Pillars of Eternity: "Obsidian schlägt Bioware!" - Ein Kommentar von Peter Bathge

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Mit Pillars of Eternity löst sich Obsidian endlich aus dem Schatten von Bioware - findet jedenfalls Redakteur Peter Bathge.
Quelle: PC Games

Für Redakteur Peter Bathge ist die Sache klar: Mit Pillars of Eternity löst Obsidian Entertainment nach vielen gescheiterten Versuchen endlich Bioware als seine persönliche Nummer 1 im Rollenspiel-Sektor ab. Warum er den sprituellen Baldur's Gate-Nachfolger so viel besser findet als Dragon Age: Inquisition und welche wichtigen Lektionen Obsidian aus Fallout: New Vegas, Alpha Protocol & Co. gezogen hat, lest ihr im Kommentar.

Gemocht habe ich sie ja schon immer. Irgendwie.

Aber etwas hat jedes Mal gefehlt. Das Ende von Star Wars: Knights of the Old Republic 2 zum Beispiel. Oder - im Fall von Alpha Protocol - ein schlüssiges Spielkonzept.

Manchmal gab es auch einfach zu viel: von den Bugs in Fallout: New Vegas zum Beispiel. Und South Park: Der Stab der Wahrheit? Das war mir einfach zu albern.

Aber jetzt, zwölf Jahre nachdem ehemalige Black-Isle-Mitarbeiter Obsidian Entertainment gegründet haben, haben es die Kalifornier endlich geschafft: Sie sind für mich die besten ihres Fachs und haben damit in meiner persönlichen Rangliste endlich Bioware als Rollenspiel-Entwickler Nummer eins abgelöst.

Die gute, alte Zeit

Die Gespräche mit den NPC-Gefährten auf der Normandy waren für mich in Mass Effect das absolute Highlight. Quelle: PC Games Die Gespräche mit den NPC-Gefährten auf der Normandy waren für mich in Mass Effect das absolute Highlight. "Aber, aber was ist denn mit CD Projekt? Und Bethesda? Und From Software?" Ruhig Blut: Es geht um MEINE Vorlieben, mein Top-Studio, mein Verständnis von exzellenten Rollenspielen. Und in der Beziehung ist Baldur's Gate 2 seit der Veröffentlichung zur Jahrtausendwenden für mich der Goldstandard. Die pausierbaren Echtzeit-Kämpfe, das Party-Management, die Spielwelt, die Quests, die lebensechten NPC-Gefährten, die Romanzen - alles vom Feinsten. Die Infinity-Engine-Spiele waren dann leider auch schon die vorerst letzten ihrer Art, das heute als "CRPG" betitelte Sub-Genre dieser Art von Party-Rollenspielen machte in der Folge eine Pause. Baldur's Gate 2-Entwickler Bioware versuchte sich an der Evolution des Genres - und setzte erneut Standards.

Mit Dragon Age: Origins kam Bioware den taktischen Kämpfen aus Baldur's Gate 2 noch am nächsten, auch der Rest des Spiels wies viele Parallelen zum Klassiker auf. Quelle: PC Games Mit Dragon Age: Origins kam Bioware den taktischen Kämpfen aus Baldur's Gate 2 noch am nächsten, auch der Rest des Spiels wies viele Parallelen zum Klassiker auf. Knights of the Old Republic, Jade Empire, Mass Effect und Dragon Age: Wenn ich heute auf diese grandiosen Rollenspiele aus dem Hause Bioware zurückblicke, erkenne ich ganz deutlich den über die Jahre von Bioware betriebenen Wandel. Kleinere Gruppen, weniger Rumeiern im Inventar und ein größerer Fokus auf toll inszenierte Geschichten und NPC-Gefährten, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Was habe ich in Jade Empire mitgefiebert, als der Showdown mit dem Darth-Vader-Gedächtnis-Samurai Death's Hand bevorstand. Habe Tränen gelacht bei Mordins Musical-Einlage in Mass Effect 2. Habe stundenlang im Lager von Dragon Age: Origins mit Leliana geplaudert. Und HK-47? Den habe ich trotz oder vielleicht gerade wegen seiner abgrundtiefen Bosheit ("Fleischsack!") wie wohl so viele Spieler von Knights of the Old Republic für immer ins Herz geschlossen.

Schleichender Verfall

Bioware hat sich meine Loyalität über die Jahre verdient, sie waren über ein Jahrzehnt ein Garant für fantastische Rollenspiele, die mich ingesamt mehrere hundert Stunden lang in fantastische Welten transportierten, aus denen ich nur ungern wieder in die Realität zurückkehrte. Doch zuletzt leisteten sich die einstigen RPG-Götter in meinen Augen so manchen Fehlgriff, stolperten und machten Kompromisse. Dragon Age 2 und Mass Effect 3? Immer noch tolle Spiele mit Charakteren zum Liebhaben. Erinnert sich noch einer an diese Quest aus Dragon Age 2? Brillant!

ABER: Dem einen Spiel merkte ich dank seiner zig mal kopierten Dungeons und Lagerhäusern die viel zu kurze Entwicklungszeit deutlich an, beim anderen störte mich neben der nicht immer ganz perfekt erzählten großen Hintergrundgeschichte der verstärkte Action-Fokus, hinter dem die einstigen Rollenspiel-Tugenden von Bioware immer weiter zurückstehen mussten. Und dann war da noch Dragon Age: Inquisition. Ein Spiel, mit dem ich bis heute nicht warm geworden bin, das sich mit seinen zahllosen Sammel-Quests und unzureichend animierten Dialogen mit Nebenfiguren wie ein Solo-MMORPG anfühlt. Bei dem ich keine Lust habe, die wunderschönen Landschaften zu erforschen, weil das direkte Kampfsystem (Mauszeiger gedrückt halten? Argh!) mir jeden Spaß nimmt.

Schöne Grafik, nichts dahinter: Dragon Age: Inquisition kann mich kein bisschen fesseln. Quelle: EA Schöne Grafik, nichts dahinter: Dragon Age: Inquisition kann mich kein bisschen fesseln.
Inquisition ist auch der Endpunkt einer traurigen Entwicklung, die Bioware-Spiele in der letzten Dekade parallel zum steigenden Mainstream-Anspruch ("Alle Kanten abschmirgeln, das muss möglichst vielen Spielern gefallen!") genommen haben: Sie sind immer konsolenspezifischer geworden. Jade Empire, Knights of the Old Republic, Mass Effect - sie alle erschienen teils lange vor der PC-Version für Xbox & Co, waren von Haus aus auf die Controller-Steuerung zugeschnitten und ließen viele komplexere Mechaniken vermissen, die am besten in aller Ruhe vor dem PC mit Maus und Tastatur funktionieren. Vielleicht hat mich Obsidian mit seinem letzten Spiel gerade deshalb so umgehauen. Denn: Pillars of Eternity ist durch und durch ein PC-Spiel.

PC als Fokus

Gut geschriebene Texte als Alleinstellungsmerkmal: Pillars of Eternity ist weit entfernt vom durch Bioware verfolgten Mainstream-Anspruch. Quelle: PC Games Gut geschriebene Texte als Alleinstellungsmerkmal: Pillars of Eternity ist weit entfernt vom durch Bioware verfolgten Mainstream-Anspruch. Das Optionsmenü von Pillars of Eternity ist eine Augenweide: Unzählige Einstellungsoptionen für Schwierigkeitsgrad, Hilfsanzeigen und alle Aspekte des Interfaces versetzen mich in Verzückung. Jeder kann das Spiel so erleben, wie es ihm beliebt. Im Vergleich dazu wirkt die "Bitte keine Entscheidungen oder schwere Kämpfe"-Wahl zu Beginn von Mass Effect 3 als eine der wenigen Individualisierungsoptionen geradezu lächerlich. Denn genau jene kniffligen Wahlmöglichkeiten und komplexen Gefechte machen einen großen Reiz von Pillars of Eternity aus. Entwickler Obsidian liefert etwas, das ich bereits verschollen geglaubt hatte; eine Art anspruchsvolles Rollenspiel, dessen Vermisstenanzeige Baldur's Gate 2-Fans schon vor vielen Jahren aufgegeben haben.

Dass diese Art Spiel gerade Verkaufs- und Wertungsrekorde bricht, freut mich ungemein. Zum einen, weil ich selbst jahrelang auf eine Rückkehr zu alten Bioware-Tugenden gewartet habe. Und zum anderen, weil ich Obsidian den Erfolg von ganzem Herzen gönne. Was hat dieses Studio nicht schon alles mitgemacht! Dass das Autoren-Team rund um Firmen-Mitgründer Chris Avellone ausgezeichnete Arbeit abliefern kann, ist schon seit langer Zeit klar. Doch die Kalifornier hatten über die Jahre viel Pech in Sachen Publisher-Wahl (Lucas Arts: "Knights of the Old Republic 2 ist noch nicht fertig? Pech gehabt, das muss bis Weihnachten 2004 unbedingt auf den Markt!") und mussten sich mit etlichen Auftragsarbeiten über Wasser halten - sogar die Schließung des Studios schien unlängst noch möglich.

Nur sehr selten konnte Obsidian so richtig zeigen, was man abseits der Fortführung bekannter Serie auf dem Kasten hat. Was aber, wenn man mal den Raum für die Entwicklung eines eigene Spieluniversums, einer eigenen Welt ohne Vorgaben hat? Was kommt dann dabei raus?

Mittlerweile wissen wir es: Pillars of Eternity. Glück gehabt: Zum Start von Pillars of Eternity gab's keine Bug-Katastrophe wie sonst bei Obsidian. Quelle: PC Games Glück gehabt: Zum Start von Pillars of Eternity gab's keine Bug-Katastrophe wie sonst bei Obsidian.

Endlich mal keine Patch-Orgie

Doch noch etwas ist diesmal anders: Pillars of Eternity funktioniert. Allein schon der Verzicht auf eine aufwändige 3D-Grafik hat viele Probleme gar nicht erst aufkommen lassen, die bei Obsidians vorherigen Spielen meinen Spaß am Questen sabotierten. Es gibt keine Performance-Einbrüche oder Grafik-Glitches, Figuren versinken nicht im Boden. Überhaupt ist Pillars of Eternity für ein Rollenspiel dieser Größe überraschend bugfrei. Klar gibt es Probleme, vor allem mit der deutschen Übersetzung, aber nichts davon beeinträchtigt für die überwiegende Mehrheit der Spieler nachhaltig den Spielspaß.

Zweidimensionale Iso-Grafik: Davon hat sich Bioware schon lange entfernt. Quelle: PC Games Zweidimensionale Iso-Grafik: Davon hat sich Bioware schon lange entfernt. So kann ich mich auf die fantastische Welt des Spiels einlassen, über ferne Orte lesen und NPCs kennenlernen. Ich hadere minutenlang mit folgenschweren Entscheidungen und verfolge bitterböse Geschichten über die Abgründe der Menschheit. Und am Ende denke ich: "Hätte ich doch bloß mal Klasse XY gespielt! Dann wäre diese Quest ganz anders abgelaufen!"

Egal, ein zweiter, dritter oder vierter Durchlauf folgt bestimmt. Denn: Eine so faszinierende Mischung aus interessanten Begleitern, dichter Atmosphäre, spannenden Quests und nicht zuletzt einem meiner Ansicht nach überragend taktischen, mit unzähligen Finessen ausgestatteten Kampfsystem gibt es derzeit nirgendwo sonst.

Schon gar nicht bei Bioware.

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    • Kommentare (122)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Scholdarr Mitglied
        Zitat von Spiritogre
        Dvinity ist vielleicht nicht Retro aber schon ein gewaltiger Schritt zurück im Vergleich zum Vorgänger.
        Divinity Original Sin hat keinen Vorgänger. Divinity 2 (was du meinst) spielt nur im selben Universum, ist ansonsten aber grundverschieden. Und DOS ist keinster Weise irgendein "Schritt zurück".
        Zitat
        Bei mir ist es so, dass ich mit diesen ISO Rollenspielen einfach nicht so viel anfangen kann, weil ich nicht so eintauchen kann wie in modernen 3D Titeln. Die ISO Draufsicht macht mich immer eher zum Feldherren, der Einheiten kommandiert. Ich mag einige der ISO Retro-RPGs, etwa die Shadowrun-Spiele, halt wegen dem Setting und der dadurch gegebenen "frischen" Geschichten, die man nicht jeden Tag vorgesetzt bekommt. Aber auch die wären mir in 3D lieber - und wenn auf dem Grafikniveau von Vampire: Bloodlines, egal, hauptsache ich kann selbst in die Welt eintauchen. Die Immersion ist da halt einfach für mich unendlich höher.
        Meine Güte, DAI ist auch ein Party-ISO-Spiel. Überraschung, wah? :-B

        Wenn du keine taktischen Party-Rollenspiele zocken willst, dann spiele doch was anderes. Aber das eine ist nicht moderner als das andere. Es ist einfach was anderes. Das ist so hanebüchen wie zu behaupten, dass RTS ein Schritt weiter wäre als Rundenstrategie, oder dass Egoshooter ein Schritt weiter wären als RTS. Völlig sinnlose Argumentation.
      • Von Scholdarr Mitglied
        Zitat von Spiritogre
        Dvinity ist vielleicht nicht Retro aber schon ein gewaltiger Schritt zurück im Vergleich zum Vorgänger.
        Divinity Original Sin hat keinen Vorgänger. Divinity 2 (was du meinst) spielt nur im selben Universum, ist ansonsten aber grundverschieden. Und DOS ist keinster Weise irgendein "Schritt zurück".
        Zitat
        Bei mir ist es so, dass ich mit diesen ISO Rollenspielen einfach nicht so viel anfangen kann, weil ich nicht so eintauchen kann wie in modernen 3D Titeln. Die ISO Draufsicht macht mich immer eher zum Feldherren, der Einheiten kommandiert. Ich mag einige der ISO Retro-RPGs, etwa die Shadowrun-Spiele, halt wegen dem Setting und der dadurch gegebenen "frischen" Geschichten, die man nicht jeden Tag vorgesetzt bekommt. Aber auch die wären mir in 3D lieber - und wenn auf dem Grafikniveau von Vampire: Bloodlines, egal, hauptsache ich kann selbst in die Welt eintauchen. Die Immersion ist da halt einfach für mich unendlich höher.
        Meine Güte, DAI ist auch ein Party-ISO-Spiel. Überraschung, wah? :-B

        Wenn du keine taktischen Party-Rollenspiele zocken willst, dann spiele doch was anderes. Aber das eine ist nicht moderner als das andere. Es ist einfach was anderes. Das ist so hanebüchen wie zu behaupten, dass RTS ein Schritt weiter wäre als Rundenstrategie, oder dass Egoshooter ein Schritt weiter wären als RTS. Völlig sinnlose Argumentation.
      • Von OField Mitglied
        Ich fand das rum herum von PoE super, aber gerade die Kämpfe sind mMn nur semi gut. Durch die Grafik war es einfach total unübersichtlich und dann Tonen von Fähigkeiten/Effekten die man erst als Hardcore PoE Spieler wirklich durchschaut. Wieso braucht ein Priester für jede Stufe eine Heilfähigkeit anstatt einfach eine Basisfähigkeit aufzuwerten? Das war in Divinity viel übersichtlicher geregelt ohne taktische Tiefe zu verlieren.

        @Spiritogre D: OS ist vielleicht nicht das State of the Art triple A RPG ala Witcher (persönlich sagt mir Witcher als RPG überhaupt nicht zu, weil es für mich nicht mal ein RPG ist), aber das was es macht, macht es verdammt gut.
      • Von Spiritogre Mitglied
        Dvinity ist vielleicht nicht Retro aber schon ein gewaltiger Schritt zurück im Vergleich zum Vorgänger.

        Bei mir ist es so, dass ich mit diesen ISO Rollenspielen einfach nicht so viel anfangen kann, weil ich nicht so eintauchen kann wie in modernen 3D Titeln. Die ISO Draufsicht macht mich immer eher zum Feldherren, der Einheiten kommandiert. Ich mag einige der ISO Retro-RPGs, etwa die Shadowrun-Spiele, halt wegen dem Setting und der dadurch gegebenen "frischen" Geschichten, die man nicht jeden Tag vorgesetzt bekommt. Aber auch die wären mir in 3D lieber - und wenn auf dem Grafikniveau von Vampire: Bloodlines, egal, hauptsache ich kann selbst in die Welt eintauchen. Die Immersion ist da halt einfach für mich unendlich höher.
      • Von Scholdarr Mitglied
        Zitat von Spiritogre
        Nur wenn man auf solche Retro-Games steht.
        Divinity ist doch kein Retro-Game...

        Und das Kampf-Gameplay von DAI und Pillars 1 ist absolut vergleichbar. Um die Optik geht es dabei gar nicht.
      • Von Spiritogre Mitglied
        Zitat von Scholdarr
        Und mit dem Gameplay in DAI wischen beide den Boden auf. :P
        Nur wenn man auf solche Retro-Games steht.
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