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  • The Witness im Test: Puzzle-Spaß ohne Kontext - "Warum mache ich das alles eigentlich?"

    The Witness wird als neuer Puzzle-Heiland gefeiert. Im PC Games-Test kann sich Redakteur Peter Bathge aber nur bedingt für das unentwegte Linienziehen begeistern. Er stellt die Sinnfrage: "Was soll dieser Scheiß eigentlich?"

    Sollte es irgendwann einmal eine Box-Version von The Witness geben, wir würden dem Hersteller die Beilage von Stift und Notizblock als unschätzbar wertvolles Extra empfehlen. Im Test von The Witness stellt sich nämlich heraus: Die ganzen Irrungen und Wirrungen des Spiels, die Linien und Symbole, die einander bedingenden Puzzle-Regeln und überall auf der Insel verstreuten Rätsel kann man sich nicht merken. Man muss sich Notizen machen, Skizzen anfertigen. The Witness ist nämlich nicht nur ausnehmend schwer und damit ein Fest für Freunde knackiger Kopfnüsse. Es verzichtet auch auf jede Fom der konventionellen Hilfestellung, wie man sie aus anderen Spielen kennt.

    Hier gibt es weder Tutorials noch NPC-Charaktere, die einen bei der Hand nehmen. Ja nicht einmal eine schnöde Texteinblendung ist zu sehen. Das große Verdienst von The Witness und dem Entwicklerteam um Braid-Schöpfer Jonathan Blow ist es, dass das Puzzle-Spiel so intuitiv zu erlernen ist, dass man derartige Rätselstützen nicht vermisst. Zumindest bis man das erste Mal stundenlang an einer Aufgabe festhängt und sich fragt, warum man für dieses furchtbar frustige Spielerlebnis an die 40 Euro ausgegeben hat.
    Über 600 Rätsel gibt es in The Witness, sie alle bauen auf dem Snake-Prinzip (Finde den Weg durchs Labyrinth) auf. Über 600 Rätsel gibt es in The Witness, sie alle bauen auf dem Snake-Prinzip (Finde den Weg durchs Labyrinth) auf. Quelle: PC Games

    Im Test: Snake 2016

    The Witness macht mir persönlich keinen Spaß. Dabei fällt es genau in mein Beuteschema. Portal, The Talos Principle, ja sogar Qube, Quantum Conundrum und Antichamber - hab ich alle gespielt und (überwiegend) geliebt. Aber The Witness ist eben nicht so wie diese Spiele, auch wenn Ego-Perspektive und Puzzle-Fokus diesen Eindruck erwecken könnten. The Witness ist eher wie eine interaktive Version eines dieser dicken Rätselheftchen, die man sich am Bahnhofskiosk kauft, um während einer langen Zugfahrt die grauen Zellen auf Trab zu halten.

    Das einzige Zeichen von Fortschritt: Wer genug Puzzles löst, der schießt helle Strahlen in Richtung des zentralen Bergs. Nach vielen Stunden gibt es dort oben ein (inhaltsleeres) Ende. Das einzige Zeichen von Fortschritt: Wer genug Puzzles löst, der schießt helle Strahlen in Richtung des zentralen Bergs. Nach vielen Stunden gibt es dort oben ein (inhaltsleeres) Ende. Quelle: PC Games Was mich auf Dauer furchtbar angeödet hat: Dieses virtuelle Rätselbuch hat auf jeder Seite das gleiche Puzzle. The Witness besteht aus Labyrinthen, bei denen ihr bunte Linien von einem Ausgangspunkt zu einem Endpunkt malen müsst. Das wird im Spielverlauf noch um einiges komplexer, weil es Dutzende Ausnahmeregeln und Besonderheiten gibt. Es ist beeindruckend, wie viel Varianz Entwickler Thekla aus diesem simplen Prinzip herausholt. Mal malt ihr keine Linien, sondern lauft sie mit eurer Spielfigur ab, dann wieder ist euer Avatar selbst in einem Labyrinth gefangen und ihr müsst den Weg herausfinden. Aber letzten Endes starrt ihr bei The Witness den Großteil der Spielzeit auf kleine, schmucklose Terminals. Über 600 Rätsel sind damit verbunden. Ihr löst eines und das nächste wird verfügbar, das ist das Spielprinzip.

    Wer mehr reininterpretieren will, der hat dank einiger philosophisch angehauchter Audio-Nachrichten und anderer kleiner Hinweise wie seltsamen Statuen und schwarzen Monolithen zwar die Möglichkeit dazu. Eine große Erkenntnis wartet am Ende aber nicht, eine durchgehende Geschichte noch viel weniger. Hier gibt's keinen Portal-Humor, keine exzistenziellen Fragen wie bei The Talos Principle, keine Figuren und keinen Plot. Das ist wohl so beabsichtigt.

    31:50
    The Witness angespielt: Das Puzzle-Abenteuer vorgestellt

    Hardcore-Knobeln

    The Witness würde auf Deutsch "Der Zeuge" oder - passender - "Der Beobachter" heißen. Das kommt nicht von ungefähr. Das Spiel lebt davon, dass man sich in seiner herrlich bunten, teils wunderschön gestalteten Spielwelt ganz genau umsieht. Denn dann bekommt man Hinweise, wie man die immer komplizierter werdenden Linien-Labyrinthe löst. Das fängt an bei Spiegelungen im Wasser und Reflektionen der Sonne, geht über auffällige Steinformationen in der Ferne und hört längst noch nicht auf bei den Schatten, die Äste auf die Terminal-Bildschirme werfen.

    Manchmal jedoch sind diese Hinweise so gut versteckt, dass ich erst minuten- und schließlich stundenlang an einem einzigen Rätsel hänge. Das zieht automatisch vorbeilaufende Menschen an, in Büro oder Wohnzimmer schart sich bald eine kleine Menschentraube um den Bildschirm. Jeder gibt Tipps: "Geh doch mal da links vorbei!" "Nein, das ist falsch, du musst die Linie ganz hoch ziehen und dann nach rechts weiter!" Und wenn man die Spielfigur dann am Ende drei Schritte weiter bewegt, genau in DEM Winkel auf eine Felswand schaut und einem die Lösung plötzlich ins Gesicht springt, ist die Erleichterung groß. Die Anspannung bricht sich ihre Bahn, indem man befreit auflacht.

    Fies: Die zweite, gespiegelte Linie ist unsichtbar. The Witness steckt voll solcher mieser Tricks. Fies: Die zweite, gespiegelte Linie ist unsichtbar. The Witness steckt voll solcher mieser Tricks. Quelle: PC Games Als eine Art Party-Spiel hat The Witness einen großen Unterhaltungsfaktor. Die teils beinharten Puzzles miteinander auszuarbeiten, sich wie zur Pionierzeit der Videospiele Notizen auf einem Blatt Papier zu machen und schließlich erleichtert aufzustöhnen, wenn das Rätsel gelöst ist - das macht Spaß. Aber jede erfolgreich geknackte Kopfnuss zieht nur einen Rattenschwanz weiterer Puzzles nach sich. Es gibt keine Verschnaufpausen, das Gehirn kann nie entspannen. Die Portal-Serie ist unter anderem deshalb so erfolgreich, weil den Spieler am Ende jedes Rätselraums eine humorvolle Einlage der Computer-Widersacherin Glados als Belohnung erwartet.

    Bei The Witness ist die Belohnung ein weiteres Rätsel, das mitunter noch schwerer ist als das vorherige. Bei mir kommt dadurch das Gefühl auf, das Spiel würde meine Leistung nicht anerkennen. Es gibt Puzzles, nach deren Lösung passiert exakt - nichts. Dadurch wirkt das Spiel undurchsichtig - und prätentiös.

    The Witness im Test: Walkthrough schadet Spielspaß

    Die Karte der Insel ist gut versteckt; The Witness hält sich nicht mit großen Erklärungen auf. Die Karte der Insel ist gut versteckt; The Witness hält sich nicht mit großen Erklärungen auf. Quelle: PC Games Den größten Unterhaltungswert zieht man aus The Witness, wenn man es in kleinen Dosen spielt und Pausen einlegt, sobald man sich mal wieder an einer neuen Rätselart festgebissen hat. Der Reiz ist groß, die Lösung in einem Walkthrough-Video anzuschauen. Meine Empfehlung: Tut es nicht! Denn The Witness ist so aufgebaut, dass ihr mit jedem erfolgreich ausbaldowerten Puzzle einen neuen Baustein im Rätsel-ABC des Spiels erhaltet. Wer den einfachen Weg wählt, der muss bei folgenden Denkaufgaben erneut nachgucken, denn die Herausforderungen bauen aufeinander auf. Dumme Design-Entscheidung: Bei manchen Rätselketten müssen wir bereits gelöste Puzzles erneut aufmalen, wenn wir bei der darauf folgenden Denkaufgabe versagen. Falls ihr übrigens doch einmal partout nicht weiterkommt und Hilfe benötigt: Tipps gibt's in unserer Komplettlösung zu The Witness.

    The Witness macht es einem nicht einfacher dadurch, dass es keine Erklärung für seine bunten Symbole innerhalb der Linien-Labyrinthe liefert. Der Spieler muss selbst herausfinden, welche Regeln bei den Puzzles gelten und warum eine scheinbar perfekte Lösung nicht mehr funktioniert. Dabei schrecken die Entwickler auch nicht vor fiesen Methoden aus der untersten Schublade des Spieldesigns zurück. Ein frühes Beispiel: Jeder Pinselstrich auf dem Terminal wird gespiegelt, ihr malt also gleichzeitig zwei Linien. Das geht eine Weile ganz gut - bis The Witness plötzlich die eine Linie ausblendet und ihr euch im Kopf die Spiegelung dazu denken müsst. Spätestens hier erweisen sich Stift und Papier als äußerst nützlich.

    Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon kaum mehr Lust auf The Witness.
    Nervtötend: Wenn ihr eine der Lösungen in so einer Reihe vermasselt, müsst ihr beim vorherigen Puzzle erneut beginnen. Nervtötend: Wenn ihr eine der Lösungen in so einer Reihe vermasselt, müsst ihr beim vorherigen Puzzle erneut beginnen. Quelle: PC Games

    Nur gucken, nicht anfassen!

    Große Teile der Spielwelt sind unzugänglich, denn ihr könnt nicht springen oder über Hindernisse klettern. Große Teile der Spielwelt sind unzugänglich, denn ihr könnt nicht springen oder über Hindernisse klettern. Quelle: PC Games Da kann die Spielwelt noch so genial designt sein, die Rätsel noch so fordernd - mir fehlt das gewisse Etwas. Die traumhaft schöne Insel von The Witness wirkt leblos. Außer den Puzzle-Schaltflächen darf ich nichts anfassen, darf nicht einmal springen oder ins allgegenwärtige Wasser eintauchen. Das fühlt sich unheimlich einschränkend an. Die Offenheit der Insel erlaubt mir zwar, jederzeit ein anderes Gebiet zu bereisen, wenn ich irgendwo mal nicht weiter komme. Doch durch die Struktur der Puzzles ist es schlauer, eine bestimmtes Areal in einem Rutsch durchzuspielen, da man ansonsten bei einer Rückkehr nach mehreren Stunden die zugrunde liegenden Mechaniken garantiert wieder vergessen hat.

    Bis es soweit war, hatte ich mir schon längst die Sinnfrage gestellt: "Wieso tue ich das hier eigentlich? Was hat das Lösen dieses Rätsels jetzt bewirkt? Machen mich die ständigen Gehirnverknotungen schlauer?" Am Ende lieferte The Witness keine befriedigenden Antworten, sondern einfach nur noch mehr Rätsel. Wem das reicht, der ist hier perfekt aufgehoben.

    The Witness ist am PC über Steam oder - DRM-frei - den Humble Store erhältlich. Die Kosten betragen - genau wie beim PS4-Download - knapp 37 Euro.


    The Witness (PC)

    Spielspaß
    72 %
    Leserwertung:
     
    Meine Wertung

    The Witness (PS4)

    Spielspaß
    72 %
    Leserwertung:
     
    Meine Wertung
    Pro & Contra
    Wunderschöner Grafikstil
    Überraschend viele Variationen der Linien-Puzzles
    Extrem anspruchsvoll auch für Rätselprofis
    Sehr intuitives Spielprinzip, das ohne Text und Sprache erklärt wird
    Großer Umfang mit einer Spielzeit zwischen 20 und 80 Stunden
    Ermuntert den Spieler dazu, seine Umgebung zu beobachten
    Viele unterschiedliche Landschaftstypen
    Teils brutal schwer
    Wenige Hilfen für Einsteiger
    Einige der versteckten Hinweise sind zu obskur
    Keine echte Geschichte
    Wer Puzzles löst, wird nur mit mehr Puzzles belohnt.
    Keine Musik
    Eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten
    Nervig: Bereits gelöste Puzzles müssen erneut absolviert werden
    Keine Interaktion mit der Spielwelt

    • Es gibt 15 Kommentare zum Artikel

      • Von UncleBAZINGA Erfahrener Benutzer
        Danke für diesen großartigen und endlich auch mal erfrischend kritischen Test! Sonst liest man überall nur Pseudo-intellektuelle, die Spielkultur glorifizierende Lobhudeleien. Peter, ich teile deine Ansichten vollkommen in Bezug auf Portal, The Talos Principle, Qube, Quantum Conundrum und Antichamber. Daher…
      • Von Murmelgrumpf Neuer Benutzer
        Ich muß gestehen, ich bin hin- und hergerissen. Einerseits finde ich die immer wieder gleiche Aufmachung der Rätsel im Vergleich zu anderen Spielen schon langweilig, auch wenn die Rätsel selbt knifflig sind. Es geht um die Art und Weise, die sich ständig wiederholt.
        Andererseits reizt es auch sehr, hinter…
      • Von Dosentier Erfahrener Benutzer
        Danke für den Test, da mir bis gerade überhaupt nicht klar war, dass es überhaupt keine Story gibt.

        Ich habe im ersten Moment bei den Worten Insel und Rätsel, an eine Art Myst gedacht.
        Aber wie gesagt, ohne Story, motiviert mich so ein Spiel nicht wirklich, vor allem nicht wenn es dann noch 40€ kostet.
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The Witness
The Witness im Test: Puzzle-Spaß ohne Kontext - "Warum mache ich das alles eigentlich?"
The Witness wird als neuer Puzzle-Heiland gefeiert. Im PC Games-Test kann sich Redakteur Peter Bathge aber nur bedingt für das unentwegte Linienziehen begeistern. Er stellt die Sinnfrage: "Was soll dieser Scheiß eigentlich?"
http://www.pcgames.de/The-Witness-Spiel-38495/Tests/Gedanken-zum-Review-Kolumne-Puzzle-Spass-ohne-Kontext-1184742/
04.02.2016
http://www.pcgames.de/screenshots/medium/2016/02/The_Witness_Test_Kolumne_08-pc-games_b2teaser_169.jpg
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