Her Story im Test: Die Geständnisse einer Mörderin
War sie's oder war sie's nicht? Im Test zu Her Story blicken wir tief in die seelischen Abgründe einer jungen Frau und vermuteten Mörderin - ein faszinierendes Krimi-Experiment abseits des Mainstreams.
Her Story ist anders. Ein Spiel, ja, aber kein gewöhnliches. Hier schieße ich nicht. Ich spreche, sammle, springe nicht. Ich sitze nur vor einem virtuellem Bildschirm. Einer flackernden alte Röhre, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hat. Der Monitor zeigt ein schlichtes Menü. Darin zu sehen: Fünf Videoclips, alle nur wenige Sekunden lang. Jedes Filmchen zeigt die gleiche Frau. Eine Britin, Ende 20, mal schüchtern, mal impulsiv – sie sitzt in einem Verhörzimmer, sagt in einem Mordfall aus, der sich 1994 ereignet hat. Insgesamt sieben Mal muss die Unbekannte der Polizei Rede und Antwort stehen. Doch die Interviews liegen nur noch als Video-Bruchstücke vor, unsortiert, chaotisch, tief in der Datenbank versteckt. Mein Job: Den Fall rekonstruieren und endlich die Wahrheit ans Licht bringen.
Bruchstücke einer Vergangenheit
Quelle: PC Games
Unser Spielmenü: Wir sichten Interview-Schnipsel und geben Suchbegriffe ein. Das war's!
Dazu muss ich mir die ersten paar Clips aufmerksam anschauen und die wichtigen Details der Interviews für mich erfassen. Daraus leite ich mir Stichwörter ab, die ich in einer Suchmaske eingebe – habe ich die richtigen Worte gewählt, spuckt mir das System bis zu fünf weitere Clips aus, die mir neue Informationen über die Frau und ihre bizarre Lebensgeschichte liefern. Stück für Stück, Suche für Suche, setze ich so den Fall zusammen. Klingt banal, wird aber schnell zu einer hochspannenden Angelegenheit!
Insgesamt gibt es 271 dieser Video-Bruchteile, die ich über geschicktes Suchen aus dem System fische. Der Clou: Hinter vielen Suchbegriffen verbergen sich mehr als nur die fünf Treffer, die mir der Computer liefert – ich muss meine Suche also weiter eingrenzen, anstatt nur "marriage" beispielsweise "happy marriage" eingeben oder gezielt Namen mit anderen Begriffen kombinieren.
Anfang, Mitte und Ende in Eigenregie
Habe ich einen besonderen Treffer gelandet, signalisiert mir das Spiel den Erfolg mit einer kleinen Musikeinspielungen, einem Flackern oder einer Reflektion, die mein virtuelles Ich auf dem Röhrenbildschirm zeigt. Außerdem kann ich Clips zur späteren Einsicht markieren und mit Notizen versehen. Es ist allerdings nicht nötig, alle Videos in eine logische Reihenfolge zu bringen. Her Story ist kein Puzzle-Spiel. Es geht nur darum, die Wahrheit zu verstehen – wann ich das habe, entscheide ich in erster Linie selbst. Habe ich eine bestimmte Menge an Informationen gesammelt, poppt lediglich ein kleines Chatfenster auf – jemand fragt mich darin, ob ich den Fall und seine Hintergründe verstanden hätte. Tippe ich "no" ein, geht die Suche weiter. Gebe ich jedoch "yes" ein, präsentiert mir das Spiel die überraschende Auflösung.
Doch selbst dann ist für mich noch nicht Schluss! Ich suche weiter, will mehr erfahren – was hat sich wo und wann ereignet, wer hatte welches Motiv, was verschweigt mir die Unbekannte? Zum Glück gibt es ein Übersichtsfenster, das mir anzeigt, wieviele Clips ich entdeckt habe. Her Story lässt sich zwar schon in kurzer Zeit "durchspielen", doch selbst nach mehreren Stunden gibt es immer noch einige Videoschnipsel, die ich bislang nicht finden konnte – und solange ich die nicht gesehen habe, kommt mir das Spiel nicht mehr von der Platte!
Ein Film als Spiel: spannend, erwachsen – aber auch spaßig?
Quelle: PC Games
Her Story ist nur auf Englisch erhältlich, auch die Untertitel wurden nicht übersetzt.
Mit Her Story geht Game Director Sam Barlow (Silent Hill Shattered Memories) eine mutigen, ungewöhnlichen Weg. Sein gesamtes Spiel ist um die Unbekannte und ihre Video-Verhöre gestrickt. Das hätte grandios scheitern können, wären die Interviews nicht so überzeugend gemacht. Die Unbekannte wird von der britischen Schauspielerin und Sängerin Viva Seifert verkörpert - eine facettenreiche und angenehm unaufgeregte Darstellung, die auf Theatralik verzichtet, ohne dabei jemals zu langweilen. Wer einen trashigen interaktiven Film befürchtet, darf daher beruhigt sein: Seiferts behutsames Spiel hat nichts mit den bis zur Schmerzgrenze überzogenen Darbietungen zu tun, wie man sie aus zahllosen FMV-Spielen (Full Motion Video) der 90er Jahre kennt.
Cooler Retro-Effekt im Vergleich
Passend zu Seiferts Auftritt ist auch der restliche Stil des Spiels angenehm unaufgeregt und verzichtet auf jegliche Effekthascherei. Der Retro-Stil, der einen alten Röhrenmonitor simulieren soll und für ein absichtlich verwaschenes Bild sorgt, lässt sich übrigens abschalten - auch wenn dadurch etwas Atmosphäre verloren geht.
Natürlich: Seiferts Schauspielerei, das auf's Minimum reduzierte Gameplay und der leicht zu durchschauende Plot, den Barlow mir auftischt – das alles ist Geschmackssache, Her Story kann und will nicht den Nerv der Massen treffen. Andererseits ist das Spiel für schlanke fünf Euro zu haben – und das war mir das spannende Video-Experiment allemal wert.
