Grafisch spektakuläres, aber noch etwas inhaltsarmes Online-Rollenspiel.
Online-Rollenspiele steuern sich schwerer als eine Mondlandefähre und kosten Zeit, die man nicht hat. Diese Behauptung stimmte, solange es Asheron's Call 2 noch nicht gab.
Asheron's Call 2 macht vieles anders. Weg ist eine Benutzerführung, die Finger verknotet. Weg ist das stundenlange Patchen vor Spielbeginn. Weg ist das verwirrende Charakter-Management. Weg sind Server-Probleme. Weg sind aber auch Nichtspielercharaktere, pulsierende Städte und Tiefgang. Asheron's Call 2 ist ein Online-Rollenspiel light - noch. Das kann sich jederzeit ändern, denn die Entwickler sind dabei, Patches zu entwickeln.
Zwei Dinge überraschen zu Beginn: Die grandiose Grafik und die menschenleeren Areale. Schicken Sie Ihren Charakter auf einen Berg und lassen Sie von dort aus den Blick über die weitläufige Landschaft schweifen. Es wird Sie ein Gefühl der Einsamkeit beschleichen. Wohin man schaut, erstrecken sich Steppen und Felswüsten, Wälder und Hügelketten, Oasen und Flusstäler. Ringsherum rauscht endloses Meer. Auch Siedlungen sind verlassen. Vor den Städten baumelt einsam ein Begrüßungsschild, dahinter stehen traurig Häuserruinen. Die prächtige Optik und die seltsamen Sphärenklänge verstärken den Eindruck des Alleinseins: Wenn sich der übergroße Mond im Wasser spiegelt, die Palmen am Strand leise im Wind schaukeln und weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist, wünscht man sich die Gesellschaft anderer Figuren.
Warum ist das so? Die Story liefert eine Antwort: Aliens kamen auf den Planeten und löschten alles Leben aus. Jetzt sind sie wieder weg - und Sie sind da. Aus drei Rassen entscheiden Sie sich vor Spielbeginn für eine: Mensch, Tumerok oder Lugianer. Anschließend gestalten Sie Kopfform, Körperbau und Kleidung so frei, als würden Sie eine Knetgummifigur formen.
Die Spielfigur steuern Sie aus der Verfolgerperspektive. Kämpfe beginnen auf Knopfdruck und laufen automatisch ab. Gewonnene Erfahrungspunkte lassen sich auf Fähigkeiten in den Kategorien Nahkampf, Fernkampf, Magie und Spezialfertigkeiten vergeben. Je mehr Punkte Sie in eine Fähigkeit investieren, desto stärker wird sie. Glücklicherweise lassen sich die Eigenschaften auch wieder "wegtrainieren", wenn Sie nicht zufrieden sind. Damit haben Sie alle Freiheiten der Welt. Jemand, der sich in Heilmagie, Speerwurf und Nahkampf gleichzeitig schult, muss aber mit Nachteilen rechnen. Zum einen dürfen Sie nur zaubern, wenn Sie auch einen Stab in den Händen halten. Zum anderen ist eine Spezialisierung oft effektiver als ein Charakter, der alles kann, aber nichts richtig.
Asheron's Call 2 dreht sich ums Kämpfen. In der Fantasy-Welt lauern meterlange Würmer, Riesenwespen, übergroße Rattenmenschen, zentnerschwere Oger und andere bizarre Kreaturen. Gefechte führen Sie entweder alleine - was im Gegensatz zu anderen Online-Rollenspielen recht gut funktioniert - oder in der Gruppe. Viel mehr Möglichkeiten haben Sie nicht. Wer mag, darf Waffen und Rüstungen ohne großen Zeitaufwand selber schmieden. Allerdings benötigt man dazu bestimmte Ressourcen, die besiegte Monster fallen lassen. Alles endet in der Sackgasse Kampf. Das muss nichts Schlechtes bedeuten: Ähnlich wie in Diablo 2 funktionieren die Gefechte reibungslos und flüssig. Es dauert nicht lange, da stellt sich ein Suchteffekt der Marke "Noch ein Gegner, bis ich die Level-Voraussetzungen für die Flammenpfeile erfüllt habe!" ein.
Ein Aspekt, dessen Qualität sich zum Zeitpunkt des Tests noch nicht abschätzen ließ, ist die fortführende Story. Geplant ist, dass die Entwickler monatlich einen Patch veröffentlichen, der die Geschichte vorantreibt und neue Monster und Gegenstände einführt. Die Theorie sieht vor, dass sich im Laufe der Zeit die ramponierten Städte in blühende Metropolen verwandeln; dass die Spieler eine eigene Welt aufbauen. Ein episches Vorhaben! Ob es funktioniert, das zeigt sich in den nächsten Monaten. Im Augenblick überwiegt noch das Gefühl der Leere und Einsamkeit, das vielen die zwölf Euro, die Microsoft pro Monat verlangt, nicht wert sein wird.
Asheron's Call 2 macht eben vieles anders. Aber nicht alles besser.
Beim Bewerten habe ich mich schwer getan: Wenn ich lese, was alles noch kommen soll, werde ich euphorisch. Doch wenn ich spiele, dann langweile ich mich ein bisschen. Es fehlt einfach noch zu viel. Dass geplant ist, die ganzen Städte über die Zeit hinweg im Story-Kontext wieder aufzubauen, das ist eigentlich eine grandiose Idee - nur nützt sie mir nichts, wenn ich mich dafür in den ersten Wochen und Monaten mit einer leeren Einöde herumärgere. Die 75 Prozent beziehen auf den aktuellen Stand des Spiels - und der kann sich ändern. Trotz der Ungewissheit steht eine Sache aber fest: Die Grafik ist, entsprechend teure Hardware vorausgesetzt, schöner als das meiste, was sich im Augenblick auf PC-Monitoren abspielt. Und in Sachen Einsteigerfreundlichkeit ist Asheron's Call 2 dank simplem, aber motivierendem Kampf- und Fähigkeitensystem ungeschlagen!