönen Schusswunde zuerst auf der Intensivstation und schließlich im Ehrenbett. Verdächtigt werden Angelo, Romano und Sonny, die sich flugs nach Amerika absetzen, Jahre später jedoch in Paradise City ausfindig gemacht werden. Jetzt ist es am fünften Stammhalter Mario, die Familienehre wiederherzustellen und mit seinen treulosen Brüdern abzurechnen.
Nichts als ballern
Damit ist die Aufgabe klar: Abtrünnige Familienmitglieder aufstöbern, selbige liquidieren und nebenbei noch zum neuen Paten von Paradise City aufsteigen - und das alles innerhalb von 28 Missionen. Klingt nach einem äußerst unkonventionellen Szenario für ein Echtzeit-Strategiespiel? Die dänischen Entwickler bei Media Mobsters machten aus Gangland auch kein konventionelles Echtzeit-Strategiespiel, sondern mischen Taktik- und Action-Elemente. Zwar steuern Sie Mario und seine Mafia-Schergen ähnlich wie in Commandos durch die urbanen Straßenschluchten von Paradise City, lassen die Jungs hinter Mülltonnen oder Hot-Dog-Ständen in Deckung gehen und statten sie nach und nach mit durchschlagenden Wummen aus, jedoch haben Sie im Gegensatz zum behäbigen Zweiter-Weltkriegs-Epos keine Zeit, um lange nachzudenken oder zu taktieren. In Gangland fliegen Ihnen die blauen Bohnen buchstäblich im Sekundentakt um die Ohren und eine Straßenschlacht jagt die nächste. Entsprechend simpel gestalten sich die Missionsziele, die sich auf das Umlegen bestimmter Zielpersonen beschränken. Hin und wieder müssen Sie auch Botengänge hinter sich bringen und sich dabei feindlicher Angriffe erwehren, aber viel mehr Abwechslung sollten Sie von Gangland nicht erwarten.
Von Tür zu Tür
Anfangs ist Mario vor Feuergefechten sicher. Zu Beginn des Spiels landet er nämlich als Niemand in Paradise City und verdingt sich für seinen Onkel Vincenzo, bei dem er das Mafiosi-Geschäft von der Pike auf erlernt. Dazu gehört zunächst einmal eine ausreichend gefüllte Portokasse. Da kommt ihm die hohe Kneipendichte in Paradise City gerade recht. Seine erste Amtshandlung: zu diversen Kneipiers in der Gegend spazieren und ihnen sündhaft teure Vollkaskoversicherungen verkaufen. Die Geschäftsleute sind von diesem Angebot entweder so begeistert, dass sie sich sofort in seine Obhut begeben und regelmäßig einen Obolus aufs Familienkonto überweisen, oder es kommt zu einem kurzen Handgemenge mit loyaler Stammkundschaft, die nichts von Schutzgeldern hören will. Diese Auseinandersetzungen stellen allerdings keine großen Probleme dar, sodass die Eröffnung neuer Geschäftsstellen in der Regel ein Kinderspiel ist. Allerdings erhält Mario durch die Schutzgelderpressung lediglich 25 Prozent des erwirtschafteten Umsatzes. Weitaus profitabler ist da die komplette Übernahme der Betriebe, die 50 Prozent des Gewinns direkt in die Kasse spült. Diese Akkreditierungsmethode kostet Mario jedoch eine ordentliche Stange Geld, die von den Ladenbesitzern eingestrichen wird.
Grundlegende Versorgung
Auf diese Art und Weise verleiben Sie sich im Spielverlauf nicht nur Kneipen, sondern auch Waffenhändler, Werkstätten oder Juweliere ein. Für Ihre eigentlichen Ziele sind dabei jedoch nur Waffenhändler und Kneipen interessant. Während Sie sich bei Ersteren mit immer neuen Gewehren von der Pistole bis zur Tommygun eindecken und regelmäßig mit Munition versorgen lassen, stehen in den familieneigenen Kaschemmen potenzielle Arbeitnehmer Schlange und möchten rekrutiert werden. Die Handlanger wollen für ihr blutiges Tagewerk allerdings ausreichend entschädigt werden und auch die Schießeisen bekommen Sie nicht für nen Appel und n Ei. Hier kommen die restlichen "Ressourcen" ins Spiel, denn mit falschem Schmuck, nachgebauten Auto-Ersatzteilen und angeblichen Designer-Klamotten lässt sich hervorragend Handel trei- ben - auf dem internationalen Schwarzmarkt, versteht sich. So schaffen Sie sich eine solide finanzielle Grundlage, die nicht nur eine biedere Riester-Rente ersetzt, sondern auch die anstehenden Bandenkriege finanziert.
Freunde fürs Leben
Zwar regiert Geld angeblich die Welt, macht alleine aber auch nicht glücklich. Deshalb sollten Sie sich schleunigst nach Handlangern umsehen, mit denen Sie die Knete verpulvern können. In Ihren Kneipen warten vier Einheitentypen auf Anstellung: Mit Pfefferspray ausgestattete Dirnen, breitschultrige Schläger sowie mit Pistolen oder Tommyguns ausgerüstete Auftragskiller. Hier zeigt sich leider eines der größten Probleme von Gangland: Es warten immer nur bestimmte Einheitentypen in den Hinterzimmern Ihrer Etablissements. Sind Sie also darauf aus, einen Schläger anzuheuern, sind unter Umständen nur leicht bekleidete Straßenmädchen auf Jobsuche und Sie müssen mehrere Minuten warten, bis Sie Ihren Kampftrupp so erweitern können, wie Sie es gerne möchten. Über diese vier Basiseinheiten hinaus werden Ihnen in Gangland noch zwölf Spezialtruppen zur Seite gestellt. Diese müssen Sie allerdings erst einmal in so genannten "Herausforderungen" freischalten. In diesen speziellen Missionen gilt es dann etwa, zehn Minuten lang mithilfe von ein paar Scharfschützen Dutzenden von schlecht gelaunten Gangstern zu entkommen oder zwei entführte sizilianische Großmütter zu befreien. Erfüllen Sie diese optionalen Herausforderungen, stehen bis zum Spielende von Bombenlegern über Ninjas bis hin zu Panzerfaust-Schützen alle erdenklichen Handlanger bei Ihnen in Lohn und Brot.
Nix mit weißer Weste
Mit Ihren Truppen bestreiten Sie die 16 Hauptmissionen der Einzelspielerkampagne, die Sie auf der Suche nach Ihren Brüdern durch verschiedene Bezirke von Paradise City schickt. Nach den ersten vier Missionen hängen Sie dann auch nicht mehr am Rockzipfel Ihres Onkels, sondern bestimmen selbst, wo's langgeht - machen aber trotzdem immer das Gleiche und liquidieren nach und nach alle anderen Mafia-Bosse der Stadt, darunter selbstverständlich auch Marios Brüder. Etwas Abwechslung erhält das blutige Tagesgeschäft durch Anrufe von Bittstellern, die Sie um Gefälligkeiten blutiger oder finanzieller Natur ersuchen. Als echter Pate erfüllen Sie diese Bitten natürlich, woraufhin die armen Teufel Ihnen einen Gefallen schuldig sind. Sie können sie alsdann wie eigene Einheiten kontrollieren - allerdings mit dem entscheidenden Vorteil, dass Ihre Konkurrenten die Zugehörigkeit zur Mangano-Familie erst erkennen, wenn es schon zu spät ist. Mit den Spitzeln können Sie hervorragend feindliche Unterschlüpfe infiltrieren und ohne großes Tohuwabohu die Lebensgefährtin der Konkurrenz oder deren Nachwuchs ausschalten.
Von Frauen und Problemen
Apropos Familienleben: Auch Mario sollte im Spielverlauf eine Frau ehelichen und einen Stammhalter aufziehen. Je nachdem, ob er sich für eine intellektuelle, sportliche oder mondäne Dame entscheidet, wird der Sprössling ein Anwalt, ein muskulöser Schläger oder eine kurvenreiche Verführerin. Ab jetzt wird Gangland immer hektischer. Da sich die bessere Hälfte ständig in seiner Nähe aufhält, gibt sie ein prima Ziel für die Konkurrenz ab. Dementsprechend ist stets für ausreichend Personenschutzkräfte zu sorgen. Und das, obwohl man mit der Sicherung der Restaurants und Waffenhändler eigentlich schon alle Hände voll zu tun hat, da die computergesteuerten Widersacher dem Spieler in späteren Levels eigentlich keine Ruhepausen gönnen. Zum Glück gibt es in der deutschen Version von Gangland pro Mission mehrere Speicherpunkte, sodass man nicht wie im englischen Original nach einem gescheiterten Einsatz die gesamte Mission noch einmal von vorne beginnen muss.
Nur nichts überstürzen
Diese Hektik ist eines der größten Probleme von Gangland. An allen Ecken und Enden der Karten brennt es und Sie kommen mit dem Löschen kaum nach. Besonders enervierend sind die hektischen Echtzeit-Kämpfe. Zwar besteht theoretisch die Möglichkeit, Ihre Einheiten in die Hocke gehen oder den Gegner umzingeln zu lassen. Theoretisch. In der Praxis bleibt Ihnen dazu kaum Zeit und Sie ordern einfach die versammelten Truppen zum Angriff und hoffen, durch Übermacht zu gewinnen. Die Möglichkeit, bei pausierendem Spiel Befehle auszugeben, hätte hier wahre Wunder gewirkt. Ähnlich wünschenswert wäre es gewesen, mit den sieben fahrbaren Untersätzen frei in den Städten herumzufahren. Zwar können Sie sich mit Ihren Mannen in diverse Vehikel vom Streifenwagen bis zum Truck schwingen, mit diesen jedoch nur auf den Straßen umherkurven. Dass die Kisten bei Kontakt mit einem Bordstein abrupt stoppen, als wären Sie in eine meterdicke Betonwand geknallt, wirkt nicht nur unglaubwürdig, sondern nimmt den Fahrzeugen auch den spielerischen Witz. Da die Fahrrinnen äußerst schmal geraten sind, fällt das Manövrieren unnötig schwer und Sie sind per pedes meist schneller und stressfreier unterwegs als in den Kraftfahrzeugen.
Die Bild-Ton-Schere
Wesentlich ausgereifter wirkt die 3D-Engine des Spiels. Besonders sehenswert sind die Explosionseffekte, wenn ein Gebäude in die Luft gejagt wird. Auch der Tag-und-Nacht-Wechsel ist stimmungsvoll in Szene gesetzt und trägt zu echter Gangster-Atmosphäre bei. Letzteres kann man von der deutschen Sprachausgabe leider nicht behaupten, denn neben den üblichen Einheitenkommentaren wurde nichts vertont. Die Missionsziele erscheinen genau wie die Erzählung der Storyline lediglich in Textform auf dem Bildschirm.
Die Grundidee von Gangland gefällt mir ausgesprochen gut. Leider führten die Entwickler die vielen guten Ansätze nicht zu Ende. Die Schlachten wären mit einer Pausieren-Funktion sehr viel spannender geraten, als skrupelloser Pate möchte ich mit meinem Fuhrpark auch über Gehwege rumpeln können und die Präsentation der Story in Textbildschirmen ist arg dünn. Wirklich
haarig wird später der hektische Spielablauf, denn Sie müssen mit Ihrer Spielfigur überall sein. Zwar können Sie Ihre Handlanger auch alleine losschicken, doch das Akquirieren neuer Läden funktioniert nur, wenn Ihr Don vor Ort ist. Auch die Bewerbungsgespräche mit neuen Schergen führt er selbst, gleichzeitig soll er aber im Büro Telefondienst schieben. Das ist schlichtweg zu viel auf einmal und drängt die schöne Grafik und die kurzweiligen Herausforderungen in den Hintergrund. Auf der anderen Seite fühlt man sich tatsächlich wie ein echter Don - vor allem das Aufbauen eines illegalen Geschäftsimperiums macht anfangs eine Menge Spaß. Auf lange Sicht fehlen dem Spiel jedoch leider die zündenden Elemente.