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  • "Gibt's hier auch Gewürze?"

    Beerater: Markus Matysseks Kunden suchen Hilfe bei der Orientierung im riesigen Kaufhausangebot. Beerater: Markus Matysseks Kunden suchen Hilfe bei der Orientierung im riesigen Kaufhausangebot. Zwischen den Jahren kratzen Software-Verkäufer am Wahnsinn. Die Kunden werden mehr, die Hektik größer, die Fragen seltsamer.
    Eins, zwei, viele. Wie Pakete, die von einem Förderband plumpsen, lädt die Rolltreppe im Nürnberger Saturn Menschen in der zweiten Etage ab - da, wo die Computerspiele sind. Das turbulente Weihnachtsgeschäft hat begonnen. Ein junger Mann schiebt seine rot getönte Sonnenbrille von der Nase auf die Stirn, staunt: "Boah! Warum gibt's bei uns nicht solche Läden?" Dem Dialekt nach kommt er vom Land, zwischen den Sonderangeboten taucht er ab.
    Kurz darauf landet eine Frau in der Abteilung, zwischen den Fingern einen knittrigen Zettel. Etwas unsicher schaut sie sich um, geht auf die hoch getürmte Pyramide aus Empire-Earth-Packungen zu, stoppt, guckt wieder. Als sie einen Verkäufer entdeckt, hält sie ihre Notiz steif vom Körper weg: "Entschuldigung, haben Sie das? So ein "Starship Troopers' für den PC?" "Klar, hier lang", antwortet der Mann, auf dessen Namensschild Markus Matyssek steht. Er führt sie zur richtigen Stelle. Mit dem Spiel unter dem Arm dankt die Frau erleichtert und flüchtet zur Kasse. Puh, geschafft. Die Erleichterung ist sichtbar - unterm Christbaum wird das bestellte Geschenk liegen. Bei solchen Problemchen weiterzuhelfen, gehört zu Markus Aufgaben - genauso wie das Prüfen neuer Lieferungen und das Füllen von Lücken im Regal. Potenzielle Bestseller schichtet er zu auffälligen Haufen.
    Kundenfragen sind durchaus willkommen. Was Markus gelegentlich nervt, das sind Anliegen, mit denen Leute antanzen, weil sie eben nicht rechtzeitig nachgehakt haben. "Erst kaufen sie ein Spiel mit moderner Grafik", erzählt er. "Bald kommen sie wieder: "Das läuft auf meinem P166 nicht.' Ohne 3D-Karte. So was passiert täglich x-mal." Trotzdem sagt Markus brav sein ABC auf: "Wir tauschen dann um. Der Kunde ist das Wichtigste." Er trägt eine Weste mit Firmen-Logo, außerdem am Gürtel ein Haustelefon, das sich immer dann bemerkbar macht, wenn einem Kollegen etwas unter den Nägeln brennt. So alle fünf Minuten.
    Markus rennt von einer Ecke in die andere, ordnet Spiele, antwortet auf Fragen, ordnet Spiele, antwortet auf Fragen. Kunden wuseln wie Ameisen durchs Stockwerk. Ein Mann tritt heran. "Ist das hier das richtige?" Ohne ein Hallo streckt er Markus ein verpacktes Kabel hin. Wofür er das Kabel benötigt, verrät er nach zwei weiteren Sätzen. Ja, er hat das richtige. Gleich darauf kommt ein Mädchen näher, das eine Karaoke-CD-ROM mit Weihnachtsliedern sucht. Ein älterer Herr wundert sich, ob man ein Partitionsprogramm wirklich so benutzen könne, dass der Computer glaube, er habe zwei Festplatten drin. Dann würde man "ja nämlich nur noch eine brauchen und hätte wieder einen Anschluss frei. Für einen Brenner oder so." Und noch ein Mann erläutert unaufgefordert, er werde jetzt zwar Die Sims und die Erweiterung Living Large kaufen, doch den zweiten Zusatz Hot Date auf keinen Fall. Der sei woanders bis Sylvester 49 Pfennige billiger. "Ich hätte ihm den Preis schon auch reduziert", seufzt Markus. "Aber der wollte gar nichts mehr hören. Kann man nichts machen."
    Ratlos steht er vor Kunden, die inmitten von Software-Packungen unbedingt Batterien, Musik-CDs oder Monitore haben wollen. Sorry, falsche Abteilung.
    Zweimal am Tag stempelt Markus aus, um im kleinen Ruheraum Zigarettenpause zu machen. Schnell eine rauchen, mit Kollegen quatschen. Im Fernseher eine Talk-Show, die keiner beachtet, Getränke aus dem Automaten. Ob er sich einen anderen Job wünsche? "Ich täte das hier sicher nicht, wenn es mir keinen Spaß machen würde." Er sei Zocker, er könne niemals "Telefone oder so was verkaufen". Bevor der Stress abflacht, kommen im Frühjahr noch die Inventur und die Umtauschwelle, denn vielen Eltern gelingt es im ersten Anlauf nicht, die Wünsche ihrer Kids zu erfüllen. Immerhin, an den geregelten Arbeitszeiten wird bei Saturn auch während des Wintertohuwabohus nicht gerüttelt.
    Anders in kleinen Fachgeschäften wie Fun Media. Dessen Inhaber Jens Hartmann ist rund ums Jahr 80 Stunden pro Woche damit beschäftigt, sich und seinen Laden gegen die großen Ketten zu behaupten. Abseits der Innenstadt befindet sich Fun Media in einer glasüberdachten Passage; Farne und Gummibäume verstecken den Eingang. Dass hier kein Durchlaufverkehr entsteht, ist so offensichtlich wie die Tatsache, dass hier andere Leute einkaufen als bei Saturn. Zehn, zwölf Jungs und junge Männer stehen mit kritischem Blick vor einer Playstation 2, einer Xbox und einem Nintendo Game Cube, sitzen am PC, um Red Hammer, das gerade erschienene Add-on für Operation Flashpoint zu testen, wiegen Prozessor-Kühler und andere Tuning-Teile in der Hand oder fachsimpeln über neue Mäuse - deren Auflösung und Abtastfrequenz. Man kennt sich aus, diskutiert.
    Vor der Kasse liegen neben Computermagazinen auch Schokoriegel und Chips aus: Nahrung für die Netzwerkzocker im Hinterzimmer. "Kurz. Gleich. Moment", gibt Jens den Debattierenden gerade auf jede Frage nach seiner Meinung zurück. Für gewöhnlich antwortet er ausführlich. Das ist es, was ihn beliebt macht. Aber jetzt ordnet er seine Kundenkartei, trägt neue Vorbestellungen für Counter-Strike: Condition Zero ein, obwohl das Spiel noch lange nicht erscheinen wird. Neben dem, was ein Verkäufer üblicherweise tut, kümmert er sich ums Management, telefoniert Spiele-Herstellern hinterher, die mit Lieferungen im Verzug sind, importiert Programme, die in Deutschland nicht erhältlich sind.
    Mehr noch: Jens baut auf Bestellung PC-Systeme zusammen und Konsolen so um, dass auch japanische Produkte damit funktionieren. Er aktualisiert an jedem Morgen die Fun-Media-Website, richtet Geburtstagspartys bis nachts um zwei Uhr aus, lädt seine Stammkunden zu Neujahr ins Kino ein. Der gelernte Medizintechniker zimmert sogar seine eigenen Regale, denn der Laden "platzt aus allen Nähten." Und Schreiner sind teuer. Für indizierte Spiele und Porno-Software hat Jens ein Separee mit automatisch schließender Türe eingerichtet, weil er den Jugendschutz nicht anderen überlassen will: "Einmal kam hier ein Vater mit seinen Kindern rein - sechs und acht Jahre alt", erzählt er. "Der Typ wollte mit denen Counter-Strike spielen." Jens lacht: "Ich hab' ihn rausgeschmissen."
    Zwei Angestellte helfen an diesem Tag im Laden. Einer vorne bei der Beratung, eine hinten in der Buchhaltung. Trotzdem wirbelt der Inhaber wie besessen durch die Gegend, macht Rechnungen fertig, gibt Lösungstipps zu Spielen, telefoniert mit jemandem, der eine ganze Playstation-2-Ladung in die Tschechei ordern möchte - am liebsten ohne Vorauszahlung. Zwischendurch fragt ein 14-Jähriger: "Du, Jens, kann ich dieses Sturmovik mal ausprobieren?" Klar, kann er. Die Kids duzen Jens oder nennen ihn "Chef". Die Großer-Bruder-Sache passt zur familiären Atmosphäre.
    Aber auch bei Fun Media platzen Menschen mit seltsamen Vorstellungen ins Alltagschaos. "Die sind zum Beispiel auf der Suche nach einer Waschmaschine", sagt Jens. Achselzuckend guckt er nach links und rechts auf Spiele, Lautsprecher, Joysticks. Einer habe auch mal einen Pizza-Snack aus dem Schrank vor der Kasse gegriffen und gefragt, ob es hier auch Gewürzkräuter gebe. Ein anderer wollte - wohl inspiriert von den Angeboten im Erwachsenen-Bereich - Netzstrümpfe kaufen. Die hätte er nicht da, hat Jens damals geantwortet, aber er könnte sie bestellen. Leider musste er den erfreuten Herrn dann aufklären, dass er einen Witz gemacht hatte. Der ganz normale Wahnsinn kennt keine Jahreszeiten.

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