Seasons after Fall im Test: Keine Herausforderung, aber ein tolles Erlebnis
Vier Jahreszeiten ohne Vivaldi, aber mit Streichorchester: Taugt Seasons after Fall zum Hüpfspiel-Kunstwerk? Die Antwort erfahrt ihr in unserem Test zum Jump and Run, das ausschließlich für PC erscheint.
Ein Jump & Run ausschließlich für den PC - das ist schon mal ziemlich ungewöhnlich. Ebenfalls ins Auge sticht sofort die größte Stärke des Titels: Seasons after Fall ist ein wunderschön gezeichnetes, märchenhaftes Wasserfarben-Kunstwerk zum Mitspielen, das auf den ersten Blick eigentlich nach einer UbiArt-Framework-Kreation aussieht. Tatsächlich wird Seasons after Fall aber von der Unity-Engine befeuert, also dem digitalen Kraftwerk hinter Games wie Hearthstone, Inside, Teslagrad und selbstverständlich Off-Road Velociraptor Safari. Den deutlichsten Vergleich zu einem Unity-Kollegen sucht Seasons after Fall aber mit dem vielleicht besten Jump&Run-Adventure des letzten Jahres: Ori and the Blind Forest. Vom grafischen Standpunkt ausgesehen ist das tatsächlich ein faires Duell. Und vom spielerischen her? Nun ...
Wald Fox
Quelle: PC Games
Bevor wir die Jahreszeiten verändern dürfen, müssen wir zunächst deren Fragmente im Wald aufspüren
Wir beginnen unser Abenteuer tief im Unterholz als kleine Knospe, die einem jungen Waldgeist bei der Vorbereitung für das Ritual der Jahreszeiten helfen soll. Weil so eine Knospe allein aber nicht viel bewegen kann, übernimmt sie kurzerhand die Kontrolle über einen anwesenden Fuchs. Danach zieht sie los, um die Fragmente von Frühling, Sommer, Herbst und Winter aus den Tiefen des Waldes zu stibitzen. Die Storyline orientiert sich an der Märchenbuch-Idee, die sich auch sonst durchs Spiel zieht. Das bedeutet, dass die Geschichte nicht groß hinterfragt wird - sie wird euch vielmehr schlicht dargelegt und bittet euch höflich darum, doch bitte in die angegebene Richtung loszulaufen. Dafür erfreut sich die Erzählung aber einer tollen deutschen Sprachausgabe - überhaupt ist Seasons after Fall mit seinen herrlichen Effekten und der fantastischen Streichmusik ein akustisches Prachtexemplar.
Sommersonne, Winterschnee
Quelle: PC Games
Seasons after Fall ist eines der schönsten und atmosphärischten Spiele des Jahres.
Als spielerisches Fundament dient ein ganz einfaches Hüpfspiel-Konzept: Spurt nach links, Spurt nach rechts, Springen und Kläffen - das ist auch schon das ganze Bewegungsrepertoire unseres Fuchses. Sämtliche Aktionen kommen rein digital ohne analoge Nuancen daher, weswegen sich das Spiel selbst auf einem rattigen 5-Euro-Keyboard super kontrollieren lässt. Steuerfrust kommt hier niemals auf, seine Jump&Run-Basis hat Seasons after Fall als Edelplattformer prima im Griff. Das ist auch gut so, auf diese Weise kann nämlich der eigentliche Gameplay-Superstar des Spiels ohne Ablenkungen seine Wirkung entfalten: Seasons after Fall dreht sich ganz um den Wechsel der Jahreszeiten. Im Laufe seiner knapp fünf Stunden langen Reise durch Wälder, Seen, Höhlen und Gebirge lernt unser kleiner Fuchs, die Welt um sich herum in den Frühling, Sommer, Herbst oder Winter zu versetzen. Dadurch verändert sich die Natur um unseren knuffigen Helden - verschiedene Fortbewegungsmöglichkeiten inklusive. Im Frühling prasselt zum Beispiel Regen über den Wald, wodurch wir Bäume wachsen lassen und an ihnen emporklettern können. Im Sommer dürfen wir den Wasserspiegel in einem See senken und dadurch bisher überflutete Gebiete erkunden. Im Herbst breiten sich Pilze aus und dienen uns als Plattform. Und im Winter frieren Flüsse und Teiche zu, sodass wir mit trockenen Pfoten von Ufer zu Ufer spurten.
Einschalten, Abschalten
Quelle: PC Games
Leider bietet die Story nur wenige Höhepunkte. Unsere Aufgaben sind meist simple Fetch-Quests.
Spielt man Seasons after Fall dann also der Herausforderung wegen? Kommt es dank seiner Jahreszeiten-Wechsel vielleicht als besonders kniffliges oder sagenhaft cleveres Hüpfspiel daher? Man muss ehrlicherweise zugeben: nein. Es gibt keine Gegner, keine Gefahren, keine innovativen Gameplay-Anreize. Da wird hier mal eine große Blume als Sprungbrett benutzt, um eine höher gelegene Plattform zu erreichen, oder dort mit einem niedlichen Fuchs-Kläffer eine Ranke zum Wachsen angeregt. Die Spielmechanik um den Wechsel der Jahreszeiten ist zwar herrlich anzuschauen und verleiht Seasons after Fall so manchen optischen Wow-Effekt, wirklich knifflige Denkaufgaben liefert dieses System aber ebenfalls nicht ab. Die Spielmechanik macht die Welt um unseren Helden nur anders, aber nicht schwieriger.
Nein, von einem echten Metroidvania-Anspruch vergleichbar aufgezogener Titel wie eben Ori and the Blind Forest ist Swing Swings feiner Fuchs so weit entfernt wie Samus Aran von einem anständigen (offiziellen) Spiel zu ihrem 30-jährigen Jubiläum. Seasons after Fall ist ein visueller Zen-Garten und ein virtuelles Märchenbuch. Zu Recht verbindet man mit keinem dieser beiden Dinge eine gesteigerte Lern- oder Anspruchskurve. Das heißt deswegen aber noch lange nicht, dass Seasons after Fall sein Geld nicht wert wäre - man muss es halt nur guten Gewissens aus denselben Gründen kaufen wie einen Zen-Garten oder ein Märchenbuch: zum Entspannen. Zum Staunen. Zum Abschalten. Zu all dem lädt euch das Spiel mit viel Herz, Seele und Charme ein - auch wenn man ab und zu merkt, dass es eigentlich lieber ein interaktiver Animationsfilm sein möchte.
