Ein Schützengraben. Um Sie herum dröhnt Artilleriefeuer, Einschläge erschüttern den Boden und schleudern Dreck durch die Luft. Dann brüllt Ihr Vorgesetzter die verhängnisvollen Worte: "Geh nach oben und mach die Scharfschützen fertig, damit wir losschlagen können!" In diesem Moment werden Sie froh sein, dass es sich nur um ein Computerspiel handelt. Die Anweisung ist nämlich ein sicheres Todesurteil: Kaum stecken Sie Ihren Kopf ängstlich einen Millimeter über die Abgrenzung, ertönt ein Geräusch, als würde man eine Apfelsine zerquetschen - Game Over. Was bleibt, ist die Quickload-Taste. Vorhang auf für den Murmeltiertag im Schützengraben: Sie werden stehend erschossen, rennend, kriechend, lautlos schleichend. Und zwar so lange, bis die übermenschliche KI einen Fehler macht. Den Quickload-Button legen Sie am besten auf die linke Maustaste.
Iron Storm ist ein wundervolles Beispiel für Spieldesign, wie man es NICHT machen soll. Als Soldat James Anderson (warum nicht gleich John Smith?) kämpfen Sie auf der Seite der Guten gegen die Bösen in einem Krieg, der bereits 60 Jahre andauert. Dementsprechend ramponiert sind die Umgebungen, die Sie in insgesamt sechs Levels besuchen: kilometerlange, halb eingebrochene Tunnelgangsysteme, die Ruinen des kleinen Orts Wolfenburg, eine Forschungsstation der Deutschen, einen fahrenden Zug, Berlin. Ihr Rambo beherrscht den Umgang mit mehreren Waffen, die er nach dem Aufsammeln auf seinem Rücken stapelt, darunter ein Schnellfeuer- und ein Scharfschützengewehr, eine Schrotflinte und diverse Granaten. Gespielt wird theoretisch entweder aus der Verfolger- oder der Ego-Perspektive, praktisch und aus Gründen der Übersichtlichkeit aber besser aus Letzterer. Als Fadenkreuz dient sonst ein roter Pixel, der in der Hitze des Gefechts gerne untergeht, wild hin- und herspringt und sowieso nie das macht, was man eigentlich will. Nur in der First-Person-Ansicht bleibt die Zielvorrichtung konstant sicht- und steuerbar.
Auffallend ist die beklemmend düstere Umgebungsgrafik: In Wolfenburg ragen die Überreste zerbombter Gebäude bedrohlich in den Himmel, der eine depressiv graue Färbung aufweist. Im Zug-Level, der nachts abläuft, spendet nur eine Taschenlampe karges Licht. Das ist atmosphärisch dicht und steht im krassen Kontrast zum Erscheinungsbild der Spielfiguren. Die schauen aus wie hastig zusammengeschusterte Puppen und ihre Bewegungen haben die Anmut von Marionetten. Viel zweifelhafte Mühe haben sich die Entwickler dafür bei den Todesanimationen gegeben: Körper werden durch die Luft geschleudert und Blutfontänen spritzen meterhoch - Liebe zum Detail am falschen Ende. Iron Storm ist deswegen nicht mehr als ein inhaltsarmer, überbrutaler Ego-Shooter, der sich aufgrund des unausgewogenen Schwierigkeitsgrads selber das Genick bricht. Wegtreten!
"Krieg kann man nicht spielen." Stimmt in diesem Fall, weil: zu schwer.
Beklemmend zu Beginn der Gang durch einen Schützengraben, während es oben kracht, Geschosse einschlagen und der Bildschirm unter lautem Getöse erzittert - das ist cooles Mittendrin-Gefühl. Die Ernüchterung folgt später beim ersten Aufeinandertreffen mit den Gegnern: Die schießen, während sie irgendwo versteckt unter den Trümmern zerbombter Gebäude hocken, mit beängstigender Genauigkeit - und der Spieler hat keine Chance, weil er nichts sieht und nichts hört und sich der Energiebalken nach nur wenigen Treffern sofort gen null bewegt - das "Game Over" ist allgegenwärtiger Bestandteil von Iron Storm. In keinem anderen Spiel habe ich so oft die Quickload- und Save-Taste frequentieren müssen. Und um es mal ohne Umschweife zu sagen: Ich habe die Schnauze voll und spiele lieber weiter No One Lives Forever 2! Sollten Sie auch tun.
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