Das Phänomen Metal Gear Solid: Eine Schlange und ihr Beschwörer schreiben Spielegeschichte
Konami und Hideo Kojima waren knapp 30 Jahre das Dreamteam der Spieleindustrie. Doch Ende 2015 ist Schluss. Bevor man getrennte Wege gegangen ist, erschien jedoch noch das mit Spannung erwartete Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain. Grund genug für uns, einen Blick auf die bewegte Geschichte der Schleich-Saga zu werfen.
Metal Gear Solid zählt zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Videospielserien aller Zeiten. Die Agenten-Reihe lotete immer wieder die Grenzen des Mediums Videospiel aus und bewies, dass sich digitale Games nicht vor dem künstlerischen Anspruch von Kinofilmen verstecken müssen. Ein Name ist dabei untrennbar an Metal Gear gebunden: Hideo Kojima. Der japanische Spielemacher gilt als Visionär seines Fachs, als Unruhestifter, rastloser Geist und Avantgardist.
In seiner Metal Gear-Serie tobt sich der am 24. August 1963 in Setagaya, Tokio geborene Kojima seit nunmehr beinahe 29 Jahren aus. Und dennoch zogen zum bevorstehenden 30-jährigen Jubiläum dunkle Wolken über Metal Gear Solid und Kojima auf: Die scheinbar perfekte Ehe zwischen ihm und Publisher Konami zerbrach im Laufe dieses Jahres – und es folgte ein Zerwürfnis, noch bevor Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain überhaupt im Laden stand. Schlimmer noch: The Phantom Pain wird mit großer Wahrscheinlichkeit das letzte Konami-Spiel unter der Federführung Kojimas sein.
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Wirtschaftswissenschaften und Wrestlerinnen
Für Hideo Kojima beginnt die lange Reise im Konami-Kosmos im zarten Alter von 23 Jahren. Im Jahr 1986 heuert er beim dem japanischen Software-Riesen an. Das Unternehmen entwickelt zu dieser Zeit vorwiegend für den Heimcomputer MSX und die Nintendo-Konsole Famicom – hierzulande bekannt als Nintendo Entertainment System (kurz: NES). Kojima bricht damals sein Studium der Wirtschaftswissenschaften zugunsten einer kreativen Karriere als Game Designer ab.
Quelle: Play4
Film-Leidenschaft: Hideo Kojima sagte einst, dass seine Liebe zum Science-Fiction-Klassiker Blade Runner daher rührt, dass dieser die Frage aufwirft, ab wann ein Mensch noch ein Mensch und eine Maschine eine Maschine ist - was wohl auch den Metallarm von Big Boss in The Phantom Pain erklärt.
Das Problem: So sehr er das NES und dessen Spiele auch vergöttert, so besitzt Kojima keinerlei Programmierkenntnisse. Zudem hat Konami gerade Personalbedarf in der MSX-Abteilung, weshalb er hier am Geschicklichkeitsspiel Penguin Adventure mitarbeiten darf. Aufgrund seiner fehlenden Coder-Skills erdenkt er als "Planer" Ideen, die von den Entscheidungsträgern häufig als "zu unkonventionell" abgelehnt werden. Sein erstes eigenes Projekt heißt Lost World und ist ein Jump & Run mit einer Catcherin in der Hauptrolle. Das Spiel wird zwar von Konami genehmigt, aber auch schnell wieder eingestellt. Kojima war zu diesem Zeitpunkt äußerst frustriert und dachte laut eigener Aussage sogar darüber nach, das Unternehmen zu verlassen.
Glücklicherweise beweist der junge Hideo nach diesem Tiefschlag einen langen Atem – und erhält einen neuen Entwicklungsauftrag: Er soll ein Spiel im Stil von Capcoms Top-Down-Shooter Commando für das MSX2 kreieren. Dieses Vorhaben hält Kojima jedoch für schwer umsetzbar – nicht zuletzt, weil er das MSX2 als zu leistungsschwach erachtet. Trotzdem packt er seine Chance beim Schopf: Inspiriert vom Ausbruchsdrama Gesprengte Ketten mit Steve McQueen ersinnt er eine Geschichte von Flucht und Versteckspielchen, von Täuschungen und Hetzjagden. Das ist die Geburtsstunde der Schleich-Spiele, die aber erst in der 3D-Ära richtig erfolgreich werden sollen.
Die vierte Wand durchbrechen
Aus heutiger Sicht mutet das 1987 veröffentlichte Metal Gear wie ein "Proof of Concept" für den elf Jahre später erscheinenden Playstation-Meilenstein Metal Gear Solid an. In Metal Gear steuert man Solid Snake aus der Vogelperspektive durch Militäreinrichtungen und muss dabei den wachen Augen der Soldaten und Sicherheitskameras ausweichen. Die Gegner patrouillieren auf vorgegebenen Routen und schlagen Alarm, wenn sie Snake entdecken. In solchen Momenten taucht auch das für Metal Gear Solid charakteristische Ausrufezeichen als Symbol des Alarmzustands erstmals auf. Waffengewalt führt in dem Spiel kaum zum Erfolg, stattdessen erinnert es an ein einziges gewaltiges Umgebungsrätsel – allerdings unterfüttert mit einer abwechslungsreichen und tiefgründigen Geschichte.
Quelle: Play4
Perspektivenwechsel: In MGS2 schaltete das Spiel automatisch von der Third-Person- in die Ego-Perspektive.
Kojimas Faible für Filme und facettenreiche Figuren schlägt schon in diesem Frühwerk trotz der technischen Limitierungen der MSX2-Hardware immer wieder durch. Der Charakter Solid Snake beispielsweise lehnt sich an den von Kurt Russell verkörperten Snake Plissken aus Die Klapperschlange von 1981 an. Regisseur John Carpenter kennt diese Verbindung und bestätigte im Interview mit dem Magazin CVG den Kontakt zu Hideo Kojima: "Er hatte mir damals geschrieben und um den Segen für das Spiel gebeten." Der während des Kalten Krieges aufgewachsene Kojima greift in Metal Gear die Ängste der damaligen Zeit auf und verarbeitet auch seine eigenen Erfahrungen im Plot von Metal Gear: Im Jahr 1995 richten die Mächte des Warschauer Pakts und die des Westens Atomwaffen aufeinander. Es bedürfte nur eines Funkens und die Erde befände sich im Krieg. "Big Boss", der Anführer der geheimen Militäreinheit FOXHOUND, entsendet daher seinen Rookie-Agenten Solid Snake nach Outer Heaven, Südafrika. In dem von Big Boss gegründeten Festungs- und Soldatenstaat soll sich der titelgebende Metal Gear TX-55 befinden – ein mit Atomwaffen ausgerüstetes Robotermonstrum ...
Kojimas Kreativität zeigt sich des Weiteren in einem ganz besonderen erzählerischen Trick: Er durchbricht die sogenannte vierte Wand und lässt die Grenzen zwischen Spiel und Realität verschwimmen. Zum Ende der Kampagne wendet sich Big Boss nämlich mit den Worten "SOLID SNAKE! STOP THE OPERATION. SWITCH OFF YOUR MSX AT ONCE. THIS IS THE COMMAND. OVER" an Snake und interagiert so indirekt mit dem Spieler selbst. Metal Gear ist so erfolgreich, dass Konami das Actionspiel auf weitere Plattformen portieren lässt und mit Metal Gear 2: Solid Snake 1990 den offiziellen Nachfolger nachschiebt, der erneut unter Kojimas kreativer Führung entsteht. Dennoch sollte es weitere acht Jahre dauern, ehe Metal Gear Solid 1998 auf der Playstation erscheint – und die Welt der Videospiele für immer verändert.

Aber Konami wird wohl kein Interesse haben, die nochmal als überarbeitete Win 7 / 8 / 10 Version zu veröffentlichen.