Pokémon Go: Kolumne eines Pokémon-Bekehrten

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Pokémon Go: Kolumne eines Pokémon-Bekehrten
Quelle: The Pokémon Company

Pokémon GO als Integrationsfaktor: Video-Chef Simon Fistrich lebt als Exil-Sauerländer seit fast 15 Jahren in Franken. Wirklich daheim fühlte er sich hier nie. Wie es ein Handyspiel schafft, sein steinernes Herz zu erweichen, obwohl ihn Pokémon eigentlich gar nicht interessieren, beschreibt er in seiner Kolumne.

Das ist neu: das erste Gespräch heute Morgen mit meiner Frau. "Guck mal raus, es regnet. Verdammt!" "Ja, es regnet und es ist auch eiskalt. Was ist das denn für ein Sommer?" "Du, da hinten wird's aber schon hell. Können leider erst nachher raus!"

Bis vor zwei Tagen wäre uns das Wetter - zumindest unterhalb der Woche vor Feierabend - so am Allerwertesten vorbei gegangen wie mir bisher das Phänomen Pokémon. Ich weiß nichts, ich wollte nie was wissen über die japanischen Digitalmonster. Der Chef wies mich gestern zu Recht darauf hin, dass die Mehrzahl von Pokémon zum Kuckuck noch mal nicht Pokémons sei, sondern ebenfalls Pokémon.

Man möge mir meine Unkenntnis verzeihen! Ich war halt gerade in dem Alter, alles Trendige erstmal doof zu finden, als Ende der 90er-Jahre der Siegeszug der Pokémon begann. "Pokémon? Echt immer noch so ein Riesending?" war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als das die App so plötzlich ins Rampenlicht rückte wie sich der Smartphone-Akku beim Pokémon-Sammeln leert. Mich brauchst du bei Pokémon-Themen gar nicht erst fragen, ich weiß da gar nix drüber!

Casual Cashing

Ein gefürchtetes Rattikarl Quelle: PC Games Ein gefürchtetes Rattikarl Ausprobiert hätte ich Pokémon Go aber so oder so. Ist ja Ehrensache, wenn nicht gar Pflicht für jeden, der sich beruflich mit Spielen beschäftigt, wie PC-Games-Kollege David Bergmann richtig bemerkt. Dem Hype kann man sich eh kaum entziehen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich sogar ein wenig darauf gefreut. Augmented Reality fand ich immer spannend. Ich wusste, dass es Pokémon-GO-Entwickler Niantics Vorgängerspiel Ingress gibt - aber das war immer zu hightech, zu nerdig, zu verkopft. Portale? Schmortale! Dann lieber harmloses Monstersammeln.

Außerdem habe ich einen ausgeprägten Entdeckerdrang und bin eigentlich gerne unterwegs - aber das auf mich fast antik wirkende Geocaching war mir immer zu anstrengend. Unter irgendwelche Brücken stapfen und manuell Caches mit dezent aufregendem Inhalt öffnen? Och nö, macht mal ruhig selbst!

Trotz meiner Gleichgültigkeit gegenüber den Protagonisten hatte Pokémon Go also das Potenzial, mir das Tor in die Welt der Augmented Reality zu öffnen - und dabei meinen Entdeckerdrang zu befriedigen. Nicht so bierernst wie Ingress und nicht so planungsaufwändig wie Geocaching. Ich sollte Recht behalten: Pokemón Go ist genau mein Spiel. Und das liegt nicht mal an den Pokémon.

(Ganz anders geht es übrigens Peter Bathge, der in seiner Kolumne erklärt, was er vom Pokémon GO-Hype hält)

Momente der Erkenntnis

Das ist neu: Beim Filmen besuchen wir die hiesige Caféte, weil dort jemand Lockstoffe für Pokémons Pokémon verstreut hat. Wir treffen auf andere Spieler und halten ein kurzes Schwätzchen. Soziale Kontakte mit wildfremden Menschen, denen ich - allerhöchstens - zugenickt hätte? Dafür brauche ich sonst entweder einen Arbeitsauftrag oder zwei Bier, damit das nicht gezwungen rüberkommt und für beide Seiten anstrengend wird. Wie es war? Sehr nett. Gar nicht so schlimm. Wär auch ohne Spiel nett gewesen. Hm.
Das ist neu: Ich blicke von meinem Display auf und schaue beim abendlichen Sammelspaziergang verwundert auf die grüne Szenerie vor mir, hier in Fürth, zwischen Pegnitz und Villenviertel. Moment, hier ist ein Villenviertel? So krasse Häuser habe ich dieser Gegend ja noch nie gesehen. Dabei ist der Punkt, an dem ich mich gerade befinde, gerade mal zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Der Fluss sieht hier irgendwie wilder, mächtiger aus als sonst. Ich frage mich, was es noch alles zu entdecken gibt. Wo führt denn dieser Weg noch hin? Verdammt, der Akku geht zuneige!

Hach Quelle: Computec Media GmbH Hach Das ist neu: Auf dem Rückweg zur Wohnung sehe ich den bisher spektakulärsten Sonnenuntergang in diesem Jahr. Das hastig geknipste Handy-Bild bei gerade mal 3 Prozent Akkuladung wird dem nicht gerecht. Ob der immer so gut aussieht von hier? Wow!

Das ist neu: Dass ich nach einem anstrengenden 10-Stunden-Tag meinen Hintern vom Sofa bekomme, um die Welt um mich herum zu entdecken. Dass ich gestern Abend sechs Kilometer zurückgelegt habe, nach dem Abendessen! Das als ausgesprochener Freizeitfaulpelz, der eine enorme Willenskraft für eigentlich gern praktizierte sportliche Betätigung aufbringen muss.

Das ist neu: Ansässige mögen es mir bitte verzeihen - ich mag Fürth, Franken und Bayern eigentlich nicht. Ich bin gezwungenermaßen hier, eben weil ich hier arbeite. Ich komme aus dem Sauerland. Da bin ich aufgewachsen, da fühle ich mich wohl. Da verstehe ich die Mentalität, komme in Alltagssituationen besser mit meinen Mitmenschen klar.

Ich habe also nie den Drang verspürt, hier so richtig auf Entdeckungsreise zu gehen. Warum auch? Kann ja eh nicht mit früher mithalten. Aber dieser Waldweg gestern! Dieser wahnsinnige Sonnenuntergang! Die freundlichen Menschen, auf die wir trafen. Selbst die Luft roch besser als gewohnt! Bilde ich mir das alles nur ein? Sollte es doch noch was werden, mit Fürth, Franken, Bayern und mir?

Okay, soweit will ich noch nicht gehen, aber alleine dass ich meine sture Denkweise reflektiere ... nicht zu fassen! Die Pokémon scheinen tatsächlich über magische Kräfte zu verfügen, wenn sie mein steinernes Herz derart erweichen können. Ich bin sozusagen pokésitiv überrascht, haha! Wie es das bekannte Wrestling-Team New Day in der WWE immer so schön sagt: It's a new day, yes it is! Für mich auf jeden Fall, hier in Fürth, Franken, Bayern. Und hey: Gerade kommt die Sonne raus!

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    • Kommentare (16)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Vordack Spiele-Professor/in
        Zitat von MichaelG
        Oder Pokemon-App mit Totwinkelwarner. :D :D
        Warts ab, wegen Pokemon Go wird das neue I-Phone auch links und rechts in der Seite kleine Kameras haben :ugly:
      • Von Vordack Spiele-Professor/in
        Zitat von MichaelG
        Oder Pokemon-App mit Totwinkelwarner. :D :D
        Warts ab, wegen Pokemon Go wird das neue I-Phone auch links und rechts in der Seite kleine Kameras haben :ugly:
      • Von MichaelG Mitglied
        Oder Pokemon-App mit Totwinkelwarner. :D :D
      • Von Vordack Spiele-Professor/in
        Zitat von MichaelG
        Alles eine Frage der Sichtweise. Nur weil es die Leute heraustreibt aus der Bude ist es nicht automatisch gut. Da wünschte ich mir andere, gesündere Antriebe. Und auch mehr den Blick weg vom Handy aufs Real Life, wo man dann auch mitbekommt, daß eine Ampel feuerrot ist oder daß man eben nicht gerade mal eben auf die Straße springen kann weil gerade ein Fahrzeug ankommt.
        Eine Sache wird bei dieser Kritik häufig übersehen. Auf dem Smartphone sieht man ja sein Umfeld (und den Pokemon). Also sehen die Leute was vor ihnen ist (nur sollten sie sich - wie Autofahrer - Seitenblicke angewöhnen :ugly: ) Jetzt hab ichs! Es sollte eine "Walkschule" für Pokemon Go Spieler geben und Pflicht werden :)
      • Von Scholdarr Mitglied
        Zitat von MichaelG
        Alles eine Frage der Sichtweise. Nur weil es die Leute heraustreibt aus der Bude ist es nicht automatisch gut. Da wünschte ich mir andere, gesündere Antriebe. Und auch mehr den Blick weg vom Handy aufs Real Life, wo man dann auch mitbekommt, daß eine Ampel feuerrot ist oder daß man eben nicht gerade mal eben auf die Straße springen kann weil gerade ein Fahrzeug ankommt.
        Wobei, das wäre wiederum natürliche Auslese... :-D%-)
      • Von MichaelG Mitglied
        Alles eine Frage der Sichtweise. Nur weil es die Leute heraustreibt aus der Bude ist es nicht automatisch gut. Da wünschte ich mir andere, gesündere Antriebe. Und auch mehr den Blick weg vom Handy aufs Real Life, wo man dann auch mitbekommt, daß eine Ampel feuerrot ist oder daß man eben nicht gerade mal eben auf die Straße springen kann weil gerade ein Fahrzeug ankommt.
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