In den 80ern hatte der mittlerweile verstorbene Thriller-Autor Robert Ludlum eine Idee: Seefahrer fischen einen Mann aus dem Wasser, der sich an nichts erinnern kann. Was er kann: Mit Pistolen schießen, schleichen, anderen Angst einjagen. Aus diesem Stoff entstand ein Roman namens Der Borowski-Betrug. Der gefiel den bei den Comic-Zeichnern William Vance und Jean van Hamme so gut, dass sie eine eigene Geschichte daraus machten; die Geschichte von XIII (sprich: Dreizehn), dem Mann ohne Gedächtnis. Während sich Filmemacher um die Leinwandadaption des Buches kümmerten, produzierte Ubisoft das gleichnamige Computerspiel zum Comic.
Mit Amnesie und Kanone
Herausragendes Merkmal von XIII ist die Optik: Dicke, schwarze Ränder umrahmen die Texturen, deren Flächen in satten Farben leuchten - man nennt das Cel Shading. XIII ist somit der erste Shooter, der aussieht wie gemalt. Das Spiel hält sich grafisch genauso nah an der Comic-Vorlage wie inhaltlich: Um 9 Uhr morgens spuckt das Meer einen Mann aus, der nur weiß, dass er nichts weiß. Sie müssen der Figur 35 Levels lang helfen, sein Gedächtnis zurückzuerlangen. Zuerst begleitet Sie eine hilfsbereite Baywatch-Rettungsschwimmerin in eine Hütte, wo man Fakten sammelt: Auf Ihrer Schulter ist die Zahl 13 in römischen Ziffern eintätowiert, Ihr Name lautet anscheinend Rowland, ein Schlüssel in Ihrer Tasche führt Sie zu einem Schließfach der Winslow-Bank. Dann stürzt die Retterin plötzlich zu Boden im Kugelhagel, der von draußen durch die Holzdielen schlägt und das Gebäude in ein Sieb verwandelt. Sie sind in Gefahr! Das ist der Augenblick, wo Sie die Kontrolle über die Spielfigur erlangen: Mit bewährter Ego-Shooter-Steuerung hetzen Sie durch die Räumlichkeiten, sammeln einen Revolver ein und erledigen die Angreifer fachmännisch wie jemand, der das tagtäglich macht. Draußen wimmelt es nur so von Gangstern, die es auf Sie abgesehen haben. Einige schießen von Motorbooten aus, andere stehen auf Felsvorsprüngen und nehmen Sie von dort aus ins Visier. Sie sind anscheinend nicht sonderlich beliebt - aber warum? Erste Antworten liegen im Tresor der Winslow-Bank. Immer dann, wenn Sie sich an etwas erinnern, kommt es zum grafisch ungewöhnlichen Flashback: Geräusche hallen mit einem langen Echo, die Kontraste sind stark erhöht, das Bild schimmert in hellen Farbtönen. Am Ende fügen sich die übers Spiel hinweg eingesammelten Gedankenfragmente zu einem Gesamtbild.
Alles eine Waffe
Auch wenn XIII mit seiner Comic-Grafik zunächst so aussieht wie ein Zeichentrickfilm, der um 3 Uhr nachmittags im Kinderkanal läuft - das Spiel ist ganz und gar nicht harmlos. Zu Ihrem Waffenarsenal gehört neben Standard-Geräten wie Schnellfeuergewehr, Pistole und Schrotflinte auch Ungewöhnliches - etwa Glasscherben oder Aschenbecher. Solche Gegenstände brauchen Sie immer dann, wenn Unschuldige im Weg stehen: FBI-Männern werfen Sie von hinten Flaschen an den Kopf, das Personal einer Irrenanstalt schlagen Sie mit einem Besen k. o., Polizisten schicken Sie mittels Stühlen ins Reich der Träume. Ziel ist es, stets die Guten am Leben zu lassen - sobald es zum Kampf gegen richtige Bösewichte kommt, zücken Sie die Kanonen, die mit scharfer Munition geladen sind. Die Action-Szenen zeigt XIII erstaunlich ungeschminkt: Wer mit einer Armbrust auf einen Widersacher zielt, darf den Einschuss der Pfeile in drei Standbildern aus nächster Nähe beobachten. Die Farbe Rot nimmt dabei einen großen Platz auf dem Bildschirm ein - auch in der deutschen Version. Dennoch wirkt der Gewaltgrad nicht übertrieben oder aufgesetzt, was vor allem an der Lautmalerei liegt: An die Stelle von gegnerischen Schmerzensschreien treten zum Beispiel Sprechblasen wie "Aaargh!". Explodiert eine Granate, so wackelt der Bildschirm, begleitet von einem "Booom!"-Schriftzug.
Leise Sohlen, dumme Gegner
In XIII stapfen Sie durch ein Schneegebiet, während der Feind mit Raketenwerfern auf Sie feuert. Sie hüpfen von Eisscholle zu Eisscholle, während es unter Ihren Füßen verdächtig knirscht und kracht. Sie weichen auf einer Seilbahn den feindlichen Kugeln aus, stürzen anschließend in die Tiefe und retten sich knapp mit einem Haken. Sie kriechen durch Lüftungsschächte, balancieren auf Felsvorsprüngen und beschießen einen Helikopter mit schweren Geschützen. Kurz: Sie erleben allerhand Abenteuer. Häufig lautet die Maxime dabei: Bloß keine Aufmerksamkeit erwecken. Sie pirschen sich von hinten an Gegner heran und schalten selbige mit einem Genickschlag aus. Bewusstlose nehmen Sie huckepack, um sie aus dem Sichtradius der Verfolger zu bringen - oder lassen es sein. Es ist nicht unbedingt nötig, möglichst unauffällig zu bleiben. Das liegt vor allem an der KI der Gegner, die in diesem Falle die Übersetzung "Keine Intelligenz" verdient. Da entdeckt ein Wachposten zum Beispiel, dass sein Partner mit offensichtlich schweren Wunden am Boden liegt. Besagte Wache beugt sich über den Verletzten, ein Fragezeichen über deren Kopf soll wohl angestrengtes Nachdenken signalisieren - und schließlich ist der Vorfall so gut wie vergessen, die Wache dreht weiter ihre Runden, als sei nichts geschehen.
Grund zum Ärgern: das Speichern
Ein Fluch scheint PC-Spiele zu verfolgen, die auch auf Konsolen erscheinen: Das Speichersystem ist in neun von zehn Umsetzungen ein Ärgernis - so auch bei XIII. Gespeichert wird, sobald Sie einen Checkpoint erreichen. Die wurden so platziert, dass sie entweder überflüssig sind oder zu selten. Häufig befindet sich ein solcher Checkpoint kurz vor einer Zwischensequenz. Weil sich Cutscenes nicht abbrechen lassen, werden Sie diese schnell auswendig kennen. Ubisoft hat jedoch angekündigt, das Speichersystem bis zur finalen Version noch zu überarbeiten und eine richtige Quicksave-Funktion einzubauen. XIII ist unterm Strich ein sehr schöner Ego-Shooter, der, wie im Genre derzeit leider so üblich, nur knapp zwölf Stunden Spielzeit bietet. Trotzdem empfehlenswert!
XIII zu spielen, das ist in etwa so, als würde man
einen Comic lesen, der zum Leben erwacht.
Die Optik von XIII ist weder spektakulär noch hardwarehungrig, sie ist einfach nur schön: Den Comic-Stil haben die Entwickler sehr ordentlich hinbekommen, auch wenn die Außenlevels teilweise wie eine gekünstelte Filmkulisse anmuten. Schaut man tiefer als bis zur ungewöhnlichen Grafik, so bleibt XIII ein Shooter, der zwar von vorne bis hinten sehr solide, spannend und spielenswert ist, aber im Großen und Ganzen nichts Besonderes bietet. Man schießt ein bisschen auf Gegner, schleicht zur Abwechslung auch mal (und ärgert sich dabei über die haarsträubend miese Gegner-KI), lauscht den humorvollen Dialogen der Feinde, versucht, die recht komplizierte Story zu entwirren und ist nach rund zwei Tagen durch. Trotz der fehlenden Schnellspeicherfunktion. Ego-Shooter-Fans werden mit XIII ihre Freude haben, doch wenn Ihnen Innovation wichtiger als Comic-Grafik ist, dann warten Sie besser auf Far Cry.