That Dragon, Cancer im Test mit Video: Einer der schwierigsten Tests aller Zeiten
Über 3.000 Spieler unterstützten That Dragon, Cancer auf Kickstarter. Jetzt ist das Indie-Adventure um den krebskranken Sohn der Entwickler-Eltern erschienen. Das Ergebnis präsentiert sich im Test als überaus persönliches Spiel - aber Spaß kommt hier garantiert nicht auf. Unser Test samt Video-Review erklärt euch, wieso.
That Dragon, Cancer ist ein unglaublich persönliches Spiel. Für die Entwickler, darunter die Eltern des an Krebs verstorbenen Joel Green (fünf Jahre). Und für die Spieler von That Dragon, Cancer. Denn im Test zeigt sich: Wie man auf die emotionale Leidensgeschichte des kleinen Joel und seiner Familie reagiert, schwankt stark von Spieler zu Spieler.
That Dragon, Cancer: Kein Spiel
Quelle: PC Games
Die zurückhaltend eingesetzte Musik sorgt für einige schöne Gänsehautmomente.
Dabei hängt die Wirkung von That Dragon, Cancer auch von der Erwartungshaltung ab, mit der man diese Ansammlung von 14 Szenen und Gefühlszuständen aus dem Leben der Familie Green beginnt. So darf man bloß nicht davon ausgehen, mit That Dragon, Cancer ein in irgendeinem Sinne "klassisches" Spielerlebnis geboten zu bekommen. Die Eingaben in diesem zumeist aus der Ego-Perspektive von Vater Ryan und Mutter Amy geschilderten Momenten beschränken sich auf die Maus und - ganz selten! - Pfeil- oder WASD-Tasten. Grundsätzlich schaut ihr euch nämlich einfach nur in den Levels wie einem Wald oder einer Kirche um und klickt dort, wo es das Spiel erlaubt. Der Pfad ist dabei streng linear, ihr habt keinerlei Entscheidungsmöglichkeiten. That Dragon, Cancer ist noch mehr interaktive Erfahrung und noch weniger Spiel als selbst solche TItel wie Dear Esther oder Gone Home.
Quelle: PC Games
In That Dragon, Cancer schaut ihr dem Geschehen hauptsächlich zu.
That Dragon, Cancer bietet keine Puzzles, keine Multiple-Choice-Dialoge. Es gibt so gut wie nichts von dem, was ein "normales" Spiel ausmacht. Stattdessen lauscht ihr Aufnahmen der Familie Green und ihrer Verwandten, die wichtige Momente in Joels Leben wie seinen Aufenthalt im Krankenhaus oder die Todesdiagnose des Arztes begleiten. Oft wird das Geschehen dabei um surreale Elemente ergänzt, die jedoch nur in Einzelfällen zu den stark emotionalen, authentischen Momenten passen. Zuweilen kommt das Spiel hierbei einfach zu platt daher. So wird ein Raum in einer Sequenz von sinnflutartigen Regenfällen überschwemmt, was das in den Eltern aufsteigende Gefühl des Ertrinkens symbolisieren soll.
Quelle: PC Games
That Dragon, Cancer hat eine stark religiöse Note, die Entwickler sind gläubige Christen.
Kann man das überhaupt testen?
Indes: Als Außenstehender ist es schwer, bei der Kritik angesichts solcher Szenen objektiv zu bleiben. Kann man da überhaupt mitreden, was Menschen in solch einer Situation zu fühlen haben, was klischeehaft wirkt und was authentisch? Denn am Ende ist That Dragon, Cancer vor allem für die Eltern des verstorbenen Joel gedacht - und für Eltern anderer krebskranker Kinder, für deren Angehörige und Freunde. Deshalb lässt sich That Dragon, Cancer so schwer testen, deshalb ist es so verflucht knifflig, eine Zahl darunter zu schreiben. Ob euch etwa als Vater oder Mutter die im Krankenhaus aufgezeichneten Schreie eines todkranken Joel emotional berühren, hängt vor allem von einer Person ab: euch selbst.
Quelle: PC Games
Joel und Eltern bei der Verkündigung der Krebsdiagnose.
Wer keine Kinder hat, regt sich in dieser Szene vielleicht über die haklige Bewegungssteuerung auf, die komplett auf die Maus statt auf Tastatureingaben setzt. Oder ihr werdet beim Spielen von That Dragon, Cancer mit einem der ärgerlichen Bugs konfrontiert, die uns mehrmals den "Spaß" vermiesten. So blieb die Spielfigur etwa einfach im Raum stehen und ließ sich nicht mehr bewegen. Ein anderes Mal ließ sich der nächste wichtige Hotspot nicht anklicken. In beiden Fällen half nur ein Neustart des Kapitels; die automatischen Checkpoints liegen in solchen Fällen nervig weit auseinander. Immerhin dürft ihr von Beginn an jede der 14 Szenen frei auswählen, um eventuelle Probleme zu umgehen.
Quelle: PC Games
Abgefahren, aber auch stupide und unpassend: Ein 2D-Sidescroller als Spiel im Spiel.
Dass es sich in den geschilderten Situationen um technische Fehler handelte, war gar nicht so einfach zu erkennen. Denn That Dragon, Cancer ist stellenweise frustrierend designt. Immer wieder gibt es Stellen, an denen wir uns ratlos fragen, was als nächstes zu tun ist. Dazu kommen eine Handvoll Minispiele, die komplett fehl am Platz wirken und von einem in die Länge gezogenen Mario-Kart-Rennen in den Krankenhausfluren (ohne Gegner wohlgemerkt) bis zu einem überraschend kniffligen Sidescroller mit simplen Kämpfen gegen hässliche Bitmap-Monster reichen.
Quelle: PC Games
Kein Grafikfehler: Baby Joel ist nicht in der Krippe, schreit aber wie am Spieß, während sich Vater Ryan hilflos fühlt.
Dünnes Paket
Quelle: PC Games
Surreale Momente erzielen nicht immer die erwünschte Wirkung.
That Dragon, Cancer wirkt in solchen Momenten wie ein gescheitertes Experiment - nur um im nächsten mit seiner unverfälschten Darstellung der elterlichen Verzweiflung für einen Kloß im Hals des Spielers zu sorgen. Diese Erfahrung ist sicher nichts für jedermann. Allein schon der geringe Umfang mit gerade mal zwei Stunden Spielzeit bei einem Preis von 15 Euro wird so manchen abschrecken. Dazu kommt die seltsame Zweispältigkeit von That Dragon, Cancer. Auf der einen Seite die interaktive Erfahrung, die Spielekritiker allerorten von der Transzendenz des Mediums Computerspiele schwärmen lässt. Und auf der anderen Seite ein größtenteils mieses Spieldesign, das von der eigentlich so wichtigen Botschaft von That Dragon, Cancer ablenkt.
That Dragon, Cancer gibt es nur als Download, für 15 Euro bei Steam und 14 Euro auf der offiziellen Webseite (Steam-Key). Eine Übersetzung der Bildschirmtexte fehlt, die Sprachausgabe ist Englisch.

Der 2D-Sidescroller visualisiert den aussichtslosen Kampf Joels gegen den "Krebsdrachen", der ja auch Titelgebend ist. Gleichzeitig ist das auch eine Geschichte der Eltern, mit der sie versuchen ihren Kindern zu erklären was Krebs ist und wieso man davon sterben kann. Unpassend? Gerade auch der aussichtslose Kampf ist dabei gut umgesetzt: Man kann die Energieleiste des Bosses, dem Krebsdrachen, nur bis auf ein halbes Herz dezimieren, weiter runter gehts nicht, man kann ihn also nicht besiegen.
Die Spielmechanik mag einen von der Aussage ablenken, ja - ich habe mir das gesamte Spiel als Let's play angeschaut, vielleicht auch deswegen hat es mich extrem mitgenommen. Und das obwohl ich keine Kinder habe und in meinem privaten Umfeld Krebs zum Glück noch nie ein Thema war.
Edit: Während des Kart-Rennens läuft übrigens ein Timer, und nicht irgendeiner: Und zwar die Zeit in der Joel im Krankenhaus bis zum Ende der Therapie war (2010-2011). Ein weiteres Detail das zeigt, wie sinnvoll diese Minispiele integriert sind.
Kennst du den Film "Lorenzos Öl"? Ich hab geheult wie sonstwas bei dem Film als ich den das erste Mal gesehen hab, und kann ihn seitdem kein zweites Mal anschauen. Vor so einer ähnlichen Erfahrung bei "That Dragon, Cancer" fürchte ich mich ebenso.
Ich denke auch, dass jemand solch ein Schicksal nur wirklich erahnen oder nachvollziehen kann, wenn er selber Kinder hat.
Wobei das nicht heißen soll, dass man es ohne nicht nachvollziehen kann.
Aber ich glaube dass die Sichtweise mit eigenen Kindern schon eine andere ist, als wenn man noch keine hat.
@Peter
Ich kann deine Kritikpunkte alle nachvollziehen und wenn man "That Dragon, Cancer" objektiv betrachtet, muss man seine Schwächen auch benennen. Und vor allem dein Kommentar ist gut geschrieben und gibt deine Meinung nachvollziehbar wieder. Eine ganz kleinen Kritik oder besser Anmerkung hätte ich aber noch: Es wäre in diesem speziellen Fall vielleicht besser gewesen auf eine "Zahlenwertung" zu verzichten, genauso wie ihr es damals beim Test von "Minecraft" gemacht habt. Denn ein in Zahlen oder Prozenten gemessener "Spielspaß" passt meiner Meinung nach einfach nicht zu einem Spiel wie "That Dragon, Cancer".