Panorama: Gleich geschaltet ... - Der Stellenwert von Online-Freundschaften
Nie war es einfacher Freunde zu finden, nie war es einfacher den Kontakt abzubrechen. Haben Online-Freundschaften den gleichen Stellenwert wie Bindungen in der Realität? Eine Charakterstudie. Eine Reportage von Maria Beyer-Fistrich. Mit Beiträgen von Matthias Dammes und Tanja Adov.
Es geht doch nichts über einen Abend mit Freunden im Biergarten. Über Gott und die Welt labern, Freud und Leid teilen, die Ereignisse der Woche besprechen oder ganz profan den aktuellen Klatsch und Tratsch austauschen. Wenn wir drei uns treffen, dreht sich das Thema meist um unser liebstes Hobby: Computerspiele, vor allem MMOs.
Leidenschaft
Ihr kennt das sicher auch aus dem Freundeskreis: Man diskutiert leidenschaftlich über Themen, die einem am Herzen liegen, und fetzt sich auch mal. Das gehört zu einer echten Freundschaft dazu, das verträgt sie. Wir haben uns gefragt: Was verträgt eigentlich eine Freundschaft, die nur auf Online-Erfahrungen gebaut ist? Gibt's überhaupt "echte" Freundschaft auf einer anonymen Basis ohne Verpflichtungen? Wenn ja, wie kann das funktionieren? Welche Erfahrungen hatten wir in den vergangenen Jahren gemacht? Zum Thema Online-Freunde gibt es so viele Perspektiven, Sichtweisen und Facetten. Die folgende Reportage ist eine Charakterstudie, die sich vorsichtig ans Thema heranpirscht und euch vielleicht die eine oder andere Sichtweise eurer Mitspieler besser verstehen lässt. Zumindest hoffe ich das. Viel Spaß beim Lesen.
Ich bin eigentlich nur noch enttäuscht und lasse mich gar nicht mehr gerne auf enge Bindungen an Gilden ein
- Maria
Quelle: buffed
Gemeinsam haben wir Urgoz-Bau mit Helden gemeistert. Und auch noch im Hardmode. Klasse Erinnerung.
Maria erzählt ...
Lasst mich euch eine Geschichte erzählen. Vor ungefähr neun Jahren trafen ein weiblicher Mönch, ein Nekromant und ein Magier in den Ruinen einer Siedlung im Maguuma-Dschungel aufeinander. Was sie dort taten, wo sie hin wollten oder wie sie sich am besten durch die gefährliche Wildnis schlagen, wussten sie nicht. Trotzdem waren sie sich auf Anhieb sympathisch und beschlossen, fortan gemeinsam ahnungslos durch die Welt zu spielen. Ein paar Tipps konnten sie sich trotzdem schon geben - ein Mönch sollte besser einen Stab statt Bogen nutzen, ein Magier legt sich per Einstimmung besser auf ein Element fest und der Nekromant sollte sich zunächst mal auf das Verursachen von Schaden konzentrieren, für die Heilung war jetzt jemand anderes da.
Warum ich euch das erzähle? Nun, die Mönchin, die mit Stufe 20 im Maguuma-Dschungel von Guild Wars 1 mit einem Bogen und Tierbegleiter das wohl uneffektivste sowie peinlichste Build aller Zeiten spielte, war ich. Aber ich war nicht allein mit meiner Ahnungslosigkeit. Die Region rund um den Außenposten, in dem wir aufeinandertrafen, war bevölkert von ziemlich harten Gegnern und eine Mission mit Bonus-Ziel hatten wir ebenfalls noch offen - wie waren wir überhaupt so weit gekommen? Wir mochten uns und wurden in den kommenden Wochen spielerisch immer besser. Gemeinsam kämpften wir uns durch alle Erweiterungen des Online-Rollenspiels und verbrachten täglich bis zu sechs Stunden im Teamspeak miteinander. Wir waren Freunde: Wir lachten, diskutierten, feierten die ersten Erfolge im PvP - wir machten alles zusammen. Ich glaubte, Nekromant Shady alias Patrick und Magier Ashira aka Kai zu kennen. Wir verbrachten ja schließlich eine Menge Zeit miteinander.Ich hatte keine Lust mehr auf den Kindergarten
- Maria
With a little help from my friends
Quelle: buffed
Wie die kleine Evennia auf dem Bild habe ich mich oft bei unseren Auseinandersetzungen gefühlt. Ein Kindergartenkind.
Allerdings sind Online-Freundschaften doch anonym. Trotz der sieben Jahre, in denen wir Seite an Seite jeden Sturm und Ärger in unseren Gilden in verschiedenen Spielen überstanden hatten, haben wir uns im echten Leben nie getroffen. Und so kam es, wie es kommen musste. Den ersten Ärger gab es, als wir professioneller in der Teamarena wurden. In der TA von Guild Wars 1 traten zwei Teams von jeweils vier Spielern gegeneinander an - wir waren zu dritt. Wer den letzten Platz bekommen sollte, war natürlich nicht nur abhängig von der benötigten Klasse für unser Build - im besten Falle sollte derjenige flexibel sein. Nach einigen erfolgreichen Monaten, in denen wir kompromissbereit Spieler von der Ersatzbank einwechselten, kam es zum großen Streit. Ich hatte keine Lust mehr auf den Kindergarten und kehrte Tyria den Rücken. Die Funkstille dauerte zwei Monate, bevor wir dann in einem anderen Spiel erneut zueinander fanden. In Runes of Magic spielten wir dann nur noch PvE - vom Wettbewerb und dem Druck im PvP hatten wir die Nase voll.
Yesterday
Quelle: buffed
Dreamteam bestehend aus zwei Monks und der Hahn im Korb alias Waldläufer Kent Kelven.
Die Politik von Publisher Frogster bezüglich Item Shop und Spielmechaniken in Runes of Magic sorgten nach sieben gemeinsamen Jahren neben einer Verschiebung der Interessen meinerseits für die endgültige Trennung des Dreamteams. Shady und Ashira kämpften, um mich zurückzugewinnen - vergebens, ich war durch mit dem Thema. So trennten sich unsere Online-Wege. Shady spielt heute League of Legends. Ashira ist mal hier mal da unterwegs, aber so ausdauernd wie früher zockt er keine Online-Spiele mehr und hat sich verstärkt dem echten Leben zugewandt. Ich denke heute noch oft an die beiden verrückten Typen und an die für uns glorreichen Momente, die wir erlebten: der erste zu dritt erfarmte Kochendrachenstab, die erste Serie von 40 aufeinanderfolgenden Siegen in der Teamarena, unseren Triumph gegen die damals drittbeste Gilde der Welt im PvP und den unglaublichen Jubel über den Sieg im Teamspeak, die ganzen Dramen in der Gilde, unsere Chat-Makro-Flames im PvP gegen die liebevoll als Kackboons betitelten Arena-Anfänger - schöne Erinnerungen.
Tomorrow never knows
Sie sind noch immer so präsent, weil Guild Wars mein erstes Online-Rollenspiel war und die beiden meine ersten richtigen Kontakte in der virtuellen Welt. Den beiden ging es ebenso wie mir, vielleicht waren wir auch deshalb so eng befreundet. Wir hatten wie im echten Leben noch das Gefühl, dass man sich auch in einem MMO an Termine hält, seine Freunde nicht versetzt und ehrlich zueinander ist. In den folgenden Jahren habe ich dann oft die Erfahrung gemacht, dass das nicht bei allen so selbstverständlich ist. Viele Spieler wurden zunehmend gleichgültiger gegenüber Gildenmitgliedern - man kannte sich schließlich nicht wirklich. Deswegen versuche ich mich gar nicht mehr zu stark emotional zu engagieren. Das ist aber natürlich nur eine Sichtweise.
In diesem Artikel
Es geht auch anders, das beweist etwa die Geschichte von Matthias, oder natürlich die rührenden Erlebnisse von Menschen mit Behinderungen, die dank Onlinespielen Freunde gefunden haben und mit ihnen etwas unternehmen, obwohl sie sich nicht bewegen können. Im weiteren Verlauf des Artikels versuchen wir zu ergründen, was Online-Freundschaften wert sind, für wen sie die Welt bedeuten, was für menschliche Abgründe sich auftun, wenn man Kontakte abbricht, welche Gilden für immer zusammenbleiben oder wie viele Kinder eigentlich dank World of Warcraft entstanden sind.

Habe meine Verlobte ebenso online kennengelernt in LoL :)
Einmal getroffen und seitdem sehr Glücklich.
Aus Ultima online kenne ich ebenso ein paar Berliner. Kontakt seit knapp 15 Jahren (modem56k Time) und es wird immer noch zusammen gezockt
Manchmal frage ich mich wirklich, ob ich mich so schlecht ausdrücke.
Aber nun gut, jeder macht halt seine eigenen Erfahrungen
Als damals bei WoW die Erfolge eingeführt wurden, haben die dafür gesorgt, dass ich doch noch länger dabei geblieben bin.
Ohne diese Motivationsspritze hätte ich vermutlich kurz nach WotLK endgültig aufgehört. So hab ich noch bis nach Cataclysm weiter gespielt.
Ich lass mich da aber auch nicht unter Druck setzen.
Wenn an einem Tag was nicht klappt, dann eben am nächsten.
Das Wichtigste bei Online-Freundschaften ist wohl, dass die Leute immer ehrlich sind. Dass man nicht erzählt, dass man hier der reiche Geschäftsmann ist, der mit dem dicken Porsche durch die Gegend fährt, sondern wer man wirklich ist. Jede Lüge kommt irgendwann hervor und fällt dann wieder auf einen zurück. Wenn aber alle ehrlich sind, dann kann daraus durchaus echte Freundschaft werden, die über das Internet hinausgeht und wenn es sich um ein nettes Mädel handelt, vielleicht auch irgendwann Liebe, wer weiß das schon.
Jedenfalls hab ich beispielsweise in WoW einige getroffen, die sagten, dass sie ihre Partnerin dort kennengelernt hatten. Sie hatten jeden Tag miteinander gezockt, telefoniert oder in Skype geplaudert und sich irgendwann dann getroffen und es hat irgendwann gefunkt. So kann es gehen. :-D
Was Online-Rollenspiele aber oft kaputt macht, das sind die Erfolgssysteme. Da ist etwas gerade erschienen und manche mögen am nächsten Tag dann am liebsten schon alle Erfolge haben. So wird gehetzt und alles soll schnell schnell gehen. Das klingt ja auch aus dem Text ein bißchen hervor, wenn das nicht klappt, dann ist die Luft dick und die Leute pflaumen sich an. Ich nannte diese Spieler(gruppe) immer "die Hektiker". ;-)
Ich gehöre aber eher zu den gemütlichen Spielern, schaue mir alles in Ruhe an und brauche auch in SP-Spielen wahrscheinlich oft doppelt so lange wie manch anderer. Wir haben dann einfach eigene Raids, ich hab eine eigene Gilde gegründet, da konnte man dann sich die Leute genau aussuchen, mit denen man weiter spielen und Kontakt haben wollte. Mir war da das spielerische gar nicht so wichtig, sondern eher, dass die Leute nett waren und verläßlich. Da waren dann auch alle Altersgruppen dabei, von 18 bis 60 würde ich schätzen. Das war schon eine lustige Zeit. Mit der Zeit haben aber dann fast alle aufgehört, die Gilde wurde immer leerer und so hab ich dann auch im Mai 2012 mit WoW aufgehört.
Mit so manchem hab ich heute noch Kontakt über ICQ, Skype, Mail usw.