Kaffee, Kekse, alte Geschichten
Drahtseilakt Beim Balancieren über Stricke und Stangen können unverhofft heransausende Kugeln fatale Auswirkungen haben. Zumindest, wenn die nächste feste Substanz knappe 20 Meter tiefer zu finden ist.
Alle Jahre wieder, meist an Weihnachten oder im Todesfall eines Haustiers, versammelt man sich am Küchentisch, setzt melancholisch-süßliche Mienen auf und packt Anekdoten aus der Vergangenheit aus. So läuft's in Fernsehserien. Und so ähnlich läuft's demnächst in Tomb Raider.
Nachdem ein kräftiger Schwung ägyptischer Steinquader zum Finale von The last Revelation genau auf ihren Kopf gepurzelt ist, fehlt von Lara Croft jede Spur. Sie könnte tot sein - oder auch nicht, man entsinne sich nur gewisser abfedernder Körperpolster. Weil sich die liebenden Eltern mit solchen Fragen aber anscheinend nicht aufhalten möchten und weil man Gedenkgottesdienste ja gar nicht schnell genug abhalten kann, steigt zu ihren Ehren vorsichtshalber eine Andachtsfeier. Gemütlich sitzen Laras alte Wegbegleiter - Jean Yves, Butler Winston und Werner von Croy - bei dieser Gelegenheit vor einem prasselnden Kaminfeuer und schwelgen in Reminiszenzen. Einer nach dem anderen erzählt eine Geschichte aus vergangenen Tagen, die er gemeinsam mit der kühlen Schönheit erleben durfte.
So war bei Core Design eine Basis gefunden, auf der actionreiche Abenteuer an den unterschiedlichen Orten lose miteinander verknüpft werden konnten, ohne dass sonderlich viel Geld für Drehbuchschreiber verpulvert werden musste. Und indem die Programmroutinen des vierten Teils zwar stellenweise getunt und aufgemotzt, sonst aber einfach übernommen wurden, ließ sich der Arbeitsaufwand noch zusätzlich reduzieren.
Käufer werden Die Chroniken trotzdem in Massen finden. Denn einerseits bieten sie Fans die Möglichkeit, noch ein Stück weiter in das digitale Leben ihrer Heldin vorzustoßen, andererseits vereinen sie die spielerischen Abweichungen zwischen den bisherigen Serienteilen unter einem Packungsdeckel. Als erste Station der Rückblendenreise wurde Rom ausgewählt, das mit seinen engen Gassen und seinem antiken Charme die beliebten Venedigsequenzen ersetzt. Danach taucht Madame Croft in ein russisches U-Boot mit Akte X-Ambiente und waffenstarrender Besatzung ab. Auf einer zerklüfteten Geisterinsel bei Irland muss sie als Teenager ohne Mordinstrumente zurande kommen, was halsbrecherische Akrobatikeinlagen bedeutet. In einem modernen Wolkenkratzer erschweren zuletzt computergesteuerte Sicherheits- und Fallensysteme das Vorankommen. Vom Spieler wird folgerichtig vor allem eines gefordert: Anpassungsfähigkeit.
Damit Lara an den vier Orten, die jeweils in mehrere Levels unterteilt sind, nicht gleich gegen die erste Wand läuft, ist ihr Talentrepertoire erneut vergrößert worden. Sie kann inzwischen mit Enterhaken hantieren als wäre sie Tom Cruise auf unmöglicher Mission, sie kann sich tarnen, weiß deutlich mehr Objekte miteinander zu kombinieren und schwingt nicht mehr nur an Seilen, sondern balanciert auch auf ihnen. Im Gegenzug sind Gegner ab sofort in der Lage, Lara bereits durch unbeabsichtigte Geräusche zu orten.
Unter dem Strich heißt das: Detailverbesserungen werden den Spielablauf spannender gestalten, wirklich Neues wird's in Tomb Raider jedoch ein weiteres Mal nicht geben.

