No One Lives Forever 2 im Test: Nachfolger zum hevorragenden Shooter

1
Test Thomas Weiß Als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügen
No One Lives Forever 2 im Test: Nachfolger zum hevorragenden Shooter
Quelle: PC Games 

Keine Fanfaren und kein Trommelwirbel: No One Lives Forever 2 erscheint still, ganz ohne Hype - und ist trotzdem besser als der Rest.

No One Lives Forever 2 spielt in der Zeit, in der Miniröcke schockten und quietschbunte Tapeten mit geometrischen Mustern als schick galten: den 60er-Jahren. Dementsprechend ist auch der Kleidungsstil von Top-Spionin Cate Archer ausgefallen. Geheimaufträge löst die hübsche Brünette gern "unauffällig" in hautengen, neonfarbenen Leggins. Zu ihrem Waffenarsenal gehören explodierende Katzen, Bananen und Lachgas. Ihre Gegner sind unter anderen übergewichtige Pantomimen mit weiß geschminkten Gesicht und Streifen-T-Shirt. Zu ihren größten Abenteuern zählt eine Verfolgungsjagd auf einem Dreirad durch einen indischen Bazar. No One Lives Forever 2 ist fröhliches Action-Kontrastprogramm zu bitter ernsten Genre-Vertretern wie Medal of Honor: Allied Assault (dt.).
Ein japanischer Ganove wird ge- und nicht erschossen: mit einem zum Fotoapparat umgebauten Lippenstift. Quelle: PC Games Ein japanischer Ganove wird ge- und nicht erschossen: mit einem zum Fotoapparat umgebauten Lippenstift. Im Kampf gegen die Verbrecherorganisation H.A.R.M. kommt Cate ganz schön rum: Die USA, die Sowjetunion und Indien sind nur einige der Länder, die Sie in den 16 Kapiteln des Spiels bereisen werden. Den Anfang macht Japan: Zwischen Häusern aus Bambus und Papier, plätschernden Bächen und dem obligatorisch gewordenen Gras, das sich im Wind bewegt, kämpfen Sie gegen Ninjas. Die springen von Dach zu Dach, als wären sie federleicht, suchen Deckung hinter Bäumen und führen Frontalattacken mit Katana-Schwert und jaulendem Kampfschrei aus. Ganz anders die Russen, die sich gelegentlich auf den Boden werfen, die Stellung halten und auf Verstärkung warten, bevor sie in die Offensive gehen. Abgesehen von der Tatsache, dass die Figuren vereinzelt an Ecken hängen bleiben, ist das Gegnerverhalten in No One Lives Forever 2 (jetzt kaufen 49,95 € ) durchgehend glaubwürdig.

Weil die Gegner stets in der Überzahl sind, bei direktem Blickkontakt sofort um Hilfe plärren und Cate nicht viele Treffer verträgt, empfiehlt sich ein Vorgehen auf leisen Sohlen. Bevor Sie jetzt ängstlich schlucken: Der Schleichaspekt wurde im Vergleich zum Vorgänger auf ganzer Linie verbessert und bestraft Unvorsichtige nicht sofort mit einem "Game Over". In einem indischen Kino stehen Sie beispielsweise vor der Wahl, einen schnarchenden Aufseher per Elektroschocker zu betäuben oder lautlos vorbeizugehen. Stoßen Sie aber nicht die Flaschen um, die am Boden stehen! Das laute Klirren würde die Aufmerksamkeit der Rivalen wecken. Die gehen, sofern Sie sich rasch aus dem Sichtkegel entfernen, erst einmal mit gezückter Kanone auf die Suche, ehe sie wild das Feuer eröffnen. Kommentare wie "Du kannst dich nicht verstecken, du Kapitalistenschwein!" (eine russische Wache) geben Aufschluss darüber, ob gerade nach Ihnen gefahndet wird. Verstecken können Sie sich natürlich doch. Zum Beispiel in einem dunklen Raum. Wer vorher die Glühlampe abschraubt, hat beste Chancen, unentdeckt zu bleiben. Die Verfolger treten die Tür ein, legen vergeblich den Lichtschalter um und ziehen grummelnd von dannen, während Sie unbemerkt im Schatten kauern.
Wenn Kugeln gegen die Lampe am oberen Bildschirmrand schlagen, schwingt selbige im Rhythmus hin und her und flackert. Quelle: PC Games  Wenn Kugeln gegen die Lampe am oberen Bildschirmrand schlagen, schwingt selbige im Rhythmus hin und her und flackert. Freundlicherweise lässt einem das Programm die Wahl, auch ganz anders vorzugehen: mit gezogener Waffe. Nicht umsonst ist Cate geschult im Umgang mit Ak-47- und Scharfschützengewehren, schallgedämpften Pistolen, Granaten, Schwertern, Raketenwerfern und Giftkapseln. Der Nachteil: Ein lärmender Schuss aus einer Schnellfeuerwaffe löst in Sekundenschnelle Alarm aus. Sobald die Sirene heult, kommen Gegner wie ein biblischer Heuschreckenschwarm aus allen Richtungen angelaufen. Ist die Welle besiegt, verstummt der Lärm allmählich - bis Sie erneut Krach machen. Das Spielchen lässt sich ewig wiederholen, denn niedergestreckte Feinde hinterlassen genug Munition. Tatsächlich ist lautloses Vorgehen nicht immer spannend, sondern ein gewaltiger Berg Arbeit: Surrende Überwachungskameras schießen Sie mit einer speziellen Munition betriebsunfähig, erledigte Opponenten (die in der deutschen, blutfreien Version zu Rucksäcken mutieren) schaffen Sie per Knopfdruck aus dem Sichtbereich etwaiger Nachzügler.

Eine wahre Freude ist es, Figuren von einem sicheren Versteck aus zu beobachten. Wachposten putzen sich die Stiefel, inspizieren die Umgebung, kritzeln Notizen auf ihre Blöcke, laufen Routen ab, kurz: sie gehen ihrem ganz normalen Tagesablauf nach. Häufig ergeben sich spaßige Smalltalks: Da beschwert sich beispielsweise ein indischer Terrorist in wunderbar witziger Sprachausgabe über seine herrische Stiefmutter, während ein Ninja über fehlende Freizeit klagt, weil er ständig für Attentate eingeteilt wird. Nichts wird in No One Lives Forever 2 richtig ernst genommen; der Humor zieht sich durchs ganze Spiel. Selbst die Bösewichte, ein bis auf die Augen eingegipster Volkov im Rollstuhl und Pierre, der kleinwüchsige Meuchelmörder, sind ausnahmslos bizarr gehalten. Kein anderes Action-Spiel hat eine höhere Lacher-pro-Sekunde-Rate: Während der Infiltration eines indischen H.A.R.M.-Hauptquartiers stolpert Cate in eine Falltür, die etliche Meter nach unten führt. Dort stehen drei flauschige Karnickel, die lustig ihre Hasenzähne blecken. Daneben liegt ein Zettel, auf dem geschrieben steht: "Die Lieferung der Todeshasen aus Kanada verzögert sich. Bitte benutzen Sie bis dahin diesen Ersatz."

Den Titel als Ego-Shooter zu bezeichnen, wäre nicht ganz korrekt: Erstens schießen Sie nicht ausschließlich, zweitens gibt es genügend andere Dinge zu tun. Eine Mission umfasst eine scheinbar langweilige Hausdurchsuchung. Es gilt, sämtliche Schränke, Schubladen und andere Verstecke nach Beweismitteln zu durchforsten. Das klingt öde, ist aber aufregend, weil die Atmosphäre des heruntergekommenen Gebäudes passend eingefangen wird: Sonnenstrahlen brechen vereinzelt durch schlecht zugenagelte Fenster, sogar winzige Staubpartikel schwirren durch die Luft, während im Wohnzimmer lose Fensterladen im Wind klappern. Ein anderer Auftrag spielt sich in einer indischen Stadt ab, die gerade von Supersoldaten heimgesucht wird. Es herrscht Ausnahmezustand; auf den Straßen wird geschossen und Brände versperren Durchgänge. Cates Aufgabe ist die Rettung von Zivilisten.
Akron, Ohio. Ein Wirbelsturm tobt. Die Frisur sitzt. Ninjas wollen das ändern. Quelle: PC Games Akron, Ohio. Ein Wirbelsturm tobt. Die Frisur sitzt. Ninjas wollen das ändern.

Dazu scheuchen Sie die Agentin durch verwinkelte Gassen, über den Marktplatz, vorbei an ramponierten Verkaufsständen, direkt hinein ins Krisengebiet. Das Feuer, das die Fluchtwege versperrt, löschen Sie mit einem Wassereimer, den Sie jeweils nachfüllen müssen. Das ist gar nicht so einfach, wenn Ihnen dabei die Kugeln um die Ohren fliegen. Der Einsatz in Sibirien ist bombastisch wie James-Bond-Popcorn-Kino: Mit einem Schneemobil schlittern Sie durch eine feindliche Basis, um einen gewaltigen, herrlich unrealistischen Sprung über eine explodierende Brücke zu vollführen - natürlich inklusive Sekunden-Countdown. Highlight ist der Kampf in einem Haus, das von einem Wirbelsturm erfasst, durch die Luft getrieben und sukzessive auseinander gerissen wird. Das sind Szenen, die Sie nur in No One Lives Forever 2 finden werden - einem Spiel, spannend, humorvoll und abwechslungsreich von vorne bis hinten.

In Sachen Multiplayer-Modus beschreiten die Entwickler einen neuen Pfad. Auf traditionelle Spielmodi wie Capture the Flag oder Deathmatch hat man verzichtet, stattdessen gibt es einen Kooperativ-Modus, in dem bis zu vier Spieler gleichzeitig gegen die H.A.R.M.-Bösewichte antreten können - und zwar in recycelten Einzelspieler-Levels mit leicht abgewandelten Missionszielen. Teamwork steht dabei an erster Stelle. In Mission 1 ist eines der Auftragsziele die Rettung der verwundeten Cate Archer: Ein Spieler trägt die Agentin über den Schultern, der andere gibt Rückendeckung. Spaß macht der Mehrspielermodus allerdings nur im Netzwerk; über das Internet gibt es trotz schneller Verbindung starke Verzögerungen. Herzstück ist klar die Einzelspieler-Kampagne - und in dieser Hinsicht punktet No One Lives Forever 2 in allen Belangen.

Meinung

Wertung zu No One Lives Forever 2: Agentin in geheimer Mission (PC)

Wertung:

9.0 /10
1
    • Kommentare (1)

      Zur Diskussion im Forum
      • Von SYSTEM Mitglied
        Jetzt ist Deine Meinung gefragt: Hier kannst Du deinen Kommentar zum Artikel veröffentlichen und mit anderen Lesern darüber diskutieren.

        http://www.pcgames.de/external/gfx/icons/arrow_right.gif Zum Artikel: http://www.pcgames.de/aid...
      • Von SYSTEM Mitglied
        Jetzt ist Deine Meinung gefragt: Hier kannst Du deinen Kommentar zum Artikel veröffentlichen und mit anderen Lesern darüber diskutieren.

        http://www.pcgames.de/external/gfx/icons/arrow_right.gif Zum Artikel: http://www.pcgames.de/aid...
      Direkt zum Diskussionsende
  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 07/2026 play5 07/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk