Als Gaming-Journalist in China: Vom richtigen Verscheuchen der Vögel

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Wie geht man in China mit der ausländischen Gaming-Presse um und welche Ansätze verfolgen chinesische Entwickler bei ihren Spielen? Redakteurin Maria Beyer von buffed.de war in Suzhou und hat ihre Erlebnisse in einem Kommentar verarbeitet. Auf der zweiten Seite des Artikels gibt es zudem noch ein paar Hintergrundinfos zum allgemeinen Umgang mit Internet und der Zensur in China.

Kennt Ihr Mr. Shi? Nein? Vor dem einwöchigen Trip zu Spiele-Entwickler Snail Game nach Suzhou, China hatte auch ich keine Ahnung, wer die Branchen-Koryphäe aus dem Einparteienstaat ist – und sehr viel schlauer bin ich danach nicht. Mr. Shi führt ein Gaming-Imperium, das es locker mit westlichen Firmen aufnehmen kann. Zumindest, was die Anzahl an Mitarbeitern und gewonnenen Auszeichnungen betrifft. Hierzulande ist Snail Game wohl den wenigsten ein Begriff. In der Volksrepublik haben sie jedoch eine riesige Community.

Neue Spiele werden mit bombastischen Aktionen angekündigt, Jet Li ist Werbegesicht und Fans pilgern zu Autogrammstunden mit Mr. Shi – einer Art chinesische Version von Blizzard-Aushängeschild Chris Metzen eben. In Europa sind die bekanntesten Snail-Titel Bounty Bay Online, Castle of Heroes und Age of Wulin. Letzteres will Snail Game europäischen Gamern ebenfalls schmackhaft machen und sie mit fernöstlichem Setting und Sandbox-Gameplay begeistern. Aber nicht nur die Frage, was Age of Wulin von anderen Spielen abhebt, ist spannend. Sondern auch, was die chinesischen Entwickler grundsätzlich anders machen, welche Ansätze sie verfolgen und wie sie mit der ausländischen Presse umgehen. Über besagte "Ansätze" sollten wir uns nämlich noch wundern.

Unsere kleine Reisegruppe aus französischen, polnischen und deutschen Journalisten hatte die Ehre, als erste ausländische Spieleredakteure einen Blick hinter die Kulissen der beiden Snail-Game-Niederlassungen in Suzhou zu werfen – eins davon hochmodern in einem der neuesten Stadtteile der Sieben-Millionen-Metropole, das andere inmitten der Altstadt, bewacht von uniformierten Pförtnern. Der Begriff Der Hafen von Suzhou. Der Hafen von Suzhou. "Studio" ist eigentlich untertrieben für die Arbeitsstätte in der historischen Innenstadt, die eigentlich eine kleine Siedlung ist. Umgeben von hohen Mauern, bietet das Gelände nicht nur Hunderten Angestellten Platz zum Wohnen, es finden sich dort auch viele Tiergehege, Plätze zum Relaxen, Präsentations-, Dinner- und Brainstorming-Räume. Zum Glück überall mit Klimaanlage, denn das Wetter war mit knallender Sonne bei 38 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit für europäische Gewohnheiten schwer verdaulich.

In einer hunderte Jahre alten, zum Vorführungsraum umfunktionierten Scheune warteten schon Obstteller und Kekse auf uns. Und wir dann auf CEO Mr. Shi und sein Team, dem wir im lockeren Interview gerne ein paar Fragen zu Age of Wulin und dem MMO-Markt im Allgemeinen gestellt hätten. Ebenso hätten uns konkrete Zahlen oder Ziele interessiert, die sich das Team bezüglich Spieleranzahl und der finanziellen Entwicklung von Snail Game in Europa vorgestellt hat. Was uns während des Besuchs in Suzhou bislang überraschend wenig auffiel, wurde jetzt überdeutlich: China ist ein kommunistisches Land mit strengen Regeln. Im Einparteienstaat muss mit Zensur, Propaganda und Ausweisung gerechnet werden.

Ausländische Journalisten sind für die Regierung eben nicht gerade beliebte Gäste. Auch wenn sich das Leben in den chinesischen Millionenstädten mit Apple Stores, dekadenten Partyclubs und Starbucks zumindest auf den ersten flüchtigen Blick nicht stark von unserem unterscheidet, das Team von Snail Game hält sich hier besonders an gewisse Vorgaben der Regierung für den Umgang mit ausländischen Journalisten. Allerdings vermutet man den Klassenfeind doch eigentlich nicht unter ein paar harmlosen Gaming-Reportern. Oder sind alle Computer-Nutzer und-Spieler in China per se so verdächtig wie Menschenrechtsverfechter und politische Korrespondenten?

Diese Vorsicht im Umgang mit freien Medien knallt uns beim Interview ähnlich wie die brüllende Hitze mit chinesischer Härte ins Gesicht. Wir bekommen die offensichtlich abgesegneten Fragen für das Interview bereits vorab ausgedruckt und durchnummeriert mit dem Namen des Journalisten, der sie stellen soll, in die Hand gedrückt. Die Fragen sind durchweg unkritisch und müssen ohne Vergleiche mit anderen Das Innenstadt-Studio von Snail Game. Quelle: Webzen Das Innenstadt-Studio von Snail Game. Spielen auskommen. Konkurrenten wie World of Warcraft zu nennen scheint so tabu zu sein, als ob wir einen der anwesenden Marketing-Manager auf Tibet ansprechen wollten. Mr. Shi betritt die Bühne im Präsentationsraum mit einem Zettel, auf dem nicht nur die Fragen vorbereitet sind, sondern natürlich auch schon die Antworten, die er der Reihe nach bei diesem Schildbürgerstück abliest.

An einem kleinen Nebentisch sitzt ein Team aus zwei Übersetzern, die die vorbereiteten Antworten wie am Schnürchen runterbeten. Nach und nach kommt jeder Journalist an die Reihe und stellt brav seine aufgetragene Frage. Ab und zu vergessen die Dolmetscher, eine englische Frage zu übersetzen – Mr. Shi antwortet trotzdem wie aus der Pistole geschossen auf Chinesisch. Anhand des Ablaufprotokolls und durchnummerierten Fragen, weiß er natürlich was zu sagen ist. Nur ein kleiner Zwischenfall wirft die beiden Antwortabspuler aus der Bahn. Ein französischer Kollege wagt es, eine Frage umzuformulieren. Dem wenig dynamischen Übersetzer-Duo entging das selbstredend nicht und nachdem er aufgefordert wurde, einfach die Nummer seiner Frage zu nennen, lief es nach Protokoll weiter. Nach knapp einer Stunde ist die Farce vorbei. Mr. Shi hat bereits die Scheune verlassen, als wir uns wieder auf die Häppchen stürzen. Beim Team von Snail Game ist Erleichterung zu spüren. Bei Melone und Kuchen mit dem Marketing-Manager geht es dann auch nicht mehr um Age of Wulin, sondern um gekochte Hühnerfüße, Fischaugensuppen und tausendjährige Eier.

Zwischen Hühnerfüßen und High-Tech

Die chinesische Gaming-Industrie öffnet sich zwar langsam den neugierigen Blicken der ausländischen Presse. Kultur, Tradition und vor allem Außenwirkung ist den Chinesen trotzdem das höchste Gut. Deswegen wird bei Terminen mit der ausländischen Journaille offensichtlich nichts dem Zufall überlassen. Auch wenn man ob der auf den ersten Blick hohen Qualität bei Age of Wulin doch eigentlich nichts zu verbergen hätte. Ob auch im Fall unserer Posse eine Anweisung von "Oben" vorlag, oder ob die Entwickler aus Selbstschutz auf Nummer sicher gehen wollten (wie das oft auch ausländische in China ansässige Medien machen, um ihr Geschäft betreiben zu können), ist uns nicht bekannt. Der Rest des offiziellen Programms im Laufe der Woche verlief deutlich ungezwungener. Um Online-Spiele, die Spielebranche und Age of Wulin ging es Traditionelles chinesisches Essen. Traditionelles chinesisches Essen. bei Essen und Sightseeing allerdings nicht mehr. Unser Guide und Übersetzer, Business-Manager Sean Haze, entpuppte sich immerhin als wandelndes Lexikon und klärte uns über jedes Detail in der Stadt und glücklicherweise auch über die oft undefinierbaren, aber größtenteils leckeren Gerichte in den landestypischen Restaurants auf.

Insgesamt war der komplette Trip aber eine wunderbare Erfahrung und völlig anders, als es bei westlichen Entwicklern üblich ist. Auch wenn es gerade für europäische Gemüter völlig seltsam anmutet, was dort als freies Interview verkauft werden sollte. Es ist schön, dass man in China sehr viel Wert auf Kultur und Tradition legt und diese nicht von Ausländern in den Schmutz gezogen sehen will. In punkto Zensur sollten sie aber endlich von ihrem alten Ansatz "Sich selbst treu zu bleiben" abweichen. Und man darf eines nicht vergessen: Es geht hier nicht um Staatsgeheimnisse oder Industriespionage, sondern um harmlose Online-Spiele. Ein gegenseitiger Austausch würde außerdem helfen, gute Spiele noch besser zu machen. Einfach mal locker machen!

*Vom richtigen Verscheuchen der Vögel ist ein bekannter Schildbürgerstreich: Weil Krähen die frische Aussaat vom Gemeindeacker picken, sollen sie verscheucht werden. Damit der Gemeindevorsteher nicht die Saat zertrampelt, wird er auf einer Plattform von vier Männern auf das Feld getragen.

Bildergalerie

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  1. Seite 1 China-Trip: Erlebnisbericht zur China-Reise
  2. Seite 2 China-Trip: Hintergründe zum Internet in China
    • Kommentare (6)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von Shadow_Man Mitglied
        Daran sieht man wie wichtig Freiheit, Meinungs- und Pressefreiheit und Rechte sind. Wir dürfen nie zulassen, dass es bei uns in der westl. Welt ähnlich wird.
      • Von Shadow_Man Mitglied
        Daran sieht man wie wichtig Freiheit, Meinungs- und Pressefreiheit und Rechte sind. Wir dürfen nie zulassen, dass es bei uns in der westl. Welt ähnlich wird.
      • Von SimonFistrich Mitglied
        Hallo springenderBusch, danke für Deine Meinung. Die Grundsatzdiskussion über die deutsche Spielepresse ist hier an dieser Stelle aber völlig unpassend und hat nichts mit dem Artikel zu tun. Es handelt sich hier um einen Erlebnisbericht über den erstmaligen Besuch westlicher Spiele-Journalisten bei Snail Games und deren übervorsichtigen Umgang mit der ausländischen Presse.

        Den Vorwurf, dass wir uns selbst kastrieren würden oder nicht mit Kritik umgehen könnten, den darfst du ja gerne stellen - aber nutze dafür doch die entsprechenden Orte oder Threads im Forum (-> Suchfunktion). Ich hoffe auf dein Verständnis und bedanke mich vorab dafür.
      • Von springenderBusch Mitglied
        Unter der Prämisse des Selbstschutzes der Firma :

        Wo liegt der Unterschied zwischen vorgesetzten Fragen in China und einmalig gestellten Fragen im Westen um dann Gefahr zu laufen als Magazin vielleicht nicht mehr Exklusivstorys zu bekommen oder nicht zu vorgezogenen Spielevorführungen eingeladen zu werden ?

        In China gibt offenkundig der Staat oder die Firma den Fragebogen vor.
        Im güldenen Westen kastriert sich die Presse selber..............was noch viel schlimmer ist !

        Kann mich nicht daran erinnern in letzter Zeit ein echtes kritisches Interview von Computec mit einem großen Spielehersteller gelesen oder gesehen zu haben. Denen wird Honig ums Maul geschmiert oder die wirklich kontroversen Fragen werden erst gar nicht gestellt.
        Es wird dann in Artikeln vielleicht ein bisschen auf dieses und jenes hingewiesen aber mehr nicht.
        Abstrafung, wenn überhaupt, erfolgt allenfalls in Test´s wo der jeweilige Redakteur nicht mit der unmittelbaren Reaktion des Herstellers klarkommen muß, sondern dies dann als objektiv hinstellt.

        Die Berichterstattung der Spielepresse vor erscheinen eines Titels und danach ist [Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen] öfters so erschreckend gegensätzlich wie es überhaupt nicht sein kann wenn man sich denn dem vernünftigen Spielejournalismus verschrieben hat.
        Die gesamte Spielebranche einschließlich Presse ist nicht fähig mit Kritik um zu gehen oder diese aus zu üben.

        Der Leidtragende ist am Ende immer der Spieler............und das ist das wirklich arme daran.
        Änderungen bewirken nur die Spieler selber, in manchen Fällen.
        Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit : XBOX ONE .
        Erst als Fans und damit potentielle Käufer sich massiv über die Restriktionen der Box aufgeregt haben und klar zu werden drohte daß sich das zu eine riesigen Welle auftürmen könnte griff die Presse dieses Thema etwas kritischer auf. Vorher wurde es als gegeben hingenommen.
        Beispiel aus jüngerer Vergangenheit : Sim City .
        Keinerlei deutliche Verbraucherwarnungen über das Spiel vor Veröffentlichung und den Always on Modus sondern nur halbgare Ausreden das es nur um den Spielspaß geht.
        Folge : Es ist genau das passiert was alle Spieler mit halbwegs Verstand erwartet haben und noch viel mehr. Die Leute haben sich ein Spiel gekauft welches nicht funktioniert hat und schlimmer noch die Herstellerfirma hat Funktionen die sie mit dem Spiel verkauft hat kurz nach Verkaufsstart abgeschaltet um irgend wie das Produkt zum laufen zu bringen.
        Die Folge dieser weichgespülten Berichterstattung sind Millionenverkäufe einer minderwertigen Software von der die meißten nicht einmal wissen was für ein Ei sie sich da ins Nest gelegt haben, da die meißten Casualgamer garnichts wissen von solchen Praktiken und dann auch nichts damit anfangen können.
        Beispiel aus der Vergangenheit : DIABLO 3 und so weiter und so fort !

        Keiner, anscheinend auch du nicht, hat den Schneid der Branche gehörig und nachhaltig auf die Füße zu treten und unsere Interessen zu vertreten.
        ABER WIR BEZAHLEN EURE GEHÄLTER IN DEM WIR EURE MAGAZINE KAUFEN UND EURE INTERNETSEITEN ANKLICKEN.
        Euer Verhalten in unseren Gefilden ist schon längst keine lächerliche Posse mehr.
        Denke darüber mal nach bevor du über die Zustände in anderen Ländern berichten willst.

        Ein Jammer das sich so wenige an der Diskussion beteiligen.
      • Von Maria Beyer-Fistrich Mitglied
        Ich durfte keine Frage stellen. Meine wurden schon vor dem Interview aussortiert. So viel dazu.

        Mir ging es darum zu zeigen, wie lächerlich diese ganze Posse ist. Es geht hier lediglich um ein Computerspiel.

        Den wirklichen Kampf gegen politische Missstände dürfen gerne die Kollegen der Presse übernehmen, die nicht Unterhaltung als Kernthema hat.

        Grüße
        Maria
      • Von springenderBusch Mitglied
        Was mir in einigen Reportagen, Interviews und Dokumentationen über die heutigen Chinesen aber auch aufgefallen ist :

        Im verweilen in ihren Traditionen fordern sie zwar Respekt für sich, geben diesen aber in keiner Weise zurück.
        Früher war jeder "Nichthochchinese" ein Mensch zweiter Klasse für sie, mit dem nicht auf Augenhöhe verhandelt wurde.

        Das ist heute kein bisschen anders siehe Siedlungspolitik ab Mittelchina bis Grenze Süden, Westen, Norden.
        Ethnische, kulturelle Minderheiten werden durch aggressiven, staatlich gelängten und geförderten Zuzug der Han-Chinesen verdrängt. Ihnen wird verboten ihre Sprache zu sprechen, ihre Traditionen aus zu üben.
        Und das immer mit einem scheißfreundlichem Grinsen.

        Leider haben ausländische Journalisten wie auch die Artikelschreiberin jeglichen Biss verloren.
        Man kann es auch Feigheit nennen !!!
        Denn eine Freie Presse läßt sich nur mit MUT verteidigen !
        Anstatt ironisch zu erwähnen das ein französischer Kollege eine Frage wahrscheinlich mit Absicht umformuliert hat, hätte sie auch eine eigene Frage stellen können ohne auf die IHR vorgesetzte Frage auch nur einzugehen.
        Aber dann hätte man ja wahrscheinlich auf die Häppchen verzichten müßen, ODER ?

        Vor allem da es eben nur um Computerspiele geht, und nichts anderes, könnte man so etwas wenigstens noch erwarten.
        Aber anscheinend doch nicht, siehe kritiklose Berichterstattung und Nichtabstrafung westlicher Spielefirmen.

        So taugt dieser "Reisebericht" zu rein gar nichts, außer als für den Spielehersteller billiger Werbeträger.

        Das ist kein persönlicher Angriff auf die Redakteurin als Mensch.

        Sie sollte aber vielleicht einmal überdenken bei solch einer inhaltslosen Berichterstattung Begrifflichkeiten wie """""FREIE Presse, UNABHÄNGIGE Berichterstattung oder gar Kommunismus.""""" weg zu lassen und sich überlegen ob sie willfährige Buchstabensetzerin oder echte Verfechterin einer meinungsfreien und unabhängigen Presse sein will.
        Das eine ist bequem, das andere kann Konsequenzen nach sich ziehen.
        In einem Artikel , auch wenn ironisch geschrieben, Zustände zu kritisieren aber gleichzeitig zu zugeben sich nur eingereit zu haben ist grundlegend heuchlerisch.

        Soll nur ein Denkanstoß sein !
      Direkt zum Diskussionsende
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