Hearts of Iron 4: Der Was-Wäre-Wenn-Simulator für den geneigten Historiker im Test

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Test Matti Sandqvist Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
In einer Partie haben wir uns als das Deutsche Reich mit den Sowjets verbündet. Im Krieg kamen die östlichen Nachbarn uns zu Hilfe 
und besetzten einen Teil Frankreichs.
Quelle: PC Games

Militärstrategen aufgepasst: Auch der vierte Teil der Hardcore-Strategie-Reihe ist eine echte Offenbarung für jeden Geschichts-interessierten. Ob aber auch Genreneulinge hier zugreifen sollten, verrät unser Review.

Was wäre wohl passiert, wenn die USA vor dem Zweiten Weltkrieg eine antiimperialistische Politik betrieben und einen Konflikt mit dem britischen Empire vom Zaun gebrochen hätten? Oder Frankreich in den Dreißigerjahren der Kommunistischen Internationale beigetreten wäre und so den Alliierten während des deutschen Überfalls nicht zur Seite gestanden hätte? Oder noch schlimmer: Das Vereinigte Königreich wäre durch den Dema­gogen John Beckett faschistisch geworden und hätte im Krieg für die Achsenmächte Partei ergriffen? Über ähnliche - übrigens weitestgehend sehr wohl mögliche - alternative Geschichtslinien haben sich Tausende Historiker, Drehbuch- sowie Romanautoren und ebenso lästige Besserwisser vom Dienst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Köpfe heißgeredet. Dabei sind die Beteiligten sich bis heute nur selten darüber einig geworden, welche Auswirkungen ihre Theorien auf den tatsächlichen Ausgang des schlimmsten Konflikts der Menschheitsgeschichte gehabt hätten. Hätte die Sowjetunion zum Beispiel ohne das Leih- und Pachtgesetz gegen Nazi-Deutschland eine Chance gehabt, sprich hätten die Russen ohne die Hilfslieferungen der Amerikaner den Krieg vielleicht gnadenlos verloren? Vieles mag dafür sprechen, aber mit hundertprozentiger Sicherheit kann man das und ebenso wenig die anderen Theorien unterschreiben. Trotzdem üben genau diese Gedankenspiele eine unheimliche Faszination auf so gut wie jeden Geschichtsinteressierten aus.

Seit nunmehr fast 15 Jahren gibt es genau für diese Zielgruppe die perfekte Strategiespielserie: Hearts of Iron von Paradox Interactive. Passend für die Zielgruppe handelt es sich bei allen Ablegern um Hardcore-Strategiespiele, die offensichtlich nicht wegen ihrer Zugänglichkeit zu den beliebtesten Nischentiteln überhaupt gehören, sondern weil sie derart tiefgängig sind, dass die simulierte Geschichte nicht nur Laien ziemlich realistisch vorkommt. Der Nachteil: Man braucht Tage (wenn nicht gar Wochen!), um sich lediglich mit der Benutzeroberfläche und den Spielregeln vertraut zu machen.

Hearts of Iron 4 im Test: Für Anfänger?

Der nunmehr vierte Teil der Reihe bringt die bislang meisten Neuerungen der Seriengeschichte mit sich und will vor allem auch einsteigerfreundlicher sein. So soll das Interface im Vergleich zum Vorgänger etwa übersichtlicher sein, das Kommandieren der Divisionen dank frischer KI-Hilfen weniger zeitraubend ausfallen und ebenso ist der Forschungsbaum deutlich entschlackt worden. Ob Hearts of Iron 4 wegen dieser und vieler anderen Neuerungen tatsächlich als leicht zugänglich zu bezeichnen ist? Bei Weitem nicht! Obwohl man die Grundzüge der Echtzeit-Geschichtssimulation in einem eher schlechten als rechten Tutorial lernt, kommt man kaum umhin, sich mehrere Stunden im (digitalen) Handbuch etwa über die Bedeutung von politischen Beratern, das etwas eigenwillige Befehligen der Luftwaffe oder die Vorzüge der neuen Armee-Doktrinen zu informieren. Alternativ kann man sich ebenso die vielen, sehr ausführlichen (englischen) Einsteigervideos des Herstellers über Youtube anschauen, um sich die wichtigsten Funktionen im Spiel in ungefähr einer Stunde anzueignen - wohlgemerkt nur in der Theorie! Bis man dann wirklich Herr über die Ressourcen, die Armee, die Politik und die Forschung des eigenen Staates wird, vergehen unserer Erfahrung nach mindestens zwei komplett gespielte Partien, also rund 20 Stunden. Da stellt sich natürlich die Frage: Rechtfertigt der Spielspaß diesen enormen Lernaufwand?
Auf den ersten Blick wirkt Hearts of Iron 4 - 
wie die Vorgänger - relativ unübersichtlich. Quelle: PC Games Auf den ersten Blick wirkt Hearts of Iron 4 - wie die Vorgänger - relativ unübersichtlich.

Hearts of Iron 4 im Test: Für Geschichts-Nerds!

Die Frage ist nicht gerade einfach zu beantworten. Wie bei anderen komplexen Spielen hängt der Spielspaß eher davon ab, ob man mit dem Szenario etwas anfangen kann. Wer sich etwa seit Jahren für die Schlachten und den Verlauf des Zweiten Weltkrieges interessiert, wird erstaunt darüber sein, wie realistisch die Geschichtssimulation von Hearts of Iron 4 wirkt, und alleine deshalb die nötigen Übungsspiele am Ball bleiben. Wer hingegen bereits in der Schule mit dem Thema Zweiter Weltkrieg endgültig abgeschlossen hat, wird hier nur bedingt Spaß haben.

Daran sind nämlich nicht nur die komplexe Bedienung und die ernüchternde grafische Ausführung schuld, sondern ebenso das Spiel als solches. Am Ende dreht sich in Hearts of Iron 4 nämlich alles um die alternativen Möglichkeiten, wie man den Zweiten Weltkrieg als ein beliebiges Land entweder auf der Seite der Alliierten oder der Achsenmächte gewinnt. In Sachen KI, Einheitenvielfalt oder Balancing ist auch der vierte Teil der Reihe längst nicht ohne Fehler. Ebenso sollte man beachten, dass man in einer Partie zwar sehr stark vom tatsächlichen Geschichtsverlauf abweichen, man aber nicht aus einem kleinen Staat wie Finnland oder Costa Rica eine Supermacht aufbauen kann.

Hearts of Iron 4 im Test: Evolution oder Revolution?

Die nächste interessante Frage ist, ob Hearts of Iron 4 aktuell im Vergleich zum Vorgänger nicht nur grafisch die bessere Geschichtssimulation ist? Anhand der Erfahrung von nun rund 50 Spielstunden würden wir sagen: Sicherlich! Alle in Teil 4 eingeführten Neuerungen ergeben durchaus Sinn und lassen die Geschichtssimulation obendrein noch ein wenig glaubwürdiger wirken. So kann man nun auch Schlachtenpläne auf der Karte schmieden. Dafür stellen wir Armeegruppen aus mehreren Divisionen zusammen, bestimmen einen General für die Truppe und entscheiden, an welcher Front er seine Einheiten aufstellen soll. Anschließend können wir eine Angriffsfront erstellen und sehen auf der Übersichtskarte Pfeile, die zum einen die Anzahl der an der Offensive beteiligten Divisionen zeigen und zudem, in welcher Reihenfolge der General die Provinzen einzunehmen gedenkt. Durch diese Funktionen, die zwar noch in der Version 1.0.1 einige Aussetzer hat, müssen wir nicht mehr jeder einzelnen Division Angriffs- und Bewegungsbefehle geben und können uns so auch in einem ehemals fast schon chaotischen Zweifrontenkrieg gegen die Feinde behaupten.

Durch die nationalen Schwerpunkte können wir zum Beispiel unsere Forschung voranbringen, aber ebenso Bündnisse mit anderen Staaten schließen. Quelle: PC Games Durch die nationalen Schwerpunkte können wir zum Beispiel unsere Forschung voranbringen, aber ebenso Bündnisse mit anderen Staaten schließen. Eine weitere bedeutsame Neuerung sind die sogenannten nationalen Schwerpunkte. Alle Länder verfügen über einen mehr oder minder individuellen Schwerpunktbaum, durch den man nicht nur Boni für bestimmte Forschungsbemühungen wie etwa die Verbesserung der Luftwaffe freischaltet, sondern die Außenpolitik eines Staates beeinflusst. Mit dem Deutschen Reich kann man sich zum Beispiel für eine Annäherung an die Sowjetunion oder Freundschaftsbemühungen mit den Polen entscheiden und so neue Bündnispartner gewinnen. Ebenso finden sich Auswahlmöglichkeiten, die zu einem Krieg gegen eine bestimmte Nation führen. Mit den Vereinigten Staaten lässt sich so etwa die Eroberung Kanadas als Kriegsziel setzen oder mit Japan die Bemühung, ein eigenes Bündnis - statt dem historischen Beitritt zu den Achsenmächten - gründen. Uns haben die nationalen Schwerpunkte sehr gut gefallen und wir hatten sogar das Gefühl, dass sie mitunter die Gesamtstrategie eines Landes ebenso stark beeinflussen, wie etwa die immens wichtige Entscheidung, ob man eher auf die Marine oder die Luftwaffe bei der Aufrüstung eines Landes setzt.

Hearts of Iron 4 im Test: Nicht ohne Fehler

Insgesamt enthält Hearts of Iron 4 noch zig weitere Neuerungen. Da­runter etwa kleinere wie die Asse für die Luftwaffe, aber ebenso bedeutsame, etwa das komplett überarbeitete und endlich relativ übersichtliche Forschungssystem oder die im Vergleich zum Vorgänger etwas schlaueren KI-Gegner, die auch mal von der Flanke angreifen.

Doch auch die vierte Iteration der renommierten Reihe kommt längst nicht ohne Fehler aus. Wie den drei Vorgängern mangelt es dem Echtzeit-Geschichtssimulator weiterhin vor allem an Transparenz. So gelangt man zum Beispiel nur schwer an die lebenswichtige Information, wie viele Flugzeuge in einem Gebiet gerade abgeschossen wurden. Zudem ist Hearts of Iron 4 trotz der überarbeiteten Benutzeroberfläche an manchen Stellen unnötig umständlich zu bedienen, und auch die Performance der Clausewitz-Engine ist ähnlich wie in Stellaris gegen Ende einer Partie ohne einen starken Prozessor relativ gemächlich. Trotz dieser Schwächen ist der vierte Teil der Geschichtssimulatorenreihe eindeutig der bis dato beste und für jeden Fan der Serie eine Empfehlung wert!

Hearts of Iron 4 im Test: Fazit und Wertung

Meinung

Wertung zu Hearts of Iron 4 (PC)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Mehr als 100 spielbare LänderWegen des immensen Tiefgangs sehr glaubwürdigKI-Generäle helfen bei der Steuerung einer ArmeegruppeEntschlackter Forschungsbaum, der auch für Geschichtslaien verständlich istNationale Schwerpunkte beeinflussen die Gesamtstrategie einer NationMehrspielermodus für bis zu 32 Spieler
Sehr hohe LernkurveKleinere KI- und Balancing-BugsInterface nicht immer transparent und die Steuerung zudem mitunter unnötig komplexPerformance-Schwierigkeiten auf schwächeren CPUs gegen Ende einer Partieschlechte Lokalisierung

Bildergalerie

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    • Kommentare (4)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von MattiSandqvist Mitglied
        Zitat von schmoki
        Nach meinem Geschmack ist Hoi4 zu berechenbar und einfach für Paradox Veteranen.

        Ich habe zwar noch nie ein Spiel der Hoi Serie gespielt, sondern nur CK2, EU4 und Stellaris, aber trotzdem habe ich es bereits in der 1.Partie als Italien geschafft Europa, Asien und Afrika zu erobern und in meinem 2.Spiel als Polen ebenso, ohne tieferes Verständnis meiner Möglichkeiten.

        Dadurch, dass die Nationaler-Schwerpunkt-Bäume so "klein" sind, muss man eigentlich auch nur bestimmen, was man als 1. macht. Nach der hälfte der Spielzeit (um 1941 rum) hat man dann soweit schon alles durch an möglichen Schwerpunkten.

        Was mich am Test verwundert ist, dass Stellaris Punkte abgezogen bekommen hat für die schlechte deutsche Lokalisierung, die in Hoi4 ebenso vorhanden ist und ohne Community-Deutschkorrektur das Spielerlebnis doch erheblich stört durch überlange Texte, die aus Boxen heraus klippen, aber im Test wurde die Lokalisierung gar nicht erwähnt :o

        Alles in allem würde ich Paradox Neulingen und Weltkriegs-Fans das Spiel wohl empfehlen. Paradox-Veteranen sollten evt. ein paar DLC abwarten, damit das Spiel mehr Tiefe bekommt.
        Italien und Polen sind aktuell nicht die besten Beispiele für die nationalen Schwerpunkte. Bei USA, Deutschland und anderen "großen" Länder sind die Bäume etwas verzweigter - DLCs werden hier bestimmt noch für deutlich mehr Tiefgang sorgen. Und was den Schwierigkeitsgrad angeht: Um tatsächlich erster in der Endauswertung zu werden, muss man sich meiner Meinung nach ziemlich viel Mühe geben und sich zudem mit dem System gut auskennen. Vor allem die Invasion richtung Amerika ist meiner Meinung nach recht schwierig, wenn man es mit europäischen Ländern versucht. Insgesamt möchte ich, obwohl die DLCs beim Vorgänger für mehr Tiefgang gesorgt haben, nicht zu den alten Teilen zurückkehren. Das liegt insbesondere an den vielen Neuerungen. Ich könnte mir vorstellen, dass es anderen da ähnlich geht.

        Bei der Lokalisierung muss ich dir recht geben, die ist noch recht dürftig und hatte ich im Kopf auch bei der Wertung berücksichtigt. Werde ich morgen noch in die Liste eintragen - sorry für diesen Lapsus.
      • Von MattiSandqvist Mitglied
        Zitat von schmoki
        Nach meinem Geschmack ist Hoi4 zu berechenbar und einfach für Paradox Veteranen.

        Ich habe zwar noch nie ein Spiel der Hoi Serie gespielt, sondern nur CK2, EU4 und Stellaris, aber trotzdem habe ich es bereits in der 1.Partie als Italien geschafft Europa, Asien und Afrika zu erobern und in meinem 2.Spiel als Polen ebenso, ohne tieferes Verständnis meiner Möglichkeiten.

        Dadurch, dass die Nationaler-Schwerpunkt-Bäume so "klein" sind, muss man eigentlich auch nur bestimmen, was man als 1. macht. Nach der hälfte der Spielzeit (um 1941 rum) hat man dann soweit schon alles durch an möglichen Schwerpunkten.

        Was mich am Test verwundert ist, dass Stellaris Punkte abgezogen bekommen hat für die schlechte deutsche Lokalisierung, die in Hoi4 ebenso vorhanden ist und ohne Community-Deutschkorrektur das Spielerlebnis doch erheblich stört durch überlange Texte, die aus Boxen heraus klippen, aber im Test wurde die Lokalisierung gar nicht erwähnt :o

        Alles in allem würde ich Paradox Neulingen und Weltkriegs-Fans das Spiel wohl empfehlen. Paradox-Veteranen sollten evt. ein paar DLC abwarten, damit das Spiel mehr Tiefe bekommt.
        Italien und Polen sind aktuell nicht die besten Beispiele für die nationalen Schwerpunkte. Bei USA, Deutschland und anderen "großen" Länder sind die Bäume etwas verzweigter - DLCs werden hier bestimmt noch für deutlich mehr Tiefgang sorgen. Und was den Schwierigkeitsgrad angeht: Um tatsächlich erster in der Endauswertung zu werden, muss man sich meiner Meinung nach ziemlich viel Mühe geben und sich zudem mit dem System gut auskennen. Vor allem die Invasion richtung Amerika ist meiner Meinung nach recht schwierig, wenn man es mit europäischen Ländern versucht. Insgesamt möchte ich, obwohl die DLCs beim Vorgänger für mehr Tiefgang gesorgt haben, nicht zu den alten Teilen zurückkehren. Das liegt insbesondere an den vielen Neuerungen. Ich könnte mir vorstellen, dass es anderen da ähnlich geht.

        Bei der Lokalisierung muss ich dir recht geben, die ist noch recht dürftig und hatte ich im Kopf auch bei der Wertung berücksichtigt. Werde ich morgen noch in die Liste eintragen - sorry für diesen Lapsus.
      • Von MattiSandqvist Mitglied
        Zitat von Desotho
        Tse tse, wenn Jörg Langer das liest.
        Dann...?
      • Von Desotho Spiele-Enthusiast/in
        Tse tse, wenn Jörg Langer das liest.
      • Von schmoki Hobby-Spieler/in
        Nach meinem Geschmack ist Hoi4 zu berechenbar und einfach für Paradox Veteranen.

        Ich habe zwar noch nie ein Spiel der Hoi Serie gespielt, sondern nur CK2, EU4 und Stellaris, aber trotzdem habe ich es bereits in der 1.Partie als Italien geschafft Europa, Asien und Afrika zu erobern und in meinem 2.Spiel als Polen ebenso, ohne tieferes Verständnis meiner Möglichkeiten.

        Dadurch, dass die Nationaler-Schwerpunkt-Bäume so "klein" sind, muss man eigentlich auch nur bestimmen, was man als 1. macht. Nach der hälfte der Spielzeit (um 1941 rum) hat man dann soweit schon alles durch an möglichen Schwerpunkten.

        Was mich am Test verwundert ist, dass Stellaris Punkte abgezogen bekommen hat für die schlechte deutsche Lokalisierung, die in Hoi4 ebenso vorhanden ist und ohne Community-Deutschkorrektur das Spielerlebnis doch erheblich stört durch überlange Texte, die aus Boxen heraus klippen, aber im Test wurde die Lokalisierung gar nicht erwähnt :o

        Alles in allem würde ich Paradox Neulingen und Weltkriegs-Fans das Spiel wohl empfehlen. Paradox-Veteranen sollten evt. ein paar DLC abwarten, damit das Spiel mehr Tiefe bekommt.
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