Fröhlich am Freitag (heute schon am Mittwoch): Keine Wertung, keine Eier
"Fröhlich am Freitag" ist die Kolumne der gleichnamigen Chefredakteurin von PC Games - und sie heißt nicht Freitag
Es dürfte im Rahmen der damals noch gut besuchten CeBIT in Hannover gewesen sein, als ich zufällig über den Stand des Markt & Technik-Verlags stolperte. Ich nahm meinen Mut zusammen und fragte die Dame am Empfangstresen schüchtern: "Ist der Boris Schneider auch da?". Sie: "Ja, glaub schon, dass der da ist...soll ich ihn holen?". Ich: "Nenelassensemal...". Ich bin anschließend noch geschätzte 20 Mal um den Stand scharwänzelt und habe versucht, verstohlene Blicke in den "VIP-Bereich" des Messestands zu werfen. Bekloppt, oder? Fehlte nur noch, dass ich am Gitter rüttelnd gerufen hätte: "Ich will da rein!"
Lange her ist das. Fünf Spielebücher und 50 Artikel später (u. a. über prickelnde Themen wie EGA-Grafikkarten) habe ich 1995 nach dem Abi als Redakteurin bei PC Games begonnen.
Warum erzähle ich Ihnen das? Jener Boris Schneider heißt heute Boris Schneider-Johne und hat in den wilden 90ern nicht nur Lucasfilm-Adventures famos ins Deutsche übersetzt, sondern unter anderem Fachmagazine wie POWER PLAY, PC Player und HYPER! mitgegründet. Wie 5.000 andere Microsoft-Mitarbeiter betreibt er einen privaten Blog, auf dem er regelmäßig die Weltgeschichte kommentiert. 20 Jahre nach dem Mauerfall und der Einführung des Von-100-Prozentsystems fordert Boris nicht weniger als die Abschaffung von Spieletests und Wertungen - Letztere hätten sich überlebt, die %-Spielspaß-Benotung sei mathematischer Humbug, die PC-Games-Motivationskurve ohnehin blühender Blödsinn und die Spieler würden sich längst nicht mehr für Trivialitäten wie Grafik-Sound-Steuerung-Atmosphäre interessieren, weil sich die Spiele "weiterentwickelt" hätten.
Natürlich hat Boris in einem zentralen Punkt Recht - so ziemlich alle Wertungssysteme der Welt (5 von 5 Sternchen, 10 von 10 Punkten, 100 % Spielspaß, Schulnoten, Kurven, Einzelwert-Addition...) stecken voller Tücken, sind höchst unwissenschaftlich, anfällig und für viele tausend Spielegeschmäcker und Produkte nicht anwendbar. Und: Mit den sich stündlich verändernden Online-Rollenspielen und Browsergames ist eine faire Bewertung mit chirurgischen Methoden nicht trivialer geworden (von Facebook- und iPhone-Apps gar nicht zu reden).
Sagen wir es gemeinsam: Die Systeme sind alles andere als perfekt. Es handelt sich lediglich um Ansätze, gängige Kriterien und Maßstäbe unter einen Hut zu kriegen. Transparenz zu schaffen. Argumente vorzutragen. Vergleichbarkeit herzustellen. Fairness walten zu lassen. Letztlich also: Orientierung zu bieten. Nicht mehr, nicht weniger.
"Jahahaha, bei Büchern, Filmen, Musik käme doch auch keiner auf die Idee, eine Von-100-Wertung drunterzusetzen", schallmeit es seit den Zeiten von Ultima 1 und Summer Games durch die Republik. Seitdem vertreten Schlaumeier quartalsweise die Meinung: "JETZT ist es soweit. JETZT sind Spiele Kultur. Und JETZT gehören sie ins Feuilleton. Und JETZT kann, ja: DARF man keine Wertung mehr drunterschreiben, sondern sollte nur noch Prosa texten wie weiland Walther von der Vogelweide - oder MAXIMAL fünf Sternchen drunterpacken".
Stimmt schon: Nichts geht über eine flott geschriebene, gut argumentierte, vollständige Spielebesprechung. Am besten frei von "Eigentlich großer Mist, aber für Fans okay"-Wischiwaschi.
Doch gerne wird übersehen bzw. verdrängt, dass es einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Harry Potter, Dr. House, ARD-Tatort, Guitar Hero, Dr. Kawashima, Singstar und Farmville auf der einen Seite und Need for Speed Shift, Uncharted 2, Left 4 Dead 2, Assasin's Creed 2 und Batman: Arkham Asylum auf der anderen Seite gibt.
Das: Feature!
Die meisten Computer- und Videospiele werden wegen ihrer Features gekauft und gespielt. Ja, immer noch. Mehr noch: Spieler sind verrückt nach Features. Die meistgestellten Ansprüche an neue Strategie-, Rollen-, Action- und Rennspiele lauten: "Was kann ich da eigentlich alles machen?" oder "Und wo ist da jetzt der Unterschied zum Vorgänger?". Denken Sie an Milllionen farmender, pullender, castender, skillender, raidender World of Warcraft-Spieler. Schauen Sie sich die Diskussion um Dedicated Server, Kopierschutzsysteme, Bugs, DLC und geschnittene Missionen an. Gucken Sie in die Amazon-Kommentare, was Käufer super-toll oder überhaupt nicht toll finden.
Das Feature unterscheidet Spiele von Theaterstücken, TV-Serien, Kinokomödien und Romanen. Es umgibt uns, es durchdringt uns. Es hält die Galaxis zusammen. Und es ermöglicht Einordnung und Bewertung.
Wertungen haben seit jeher die fantastische Eigenschaft, dass man die Hosen runterlassen und sich festlegen muss - besser als x, schlechter als y. Und zwar um so-und-so-viel. Das gilt für Bundesligaspielernoten in der Bild am Sonntag genauso wie eine prozentgenaue Spielspaß-Wertung.
Zu einer Dragon-Age-Bewertung im sensiblen Bereich zwischen 75 und 95 Punkten gehört Spielzeit, Erfahrung und Mut - erheblich mehr Mut jedenfalls als für die Aussage "MIR macht das Spiel Spaß". Oder: "Für MICH ist das nix". Fragen Sie Thomas Wilke, der 84 Punkte für Left 4 Dead 2 aufruft. Er hätte ein erheblich leichteres Leben ohne diese Festlegung.
Populärwissenschaftlich formuliert: keine Wertung, keine Eier.
Wer der Meinung ist, man könne einem Spiel mit einer Prozentwertung "nicht gerecht werden" oder Spiele würden allein wegen einer zweistelligen Zahl nahe 90 gekauft, hat das Prinzip nicht verstanden: Es ist völlig wurscht, ob 50 % tatsächlich mathematischer "Durchschnitt" sind oder doch eher 75 % bis 80 %. Entscheidend ist alleine, dass der User aus Text und Wertung für sich persönlich ableiten kann: "Ist das was für mich?". Das gilt in gleicher Weise für scheinbar objektive, gemessene Ergebnisse: Auch ein "Sehr gut" im Stiftung-Warentest-Waschmaschinentest und die 358/400-Punkt-Wertung beim Auto-Motor-und-Sport-Kleinwagentest muss jeder Leser für sich selbst "lesen" und abgleichen. Ist der Testsieger das richtige Produkt für meine Bedürfnisse, für meinen Geschmack, für meinen Rechner, für mein Zeitpensum und nicht zuletzt: für meinen Geldbeutel?
Diese Gehirnleistung kann, will und wird Ihnen niemand abnehmen können. Wir leben ja bekanntlich im freien Westen: Man darf Testergebnisse, die einem nicht zusagen, durchaus verteufeln oder komplett ignorieren. Es handelt sich nur um eine Entscheidungshilfe für oder (häufig) gegen die Investition von immerhin 40, 50, 60 Euro.
Ich halte es vielmehr für eine Frechheit, dem vielzitierten "mündigen Spieler" möglichst viele Informationen (fünf Kilometer Text, Dutzende Pro und Contras, 20 Meinungen) vor die Füße zu kippen - und zu erwarten, er solle gefälligst das rauspicken, was für ihn relevant sein KÖNNTE. Wer sind wir denn, dass wir uns und unsere Ansprüche über unsere Kundschaft (Leser, User) stellen? Dass wir davon ausgehen, dass es doch auch ohne Wertung ginge? Dass wir voraussetzen, JEDER Spieler möge bitte seitenweise Foren, Blogbeiträge und Tests durchkämmen?
Wie Günther Jauch in diesen Tagen sinngemäß feststellte: Du kannst im Netz zwei Milliarden Seiten über die Schweinegrippe nachlesen, weißt aber hinterher trotzdem nicht, ob du dich impfen lassen sollst oder nicht.
Meinungen gibt es zuhauf, an jeder Ecke. In einer immer komplexeren Welt ist es mehr denn je der verdammte Job eines Redakteurs, Lesern das Leben zu erleichtern. Orientierung zu bieten. Fragen zu beantworten. Zu beraten und zu informieren. Zusammenzufassen. Aufzudröseln. Argumente zu liefern. Sei es durch Grafikvergleiche, Adventure-Komplettlösungen, Dragon-Age-Klassenguides, CPU-Marktübersichten, möglichst fundierte Artikel und eindeutige Standpunkte. Ein von der Redaktion verliehener "Editor's Choice"-Award für Modern Warfare 2 oder eine 64 % für das PC-FIFA 2010 leisten genau dies.
Keine Wertung, keine Eier.
Einen schönen Abend wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Bisherige Folgen von Fröhlich am Freitag:
Warum Modern Warfare 3 unvermeidlich ist
14 HD-Discs voll scharfer Erotic








Eine Frage, nur zum Verständnis:
Wenn ein Fahrzeughersteller bei seinem Produkt auf Spoiler verzichtet, sollte das zu einer Auf- oder einer Abwertung führen?
...mein Gott, selten so einen Käse gelesen.
Wenn es stilistisch zum Spiel passt, stellt fehlende Sprachausgabe mit Sicherheit kein Manko dar, im Gegenteil.
Aber gut, mit so einer Argumentation stützt Du eigentlich nur die "Keine-Wertungsfraktion", weil sie wunderbar die Unzulänglichkeiten solcher Systeme vor Augen führt...
Leider hast du einiges nicht ganz verstanden. Bei einem Auto ohne "Spoiler" handelt es sich um nichts, was eine Auf- oder Abwertung bewirkt, sondern schlicht um einen Mangel. Das Produkt ist fehlerhaft - Nachbesserung oder Wandlung ist die Folge. Mit einer Bewertung hat dies wenig zu tun.
Jedes System hat letztendlich seine Schwächen - Machinarium kann mit dem oben genannten Aspekten eben in der Teilwertung Sound nicht eine gute Bewertung beanspruchen. Dies kann - muss aber nicht ! - sich auf die Spielwertung auswirken. Aber das Publikum, welches Machinarium spielt, denkt ohnehin wenig in Grafik- oder Soundkategorien. Ebenso wie es nicht die höchsten Ansprüche an Grafik und Sound stellt, ist es auch nicht besonders wertungsgeil. Das bedeutet, dass auch ein interessantes Spiel mit einer 7x - Wertung gespielt wird.
Mit meiner Argumentation habe ich sicher auch der "Keine- Wertungsfraktion" Argumente geliefert. Mit deiner Argumentation könnte man aber selbst auf eine Wertung in Worten verzichten - und das will keiner. Denn Spiele sind noch keine Kunst, sie entfernen sich immer weiter davon.
Leider hast du deinen eigenen Käse zwar geschrieben, aber nicht verstanden.
Ein Starcraft Brood War, was ich gerade erstmalig spiele, taugt mir genauso wie Starcraft vor 4-5 Jahren (auch das habe ich verspätet gespielt) und hält bei einigen Sachen auch mit aktuellem mit, bei anderen Sachen aber überhaupt nicht.
Ein Test ist eine Momentaufnahme, aber nur weil etwas älter ist, muss man sicher nicht bei einem "verspäteten" Test Gnade walten lassen.
Eine Frage, nur zum Verständnis:
Wenn ein Fahrzeughersteller bei seinem Produkt auf Spoiler verzichtet, sollte das zu einer Auf- oder einer Abwertung führen?
...mein Gott, selten so einen Käse gelesen.
Wenn es stilistisch zum Spiel passt, stellt fehlende Sprachausgabe mit Sicherheit kein Manko dar, im Gegenteil.
Aber gut, mit so einer Argumentation stützt Du eigentlich nur die "Keine-Wertungsfraktion", weil sie wunderbar die Unzulänglichkeiten solcher Systeme vor Augen führt...
Ich lese die PCG seit einem Jahrzehnt und werde sicher auch noch länger diese lesen, zumal ich die Spiele nicht nur wegen eines Tests kaufe. Dennoch sollte dieser Thread Anlass zur erneuten Wertungsreform führen oder zumindest den Schreibstil etwas verändern.
hm, das kann man so pauschal ja eigentlich nicht behaupten:
sprachausgabe ist mittlerweile in den meisten spielen standard.
ist machinarium (oder von mir aus auch zelda) also "schlechter", weil es nicht über sprachausgabe verfügen?
ich glaub doch wohl kaum.
genauso wird ein älteres spiel ja nicht automatisch "schlechter", nur weil ein nachfolger oder anderer genrevertreter irgendwas anders macht und sei es das einführen einer komfortfunktion (zb hot spot anzeige in adventures).
Ja, Machinarium ist im bereich Sound eben wirklich schlechter, weil (und obwohl) es bewusst auf Sprachausgabe verzichtet. Stilmittel wie fehlende Sprachausgabe, also das Fehlen allgemein anerkannter Features, gehen immer auf kosten einer teilwertung. Inwieweit die Teilwertung Sound dann den Spielspaß erreicht, ist die andere Frage. Gerade wegen der fehlenden Sprachausgabe könnte Machinarium bei mir bereits keine 85+ - Wertung erreichen. Das macht aber nichts, denn mich interessieren Spiele nicht nur wegen der Wertung, ich habe viele 7x - Titel durchgespielt. Machinarium scheint aber auch aus anderen Gründen zwar überdurchschnittlich - anders, aber nicht unbedingt wirklich gut zu sein.
Ein älteres Spiel kann wegen eines neuen Features im Nachfolger ganz sicher nicht abgewertet werden. Denn jedes Spiel kann nur im Spiegel seiner Zeit gesehen werden. An ein Baldurs Gate 2 von 2000 kann ich weder Grafik, Sound noch sogar Spielmaßstäbe von 2009 anlegen (owohl es gerade im letzten Bereich immer noch herausragt).