The Banner Saga 2 im Test mit Video: Die Karawane zieht weiter
Im Test zu The Banner Saga 2 verrät PC Games, wie Teil 2 der Trilogie seinen charmanten Vorgänger aufwertet. Darum sollten Rundentaktik-Fans mit Lust auf ein Rollenspiel abseits der Norm bei diesem Indie-Geheimtipp unbedingt zuschlagen! Inklusive ausführlichem Video-Review.
Das Fantasy-Epos um Wikinger und tote Götter geht weiter in The Banner Saga 2. Unser Test zeigt, warum Entwickler Stoic mit den ganz Großen im Rollenspiel-Genre mithalten kann.
Der Name Bioware steht für Qualität in Sachen RPGs - selbst wenn er nur als Ex-Arbeitgeber in den Lebensläufen der Entwickler auftaucht. Bei der kleinen Indie-Spieleschmiede Stoic Studio arbeiten mehrere ehemalige Bioware-Angestellte - und das merkt man seiner auf drei Teile ausgelegten Taktik-Serie The Banner Saga auch an. Eine so faszinierende Welt wie hier hat man zuletzt im Rahmen von Biowares Mass Effect-Trilogie bereist.
Dem emotionalen Trek durch ein postapokalyptisches Fantasy-Setting geht zwar das Millionenbudget einer Bioware-Produktion ab, doch auch mit einem Minimum an Sprachausgabe und viel Text schafft Stoic zum zweiten Mal nach 2014 eine faszinierende Geschichte mit lebendigen Charakteren, die sich mit Mass Effect messen lassen kann. Statt Aliens und Weltraum-Abenteuern warten in The Banner Saga aber Wikinger und eine geborstene Welt am Rande der Hoffnungslosigkeit auf den Spieler.
Nahtloser Übergang
Quelle: PC Games
Immer wieder kommt es zu Gänsehaut-Momenten, in denen die großartige Musik episch anschwillt.
Die Handlung setzt da an, wo der Vorgänger endete. Die Heldengruppe aus Menschen und Varl (hünenhafte Krieger) haben einen Achtungserfolg gegen die scheinbar endlosen Flüchtlingsströme der Dredge (vermeintlich emotionslose Steinwesen) erzielt, gleichzeitig aber einen persönlichen Verlust erlitten. Obacht: The Banner Saga 2 lässt sich zwar dank eines guten Einführungsvideos ohne Vorkenntnisse spielen, allerdings gibt es in dem Fall zu Beginn einen riesigen Spoiler. Dank Savegame-Import spielen Besitzer des Vorgängers nahtlos weiter.
Ähnlich wie im Vorgänger wechselt die Erzählung zwischen zwei Gruppen. Diese Karawanen bewegen sich auf einer vorgegebenen, streng linearen Route durch die Welt. In einer wunderschönen 2D-Ansicht bereist ihr so die toll gezeichneten Landschaften von rechts nach links. Unterwegs gibt es dennoch reichlich Raum für Entscheidungen, denn wie in einem Text-Adventure landet ihr immer wieder in (moralisch) kniffligen Situationen und müsst euch per Multiple-Choice-Verfahren für einen Lösungsweg entscheiden.
Quelle: PC Games
Es braucht ein bisschen Fantasie, um bei solchen in Textform präsentierten Entscheidungsmomenten mitzufiebern.
Die Konsequenzen sind nicht immer sofort ersichtlich. Mal verliert ihr Vorräte, dann wieder verlassen Menschen und Varl eure Karawane oder einer der wertvollen Helden-Charaktere wendet sich gegen die einstigen Kollegen. Vorab speichern und neu laden ist nicht möglich, denn das Spiel setzt auf ein (faires) Checkpoint-System. Der Wiederspielwert ist immens hoch, man will andere Entscheidungen ausprobieren und zum Beispiel mal richtig fies sein. Ein derartiges Vorgehen bietet sich besonders in der Rolle des ruchlosen Söldneranführers Bolverk an.
Quelle: PC Games
Dialoge zwischen den faszinierenden Charakteren sind klasse geschrieben. Deutsche Untertitel fehlen aber bei Release.
Die Charaktere von The Banner Saga 2 sind grandios geschrieben; Stoics Story-Autoren hauchen ihnen mit wenigen Zeilen Leben ein. Es gibt zahlreiche neue Figuren, alle mit interessanter Vergangenheit. Aber auch die alten Helden werden nicht vergessen, beim Rasten im Lager darf jeder mal in einem Gespräch unter vier Augen glänzen. Schade nur, dass das Auftauchen dieser Dialogoptionen und deren Reihenfolge vom Spiel vorgegeben wird.
Die eigentliche Geschichte gehört erneut zum Besten, was das Rollenspiel-Genre zu bieten hat. Stoic gibt im zweiten Teil der Trilogie Vollgas und führt in der gut neun Stunden langen Kampagne neue Völker wie die Horseborn ein - kriegerische Zentauren. Gleichzeitig werden die Motive bekannter Figuren geschickt hinterfragt und die Ereignisse des Vorgängers auf brillante Weise aufgearbeitet. Das Ganze erinnert an den zweiten Akt eines Fantasy-Schmökers, in dem der Buchautor seine Welt weiter ausbaut und das Tempo der Geschichte stetig anzieht. Superb!
Weil The Banner Saga aber eine zusammenhängende Trilogie ist, endet die Erzählung mit einem fiesen Cliffhanger. Der ist in etwa mit der letzten Szene aus Mass Effect 2 vergleichbar: Stoic bereitet mit The Banner Saga 2 die Bühne für ein spektakuläres Finale und lässt bewusst noch so manche Frage zu den Hintergründen unbeantwortet.
Quelle: PC Games
In einigen Schlachten blockieren Barrikaden
und andere zerstörbare Hindernisse den Weg.
Kein Kampf gleicht dem anderen
Die große Besonderheit von The Banner Saga 2 ist, dass Stoic parallel zu dieser dramaturgischen Klasse auch in Sachen Gameplay richtig ranklotzt. Die rundenbasierten Taktik-Schlachten, die mit ihren in Quadrate aufgeteilten Schlachtfeldern stark an Schach erinnern, zeigen sich rundum verbessert und deutlich abwechslungsreicher. Das fängt bei optischen Unterschieden der Schlachtfelder an und hört bei einer stark gestiegenen Anzahl an unterschiedlichen Gegnertypen auf. Diese verhalten sich alle ganz eigen und erfordern so neue Taktiken.
Quelle: PC Games
Im Vergleich zum Vorgänger bietet The Banner Saga 2 viel mehr unterschiedliche Gegnertypen.
Aber auch die eigenen Spielfiguren haben aufgerüstet. So gibt es etwa die neue Klasse des Barden. Wird in seiner Nähe ein Gegner besiegt, stärkt der Barde die Willenskraft aller umstehenden Verbündeten mit einem Liedchen. Oder er beleidigt Feinde und setzt sie damit in der Zugreihenfolge ganz nach hinten. Der Axtwerfer reiht derweil mehrere Beilwürfe aneinander und der Berserker führt immer zwei Angriffe aus - wenn kein zweiter Gegner in der Nähe ist, kriegt eben ein unglücklich platzierter Verbündeter das Fressbrett poliert. Die Positionierung der eigenen Truppen wird so noch wichtiger als im ersten The Banner Saga, die taktischen Schlachten nutzen sich beileibe nicht so schnell ab. Toll!
Quelle: PC Games
Eine Reihe von Herausforderungen im Trainingszelt bringen euch die Besonderheiten der Klassen näher.
Darüber hinaus gibt es jetzt auch öfter unterschiedliche Situationen im Kampf. Manchmal muss ein bestimmter Feind ausgeschaltet werden. Dann wieder gilt es, mehrere Runden lang unendlich nachkommende Gegnerscharen von den Zauberwirkern fernzuhalten. Stellenweise lassen sich vor Schlachtbeginn Barrikaden errichten. Manchmal verschanzen sich auch Feinde hinter solchen Deckungsmöglichkeiten, was Nahkämpfer beeinträchtigt.
Die künstliche Intelligenz macht einen guten Job und nutzt Schwächen oder Fehler bei der Positionierung gnadenlos aus. Lediglich manchmal stellt sie sich bei der Aktivierung ihrer Spezialfähigkeiten nicht durchgehend clever an. So kam es im Test von The Banner Saga 2 mehrmals vor, dass die großen Steinriesen beim Angriff auf unsere Helden auch ihre eigenen Verbündeten zur Seite schoben und deren Rüstung schredderten. Insgesamt ist die Balance der drei jederzeit änderbaren Schwierigkeitsgrade aber ausgewohener als im Vorgänger, gerade der Bosskampf ist bei weitem nicht so hart wie 2014.
In den Grundzügen hat sich das Kampfsystem derweil nicht verändert. Jede Einheit besitzt separate Rüstungs- und Lebenspunkte, wobei Letzere neben der Gesundheit auch die Stärke von Angriffen bestimmen. So steht ihr stets vor der Entscheidung, ob ihr die Panzerung eines Ziels verringert und so die Trefferchancen erhöht, aber nur wenig Schaden anrichtet - oder ob ihr Feinde durch das Vernichten von Lebens- und Stärkepunkten ein Stück weit ihrer Gefährlichkeit im Angriff beraubt.
Quelle: PC Games
Je mehr Gegner eine Einheit besiegt, umso mehr Levelaufstiege stehen bereit. Um diese umzusetzen, benötigt ihr aber Ruhmpunkte, die ihr euch während der Reise und im Kampf verdient.
Einheiten ziehen nacheinander, dabei sind Spieler und KI-Gegner abwechselnd am Zug. Eure Kämpfer können sich standardmäßig im blauen Bewegunsradius bewegen. Um in die gelben Areale vorzustoßen, wird Willenskraft benötigt. Diese Ressource braucht ihr aber auch, um Angriffe zu verstärken und Spezialfähigkeiten zu aktivieren. Wer Gegner erledigt, darf Bonus-Willenskraft an beliebige Einheiten ausschütten. Dieses simple System hat Stoic bei The Banner Saga 2 aber massiv aufgebretzelt, wodurch es uns während der ganzen Spielzeit von gut neun Stunden nie langweilig wurde.
Im Detail verbessert
Ein Grund für die Verbesserungen dürfte das höhere Entwicklungsbudget sein, denn der Vorgänger musste noch von den Einnahmen einer Kickstarter-Kampagne finanziert werden. Beim zweiten Teil kann sich Stoic auf zwei Jahre profitabler Spielverkäufe stützen und das sieht man auch. Es gibt mehr Zwischensequenzen im Spielverlauf und mehr vertonte Passagen mit Monologen an wichtigen Stellen. Allerdings muss man sich auch weiterhin manchmal nur mit Standbildern zufrieden geben. Bei den spärlich animierten Dialogen heißt es zudem stets: lesen, lesen und nochmals lesen! Und zwar vorerst ausschließlich auf Englisch, denn deutsche Untertitel fehlen. Allerdings plant Stoic mit einem Patch nach Release, der wie beim Vorgänger die Übersetzung nachliefert. Eine Veröffentlichung ist für den Mai angepeilt.
Quelle: PC Games
Vor jeder Schlacht entscheidet ihr über die Aufstellung und Zugreihenfolge eurer Helden.
Überall merkt man dem Spiel an, dass Stoic das Fan-Feedback zu The Banner Saga genau studiert hat. So hat es jetzt etwa endlich auch einen spielerischen Vorteil, die unbewaffnete Masse der Karawanen-Teilnehmer zu beschützen. Denn je mehr Zivilisten den Trek begleiten, umso mehr Vorräte sammeln diese auf eigene Faust und umso weniger durch Kämpfe verdienten Ruhm müsst ihr für den Kauf von Nahrungsmitteln ausgeben, die mit jedem gewanderten Tag verbraucht werden. Allerdings lassen sich die Zivilisten auch zu Kämpfern umtrainieren. Die brauchen zwar mehr Vorräte und sammeln selbst nichts, allerdings benötigt man in gewissen Situationen Krieger, um die Verluste der Karawane zu minimieren.
Quelle: PC Games
Charaktere steigen in The Banner Saga 2 bis Level 10 auf, ihr verteilt Punkte auf sechs Attribute und dürft zudem noch mehrere Zusatzfertigkeiten verbessern.
Das Charaktersystem ist immer noch rudimentär, so trägt jede Figur etwa nur einen Gegenstand gleichzeitig. Allerdings gibt es neue Spezialfähigkeiten sowie passive Talente, die etwa die Chance auf einen mächtigen kritischen Treffer erhöhen. Insgesamt ist das System motivierend, aber seinen Spaß zieht The Banner Saga 2 eindeutig aus der fantastischen Story und den anspruchsvollen Taktik-Gefechten.
Wer die erleben will, zahlt an PC und Mac knapp 20 Euro auf Steam. Konsolenversionen sollen folgen, eine genauen Release-Termin für Playstation 4 und Xbox One gibt es noch nicht. Eine Linux-Version ist vorerst nicht geplant. Eine Umsetzung auf mobile Geräte mit iOS- oder Android-Betriebssystemen ist höchst wahrscheinlich.
