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  • Wir lassen uns nicht kriminalisieren!

    Spielen Sie gern Ego-Shooter? Dann sind Sie nach der Auffassung einiger Poilitker und Medien-Macher schon beinahe ein Krimineller. Spielen Sie gern Ego-Shooter? Dann sind Sie nach der Auffassung einiger Poilitker und Medien-Macher schon beinahe ein Krimineller. Quelle: Valve Wirklich erbärmlich an der Rezeption von Katastrophen wie Erfurt, Littleton oder Bad Reichenhall in der Öffentlichkeit ist, wie Politik und Medien das Thema für ihre Zwecke missbrauchen: Auf dem Rücken einer jugendlichen Gruppe ohne eigene Lobby werden billige Wählerstimmen kassiert und die Auflagenzahlen der Sensationspresse hochgetrieben. Dass gerade eine derart grausame Tat etwas mehr Vernunft und Besonnenheit in der Aufarbeitung verdient hätte, dass die Opfer eine derartige Ausschlachtung dieser Katastrophe nicht verdient haben, ist den Meinungsmachern dabei völlig egal.
    Nur logisch, dass die wahltaktisch interessanten Schützenvereine allenfalls am Rande kritisiert werden. Doch wie konnte ein Sportschütze überhaupt in den Besitz einer Pump-Gun gelangen? Auch die Pistole vom Typ Glock 17 hatte Fachleuten zufolge "keinerlei sportlichen Wert".
    Geradezu grotesk ist, dass Politiker jetzt nach Spiele-Verboten schreien, obwohl seit dem Bruch des Versailler Vertrages 1935 jeder männliche Deutsche zur Ausbildung im Töten gezwungen wird. Und ebendiese Volksvertreter waren es auch, die die Gründung einer Familie und die Erziehung von Kindern inzwischen zum Superluxus gemacht haben, den man sich eigentlich nur noch durch volle Arbeitsbelastung beider Elternteile leisten kann - wobei die persönliche Zuwendung für die Kinder auf der Strecke bleibt und durch wahllosen (Medien)-Konsum ersetzt wird.
    Dass es auch um unsere Schulen bei weitem nicht zum Besten bestellt ist, ist spätestens seit der PISA-Studie wohl hinreichend bekannt - die Defizite hier liegen jedoch nicht nur in der formellen Bildung, sondern wohl auch im Umgang mit dem jugendlichen "Menschenmaterial". Schulpsychologen an jeder deutschen Schule wären sicherlich ein guter Anfang, noch besser wären allerdings auch geringere Klassenstärken: In Klassenverbänden von 30 Teenagern ist es für den Lehrer unmöglich, ernsthafte psychische Probleme eines Schülers überhaupt früh genug zu erkennen, geschweige denn, sich gebührend darum zu kümmern. Zumal junge Menschen in diesem Alter ohnehin psychisch labiler sind, ganz gleich ob sie ihre Freizeit nun mit Computerspielen verbringen oder nicht.
    Der Sündenbock aus der Maschine ist jedoch so viel einfacher und vor allem billiger zu haben: Keine müde Mark muss in Familienförderung oder Schulhaushalte investiert werden, man verbietet einfach die "Killerspiele" und schon fliegen einem die Wählerstimmen nur so zu. Zwar befindet sich in beinahe jedem deutschen Haushalt mindestens ein Computer und man darf durchaus davon ausgehen, dass wirklich jeder Jugendliche, der einen Computer besitzt, auch Computerspiele spielt. Hunderttausende potenzieller Massenmörder, wenn man den Medien in diesen Tagen Glauben schenken wollte - und trotzdem eine Gruppe, die klein genug ist, um auf ihre Kosten ein Wahlkampftheater zu veranstalten, bei dem den Akteuren der Beifall der Stammtische sicher ist.
    Der Vorfall in Erfurt selbst ist furchtbar und kann nicht in irgendeiner Form relativiert werden. Doch wenn es wieder einmal um Verbote geht, die lediglich populär, nicht aber wirksam sein können, dann fühle ich mich wie alle anderen Computerspieler pauschal und völlig zu Unrecht verurteilt und in meinen persönlichen Freiheiten noch weiter als bisher eingeschränkt. Und warum? Weil im Wahlkampf Yellow-Press-kompatible Antworten gefragt sind. Psychologisch stichhaltige Erklärungen wie die des Kriminologen Werner Greve ("Lawinen lassen sich auch nicht verhindern") sind zu kompliziert für die breite Masse - und enthalten keine simple Antwort auf das Unfassbare, kein Schnellrezept, um dem Grauen zu begegnen.
    Die Antworten der Populisten sind allerdings zu löchrig - sie bieten bequeme Scheinerklärungen, die das Problem niemals lösen. Wenn man in der virtuellen Terroristenjagd auf dem Computer mit Maschinenpistolen hantiert, kann man dann auch im realen Leben mit einer Waffe umgehen? Mit der schweren Waffe richtig zielen, durchladen, abdrücken, den Rückschlag abfangen, nachladen? Nein. Robert S. hat die zum Töten erforderlichen Fertigkeiten im Schützenverein erlernt und trainiert und dort auch die Berechtigung zum Erwerb der Mordinstrumente erhalten. Die Theorie der kathartischen Funktion der Vereine wird hiermit wohl aufs Grauenhafteste widerlegt, dennoch treibt es Herrn Beckstein keineswegs die Schamesröte ins Gesicht, wenn er ebendies behauptet: "Seriöse Vereine kanalisieren das Bedürfnis Jugendlicher nach dem Umgang mit einer Waffe und filtern Ungeeignete eher heraus."
    Und schließlich gibt es auch soziales Leben abseits der verstaubten Vereinswelt. Auf der Anklagebank sitzt zur Zeit vor allem ein Spiel: Der Täter soll angeblich mit Begeisterung den Team-Taktik-Shooter Counter-Strike gespielt haben. Für viele der über 500.000 aktiven Spieler in Deutschland erfüllt Counter-Strike durchaus die Funktion eines Sportvereins: Man spielt nicht wegen der Gewaltdarstellung, sondern um des sportlichen Vergleichs willen, knüpft dabei auch soziale Kontakte und findet neue Freunde. Computerspieler sind schon lange keine soziopathischen Eigenbrötler mehr. Der Computerspieler geht mit natürlicher Sicherheit mit neuen Kommunikationsmedien um, trifft im Internet auf Gleichgesinnte und schließt sich mit anderen zu Spielergemeinschaften zusammen - zu sogenannten "Clans" und "Communities". Gemeinsam trägt man Turniere aus - in anderen Ländern wie Korea oder den USA werden diese Wettbewerbe bereits im Fernsehen übertragen und sind nicht selten mit hohen Preisgeldern dotiert. Der Geist des "eSports", dieser Online-Ligen, ist keinesfalls gewaltverhaftet, es geht hier um eine neue Form des Sports in einem neuen, elektronischen Medium. Da das Neue, Fremde in Deutschland natürlich verteufelt wird und als Ursache allen Übels herhalten muss, ist ein Urteil hierzulande jedoch schnell gefällt.
    Statt sich wirklich mit dieser Szene zu beschäftigen, bevor man sie als Grund für die Katastrophe präsentiert, produziert die Medienlandschaft bereitwillig einen recherchetechnischen Totalunfall nach dem anderen:
    - Da ist die Rede davon, dass im Spiel Counter-Strike "Polizisten, Passanten und Schulmädchen" über den Haufen zu schießen und "verbluten zu lassen" seien (FAZ). Das ist eine freie Erfindung.
    - Da werden wissentlich Bilder aus völlig anderen Spielen, die in Deutschland längst von der Bundesprüfstelle wegen der überzogenen Gewaltdarstellung indiziert sind, als Bilder aus Counter-Strike ausgegeben (BILD, Hamburger Morgenpost).
    - Da wird fälschlicherweise behauptet, das Spiel sei von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) "verboten" (FAZ): Die BPjS verbietet jedoch keine Medien, die setzt lediglich jugendgefährdende Titel auf einen Index. Diese dürfen Minderjährigen dann weder verkauft, noch zugänglich gemacht werden und es gilt ein generelles Werbeverbot. Die Indizierung ist daher kein Verbot, Erwachsene können indizierte Titel, zumindest in der Theorie, durchaus unter der Ladentheke erwerben. Doch selbst eine Indizierung liegt im Falle Counter-Strike nicht vor.
    - Da ist allenthalben von "gewaltverherrlichenden Spielen" die Rede. Nach §131 des Strafgesetzbuches müssten tatsächlich gewaltverherrlichende Spiele durch den Staatsanwalt festgestellt und verboten werden - obschon diese Möglichkeit von Gesetzes wegen bereits seit Langem besteht, ist bis zum heutigen Datum kein einziger Fall bekannt, in welchem ein Produkt als "gewaltverherrlichend" eingestuft und verboten worden wäre: Es gibt faktisch auf dem deutschen Markt keine gewaltverherrlichenden Spiele.
    - Selbst der journalistisch normalerweise über jeden Zweifel erhabene SPIEGEL ("zwei feindliche Terroristen-Einheiten", "Das Opfer verblutet, das Ziel ist erreicht...", Nr.18.2002, S.83) macht - wohl aufgrund des Zeitdrucks - leider keine Ausnahme und beteiligt sich mit schlecht recherchierten Scheinwahrheiten nur zu bereitwillig an der populären Hexenjagd.
    Fakt ist, dass in der deutschen Version von Counter-Strike kein Tropfen Blut fließt. Es gibt auch keine Schulmädchen, Passanten oder Polizisten im Spiel - sieht man vom GSG9-Modell ab. Wenn einem Spieler die Lebensenergie ausgeht, so stürzt seine Spielfigur nicht verblutend zu Boden, sie setzt sich hin und schüttelt benommen den Kopf - bis zum Beginn der nächsten Spielrunde. Wer wild um sich ballernd alles niedermäht, was sich bewegt, wird nicht nur schnell ohne Munition dastehen und als "Teamkiller" ausgebuht, er wird auch sehr schnell den Spaß am Spiel verlieren, da man auf diese Art dort definitiv keinen Blumentopf gewinnt. Counter-Strike ist eine taktisch anspruchsvolle elektronische Mixtur von Räuber&Gendarm und Völkerball, in der sehr viel Wert auf Teamplay gelegt werden muss. Ein "Killerspiel"? Nur wenn man im gleichen Atemzug auch Schulhof-Spiele verurteilt, die Kinder schon seit Jahrzehnten spielen, kann man zu diesem Schluss kommen. Oder aber wenn man sich nicht einmal eine Minute mit dem beschäftigt, was man so vorschnell verdammt.
    Medien und Politik ködern die entsetzte Öffentlichkeit mit solchen einfachen Antworten, die ebenso falsch wie sensationslüstern sind, und befriedigen damit die niedrigsten Gafferinstinkte ihrer Klientel. Wo bleibt hier die Verhältnismäßigkeit? Warum kein Werbeverbot für die Tabakindustrie? Rauchen kostet jede Stunde mehr als dreimal so viele Todesopfer wie das Erfurter Massaker. Im letzten Jahr sind 7.000 Menschen im Straßenverkehr getötet worden - und trotzdem stärkt der Staat den Individualverkehr, statt Bus und Bahn zu fördern. Wo bleibt denn da die medienwirksame Empörung?
    Geradezu erschreckend ist die Tatsache, dass Medien und Politik gezielt Falschinformationen verbreiten - und so ihre Vertrauensstellung in der Öffentlichkeit missbrauchen. Als Computerspieler erkennt man diese populistische Fehlleistung. Als Außenstehender nicht - man geht ja schließlich davon aus, dass das "Spezialisten" seien, die "wissen ja wohl, was die da schreiben". Da dem offenbar nicht so ist, drängt sich doch der Eindruck auf, dass auch bei anderen Themen betrogen und getäuscht wird, wie es Parteien und Konzernen gerade in den Kram passt.
    Und doch nimmt das Wahlvolk jede Äußerung in Zeitungen und Fernsehen für bare Münze, denn die Verifikation der Information ist dem Einzelnen in der Flut von Nachrichten, die tagtäglich auf uns einströmt, nicht mehr möglich. Die Macht der Medien ist fast grenzenlos, wenn es darum geht, der Öffentlichkeit einen bestimmten Standpunkt zu oktroyieren. Fakten sind hier offenbar zweitrangig ("Denn, was man schwarz auf weiß besitzt, / Kann man getrost nach Hause tragen"). Die Hetzkampagne, mit der Hunderttausende friedlicher Computerspieler zur Zeit zu potenziellen Massenmördern abgestempelt werden sollen, ist jedoch inakzeptabel. Wenn wir keine Lobby haben, dann müssen wir uns zumindest Gehör verschaffen und offensichtlichen Lügen mit überprüfbaren Wahrheiten entgegenwirken. Und hoffen, dass Wahrheit auch als solche erkannt wird, auch wenn sie weitaus weniger spektakulär, gruselig und blutrünstig ausfällt als die Märchen aus dem aktuellen Wahlkampfgetöse.

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