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  • Darf es ein Bisschen mehr sein?

    Darf es ein Bisschen mehr sein? Schwer atmend stehen Sie im Dunkeln eines Gassenwinkels, verfolgen mit blutunterlaufenen Augen jede Bewegung einer jungen Magd, die viel zu sorglos nach Hause schlendert. Ein Grinsen entblößt Ihre Eckzähne - dann schnellen Sie vorwärts und beißen zu. Blut rinnt Ihnen aus beiden Mundwinkeln. Als der Frauenkörper benommen zusammensackt, betten Sie ihn sachte nieder. Momente später sind Sie verschwunden ...
    Wo normalerweise Stadtneurotiker lamentieren, werden bald Leute gestapelt, die mit Plastikgebissen im Mund von nächtlichen Gruseltouren faseln: auf der Psychiatercouch. Denn ein paar Stunden allein mit Vampire erschüttern den Menschen in seinen Grundfesten, so viel steht fest. Im Verlag schleicht schon mancher über die Gänge, als sei er der Fürst der Finsternis persönlich. Was steckt dahinter? Eine Virusepidemie? Nee, aber ein Spiel, das trotz kleiner Bugs mitreißt wie eine Springflut.
    Sie starten als Kreuzritter Christophe, der in Prag der süßen Nonne Anezka zuliebe auf Dämonenjagd gehen will. Nichts Ungewöhnliches, wozu sind Helden schließlich da! Schwert, Morgenstern oder Hellebarde vom Schmied in der Hand und die Bibel im Kopf steigen Sie zum ersten Mal in eine Vampirgruft hinab - und schlucken. Da wartet nicht irgendeine beliebige stimmungslose Höhle: Fackeln lassen den eigenen Schatten wild über die Wände springen, hinter jeder Ecke wähnt man Schreckliches, überall knurrt und rumort es. Kurz, man fühlt sich unbehaglich wie früher beim Getränkeholen aus Omas Keller. Schön schaurig alles und fantastisch aussehend. Dass die Hauptfigur beim Rennen ein bisschen an Otto Waalkes erinnert, gerät zur kurz belächelten, dann vergessenen Nebensache. Zum Lachen bleibt eh keine Zeit: Bevor Sie sich versehen, werden Sie von verkrüppelten Trollen und geifernden Ratten angesprungen, die sich beim Fressen eines Pferdekadavers gestört fühlen. Das ist der Gong zur ersten Runde, reihenweise kippen die Höllenviecher um. Christophes Verteidigung mit Hieben und Stichen fällt in diesen Startminuten, soweit es die Steuerung betrifft, bemerkenswert leicht, denn mehr als die zwei Mausknöpfe müssen nicht unbedingt beherrscht werden. Dass man gelegentlich trotzdem danebenhaut, ist eher plötzlichen Adrenalinschüben zuzuschreiben.
    Nach knapp einer halben Stunde und drei Ebenen später stehen Sie der ersten Vampirfürstin gegenüber: einem Biest, das abgetrennte Arme als Schulterschmuck trägt. Bäh! Nieder damit, raus an die frische Luft und zurück zu Anezka, um Ruhm und Bewunderung einzuheimsen.
    Sie bekommen mehr: Die sexy Madame hat sich ernsthaft in Sie verschossen und wirkt willig. Aber weil Sie die göttliche Unschuld nicht beflecken möchten, hasten Sie selbstmitleidig raus in die Nacht, mit Kurs auf die nächste Kneipe. Das Dumme: Auf dem Trip werden Sie abgefangen, gebissen und selbst zum Vampir gemacht. Plötzlich stehen Sie also auf der dunklen Seite der Macht. Wie diesen Mist Gott erklären? Was tun in Liebesdingen? Wie umgehen mit der Ewigkeit? Wie halbwegs menschlich bleiben? Und wie verhindern, dass Sie von anderen Nachtschwärmern gepfählt werden? Noch schlimmer wird das Dilemma, als Anezka von einem Unbekannten entführt wird.
    Fürs Erste nimmt Ihnen jedoch, Dracula sei Dank, die Säugerfamilie das Denken ab, indem sie Christophe mit ihren - nun ja auch seinen - Gesetzen und speziellen Fähigkeiten bekannt macht. Zum einen wäre da die Sache mit den 65 Disziplinen: Die Pendants zu Zaubersprüchen müssen mit der Zeit antrainiert werden und sind im Kampf lebensnotwendig. Widersacher im LKW-Format tummeln sich unterm Vollmond nämlich wie Japaner auf dem Oktoberfest. Einer davon, fett und mit drei Mündern, knabbert Ihnen im Handgemenge beispielsweise im Nu den Kopf ab, sobald Sie ihm zu nahe kommen. Ein anderer - faltig wie eine Rosine, aber mit Flügeln - schwirrt um sie herum und kratzt, als wären Sie ein Pustelausschlag. Warum das stört? Im Widerspruch zu landläufigen Legenden sind Vampire sehr wohl verletzbar, sogar auf herkömmliche Weise: durch Hauen und Schubsen etwa. Praktisch also, wenn man in bedrängten Situationen aus der Distanz Liebesgrüße in Form von Feuerbällen schicken kann. Die Beschwörung von Schoßtieren zur Unterstützung, sagen wir von Werwölfen oder Gespenstern, ist eine denkbare Alternative dazu. Auch sehr gerne genommen wird der Marionettenspruch, mit dessen Hilfe Sie einen Feind nach Wahl kurzzeitig zum Amoklauf in den eigenen Reihen bewegen können. Was lernen wir daraus? Bei der Charakterentwicklung gilt es, gezielt zu Werke zu gehen. Bestimmte Magieformeln sind unabdingbar, wenn man ohne Stolpern durchs Spiel kommen will, andere unwichtiges Beiwerk.
    Die zweite Vampirlektion betrifft das Thema Blut: Sie brauchen es, um Disziplinen überhaupt anwenden zu können. Sobald Ihr körpereigener Vorrat zur Neige geht, geraten Sie in Raserei und fallen alles an, was Beine hat. Um den Ausraster zu vermeiden, müssen Sie entweder stets genügend Reserveampullen mit sich führen - oder auf die Knusperhälse von Passanten zurückgreifen. Wogegen die Stadtwache leider meist unangenehm aggressiv vorgeht.
    Zeit, die Nebendarsteller, Ihre Party, vorzustellen: Wilhelm, einen erfahrenen Kämpfer, bekommen Sie vom Clan als Lehrer zur Seite gestellt. Der Blondschopf wird mit seiner Erfahrung zum ruhenden Pol der Gruppe. Die laszive Serena kommt als Geschenk eines dankbaren Vampirchefs hinzu und bedeutet durch ihre Zauberkraft eine echte Verstärkung. Weil die Frau in Ihrer Stimme verboten viel Sex mitschwingen lässt, stellt Sie außerdem die einzige erotische Komponente im Team dar - vor allem beim Blutdurststillen ... Den wuchtigen Erik schließlich befreien Sie beizeiten aus einem Kerker, worauf er Ihnen sein restliches Leben verschreiben möchte. Welchen dieser Zöglinge Sie direkt navigieren wollen, können Sie jederzeit neu wählen. Die anderen werden jeweils vom Computer befehligt, wahlweise in angriffslustiger oder zurückhaltender Manier.
    Es folgen Missionen im Auftrag der Familie, die mit anderen Clans in einen Heiligen Krieg der Vampire verwickelt ist: Zu Spionagezwecken infiltrieren Sie ein Nekromantenlabor, wo Leichenschändung betrieben wird. Danach schlagen Sie einen rasenden Lehmriesen in Stücke, um die harmlosen Menschen eines Stadtviertels zu schützen. Auf der Suche nach Anezka schleichen Sie durch Kanaltunnel, in denen Ihnen hässliche Buckelmänner an den Hals wollen. Und schließlich verprügeln Sie aberwitzig kostümierte Zauberkünstler, die irgendwie mit dem Verschwinden der Holden zu tun haben müssen. Zwischendrin hüpfen Ihnen ständig Skelette, Zombies, Gnome und allerlei anderes Jenseitsgesocks vor die Klinge. Mit Dialogpartnern vom jüdischen Rabbi über einen Vampirprinzen bis hin zu hinterhältigen Menschenhändlern, die dem Helden entweder uneigennützig, als Gegenleistung für einen Dienst oder nach Androhung körperlicher Misshandlungen weiterhelfen, ist die Personenpalette der ersten 15 Stunden abgerundet.
    Negativ fallen bis dahin drei Dinge auf: Einerseits, dass des Spielers Kumpanen gelegentlich Anflüge von Orientierungsschwäche erkennen lassen, etwa kurz ineinander verkeilt stehenbleiben oder mit Kanten kollidieren. Dann, dass die Kameraperspektiven in manchen Zwischensequenzen so geschickt gewählt sind, dass man zum Beispiel statt des Gesichts einer Figur ihren fettwanstigen Torso zu sehen bekommt. Und am schwersten wiegt, dass nicht an jedem beliebigen Punkt gespeichert werden darf. Bei Ortswechseln wird stattdessen der immer gleiche Spielstand automatisch überschrieben. Wer sein eigener Speicherherr bleiben möchte, muss jeweils die Heimatgruft aufsuchen, wo freies Sichern exklusiv gestattet ist. Nach kurzer Zeit gelangt man zwar per Zauberspruch beinahe von überall direkt dorthin - für den Anfang ist aber großes Wehklagen im Käuferlager vorprogrammiert (siehe auch Kasten "Speicherleck").
    Zurück zum Positiven: Die Duelle gewinnen mit jedem neuen Gegnertypus und jeder zusätzlichen Disziplin an Spannung. Ein Beispiel: Gerade haben Sie das Revier der Nosferatu betreten, die auf den ersten Blick deutlich unterlegen wirken. Als Sie allerdings zur Attacke blasen, werden die Saukerle plötzlich unsichtbar. Im Sekundentakt tauchen sie auf, schlagen zu und verschwinden erneut. Dann kurz Stille. Und wieder ein Übergriff von hinten. Da kommt das Blut in Wallung und sofort die Frage auf, wo man den Transparenztrick lernen kann ...
    Nur zweierlei Spielertypen werden keinen Spaß am Kampf haben: Erstens jene, die das Disziplinenangebot nicht nützen und lieber stupide knüppeln. Zweitens alle, die ihre Hardware überfordern. Denn sobald das Bild ruckelt, geht der Überblick im Tumult verloren. Essig ist es außerdem mit Hauruck-Taktiken á la Diablo: Wer die Frontalangriffe des Klassikers eins zu eins übertragen will, bekommt in Windeseile die Eckzähne gezogen.
    Angekommen in Wien, der zweiten Spielstation nach Prag, werden Sie - ebenfalls im Mittelalter - kleine Rätsel lösen, über Dächer im Mondschein rennen, einen geheimen Eingang zum Stephansdom finden, bei Tage von Nische zu Nische huschen, gegen Säbelkämpfer, Gargoyles, lebendige Schatten sowie Ritter antreten und aus dem Kerker eines reichen Lebemanns fliehen. Als Sie Anezka schließlich, zurück in Prag, unter seltsamen Umständen für eine Sekunde wieder sehen, wird Ihnen schwarz vor Augen. Die abwechslungsreiche erste Hälfte des Spiels geht damit zu Ende.
    Schnitt. Sie erwachen 1999 im Labor eines wahnsinnigen Vampirforschers in London. Soundtrack und Gegner sind moderner geworden: Zu Industrial-Klängen schmeißen Wissenschaftler mit Weihwasser um sich, Soldaten laden per Flammenwerfer zum Grillen ein und Schrotflinten reißen zusätzliche Löcher in Ihre ohnehin zerfledderten Lumpen. Einerlei, einen 1.000-Jährigen kann nix mehr erschüttern! Kurz drauf nehmen Sie unverletzt einem Kleinganoven, der Sie bestehlen wollte, seine Klamotten ab - so quasi als erzieherische Maßnahme -, binden Ihre Haare zum Pferdeschwanz und schauen sich in der modernen Metropole seelenruhig um: Autos, Laternen, da steht viel neuer Kram rum, der verstanden werden will. Schade also, dass die alten Beraterfreunde nicht mehr zur Verfügung stehen. Aber mit einem zotenreißenden Punk ist zumindest bald Ersatz gefunden. Später gesellen sich noch eine hübsche Bordellbiene und ein verschüchterter Nosferatu dazu. Die Handlungsschritte werden zum Ende hin merklich schneller und vor lauter coolen Aha-Momenten bekommt man den Mund kaum mehr zu. Schon mal einen altertümlichen Vampir im Gespräch mit Leuten aus der Rapgeneration erlebt? Selten so gelacht! Bis zum Finale nehmen Sie das Hauptquartier einer Ägyptensekte auseinander, finden Hinweise auf Anezkas Verbleib in New York, schiffen über, schlagen sich mit Straßengangs herum und kooperieren zuletzt gar mit dem FBI, um einen Menschenhändlerring zu zerschlagen. So abgefahren die Geschichte, so perfekt ihre Inszenierung. Langeweile kommt garantiert bis zum Schluss nicht auf. Nur eines lässt im letzten Drittel stutzen: Da kauft man Pistolen und Sturmgewehre ein - und was stellt der erstaunte Vampir von Welt fest? Mit Klingen ist viel leichter Schaden anzurichten! Erst ab Granatenwerfer und Maschinengewehr bringen die neumodischen Instrumente Vorteile. Ist das logisch? Nicht wirklich. Ist aber Wurst, die abgefahrenen Örtlichkeiten und Charaktere der Gegenwart, von Voodoozauberin bis Computerhacker, entschädigen für jede Logiklücke. Besondere Erwähnung verdient zuletzt Nihilistics Mehrspielerangebot, mit dem Sie eigene Geschichten zum Vampirspiel wandeln können. Zwar sind die Editoren dafür nicht eben kinderkompatibel, aber mit ein wenig Einarbeitungszeit kommt man zurecht. Und in fertige Storys im Internet kann schon heute jeder einsteigen.
    Vampire ist rundum - vor allem aber durch die stark betonte Handlung - eigen und anders. Ein direktes Vergleichsprodukt existiert nicht. Lassen Sie es auf einen Versuch ankommen!

    Vampire: Die Maskerade - Redemption (PC)

    Spielspaß
    86 %
    Leserwertung:
     
    Meine Wertung
  • Vampire: Die Maskerade - Redemption
    Vampire: Die Maskerade - Redemption
    Developer
    Nihilistic Software
    Release
    01.07.2000
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Vampire: Die Maskerade - Redemption
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07.03.2001
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