Identitätskrise: Ein Action-Rollenspiel? Ein Echtzeit-Strategiespiel? Ein Genre-Mix? Knightshift wäre am liebsten alles auf einmal - ist am Ende aber nichts Halbes und nichts Ganzes.
Eine wahre Tragödie spielt sich ab: Einem weit entfernten Land mit ehemals blühenden Landschaften fehlt nicht nur ein Name, sondern auch der edelmütige und selbstredend blonde Prinz. Der Knabe heißt Siegfried und sorgte lange Zeit für Recht und Ordnung, dass selbst Hamburgs ehemaligem Innensenator Ronald Schill die Spucke weggeblieben wäre. Seit nunmehr fünf Jahren fehlt von dem Bengel allerdings jede Spur. Verantwortlich für diese Tragödie zeichnet der niederträchtige Magier Boldwin, der Siegfried in ein Paralleluniversum verbannte, um sich unbehelligt die Weltherrschaft unter den Nagel zu reißen. Zum Glück gelingt es dem buckligen Druiden Thadeus, ein Portal zu öffnen und Siegfried in das mittlerweile verwelkte und der Anarchie verfallene Königreich zurückzubringen. Ob sich der Lausebub im Paralleluniversum mit scharfen Bikini-Babes vergnügte und vielleicht viel lieber dort geblieben wäre, erfahren wir nicht. Stattdessen quetscht sich der Gutmensch in seine Rüstung und zieht aus, das Böse zu vertreiben.
Was bin ich?
So zumindest gestaltet sich die Geschichte der Strategie-Kampagne von Knightshift. Strategie-Kampagne? Ja, denn neben dieser gibt es im neuesten Spiel von Reality Pump (Earth 2150) noch eine reine Rollenspielkampagne. Laut Aussagen des deutschen Vertriebspartners Zuxxez Entertainment wurde diese strikte Trennung vorgenommen, nachdem die eigentlich angestrebte Warcraft 3-kompatible Synthese aus Echtzeit-Strategie und Rollenspiel schlichtweg zu überladen gewesen wäre.
Ein wahrer Glücksfall für Marketing-Strategen, schließlich lässt sich der Titel jetzt mit dem Slogan "zwei Spiele in einem" verkaufen. Ein mutiger Spagat, der leider nicht vollends glückt - hinken doch beide Spielmodi vollwertigen Genrevertretern hinterher. Vor allem der angebliche Echtzeit-Strategiemodus ähnelt eher einem Rollenspiel mit Strategieanteil, denn einem Strategiespiel mit Rollenspielanteil. Das fiel in letzter Sekunde wohl auch den Entwicklern auf, denn galt dieser Modus in der Beta-Version noch als "RTS-Kampagne", wird er inzwischen schlichtweg als "Kampagne" bezeichnet.
Milk & Conquer
In eben dieser Kampagne übernehmen Sie die Rolle von Siegfried und ziehen zunächst allein durch die Lande. Ihre erste Aufgabe: Die Bewohner von Ihrer adligen Herkunft zu überzeugen. Zu diesem Zweck retten Sie verloren gegangene Kinder aus düsteren Wäldern oder spielen Bodyguard für eine Kuhherde. Zur Belohnung gibt's Einzelteile einer schmucken Rüstung, die Sie fortan als rechtmäßigen Prinzen ausweist. So oder ähnlich laufen alle 24 Missionen dieses Feldzugs ab. Zwar verschlägt es Sie des Öfteren in abgewrackte Dörfer, in denen Sie etwas Sanierungshilfe leisten und Truppen produzieren dürfen, doch klassische Echtzeit-Strategie-Missionen haben Seltenheitswert. Ist der Basisaufbau abgeschlossen, ziehen Sie mit den ausgebildeten Truppen weiter und lösen rollenspieltypische Aufgaben.
Der Basenbau ist darüber hinaus sterbenslangweilig. Den einzigen Rohstoff - Milch - liefern weidende Kühe. Die naturgemäß trägen Paarhufer pflegen auch in Knightshift ein gesundes Phlegma und so fließen die nötigen Ressourcen zum Bau von Holzhütten(!) nur schleppend. Gesteuert wird Ihre Armee wie in einschlägigen Echtzeit-Strategiespielen. Wahlweise via rechter oder linker Maustaste erteilen Sie Bewegungs- und Angriffsorder, gruppieren Einheitenkontingente, denen Sie dann Formationen zuweisen können. Mit diversen Upgrades verbessern Sie Waffen- oder Rüstungsstärke.
Veteranen sammeln außerdem Erfahrungspunkte, die sie widerstandsfähiger und schlagkräftiger werden lassen. Das macht bei Knightshift gleich doppelt Sinn, da Sie nach jedem Einsatz neun Einheiten in die nächste Mission übernehmen dürfen und so von kampferprobten Truppen profitieren.
Diablo light
Die reine Rollenspielkampagne umfasst acht Kapitel und unterscheidet sich von ihrem strategischen Bruder im Wesentlichen durch das Fehlen von Party und Basenbau. Zeitlich vor der Handlung um Prinz Siegfried angesiedelt, sind Sie hier mit einem von sieben Charakteren auf der Suche nach Thadeus, der den edlen Recken aus seinem paranormalen Gefängnis befreien soll. Sie entscheiden sich also zunächst für Bogenschütze, Ritter, Barbar, Speerwerfer, Priesterin, Magier oder Amazone und machen daraufhin Bekanntschaft mit dem Dämonen Kolbek, der Sie bei der Suche nach Thadeus unterstützt.
Wie im Strategiepart kämpfen Sie zunächst gegen zahlreiche Wölfe und Bären, bis Sie später auch auf böse Knusperhexen, Skelette oder Vertreter der Fantasy-Fauna wie Oger oder Echsenwesen stoßen. Für erledigte Bösewichter sammeln Sie Erfahrungspunkte, die je nach Charakterwahl auf verschiedene Charakterwerte verteilt werden können. Während der schlagkräftige Barbar neben Lebenspunkten beispielsweise auch Fähigkeiten wie Wutanfälle oder kritische Treffer trainieren kann, ist die Amazone beim Mana-Vorrat und der Zauberstärke an ihren Grenzen angelangt. Dafür darf sie ein Spiegelbild ihrer selbst herbeizaubern, das sie im Kampf unterstützt. Andere Charaktere sind auf die Hilfe von Söldnern angewiesen, die auf den Karten verteilt auf Arbeit warten - nur gegen Goldstücke, versteht sich.
Leider ergeben sich durch die Unterschiede zwischen den einzelnen Charakteren einige Balancing-Probleme. So haben es Ritter und Barbar als starke Nahkämpfer verhältnismäßig leicht, sich durch die Gegnerhorden zu prügeln, während alle anderen Figuren äußerst schwach auf der Brust und auf den Fernkampf angewiesen sind. Die Folge: Sie sind in ständiger Defensive und Ihre Spielfigur segnet überdurchschnittlich oft das Zeitliche. Selbst erfahrenen Spielern droht hier Frust.
Fehlende Sammelleidenschaft
Zahlreiche freie Händler bieten Waffen, Rüstungen, magische Armbänder oder Spruchrollen feil. Das Geld dafür knöpfen Sie erledigten Feinden ab. Eine echte Sammelleidenschaft wie in Diablo will sich dabei jedoch nicht recht einstellen. Es fehlen die sagenumwobenen Unique Items, von denen der ein oder andere Schmied eine Geschichte zu erzählen vermag und deren Fund man mit freudigen Jauchzern kommentiert. Stattdessen gibt es eben zugegebenermaßen zahlreiche Gegenstände mit unterschiedlichen Effekten. Ähnlich verhält es sich mit den Gegnermassen, mit denen Sie sich herumschlagen.
Während in Diablo bereits nach kurzer Spielzeit bestialische Höllenfratzen den Bildschirm zieren, erledigen Sie in Knightshift selbst zur Halbzeit des Rollenspielparts größtenteils die immer gleichen Ansammlungen von Wölfen, Bären und Skeletten. Dass diese mal rot oder lila sind und mit unterschiedlichen Waffen auf Sie eindreschen, macht dabei keinen nennenswerten Unterschied. Die Gegnerschar wirkt mitunter einfach lieblos auf den Karten platziert und man verliert schnell die Lust an Konfrontationen. Das Ergebnis: Ein Klick auf das Zielgebiet, das auf der Minimap markiert ist, und schon marschiert Ihr Held an allen Feinden vorbei, die Sie nicht zwingend erledigen müssen.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht
Eine weitere Spezialität von Knightshift: der eigenwillige Humor. Die deutsche Synchronisation schöpft aus dem ergiebigen Sprachschatz der deutschen Dialekte. Da erzählen Ihnen sächselnde Bogenschützen, dass Sie gerade den "feif-o-glogg-tie" trinken wollten oder hessische Schwiegermütter babbeln Ihnen die Ohren voll. Das ist ungefähr eine halbe Stunde lang erträglich - danach schalten Sie die Sprachausgabe besser ab. Dieses Manko wiegt umso schwerer, da auch die minutenlangen Dialoge, die eigentlich die Geschichte vorantreiben sollen, nicht ohne diesen Holzhammerhumor auskommen.
Kunterbunt
Die Grafik-Engine - eine Weiterentwicklung der Earth-Engine - kann sich wahrlich sehen lassen. Die quietschbunte Fantasy-Welt ist mit lauschigen Bächen und sich im Wind wiegenden Bäumen und Gräsern sehr ansprechend in Szene gesetzt. Wolken ziehen über die Landschaft und spiegeln sich ebenso im Wasser wie der Mond, wenn der Tages- und Nachtzyklus die Welt wieder einmal in Dunkelheit hüllt. Leider wurden die grafischen Schwächen der Betaversion nicht mehr ausgemerzt. Die Charakteranimationen wirken nach wie vor hölzern und im grafisch anspruchsvollen Umfeld deplatziert. Gleiches gilt für die mit tristen Texturen tapezierten Dungeon-Abschnitte, die mit dem Detailreichtum der Oberwelten nicht einmal im Ansatz mithalten können.
Battle.net-Konkurrent?
Durch den Genre-Mix bedingt, fällt der Mehrspielermodus von Knightshift vergleichsweise üppig aus. Im Echtzeit-Strategiepart tragen Sie auf 15 vorgefertigten Karten - wahlweise mit oder ohne Basenbau - mit bis zu acht Spielern mehr oder weniger spannende Gefechte aus. Da Knightshift mit nur einer spielbaren Rasse aufwartet, dürfte dieser Modus selbst Strategie-Novizen nicht sonderlich lange bei Laune halten. Erschwerend kommt der träge Aufbaupart hinzu, der den Spieler die ersten Minuten zum Kuhtreiber degradiert.
Wesentlich spaßiger ist da schon der Rollenspielpart. Hier durchleben Sie die Kampagne sowie sechs weitere Karten im kooperativen Modus ebenfalls mit bis zu sieben Mitspielern. Kreativ begabte Naturen haben außerdem die Möglichkeit, mit dem komfortablen Editor weitere Schlachtfelder für den Strategiemodus zu erstellen.
Der angebliche Strategiepart lockt keinen ernsthaften Strategiespieler aus dem Battle.net.
Die Entwickler bezeichnen Knightshift als "Hybrid-Spiel" - eine einzigartige Verquickung aus Echtzeit-Strategie und Rollenspiel. Das Spiel wirkt dagegen stellenweise eher wie unfertiges Flickwerk. Der angebliche Strategiepart lockt mit nur einer spielbaren Rasse, einem einschläfernden Aufbaupart und mickrigen Upgrade-Möglichkeiten keinen ernsthaften Strategiespieler aus dem Battle.net. Auch in der Einzelspielerkampagne geht es hier viel zu rollenspiellastig zu. Das Action-Rollenspiel Knightshift hinterlässt da einen wesentlich besseren Eindruck. Zwar drücken die unfreiwillig komische Sprachausgabe und die immergleichen Wölfe, Bären und Skelette auf die Atmosphäre, dafür punktet der Titel hier durch seinen Umfang. Sechs vorgefertigte Karten warten mit zahlreichen zufällig generierten Quests auf Ihren Besuch außerhalb der Kampagne und der kooperative Mehrspielermodus macht Laune. Das ist es, was Knightshift vor dem Sturz in tiefere Wertungsregionen bewahrt.
Friedlich grast meine schwarzbunte Else auf der Blumenwiese. Spannend: Man kann förmlich dabei zuschauen, wie sich ihr Euter-Balken füllt. Hurra, endlich 80 Milch-Taler, ich darf einen Wachturm bauen! Gerade im Netzwerk zeigen sich die spielerischen Längen des viel zu schlichten Echtzeit-Strategie-Parts - kein Vergleich mit Warcraft 3. Der Rollenspiel-Part dürfte dank des Diablo-kompatiblen Spielprinzips deutlich mehr Freunde finden - vorausgesetzt, man entscheidet sich für den richtigen Character: Nach dem zweiten Kapitel habe ich meinen schwachbrüstigen Bogenschützen eingemottet und auf den ungleich stärkeren Ritter umgesattelt. Für den Knightshift-Kauf sprechen der stattliche Lieferumfang, die problemlose Steuerung und die idyllischen 3D-Welten; EIN gutes Strategie- oder Action-Rollenspiel wäre mir trotzdem lieber gewesen als zwei mittelmäßige. Tipp: Spielbare Demo auf der PC-Games-CD/-DVD installieren!