Paradise
Zeichenkünstler Benoit Sokal meldet sich mit einem Adventure zurück, das schön aussieht. Mehr tut es nicht.
Die Hintergründe sind detailliert auf ganz eigene Art. Leider passen die Charaktere nicht dazu: Sie wirken wie aufgeklebt.
Rodon, der König von Mauranien, bittet seine Tochter Ann zum Gespräch. Rebellen bedrohen das Land und Ann soll das Volk aus seiner Lethargie befreien, ihm Kampfeswillen einhauchen. Diese Spannung verheißende Szene spielen Sie nicht. Stattdessen stürzt Anns Flugzeug ab, woraufhin sie ihr Gedächtnis verliert. Ann wacht in einem Palast auf, ratlos. Und schon ist alles wie immer: Ein an Amnesie leidender Held auf der Suche nach sich selbst.
Die erste Aufgabe ist die Flucht aus dem Palast. Dazu klicken Sie Ann durch hübsche Bilder, fahren diese mit dem Cursor ab, langweilen sich. Eine Spannungskurve in der Horizontalen. Manchmal weckt Paradise auch Emotionen, aber meist negative. Etwa wenn Hotspots im Hintergrund untergehen. Oder wenn Ann zickt statt loszulaufen, weil die Entwickler das Kunststück vollbracht haben, eine fehlerhafte Point&Click-Steuerung zu programmieren.
Falls Ihnen die Benutzerführung nicht den Rest gibt - das Rätseldesign wird es. Es ist nicht so, dass die Puzzles (Gegenstände kombinieren, Hebel umlegen) schwer sind. Nein, das Problem ist: Man braucht zuweilen Glück, damit es weitergeht. In einer Location triggert Ann den Sonnenuntergang; wer sie nicht besucht, und dazu gibt es keinen Grund, bleibt hängen.
Gelegentlich können Sie einen Leoparden steuern. Das Warum entzieht sich jeder Kenntnis. Hat man gemerkt, dass der Ausflug in die Tierwelt keinen Nutzen bringt, genügt ein Tastendruck, um mit dem richtigen Spiel fortzufahren. Hier gilt es, dem Publisher hoch anzurechnen, dass er diese Sequenz nicht als Feature aufführt - ein Novum in Zeiten absurder Werbetexte.
Spielerisch steckt Paradise im Mittelmaß fest; schade bei der geschniegelten Präsentation. Die Sprecher machen ihre Sache gut, sieht man von einigen Blackouts ab, und die Grafik verdient die Bezeichnung prächtig. Jedes Bild trägt die Handschrift des Künstlers Sokal, nur die Charaktere, von zu vielen Pixeln entstellt, wirken wie draufgeklebt.
Was den Figuren an Aussehen fehlt, könnten sie durch innere Werte ausgleichen. Doch sie tun es nicht, bleiben stattdessen blass. Wo ist die Verzweiflung Anns, gefangen zu sein in einer fremden Welt, die vorm Bürgerkrieg steht? Keine Erinnerung mehr zu haben? Sie verliert sich in gemütlichen Dialogen mit anderen, es ist ein stures Abarbeiten von Stichwörtern, ein dramaturgischer Fehlgriff. Dass Adventures nicht von Spielmechanik allein leben, wo es Paradise ohnehin schon mangelt, sondern sie auch eine Geschichte voll schillernder Persönlichkeiten benötigen - das scheint noch nicht bis nach Mauranien vorgedrungen zu sein.

