Scarface: The World is Yours
Weitere Möglichkeiten des Geldverdienens: Personen vor Gangs schützen, Lieferungen unter Zeitdruck ausführen, Rennen fahren. Spannend ist bloß das Letzte, weil die Zeitlimits so knapp gesetzt sind, dass man meist in letzter Sekunde das Ziel passiert. Stellen Sie einen Eimer vor den Monitor, um Ihre Sturzbäche an Schweiß abzufangen.
Typisch Konsole
Alle Nebenaufträge, abgesehen von den Wettkämpfen, aktivieren Sie über ein Menü, das sich mit einem Gamepad gut steuern ließe. Mit Tastatur ist es ein Krampf. Offenbar hatten die Entwickler weder Lust noch Zeit, am Interface herumzudoktern. Immerhin muss man ihnen zugutehalten, dass sie einen beim Speichern auffordern, den PC nicht auszuschalten - es hätte dort auch von Playstation 2 die Rede sein können.
Bei Schießereien kämpft man weniger gegen verfeindete Clans als gegen den Maus-Cursor. Das Fadenkreuz zuckelt selbst in der höchsten Sensibilitätseinstellung so widerwillig über den Bildschirm, dass die automatische Zielerfassung als Rettung in letzter Not kommt. Wenigstens die Fahrzeugsteuerung funktioniert anstandslos. Nach kurzer Zeit legt man Vollbremsungen hin und schlittert unter Verwendung der Handbremse in Kurven, als hätte man lange geübt - was tatsächlich stimmt, wenn man Vice City auswendig kennt. Das Fahrverhalten scheint diesem Spiel entliehen.
Konsolencharakter hat auch die Grafik. Texturen sind typisch farblos, Objekte und Models kantig wie Klötzchen. Trotz der zurückhaltenden Technik läuft Scarface nie 100%ig flüssig, keine 500-Euro-Grafikkarte vermag das zu ändern.
Puls auf 180
Tonys hitziges Temperament ist ins Spiel eingeflossen. Am unteren Bildschirm befindet sich das Mumm-Metermaß. Diese Anzeige füllt sich, wenn Sie den Schweinehund rauslassen. "Trashtalk" ist der kürzeste Weg, um Mumm zu sammeln. Werfen Sie jedem erledigten Gegner eine Beleidigung an den Kopf und die Anzeige schnellt in die Höhe, bis sich der "Blinde Wut"-Modus per Tastendruck aktivieren lässt.
Das wäre eine feine Sache - hätte man sie gut umgesetzt. Aktuell gehen damit mehr Probleme als Spaß einher. Etwa die Tatsache, dass Missionen viel einfacher sind, sollte die blinde Wut zufällig schon zu Beginn aufgeladen sein. Außerdem drängt sich die Frage auf, warum Tony nicht automatisch flucht. Jedes Mal eine Taste drücken, das ist umständlich.
Die Leidenschaft, mit der Tony seine Tiraden vorträgt, kann über diese Unzulänglichkeiten hinwegtrösten. Sprecher André Sogliuzzo intoniert Pacinos kubanischen Akzent mit Inbrunst, er lallt wie ein Könner und lässt Silben abgehackt erklingen. Auf eine deutsche Sprachausgabe hat Publisher Vivendi verzichtet. Eine solche hätte dem Vergleich zum Original wohl ohnehin nicht standgehalten.
Später, wenn Tony einiges an Geld angehäuft hat, darf er Fahrer anwerben. Die bringen auf Befehl einen Wagen vorbei. Das ist fein, einerseits, weil es den Autoklau überflüssig macht. Und andererseits, weil Tony seine Befehle so authentisch ins Handy bellt, dass man Pacino vor dem Mikro und Oliver Stone als Drehbuchschreiber wähnt. Wenn Vivendi mit dem Slogan "Sei das Original, sei Tony Montana" wirbt, dann zu Recht. Tony ist so sehr Original, dass er sich weigert, auf Frauen und Kinder zu schießen. "I don't need this shit", sagt er in Anspielung auf eine wichtige Szene im Film.
Anderes, etwa die Gewaltdarstellung des Vorbilds, hat es nicht in die deutsche Fassung geschafft. Kettensägenmassaker, abgetrennte Körperteile und eimerweise Blut wären vor dem Gremium der BPjM schwierig zu erklären gewesen. Gegner verenden ohne die comichafte Überzeichnung der US-Fassung, dem Spielspaß tut das nichts - außer Sie quälen gern kleine Hasen.
Grand Theft Spiel
Es entbehrt nicht einer Ironie, dass der Film so einfluss- und erfindungsreich war. Denn die Umsetzung ist das genaue Gegenteil davon. Sie klaut alles ab GTA 3 aufwärts und bringt nur minimal eigene Ideen ein. Hier gibt es nichts, was man nicht schon gespielt hätte. Mit mehr Individualität wäre Scarface vielleicht ganz groß geworden. So ist es nur Tonys Ego.

