Overwatch: Das verschenkte Lore-Potential - Eine Kolumne
Overwatch hat eine erstaunlich umfangreiche und interessante Lore rund um Charaktere und Spielwelt, nutzt diese aber kaum im eigentlichen Spiel. PC Games-Redakteuer Matthias Dammes trauert in dieser Kolumne dem massiv verschenkten Potential nach und träumt von einer packenden Singleplayer-Kampagne in der Zukunft.
Seit einigen Tagen ist nun Overwatch erhältlich und erfreut sich bei zahlreichen Spielern großer Beliebtheit. Ein Multiplayer-Shooter, der rein auf packende Online-Kämpfe zwischen Spielern ausgelegt ist. Normalerweise würde mich das Ganze trotz der fabelhaften internationalen Wertungen von im Schnitt 92 Punkten überhaupt nicht interessieren. Multiplayer-Shooter, oder Multiplayer im Allgemeinen, sind nicht wirklich mein Fall. Ich war noch nie eine kompetitiver Spieler.
Auch im Fall von Overwatch habe ich mich davon in der offenen Beta-Phase wieder einmal überzeugen können. Ich werde mit dem Genre einfach nicht warm. Und obwohl ich nun definitiv keinen Drang verspüre in die finale Fassung des Spiels einzusteigen, lässt mich das Thema trotzdem nicht einfach so los. Der Grund dafür hat weniger mit dem Spiel selbst zu tun, sondern mit dem, was Blizzard rund um diesen Titel geschaffen hat.
Charaktere mit Tiefe
Schaut man nur auf das Spiel an sich, hat man einen schick designten Shooter mit interessanten Helden-Charakteren vor sich. Viel mehr
Quelle: buffed
Lena Oxton
allerdings nicht, denn in Mehrspieler-Gefechten lässt sich nur schwer tiefgründigeres Wissen und Story vermitteln. Und trotzdem haben die Autoren von Blizzard rund um Overwatch eine gewaltige Lore aufgebaut, die so manches reines Singleplayer-Spiel neidisch werden lässt. Die Vorgeschichte, die Charaktere und die Organisation Overwatch selbst wurden bis ins kleinste Detail ausgearbeitet.
So lernen wir von der Omnic-Krise, die vor 30 Jahren zur Gründung von Overwatch führte, der Auflösung von Overwatch und dem damit verbundenen Petras Akt, der alle Overwatch-Aktivitäten für illegal erklärt. Wir erfahren von der jungen Testpilotin Lena Oxton genannt Tracer, die durch einen Unfall mit einem experimentellen Fluggerät ihre Zeitreise-Fähigkeit bekommt. Oder von Amélie Lacroix, die von der Terrororganisation Talon entführt und durch neurale Rekonditionierung zur Assassine Widowmaker gemacht wird.
Verpulvert in den weiten des Netz
Doch leider findet all das, oder zumindest das meiste davon, außerhalb des Spiels statt. Blizzard erzählt die Geschichte der Charaktere und der Spielwelt auf der schicken offiziellen Webseite in Charakterprofilen und Comics. Dazu gibt es eine handvoll bombastischer animierter Kurzfilme, die selbst Pixar Konkurrenz machen können. Damit wecken die Entwickler bei mir ein unglaubliches Interesse an der Hintergrundgeschichte und den Schicksalen der einzelnen Figuren.
Als sehr story-fokusierter Spieler liebe ich eine umfangreiche Lore, in der ich dann selbst Abenteuer erleben kann. Doch leider bietet Overwatch mir nicht die Möglichkeit dazu. Wie gerne würde ich eine spannende Singleplayer-Kampagne mit Winston, Tracer und Co. erleben. Das Potential
Quelle: buffed
Angela Ziegler
für epische Zwischensequenzen hat Blizzard mit den Short-Movies ja bereits mehr als bewiesen. Mit solch einer Kampagne hätte ich vermutlich auch bereits am Releasetag zugeschlagen.
Nun kann man natürlich zu Recht darauf verweisen, dass Overwatch nie etwas anderes sein wollte, als ein Mehrspieler-Shooter. Genauso kann ich auf der anderen Seite aber auch das massiv verschenkte Potential betrauern. Ich meine, die Autoren haben sich hier unfassbar viel Mühe und Arbeit gemacht, um eine umfangreiche Lore auszuarbeiten. Nur damit das meiste davon im Nirvana des Internet verpulvert wird, wo es die meisten Overwatch-Spieler vermutlich eh nicht mitbekommen.
Von den fast zehn Millionen Teilnehmern der offenen Beta kann wahrscheinlich nur ein verschwindend geringer Bruchteil etwas mit den Namen Lena Oxton oder Jamison Fawkes anfangen, geschweige denn deren Hintergrundgeschichte erzählen. Ich hoffe inständig, dass all diese Arbeit am Ende nicht nur reine Beschäftigungstherapie für das Autorenteam von Blizzard war und sich die Entwickler auf das brach liegende Potential ihrer neuen Marke besinnen. Sollten die Kalifornier irgendwann tatsächlich anfangen mit ihren tollen Charakteren auch im Spiel spannende Geschichten zu erzählen, bin auch ich gerne bereit meiner Sammlung einen weiteren Blizzard-Titel hinzuzufügen.
Natürlich ist Overwatch trotz meiner persönlichen Abneigung gegen Mehrspieler-Shooter und dem verschenkten Story-Potential trotzdem ein großartiger Titel. Warum das so ist, erklärt mein Kollege David Martin, der anhand der fünf größten Stärken von Overwatch aufzeigt, warum das Spiel so rockt.

Ich bin eher der Meinung Blizzard sollte einen Animationsfilm daraus machen. DASS wäre was und würde ich mir echt gern ansehen in der Form die Story. Aber als SP-Game? Ich bin froh dass uns das erspart blieb.