Vor zwei Jahren lieferte das Mainzer Entwicklerstudio Related Designs mit dem Echtzeit-Strategiespiel America einen Achtungserfolg ab. In No Man's Land dürfen Sie in drei Kampagnen erneut nach Herzenslust Cowboy und Indianer spielen. In der ersten Kampagne spielen Sie aufseiten der Spanier. Als Offizier Carvinez werden Sie in die Neue Welt entsandt, um nach dem Rechten zu sehen - die Goldlieferungen in die Heimat bleiben seit einiger Zeit aus. Die Ursache ist schnell gefunden: Der englische Freibeuter Drake hockt wie eine Glucke auf den Reichtümern und lässt sich zufrieden die Sonne auf den Bauch scheinen. Da der skrupellose Tunichtgut nebenbei auch noch arglose Squaws für sich schuften lässt, verbündet sich Carvinez kurzerhand mit einem Indianerhäuptling und bläst in bester Winnetou-Manier zum Angriff auf das Piratennest. Apropos Indianer: In der zweiten Kampagne vertreiben Sie mit Wald- und Prärie-Indianern die englischen Besatzer aus Ihren Jagdgründen. Im dritten und letzten Spielabschnitt verfolgen Sie schließlich die Geschichte der Familie Sanders, die zunächst als Pioniere in das gelobte Land reisen und Jahre später im Namen der Unabhängigkeit gegen England kämpfen.
Einmal Klischee bitte
Die Geschichten der Kampagnen werden von gerenderten Sequenzen eingeleitet und vor, während sowie nach jeder Mission mithilfe von Zwischensequenzen in Spielgrafik weitergesponnen. Kleine Pixelmännchen und größtenteils motivierte Synchronsprecher erzählen dann in moralinsauren Mono- und Dialogen vom Leid der naturverbundenen Ureinwohner, von der Habgier der Eroberer, von Krieg und Frieden. Da werden immer wieder Indianer scheinbar nur zum Spaß hingerichtet, palavern Stammeshäuptlinge minutenlang über die Stahlrösser des weißen Mannes und Missionare werden zu fanatischen Spinnern. Eine echte Handlung mit spürbarer Spannungskurve oder überraschenden Wendungen entwickelt sich nicht. Lediglich die dritte Kampagne rund um Familie Sanders hält durch eine stringente Erzählung konstant bei Laune. Die epischen Geschichten von Warcraft 3 oder Age of Mythology spielen in einer gänzlich anderen Liga.
Andere Länder, andere Sitten
Insgesamt sechs Parteien tragen auf den Schlachtfeldern von No Man's Land ihre Streitigkeiten aus: Spanier, Engländer, Siedler, Patrioten sowie Wald- und Prärieindianer, die sich allesamt in ihren Grundzügen gleichen. Um Ihre Einwohner versorgen zu können, errichten Sie stets Wohnhäuser oder -hütten, in Kasernen oder Trainingszelten rekrutieren Sie Ihre Armee und jede Partei giert nach den Rohstoffen Holz, Gold und Nahrung, die Sie neben dem regulären Abbau in Handelskontoren erstehen oder verkaufen können. Auch beim Militär lassen sich nur wenige signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien ausmachen: Ihnen stehen diverse Nah- und Fernkampfeinheiten zur Verfügung, die sich bei Bedarf elegant auf Pferde schwingen. Während die Kolonialmächte bevorzugt auf Pistolen- oder Gewehrschützen setzen, verlässt sich der gemeine Indianerhäuptling eher auf Speerwerfer und Bogenschützen. Allerdings kennen auch die Rothäute das Geheimnis des Schießpulvers und können somit ebenfalls Büchsenträger ausbilden. Lediglich bei schwerem Kriegsgerät sind die europäischen Eroberer wirklich überlegen. Während diese Palisaden mittels Kanonen wie Streichhölzer zerbrechen und vom Wasser aus mit mächtigen Kriegsschiffen angreifen, bleiben den Indianern nur Brandpfeile als effektive Waffe gegen Gebäude und auf Wasserwegen darf nur in zweisitzigen Kanus gepaddelt werden. Allen Parteien gemeinsam sind die Erfahrungspunkte, die Ihre Einheiten sammeln. Je länger diese auf dem Schlachtfeld bestehen, desto mehr stecken sie ein und desto stärker hauen sie auf den Putz. Leider dürfen Sie keine Einheiten in die folgen-de Mission übernehmen und selbst Ihre Helden verlieren nach jeder Mission alle gesammelten Erfahrungspunkte.
Abwechslung geboten
Erweitert wird das militärische Repertoire durch Spezialeinheiten vom Pistolenschützen über den Tierbeschwörer bis hin zum Schmied. Diese Einheiten sind besonders hart im Nehmen und besitzen Spezialfähigkeiten. So schalten Sie Gegner mit nur einem einzigen Hieb aus oder klopfen den einen oder anderen Zauberspruch und lassen beispielsweise einen Meteoritenhagel vom Himmel krachen. In der Einzelspielerkampagne besitzen meist die Hauptcharaktere diese Fähigkeiten und dürfen wie so oft während eines Einsatzes nicht das Zeitliche segnen. Mit ihnen zerstören Sie aufseiten der Indianer englische Versorgungslager, machen zusammen mit dem Spanier Carvinez eine Piratenfestung dem Erdboden gleich oder machen sich mit Ihren Rothäuten zur gezielten Tipi-Terminierung im verfeindeten Stammeslager auf. Related Designs vermied jedoch das klassische "Zerstöre alle gegnerischen Lager"-Missionsziel, so gut es ging. In vielen Missionen müssen lediglich bestimmte Einrichtungen eliminiert werden, ohne dass Sie mühsam komplette Festungen demontieren müssten. Hinzu kommen zahlreiche Kommando-Einsätze, in denen Sie beispielsweise mit einer Hand voll Indianern einen Häuptling aus britischer Gefangenschaft befreien. In anderen Missionen wiederum gehen Sie auf Büffeljagd oder verlegen Eisenbahnschienen.
Das verheißene Land
Optisch steht No Man's Land Vorzeigetiteln wie Age of Mythology oder Warcraft 3 kaum nach. Die eigens entwickelte Engine zaubert wunderschöne Ozeane mit reichen Fischbeständen auf den Bildschirm. Sandstrände, die noch nie ein Tourist betreten und verdreckt hätte, laden zum Verweilen ein und Bäume wiegen sich im Wind. Wenn dann auch noch aus indianischen Tipis der Rauch aufsteigt, Büffelherden über die Prärie donnern und qualmende Stahlrösser durch die Einöde fahren, ist die Wild-West-Idylle perfekt. Anteil daran haben auch die detailverliebten Charakteranimationen. Da schwingen sich Ihre Truppen behände auf Pferderücken, laden die Soldaten ihre Büchsen und spannen die Rothäute ihre Bögen - kaum ein Detail, das keine Beachtung fand. Standardmäßig beobachten und steuern Sie das Geschehen aus einem festen Blickwinkel - Sie dürfen die Kamera lediglich zu Show-Zwecken heran- und für größere Übersicht herauszoomen. Im Optionsmenü lässt sich die Kamera jedoch freischalten, so dass Sie die Ansicht auch kippen und drehen können; die Standardperspektive lässt in puncto Übersichtlichkeit allerdings kaum Wünsche offen, da hinter Objekten verborgene Einheiten durch ihren Umriss dennoch sichtbar sind. Ebenso komfortabel gibt sich die als Standard etablierte Rechtsklicksteuerung der Einheiten.
Schattenseiten
In anderen Bereichen macht No Man's Land technisch eine weniger gute Figur: So entschließen sich Ihre Truppen oftmals erst nach mehrmaliger Aufforderung, Ihren Ordern Folge zu leisten, oder ignorieren den auf aggressiv gesetzten Status und den feindlichen Pfeilbeschuss. Eine andere Schwäche der Programm-KI offenbart sich beim Kommandieren größerer Truppenverbände. Setzen sich diese in Bewegung, stehen sich Ihre Soldaten erst einmal gegenseitig auf den Füßen und fädeln sich danach auf einer Ameisenstraße ein, um sich im Kampf zu einem riesigen Knäuel zu verwirren, in dem sich nichts und niemand gezielt auswählen lässt. Dieses Problem ergibt sich allerdings bereits in friedlichen Zeiten. Gebäude und Einheiten besitzen oftmals seltsame Hotspots - ein Turm beispielsweise will am liebsten im oberen Drittel angeklickt werden und verweigert im unteren Segment die Aussage über genommenen Schaden. Kleinigkeiten zwar, die in ihrer Summe jedoch wertvolle Wertungspunkte kosten.
Fiese Finten
Im Mehrspielermodus stehen alle sechs Parteien zur Auswahl. Letztendlich beschränkt sich die wirkliche Auswahl jedoch auf Eroberer und Indianer, da sich die jeweiligen Fraktionen untereinander kaum unterscheiden. Das verwehrt No Man's Land bereits im Voraus den Multiplayer-Ritterschlag, da die taktischen Möglichkeiten durch die geringe Einheitenzahl stark eingeschränkt sind. Dafür dürfen Sie so genannte Gegen-Upgrades erforschen, die gegnerische Arbeiter langsamer arbeiten lassen oder die Hitpoints Ihrer Widersacher senken. Sind diese Upgrades erforscht, können sie von einer speziellen Einheit zeitlich begrenzt eingesetzt werden. Ebenfalls neu ist der "Wettstreit um die Eisenbahn"-Modus, in dem alle Spieler eine Eisenbahnstrecke fertig stellen müssen und dabei sowohl sabotieren als auch sabotiert werden. Somit ist No Man's Land auch im Mehrspielermodus ein immerhin kurzweiliges Vergnügen.
Das Bessere ist der Feind des Guten. Für den Quasi-Vorgänger America vom gleichen Entwickler-Stamm waren Starcraft und Age of Empires 2 unerreichbare Messlatten. Und heute? Im direkten Vergleich mit Warcraft 3 oder Age of Mythology ist auch No Mans Land nur gut. Probleme damals wie heute: farblose Helden, eine recht triviale Story oh-ne den nötigen Galopp, ein Einheitenbrei ohne klar rausgearbeitetes Stein-Papier-Schere-Prinzip, eine ungenaue Steuerung und wenig organisierte Bleichgesichter, die manch kühn getimten Angriff vermasseln jetzt wird mir auch klar, warum das damals für General Custer am Little Big Horn schief gehen musste. Dafür trumpfen die Grafiker so richtig auf und zeigen Szenario für Szenario, wo die Schoschonen schön wohnen die Engine zaubert prachtvolle Landschaften und spielt gekonnt mit atmosphärischen Licht- und Schatteneffekten. Wen die Einheiten- und Upgrade-Flut eines Warcraft 3 oder Rise of Nations überfordert, ist mit dem bodenständigen No Mans Land deutlich besser beraten.