Vampire: The Masquerade: Bloodlines
Linearität ade
Obwohl sich der Haupthandlungsstrang wie ein blutroter Faden durch das gesamte Spiel zieht, fühlt man sich kaum eingeschränkt. Jederzeit offerieren computergesteuerte Personen in Dialogen zusätzliche Aufträge, die in beliebiger Reihenfolge absolviert werden dürfen. Insgesamt gibt es rund 30 Hauptmissionen und 40 Nebenquests. Selbst Letztere bestechen durch Variantenreichtum: Für eine Vampirin, die im früheren Leben Model war, sollen Sie Webcams in der Wohnung einer ehemaligen Konkurrentin anbringen; der Technikfreak M1tn1ck schickt Sie in alle vier Stadteile, um Terminals für sein "Schrecknet" zu aktivieren; in Diensten einer Privatdetektei forschen Sie nach einem vermissten Mörder. An die herrlich verschachtelten Quests von The Fall kommt Bloodlines jedoch nur gelegentlich heran.
Gewalt oder Cleverness?
Um auf einem stark bewachten Frachter an einen antiken Sarkophag zu gelangen, können Sie selbstverständlich als meuchelndes Monster sämtliche Wachen umnieten - zum Unmut des auf Unauffälligkeit bedachten Auftraggebers. Effektiver: Wer sich an allen Posten vorbeipirscht und niemanden verletzt, bekommt zusätzliche Erfahrungspunkte als Bonus. In solchen Szenen wirkt sich spürbar aus, welchem der sieben Vampir-Clans Sie sich zu Spielbeginn angeschlossen haben. Angehörige der Ventrue können Gegner mit der Disziplin (so heißen die Spezialfähigkeiten im Universum von Vampire: The Masquerade) "Beherrschen" zum Massenselbstmord zwingen. Nosferatu machen sich unsichtbar und huschen unbemerkt an Wächtern vorbei. Gangrel verwandeln sich in tierähnliche Kampfkreaturen mit gewaltigen Klauen, denen kaum ein Feind gewachsen ist. Zusätzliche Möglichkeiten ergeben sich durch die Fähigkeiten, die man seinem Schützling mit der Zeit antrainiert. Sozial gewandte Vampire überreden etwa in der Frachter-Mission einen Polizisten dazu, die Kollegen über Funk abzulenken. Charakteren mit blendendem Aussehen (auch das kann durch die Verteilung von Erfahrungspunkten gesteigert werden) fällt es leicht, Menschen und sogar andere Vampire zu verführen, um entweder unbemerkt Blut zu saugen, oder ihren Willen durchzusetzen. Natürlich gibt es auch Kampfeinsätze, in denen Sie beispielsweise eine Vampirjägerin mit Gewalt aus dem Weg räumen. Die Actionpassagen steuern sich Max Payne 2-kompatibel: In der Verfolgeransicht prügelt der Held mit Samurai-Schwert, Vorschlaghammer, Knüppel und vergleichbarem Nahkampfgerät; Schusswaffen - darunter Maschinenpistolen, Schrotflinten und Gewehre - sind sowohl in der 3rd-Person- als auch in der Ego-Perspektive nutzbar.
Freiheit kontra Spielfluss
Im Anschluss an das Tutorial führt der erste Weg nach Santa Monica, einem von vier Knotenpunkten im Spiel. Weitere "Hubs" - so werden die zentralen Abschnitte genannt - sind Chi-natown, Hollywood und Downtown. Diese Bereiche mit einer zentralen Straße und abzweigenden Seitengassen dürfen nahezu völlig frei erkundet werden. Attacken oder die Nutzung von übernatürlichen Fähigkeiten in der Öffentlichkeit sind allerdings verboten, wenn man sich nicht mit Polizisten oder gar Vampirjägern anlegen möchte. Jedoch dienen diese Areale vor allem als Zwischenstation - ansprechbare Charaktere, von denen man zusätzliche Aufträge erhält, befinden sich fast ausschließlich in den benachbarten Gebäuden. Der Preis für die Bewegungsfreiheit: Jedes einzelne Haus bildet einen separaten Level, der beim Betreten erst einmal geladen wird; bei der Rückkehr in den Hub folgt eine weitere Ladezeit - nervig! Mit weniger als ein GByte RAM dauert bei kurzen Missionen das Laden der Levels länger als das Lösen der Aufgabe.
Fünffaches Ende
Mit fortschreitender Handlung offenbaren die rivalisierenden Splittergruppen ihre Motive - scheinbar jedenfalls. Denn gegen Ende überrascht die packende Geschichte mehrfach mit interessanten Wendungen. Besonders spannend: Im Finale entscheiden Sie sich für eine der drei Gruppierungen (die vierte gibt es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr). Aufseiten von Prinz LaCroix und seiner "Camarilla" erleben Sie ein völlig anderes Ende, als wenn Sie sich den Anarchen verschreiben. Besonders Verwegene schlagen sich sogar ganz allein durch und werden zur Legende. Zusammengenommen gibt es fünf verschiedene Endsequenzen, die alle viel Spielraum für Spekulationen lassen. Schade ist nur, dass die letzten zwei bis drei Stunden des Spiels vor allem aus aufreibenden Kämpfen bestehen; die vorher so lobenswerte Handlungsfreiheit fehlt am Ende.
Prachtgrafik?
Bloodlines schöpft die optischen Möglichkeiten der Half-Life 2-Engine leider nicht vollständig aus. Viele Texturen wirken bei näherem Hinsehen verwaschener als in Valves optisch überragendem Shooter. Positiv fallen dahingegen die Animationen der Charaktere und Gegner auf, die sehr natürlich und geschmeidig wirken. In Gesprächen erkennt man sogar an der Mimik exakt, in welcher Verfassung sich das Gegenüber befindet.

