Hotline Miami 2 im Test mit Video: Morden wie in Trance
Krank oder Kult? Diese Frage beschäftigte Spieler und Journalisten schon 2012 anlässlich der Veröffentlichung von Hotline Miami. Teil 2 ist größer, lauter und brutaler - aber nicht automatisch besser. Im Test zu Hotline Miami 2: Wrong Number und dem Video-Review begeben wir uns mit euch auf eine Reise durch einen virtuellen Fiebertraum.
Es wäre einfach gewesen, einen Nachfolger nach Schema F zu programmieren: Neue Musik, neue Levels, neue Story, mehr haben die Fans des Indie-Überraschungshits Hotline Miami gar nicht verlangt. Der Rest war ja schon 2012 überragend. Doch Dennaton Games hat sich dagegen entschieden. Mit Wrong Number nimmt das winzige Studio aus Schweden gewagte Änderungen am erfolgreichen Spielprinzip vor. Dazu erzählt Teil 2 eine Geschichte, die sogar noch schwieriger zu entwirren ist als der Plot des Vorgängers um per Telefon georderte Auftragsmorde.
Kaleidoskop der kaputten Charaktere
In der auf 25 Levels mit mehreren "Stages" aufgeteilten Kampagne steuert ihr abwechselnd ein gutes Dutzend unterschiedlicher Figuren. Unter anderem ermittelt ihr in einer Serie von brutalen Morden, tragt einen Drogenkrieg mit einer rivalisierenden Gang aus und verkörpert einen Journalisten (Traumjob!). Die Erzählweise ist bruchstückhaft, Zeitsprünge sind Alltag. Zusammenhänge gehen so leicht verloren, ihr müsst euch nach und nach alles wie bei einem Puzzle selbst zusammensetzen.
Quelle: PC Games
Die Gewaltdarstellung bewegt sich teils an der Grenze zum guten Geschmack.
Noch dazu lassen viele Situationen Raum für Interpretationen, die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschwimmen und ein denkwürdiger Drogentrip setzt dem bizarren Treiben die Krone auf. Plus: Vorwissen aus Hotline Miami ist Pflicht. Übrigens: Nach dem Durchspielen wird ein zweiter, doppelt harter Schwierigkeitsgrad freigeschaltet, der die Ereignisse aus einem anderen Winkel betrachtet. Ein zweiter Durchgang ist also zu empfehlen. Sofern ihr die nötige Geduld mitbringt.
Lust am virtuellen Morden
Aus der Vogelperspektive lenkt ihr Auftragskiller und andere Pixel-Menschlein mit flexibler Moral über das Deck eines Frachtschiffs, durch Nachtclubs und Polizeireviere. Jeder Kontakt mit patrouillierenden Mafiosi, Polizisten und gewaltbereiten Häftlingen endet für einen der Teilnehmer tödlich. Dabei kommen bloße Fäuste sowie ein Sammelsurium an aufnehmbaren Waffen zum Einsatz, vom Katana über den Baselballschläger bis hin zur Schrotflinte. Hektisches Klicken und kühle Planung finden in diesen schweißtreibenden Auseinandersetzungen zusammen, am Ende zeichnet ein Teppich aus Leichen, Eingeweiden und Blutlachen euren Pfad durch den Level nach.
Hotline Miami 2: Wrong Numer - Video-Review
Quelle: PC Games
Wenn wir mehrere Kills in einer Kombo aneinanderreihen, gibt's dafür nicht nur massig Punkte. Wir fühlen uns auch wie der größte Held.
Bis es so weit ist, stirbt die Spielfigur Dutzende Tode, denn fast immer genügt ein Treffer für den Exitus. Zudem haben die ansonsten ausnehmend dummen Widersacher offensichtlich Augen im Hinterkopf. Wie schon in Hotline Miami führt dieser Umstand häufig zu Neustarts, aber nur in Ausnahmefällen zu Frust. Per Tastendruck werdet ihr ohne jede Verzögerung an den Levelausgang zurückversetzt und könnt sofort einen neuen Versuch wagen – wieder und wieder und immer wieder. Die Elektro-Musik pulsiert dabei im Hintergrund ohne Unterbrechung weiter, treibt euch an, dringt über die Ohren in Hirn, Nase, Augen ein, vibriert tief drin im Bauch sowie zwischen den Schläfen und lädt zum Fingerschnipsen und Mit-dem-Fuß-Wippen ein. Allein für diesen außergewöhnlichen Soundtrack lohnt sich der Kauf!
Verstümmeltes Spielprinzip?
Die perfekte Symbiose aus Musik und Gameplay war einer der größten Pluspukte von Hotline Miami. Ein weiterer: der damit einhergehende "Flow", ein müheloses, gelecktes Spielgefühl. Mit beliebigen Waffen bahnt man sich einen Weg durch die als oberbrutale Puzzles aufgebauten Levels ("Erst den Typen abmurksen, dann den da hinten …"). Wie Regenwasser durch ein Wadi, unaufhaltsam und mörderisch. Eine Reihe von fragwürdigen Design-Entscheidungen unterbricht diesen Flow im Nachfolger. So sind manche Levels zu groß und lassen sich nicht überblicken, selbst wenn wir bei gedrückter Umschalttaste die Kamera verschieben.
Quelle: PC Games
Die Grafik ist krümelig und technisch komplett veraltet, hat jedoch einen großartigen Stil, der im Gedächtnis bleibt.
Die schiere Masse an Gegnern, viele davon an strategisch wichtigen Orten mit großer Sichtweite wie Fenstern platziert, macht das Ganze nicht einfacher. Obendrein kriegt ihr es häufig mit speziellen Feinden zu tun, die entweder nur durch Schießprügel oder ausschließlich im Nahkampf verletzlich sind. Lediglich die strohdumme KI macht den Schwierigkeitsgrad erträglich. Ärgerlich: Nur noch bei wenigen Einsätzen wählt ihr zu Beginn zwischen mehreren Tiermasken mit unterschiedlichen Boni. Stattdessen werdet ihr oft in ein Korsett gepresst, dürft etwa als Journalist keine Schusswaffen verwenden (Menno!) oder seid als Soldat in Rückblenden auf eine einzige Knarre mit endlicher Munition beschränkt.
Hotline Miami 2: Wrong Number gibt es nur als Download und kostet knapp 15 Euro. Am PC ist eine DRM-freie Version auf Gog.com erhältlich, die Steam-Fassung benötigt eine Online-Aktivierung. Wer im PSN-Shop zugreift, erhält Zugriff auf Versionen für alle drei Sony-Plattformen Playstation 4, PS3 und PS Vita.
