Fröhlich am Freitag: Ubisoft und die Sexismus-Debatte - Leute, kommt mal wieder runter! / Der Kommentar
Keine spielbaren Frauen im Koop-Modus von Assassin's Creed: Unity und Far Cry 4: Ubisoft sieht sich seit der E3-Premiere einem veritablen Shitstorm ausgeliefert. Warum eigentlich? Fragt PC-Games-Chefredakteurin Petra Fröhlich.
Da gibt's vermutlich keine zwei Meinungen: Das unterm Strich beste Line-Up der E3 2014 kommt von Ubisoft – Division, Far Cry 4, Crew, Assasins's Creed Unity, alles vom Feinsten. Hätte also am Ende einen erfolgreichen Messe-Auftritt geben können.
Wenn nicht jemand die entscheidende Frage gestellt hätte: "Mon dieu – wo sind denn die weiblichen Charaktere im Koop-Modus vom Assassin's Creed Unity?"
Ubisofts Creative Director Alex Amancio argumentiert sinngemäß: "Je regrette, zu viel Aufwand. Doppelt so viele Animationen, doppelt so viele Klamotten, doppelt so viele Sprachaufnahmen, doppelt so viel Zeit." Ne pas possible, rien ne va plus. Far Cry 4-Macher Alex Hutchinson gibt sich ähnlich zerknirscht: "Ja, weibliche Charaktere waren geplant, aber leider leider…"
Ja, gibt's das denn? Dürfen die das? Steht nicht irgendwas in der Menschenrechts-Charta, dass Action-Adventures für PC, PS4 und Xbox One zwingend Männlein und Weiblein im Multiplayer voraussetzen? Irgendwas war doch da…
Ach, wurscht: "Ubisoft, wir wissen, wo euer Auto steht!"
Inzwischen gibt es sogar schon die unvermeidlichen Petitionen und einen eigenen Hashtag (#womenaretoohardtoanimate).
Der Fall erinnert in seiner Entwicklung an den Skandal von vor eineinhalb Jahren, als der damalige FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle einer Stern-Journalistin an der Hotelbar attestierte, sie könne "ein Dirndl auch ausfüllen". Wochenlang beschäftigte dieser eher minderschwere Fall von Chauvinismus die Talkshows und Leitartikel der Republik. Brüderles leichtfertige Bemerkung, der Stern-Artikel namens "Der Herrenwitz" und der Twitter-Hashtag #aufschrei wurden zum Anlass genommen, die komplette Bandbreite gefühlter und echter Diskriminierung durchzudeklinieren, von Gehalts-Unterschieden bis hin zu Vergewaltigung. Und das alles nur wegen eines verunglückten Kompliments.
Jetzt eben Assassin's Creed Unity und Far Cry 4.
Mag sein, dass die Ubisoft-Argumentation eine billige Ausrede ist.
Mag sein, dass die Aufwands-Hochrechnung gnadenlos übertrieben ist.
Mag sein, dass Ubisoft die PR-Folgen dieser Entscheidung schlichtweg unterschätzt hat.
Dennoch: So what?
Die Diskussion zeigt vor allem eines: Der gesamte Kosmos der Computer- und Videospiele neigt gern zu Hysterie, Skandalisierung, Selbstgerechtigkeit und Verschwörungs-Szenarien, sich selbst befeuernd von Foren, Facebook, Twitter.
Die Beispiele sind endlos:
"Frauenverachtend!" seien sie, die leichtbekleideten E3-Babes, die jetzt wieder die Runde machen. Ein "Armutszeugnis". Ein "Relikt aus der Steinzeit". Wo doch die Spielebranche total "erwachsen" geworden sei. Nicht reflektierend, dass Vicky und Jennifer aus exakt denselben Gründen am Start sind wie die Cheerleader beim Superbowl oder Funkenmariechen im Kölner Karneval.
Leute, die kein Problem damit haben, in Zweiter-Weltkriegs-Shootern mit MGs und Granaten durch Tausende von Soldaten zu mähen, melden plötzlich Gewissensbisse, wenn sie aus einem erlegten Far-Cry-3-Tiger einen erweiterten Munitionsbeutel klöppeln sollen. Und stehen die Far-Cry-4-Elefanten nicht auch auf der Liste vom Aussterben bedrohter Tierarten?
In all diesen Debatten ist jegliche Balance abhanden gekommen. Rein zur Unterhaltung entwickelte Spiele werden plötzlich zu politischen Statements hochstilisiert, die möglichst alle Geschlechter, Hautfarben, ethnischen und religiösen Gruppen, sexuelle Befindlichkeiten und körperliche Gebrechen abzubilden haben. Aber wehe, wenn es tatsächlich jemand wagt, zunehmend derbe Gewaltorgien in Spielen zumindest in Frage zu stellen - dann lautet der Beißreflex unter Spielern ganz selbstverständlich: "Was habt ihr denn, ist doch nur ein Spiel!"
Stimmt: Nur. Ein. Spiel.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist legitim, wenn sich Teile der Kundschaft mit verschränkten Armen hinstellen: "Ich! Will! Aber! Frauen! Im! Unity! Koop!!!" – schließlich ruft Ubisoft auch Tarife jenseits der 60 Euro für eine Kopie auf, also darf man auch Ansprüche stellen.
Nicht legitim ist die Skandalisierung.
Ernsthaft, Leute, kommt mal wieder runter.
Die einzig entscheidende Frage ist doch (und die wird man sich bei Ubisoft Montreal auch gestellt haben, jenseits der Excel-Schieber in der Finanzabteilung): Machen weibliche Charaktere Assassin's Creed: Unity zu einem fundamental besseren Spielerlebnis? Das Thema wird Ubisoft in Zukunft sicher anders angehen als in den beiden vorliegenden Fällen, denn Hutchinson garantiert in einem Polygon-Interview gar, dass diese "Probleme verschwinden".
"Faites vos jeux" ("Machen Sie Ihr Spiel") sagt der Croupier beim Roulette. Das sollte jetzt das Motto sein. Oder wie es Franz Beckenbauer formulieren würde: "Geht's raus und spielt's Fußball".
Ein schönes WM-Wochenende wünscht euch
Petra Fröhlich
https://twitter.com/Odufroehliche

Klang als Begründung etwas lahm, zumal weibliche Charaktermodelle mit Animation bereits im Spiel enthalten sind.
Klang als Begründung etwas lahm, zumal weibliche Charaktermodelle mit Animation bereits im Spiel enthalten sind.
nur muss derjenige, also der 'künstler', eben auch mit kritik und ggf ablehnung leben können.