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  • LAN-Party: Der erste Schultag

    LAN-Party: Der erste Schultag LAN-Party: Der erste Schultag Das Mädchen an der Registrierung guckt René an, als wüsste er nicht, wie man sich die Schuhe bindet. "Du spielst doch mit Rechts, oder?" Sie hält ein rotes Plastikband. René wartet mit ausgestrecktem rechtem Arm neben einem wackeligen Haufen aus Computer, Bildschirm und Zubehör. "Klar." Er zögert. "Und?" "Was hältst du dann davon, mir deine andere Hand zu geben? Wenn du die Maus mit rechts lenkst, würde das Band am Gelenk doch stören." Sie grinst süffisant, er stutzt. "Oh - sorry, daran habe ich nicht gedacht."
    Es ist Freitag Nachmittag. Draußen vor der Lokhalle in Göttingen sind PKW kreuz und quer im Halteverbot geparkt; aus den offenen Kofferräumen heben Jungs noch mehr PC, Monitore, Tastaturen, Mäuse. Einige wickeln sich Kabel um den Körper, klemmen Kleinkram unter den Achseln fest, um die Hände frei zu haben für die schweren Teile. Andere türmen ihre Ausrüstung auf Gepäck- oder Bollerwagen.
    Klack. "Nicht abreißen! Ohne kommst du nicht mehr rein." Als das Mädchen den Einmal-Verschluss des Armbands zudrückt und an René eine Platzkarte, ein Info-Blatt sowie zwei Namensaufkleber überreicht, ist er offizieller Teilnehmer der GXP 3, mit über 2.000 Spielern und zahlreichen Besuchern eine der größten LAN-Partys Deutschlands. Das Info-Blatt gibt Auskunft darüber, wo sich Wasch- und Schlafräume befinden, wo Essen und Getränke verkauft werden. Die Aufkleber soll René auf seinem Equipment anbringen. So kann er beim Verlassen der Party durch Vorzeigen seines Personalausweises belegen, dass er der Besitzer ist.
    "Keine Ahnung, wie so ein Event abläuft", erzählt René, nachdem er die Türsteher passiert hat. "Ich bin auch keiner, der ewig vor dem Rechner sitzt und trainiert - eher sogar nur Gelegenheitsspieler. Aber mich interessiert, ob ich trotzdem Spaß habe." Weil er alleine ist, teilt René den Weg zu seinem Platz in kleine Strecken: Erst den Bildschirm einige Meter tragen, den Rechner hinterher holen, dann Software, Keyboard und so weiter. Andere scheinen sicher, dass hier nicht geklaut wird, und lassen teure Hardware ohne Wache im Eingangsbereich stehen.
    Hinter Glastüren beginnt das Hauptareal der 8.000-qm-Lokhalle. Auf der Bühne am anderen Ende treten Musikstars wie Sting oder Die Toten Hosen auf, wenn sie Göttingen besuchen. Früher rangierten zwischen den Backsteinmauern des Gebäudes Züge. Durch die Dachluken in vielleicht zehn Meter Höhe fällt Licht auf viele, viele Tischreihen und genau arrangierte Stühle und auf eine Horde von Hobby-Technikern, die Kopfmikrofone tragen, Gehäuse um Zentimeter verrücken, Anschlüsse einstöpseln - ähnlich muss in einem Raumfahrtzentrum die Vorbereitung auf einen Start aussehen. Wo bereits Spiele auf den Schirmen laufen, lässt einen die Präzision der Spieler staunen, so wie man ungläubig einen Indianer bestaunt, der einen Fisch mit einem Speer aus dem Wasser holt: Kurz taucht im Bild weit entfernt eine winzige Figur auf; der Jäger bewegt seine Maus eins, zwei Millimeter weit und schon ist das Ziel getroffen. Kein Zufall, diese Szenen wiederholen sich kurz hintereinander. Auch der Anblick der Programme ist ungewohnt: Teilweise sind die grafischen Details, sogar die Farben, zugunsten der Geschwindigkeit dermaßen reduziert, dass es einem nur mit Mühe gelingt, die Titel überhaupt zu unterscheiden.
    In einem äußeren Sitzblock findet René seinen Platz, den er online reserviert hat - da war eine Grundrisszeichnung, auf der er die gewünschte Position anklicken durfte, sobald die 30-Euro-Gebühr an Organisatoren überwiesen war. Er hat im Gepäck, was in der Checkliste der Veranstalter stand: den PC, eine Mehrfachsteckdose, ein 15-Meter-Netzkabel (extra gekauft), Kopfhörer statt Boxen, Schlafsack und Iso-Matte, Waschzeug. Den nichttechnischen Kram verstaut er unter dem Tisch, dann fängt er an, den Rest oben drauf zusammenzubauen. Links von ihm transferieren Drei irgendwelche Daten, rechts spielen Zwei einen Taktik-Shooter. Davon abgesehen ist die Reihe noch verwaist. Wie auf Kommando dreht sich das Trio irgendwann um. "Hallo". "Hey", gibt René zurück. Die Namen gehen im ständigen Raunen rundum unter. Je mehr Teilnehmer die Halle bevölkern, desto lauter surren die Lüfter der Computer. Neben dem Trio steht eine Reisetasche, halb geöffnet, bis zum Rand gefüllt mit gebrannten CDs. "Filme", sagt einer und blubbert los über irgendwelche Suchprogramme, mit denen man Netzwerke nach freigeschalteten Dateien durchschnüffeln kann. "Hast du auch was zum Tauschen?" René verneint und leise stöhnt er: "Auf so was hab" ich ja gar keinen Bock." "Geeks", stimmt ein Nachbar rechts zu. "Die gehen uns jetzt das ganze Wochenende auf die Nerven." Geeks sind frei übersetzt Computerdeppen, solche ohne Freunde.
    Auf drei Leinwänden zeigen die Veranstalter die IP-Adresse für das lokale Netzwerk an. Als René seinen Rechner aufgebaut und verkabelt hat, gibt er die Ziffern in der Systemsteuerung ein und erlangt so Zugriff auf die interne Homepage der GXP 3. Ins normale Internet kommt er über die Verbindung nicht. Erst mal studiert er die News: Wie funktioniert die Turnierorganisation? Gibt es Startzeiten? Muss er noch irgendwas machen? Kann er einfach loszocken? Die Antworten: Einerseits laufen Matches zum Vergnügen - da darf sich jeder einklinken, wann er will. Wer andererseits im Wettkampf um Preisgeld spielen möchte, muss sich anmelden. Gestattet ist die Teilnahme in maximal drei Disziplinen. Gespielt wird mit den bekannten Action- und ein paar Strategiespielen. Als Spleen am Rande soll sogar der größte Tetris-Könner ermittelt werden. Der Zeitplan wird noch verkündet. Obwohl René ahnt, dass er schnell verlieren wird, kitzelt es ihn, sein Glück bei den Turnieren zu versuchen. "Wenn ich schon mal da bin! Damit, dass man hier mit seinen Leuten die ganze Zeit nebenher spielen kann, hatte ich eh nicht gerechnet. Ich dachte, es wäre alles auf die Turniere fixiert." Blöderweise sind die meisten Disziplinen auf Teams ausgelegt: Zwei gegen Zwei, Vier gegen Vier, Fünf gegen Fünf. "Entschuldigt", wendet sich René zuerst nach rechts. "Habt ihr Lust, mit mir in einer Mannschaft zu spielen?" Der Kollege schiebt eine Kopfhörermuschel vom Ohr. "Nee, geht nicht, wir sind schon gemeldet." Dann eben die Geeks. Gemeinsam schreiben sie sich für einen Taktik- und einen Ego-Shooter ein. Als Drittes wählt René den Einzelkampf in Half-Life (dt.).
    Einen Block weiter Richtung Mitte sitzt der Ocrana-Clan mit 40 Mitgliedern, erkennbar an ihren Mannschafts-T-Shirts. Bierkästen und Red-Bull-Paletten sind neben den Stühlen aufgeschichtet. Im Chill-out-Bereich kostet ein Corona 2,50 Euro, ein Pizza-Stück 3 Euro und ein Baguette gleich 3, 50 Euro. Mehr ist von einem solchen Event nicht zu erwarten. Und dennoch ärgert sich René. "Shit, ich hätte mir das Zeug mitbringen sollen."
    Als die Dachluken geschlossen werden, um die richtigen Lichtverhältnisse für Profi-Duelle zu schaffen, brandet Applaus auf. Renés erster Versuch, ein Spiel zu starten, endet dagegen niederschlagend. Falsche Version, sagt das Programm und schmeißt René zurück auf die Windows-Oberfläche. Zwar hat er seine Fassung des Ego-Shooters vor einiger Zeit aktualisiert - offensichtlich ist der jüngste Patch aber an ihm vorbeigegangen. Wieder bittet er jemanden um Hilfe. Danach klappt es. René platzt in verschiedene Schlachten zwischen Leuten, die Shuuk, Ocr*Rep, Ping of Death oder duk4mbo heißen. Und jedes Mal versohlen ihm die komischen Namen den Hintern: René versteckt sich in einer Ecke und wird kauernd erschossen. René rennt im Zickzack von Deckung zu Deckung und wird zappelnd erschossen. René springt herum und wird in der Luft erschossen. Oder René steht unversehens vor einem Gegner, drückt ab und trifft zufällig, um dann erschossen zu werden. Ein Stromausfall in der Tischreihe setzt der Pleiten-Pech-und-Pannen-Show ein Ende.
    Zum Glück ist der Defekt nicht so schlimm, wie die herbeilaufenden Organisatoren befürchten. Jemand hat ein Kabel übersehen, stolpernd einige Stecker aus den Dosen gerissen. Die werden zusammengefügt und alles brummt wieder. René will ein Bier trinken gehen. Da die Jungs rechter Hand konzentriert spielen, bittet er die Geeks: "Könnt ihr ein Auge auf meine Sachen haben?" "Klar doch." "Danke." Ein ausführlicheres Gespräch meidend, haut René ab.
    Gegen halb Zwölf stellt sich heraus, dass die Wettbewerbe erst am Samstag beginnen - eine Nachricht, die auf die Atmosphäre drückt. Gerüchten zufolge hat sich eine überlastete Sicherung verabschiedet. Eine Stunde lang soll die ganze Turnierleitung ohne Energie gewesen sein. Die Cracks sitzen deprimiert vor ihren Rechnern und trainieren weiter. Die gutgelaunten Gespräche derjenigen, die sich schon kennen oder kennen lernen, werden jetzt leiser. Auch René ist etwas enttäuscht vom Verlauf seines ersten LAN-Party-Tages. "Willst du mit uns Der Pakt der Wölfe gucken?", fragt ihn einer der Geeks. Die Frage kommt unvermittelt, nach langen Referaten in technischem Kauderwelsch und Angebersprüchen wie: "Weißt du, ich bin 30 und frech, ich hab" hier einfach meinen eigenen Server eingerichtet" oder "Och, bisher waren das nur 20 Gigs, die ich gesaugt habe. Das ist noch gar nichts". Das Raubkopierergequatsche stört René mittlerweile. Unter dem Tisch liegt zwar die Schlafausrüstung bereit, von Rockfestivalstimmung ist er allerdings weit entfernt. Statt mit den Geeks Filme zu gucken, fährt er heim in ein Dorf nahe Göttingen.
    Samstags läuft das System stabil, die allgemeine Trübsal ist verschwunden. Nur die Geeks sind richtig sauer. "Wir bewahren hier die Spielserver vor dem Zusammenbrechen, indem wir unsere Sachen auf anderen Bahnen zum Download anbieten. Und so danken die uns das!" Bei einem Netzwerk-Check haben die Veranstalter den illegalen Filmetausch bemerkt und die Täter gebeten, aufzuhören. "Ist eh scheiße hier", meckern die. "Wir machen unsere eigene LAN. Dann zeigen wir denen mal, wie man feiert." Mit viel Lamento bauen Renés Spielpartner ab und räumen das Feld. Damit fallen für ihn zwei Turniere aus, trotzdem atmet er auf. Auf der Bühne findet eine Promotion für Kondome statt - vom Publikum, darunter höchstens zehn Prozent Frauen, mit müden Gags und Spott quittiert. Die Ankündigung einer Stripperin für die Abendshow lässt schon mehr Gesichter breit grinsend hinter den Monitoren vor linsen. Und als über die Lautsprecheranlage durchgesagt wird, Florian Lüdermann solle bitte zum Eingang kommen, seine Mutter habe einen Kuchen gebacken, da zeigen dreckiges Lachen, Johlen, Klatschen und Anfeuerungen mit Stimmen und Händen, dass die Party genau jetzt richtig begonnen hat.
    René wandert durch die Reihen, um Eindrücke zu sammeln. In den großen Clan-Blocks klingen die Spieler wie Rugby-Sportler, wenn sie einander Kommandos zurufen ("Achtung, links ist einer durchgebrochen." "Hab ich, hab ich. Sicher du drüben ab."). Viele Tische sind geschmückt: mit Lichterketten, Sonnenschirmen, gebastelten Mannschaftssymbolen aus Plexiglas, Pappmaché oder Wellblech. Bei einem Ocrana-Spieler kniet gerade ein Gegner. "Mir tut das echt Leid. Keine Ahnung "was können wir machen? Habt ihr einen Ersatzrechner?" Dem Ocrana-Spieler macht die Netzverbindung Probleme, ständig sackt seine Übertragungsrate ab, was den Wettstreit verfälscht. Der andere will keinen billigen Sieg.
    Zurück an seinem Platz schreibt René eine Mail an seinen Deathmatch-Gegner in Half-Life (dt.): "Na, bereit, deine Packung zu kriegen?" Dummerweise ist der wirklich bereit, und er bestraft die Überheblichkeit in Minutenschnelle. Auf der von der Turnierleitung gewählten Karte gibt es immerhin viele Verstecke, in denen sich René nach den ersten Schlägen verkriecht - leider kennt der Gegner allesamt. "Okay", lacht René. "Jetzt gehe ich die Sache mal anders an." Offensiv, meint er und stürmt los. Da macht es Wumm, das Spiel ist vorbei und René lachend aus dem Rennen ums Preisgeld ausgeschieden. "Macht nix. Auf den freien Servern kann ich ja weiter zocken."
    Wegen der Verzögerungen müssen die Turnierspieler heute bis in den frühen Morgen Matches austragen. Wem das erspart geblieben ist, der siedelt mit fortschreitender Stunde in die Chill-out-Area über, deren Name offenkundig täuscht. Denn hier findet die Rahmenunterhaltung statt: Ein DJ legt clubgerechten Techno auf, Projektoren übertragen dazu wechselnd Spielszenen aus den Finalrunden und psychedelische Farbmuster. Die ersten Leute tanzen. René ruht sich auf einem genauso runtergekommenen wie gemütlichen Sessel aus, bis plötzlich Hunderte von Männern an ihm vorbei stürmen: Die Stripperin legt los und die Spieler geraten in Ekstase. Einer springt auf die Bühne, um sich selbst zu entblößen, was er auch schafft. Erst Buh-Rufe vertreiben ihn wieder.
    Am Sonntag gehen die Preisverleihungen ohne Pomp über die Bühne. Viele spielen danach weiter - übermüdet in Decken gehüllt. Andere räumen auf und machen sich auf den Heimweg. René schaut nur noch kurz rein. "Doch, das war cool", sagt er, beeindruckt vom letzten Abend. "Ich würde zwar nicht durch die ganze Republik fahren, um mitzumachen. Aber wenn so was wieder in der Nähe stattfindet, bin ich wieder dabei. Dann bringe ich halt ein paar von meinen Jungs mit, um ebenbürtige Gegner zu haben. Die hier waren mir zu schlecht."

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